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Dein Nachname hört sich deutsch an? Ist das Zufall, und bist du schon einmal in Deutschland gewesen?

Mein Nachname „Schaile“ ist deutsch! Er stammt von meinem Ururgroßvater Gottfried. Sein Sohn Albert, mein Urgroßvater, ist als junger Mann aus Deutschland in die Vereinigten Staaten ausgewandert. Wir glauben, daß er aus Bremen kam, aber wir sind uns nicht ganz sicher. Ich betreibe Ahnenforschung, um mehr herauszufinden. Mein anderer Großvater war übrigens auch Deutscher. Gustav ist im Alter von sechs Jahren in die USA emigriert. Hier angekommen wurde ihm verboten, deutsch zu sprechen, er sollte sich nur noch in Englisch verständlich machen. Deswegen hat er die deutsche Sprache auch nicht an seine Kinder und Enkel weitergegeben.

Ich bin noch nie in Deutschland gewesen, und deswegen bin ich schon ziemlich aufgeregt. Schließlich hoffe ich, einige der Orte zu besuchen, wo meine Vorfahren gelebt haben. Ich habe mich sehr mit deutscher Geschichte beschäftigt, um möglichst viel herauszufinden. Leider war ich in der letzten Zeit ziemlich mit meiner Bauchtanz-DVD „Theatre of the Dark Goddess“ beschäftigt, deswegen blieb mir nur ab und an Zeit für meine Forschungen. Ich würde aber auch gern Deutsch lernen.

Auf deiner Homepage heißt es „Aepril verbringt Samhain/Halloween in Deutschland, beim Oberrheinischen Tribal-Festival“. Wenn man sich auf deiner Seite umsieht, wird einem rasch klar, warum du in der Ankündigung Samhain betonst. Weihe uns doch bitte in deine Betätigungen auf dem Gebiet des Okkulten ein.
Samhain ist für Hexen der höchste Feiertag, eigentlich der Neujahrstag im Hexenjahr. Die Zeit der Ehrerbietung an die Macht und die Bedeutung der Schatten, der Anerkennung des Kreislaufes von Tod und Wiedergeburt und der Verehrung der Vorfahren. Ein ganz wichtiges Datum für mich, wenn ich das Land meiner Vorfahren besuche, um dort meine Künste vorzuführen und weiterzugeben.

Ich bin Hexe, und das beinhaltet eine Menge Dinge, aber an oberster Stelle steht immer das Gebot, die Kreisläufe der Natur zu ehren und meinen Geist dem göttlichen Licht in allen Dingen zu öffnen. Als schamanische Hexe glaube ich daran, daß alle Dinge beseelt sind. Diese Ansicht wird sogar von der Quanten-Physik bestätigt, die doch besagt, daß alle Dinge, selbst die anscheinend festen Gegenstände, sich beständig bewegen und verändern. In der Fachsprache heißt es, ein Gegenstand sei „animiert“, und dieser Begriff kommt aus dem Lateinischen, von „anima“, was Seele bedeutet, übrigens ein weibliches Wort. Deswegen glaube ich auch, daß alles auf dieser Welt Bestandteil der Welt-Seele ist, ein anderer Ausdruck für Mutter Natur oder die Göttin.
„Eerie Serpents and Etheral Grace“, soviel wie “Unheimliche Schlangen und Himmlische Anmut”, verknüpft Tanztechniken, die auf Präzision, Energie und Anmut ausgerichtet sind, mit der schauspielerischen Charakterentwicklung. In diesem Workshop lernen wir Schwebeschritte, Locking, Pausieren, Erstarren, sich Drehen und wie man sich mithilfe körperlicher Mittel und des Bewusstseins der eigenen Energie zum „Geist“ entwickelt. – Und schließlich gebe ich noch „Choreographie-Erarbeitung für erzählenden Bauchtanz“. Theatertanz oder schauspielerischer Tanz liegen ja zur Zeit sehr im Trend. Aber kaum jemand scheint zu wissen, was genau darunter zu verstehen ist. Und andere haben schon Ideen und Vorstellungen, wie das anzugehen ist, würden es aber gern noch etwas besser wissen und verstehen.
In meinem Kurs lernt man, Wege zu finden, eine eigene schauspielerische oder erzählende Choreographie zu finden und zu entwickeln. Jede Teilnehmerin wird am Ende des Workshops eine eigene Mini-Choreographie gebaut haben. Und wenn Studenten den Kurs verlassen, kennen sie auch Mittel und Wege, Schauspiel und Bauchtanz auf überzeugende und wirksame Weise miteinander zu verknüpfen und zu erzählen.
Du bist nicht nur Tänzerin und Tanzlehrerin, du betätigst dich auch auf anderen Gebieten der Kunst

Ja, ich bin auch Musikerin. Vor ein paar Jahren habe ich eine CD mit dem Titel „The Furies’ Prayer“ herausgegeben. Für diesen Winter habe ich mir fest vorgenommen, mich wieder mehr mit der Musik zu beschäftigen. Und Theaterluft habe ich auch schon geschnuppert. Darüber hinaus male ich gern und schaffe Kollagen. Aber damit gehe ich nicht an die Öffentlichkeit, das ist nur für mich. Ich habe am Goddard College im US-Staat Vermont den „Master of Fine Art“ gemacht und dort Tanz, Musik, Theaterwissenschaft, Ritual, Okkultes und Psychologie nach Jung belegt.

Was dürfen wir denn dann von Aepril Schaile an Samhain/Halloween im Schwarzwald erwarten?

Ich unterrichte in Offenburg eine dunkle Choreographie namens „Dark Raqs Assaya“. Dabei geht es um den Umgang mit dem Stock aus dem traditionellen ägyptischen Saidi, verknüpft mit Pops und Locks aus dem Tribal Fusion. Ich zeige einen Tanz, den ich als dunkler Geist aus der Viktorianischen Zeit vorführe. - Weiters gebe ich einen Workshop, der „Anrufung der Dunklen Göttin“ heißt. In ihm geht es weniger um Technik als vielmehr um eine Reise in das eigene Innere. Schließlich stammt der Bauchtanz auch aus alten Riten. Tanz, Theater und Rituale waren einmal ein und dasselbe. Dieser Kurs setzt den Bauchtanz als Mittel ein, auf psychologischem Wege in die Unterwelt vorzudringen. Dahinter steckt die Vorstellung, daß die psychologischen und spirituellen Kräfte, mit denen man von dieser Reise zurückkehrt, in die Bauchtanzkünste der Teilnehmerin einfließen, und von dort in alle Bereiche des Lebens.
Wenn du eine neue Tanznummer entwickelst, wie gehst du dann vor? Was steht am Anfang, ein neuer Schritt, ein Musikstück oder irgendein Accessoire, das du immer immer schon einmal benutzen wolltest? Und wie geht es dann weiter?

Normalerweise bleibt mir ein Musikstück im Kopf hängen. Manchmal fängt aber auch alles mit einem Traum an, und für den suche ich dann nach der passenden Musik, mit der sich die Traumbilder ausdrücken lassen. Ich weiß, daß ich die richtige Musik gefunden habe, wenn ich mich bei der Arbeit „high“ fühle. Dann durchströmt mich Energie, und ich weiß, daß ein Archetyp erschienen ist, um durch mich zu sprechen. Dann bin ich ganz und gar ausgefüllt von einer bestimmten Göttin, einer bestimmten Figur oder verschiedenen Bildern. Ich verstehe meinen Tanz als schamanisches Medium. Der Geist spricht durch mich, und zwar zuerst in der rechten Gehirnhälfte – so erhalte ich die Botschaft und den Ablauf der Geschichte. Danach wende ich mich an die linke Gehirnhälfte, durch die ich den eigentlichen Tanz, seine Bewegungen und ihre Abläufe finde.
Wie würdest du deinen Tanzstil beschreiben? Man kennt dich als jemand, die auf der Bühne Geschichten erzählt. Welche Stile bevorzugst du beim Geschichten-erzählen, und gibt es welche, die dabei nicht wirken?

Stimmt, ich bin Geschichtenerzählerin. Manchmal haben meine Tanzstücke etwas zu erzählen, manchmal geht es bei ihnen eher um ein Ritual. Aber fast immer wohnt ihnen ein erzählerischer Bogen, ein Spannungsbogen inne. Ich mag die starke Energie des Tribal Fusion, sie ist so sexy und geschmeidig verführerisch. Aber ich fürchte, wenn man zu sehr auf das Tanztechnische abhebt, erstickt das die schauspielerischen und erzählenden Momente der Tanzgeschichte. Da trifft man es mitunter mit klassischem Bauchtanz eher. Meiner Meinung nach kann erzählender Bauchtanz nur dann erfolgreich sein, wenn er das Gleichgewicht zwischen Tanztechnik und schauspielerischem Ausdruck wahrt.
Ich bin außerdem Astrologin und lege Tarot-Karten. Unter anderem lebe ich auch davon, Menschen dabei zu helfen, ihren Lebenspfad zu entdecken und zu erkennen und ihren Weg durch die Übergänge und Kreuzwege des Lebens zu meistern.
Das Ganze stand unter dem Thema „feministische Spiritualität“ und hatte das Heilige Dunkle zum Schwerpunkt. Das hört sich vielleicht so an, als hätte ich mir aus allen möglichen Studiengängen etwas zusammengeklaubt, aber für mich persönlich gibt es zwischen all diesen Gebieten kaum Unterschiede.
Ich bin eine geborene Schamanin. Etliche meiner Schritte in einem bestimmten Stück haben nichts mit Bauchtanz zu tun. Ehrlich gesagt weiß ich nicht einmal, wie ich sie überhaupt benennen soll. Einige Zuschauer sind zu der Ansicht gelangt, daß diese Schritte an japanischen Tanz erinnern, an Butoh oder Kabuki. Ich finde so etwas wirklich erstaunlich, denn eigentlich stellt man mich eher in die Gothic-Ecke, und als Gothic sehe ich mich selbst auch. Aber eigentlich verstehe ich mich als schamanische erzählende Bauchtänzerin.
Interview mit Aepril Schaile

von Marcel Bieger

ZU SAMHAIN/HALLOWEEN IN DEN SCHWARZWALD
Von einem wichtigen Festival erwartet man,
dort wichtige Tänzerinnen auf der Bühne und im Workshop zu sehen. Und manchmal ist man sogar mehr als nur neugierig, man brennt darauf „die“ mal zu erleben. So ein Fall ist Aepril Schaile.

Sie kommt Ende Oktober nach Offenburg zum
2. Oberrheinischen Tribal Festival, und sie ist sicher die schwärzeste erzählende Tänzerin der Welt, und sie hat noch viel mehr zu sagen:
Homepage: www.aeprilschaile.com
Oberrheinisches Tribal Festival
Offenburg, 28. - 30. Oktober 2011:

www.tribal-festival.jimdo.com
Grafische Gestaltung: Konstanze Winkler
Photos ©: 1 Rebecca Fox, 2 und 4 Micaheal Harkavy, 3 Liza Piper
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