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Grafik/WebDesign: Konstanze Winkler
Photos mit freundlicher Genehmigung von Dieter Dewald
Ali Baba
Schon als Kind hast du gern Musik gemacht, und das ist heute ja nicht anders. Wie viele Instrumente beherrschst du?

Das lässt sich nicht auf eine Anzahl festlegen. Acht bis neun Instrumente, manchmal auch elf. Die Percussions-Instrumente, die ich vor allem ganz am Anfang gespielt habe, fallen ja auch darunter, und zu denen greife ich auch heute noch manchmal. Im Lauf der Zeit sind die Percussions-Instrumente nämlich zugunsten „richtiger“ Musik-Instrumente in den Hintergrund getreten. Ich spreche von Kanun, Flöte und Akkordeon.
Einer der bedeutendsten arabischen Musiker, die in Deutschland leben und aktiv sind, ist der im Libanon geborene Ali Baba. Er spielt viele Instrumente selbst und wird gern von renommierten Kapellen als Gastmusiker gerufen. Im folgenden Interview erzählt er uns wie es dabei zugeht, wenn eine Tänzerin oder ein Tänzer zu Livemusik tanzen. Er ist in Kürze bei dem Orientalischen Tanzfestival von Artemis und Dieter Dewald zu erleben. Nicht verpassen!
"MUSIK MUSS MIT
DEM HERZEN
GEFÜHLT WERDEN"
Mit Flöte meinst du die Nay-Flöte, oder spielst du auch die anderen, Querflöte, Blockflöte usw.?

Ja, die auch. Aber am meisten bediene ich Akkordeon und Kanun, die arabische Zither. Und wenn ich Workshops gebe, spielte ich auch Percussions-Instrumente, damit die Leute ein Gefühl für arabische Rhythmen bekommen. Rhythmen sind ja in unserer arabischen Musik sehr wichtig. Wir haben sehr viele verschiedene Rhythmen, benutzen davon aber in der Regel nur ein paar, unter zehn, würde ich sagen.

Gibt es einen eigenen libanesischen Stil, so wie es einen ägyptischen und einen türkischen gibt?

Ja, natürlich. Sowohl als Musik wie auch als Tanz. Die unterscheiden sich ein bisschen von den anderen. Wenn wir uns in Stuttgart bei Artemis sehen, führe ich dir das gern einmal vor. Aber die Libanesen spielen auch viel ägyptische Musik. Für alle Araber ist die ägyptische Musik nämlich die Haupt-Musik der arabischen Welt. Die Ägypter sagen ja gern: „Ägypten ist die Mutter der Welt.“ Sie sind auch mit ihrer Musik sehr weit und haben große Stars hervorgebracht. Ägypten hat immer den Markt beherrscht, sowohl in der Musik wie auch in der Sprache, den ägyptischen Dialekt versteht man überall in der arabischen Welt. Ihre Musik und ihre Filme haben ihn überall hin verbreitet. Doch auch wir Libanesen haben unsere großen Stars wie zum Beispiel Fairuz. Sie ist auf der ganzen Welt bekannt.

Ich habe damals gleich damit begonnen, Tänzerinnen zu begleiten, und in jene Zeit fiel auch das Ansteigen der Tanz- Interessierten. Ich war in Berlin, und wie vieles andere auch hat Tanz zu Live-Musik in Berlin angefangen (lacht). Wir sind gleich gut angekommen, weil wir damals die einzige Musikgruppe in Deutschland waren, die so etwas gemacht hat. Wir bekamen viele Anfragen von Frauen, die gern zu Live-Musik tanzen wollten, denn so etwas ist etwas ganz Besonderes, sowohl für die Kapelle, wie auch für die Tänzerin und natürlich auch für das Publikum. Damals kamen auch viele Hobby-Tänzerinnen zu uns, und das Ergebnis war nicht immer optimal.

Das hat sich heute deutlich geändert. Der Orientalische Tanz hat viel mit Gefühl zu tun. Die Choreographie ist nicht alles, und man muß sich auf vielen Ebenen auf die Musik einstellen können. Artemis zum Beispiel ist eine der seltenen Tänzerinnen in Deutschland, die mit Live-Musik auftreten. Mit Live-Musik zu tanzen ist nicht ganz einfach.
Ja, das ist sehr anstrengend, und es gibt ja auch etliche Künstlerinnen, die sagen, nein, das mache ich nicht. Genau. Wenn eine Tänzerin ihre eigene CD zu einem Auftritt mitbringt, weiß sie ganz genau, was sie musikalische erwartet. Takte, Wiederholung und so weiter sind ihr bekannt. Wenn die CD abgespielt wird, kennt sie die Reihenfolge aus dem Eff-Eff. Aber die Live Musik ist mitunter vom Publikum abhängig. Wenn ich bemerke, daß ein bestimmter Satz beim Publikum gut ankommt, dann wiederhole ich ihn. Die Tänzerin, die sich nur auf ihre Choreographie verlässt, bekommt dann Schwierigkeiten (lacht). Sich auf plötzliche Wechsel von der Choreographie einzustellen, das können nur wenige Tänzerinnen. Artemis gehört dazu.

Um eine alte Streitfrage zu klären: Wer führt,
die Musik oder die Tänzerin, wer richtet sich
nach wem?

Die Tänzerin muß nach der Musik tanzen und nicht die Musiker der Tänzerin folgen. Die Kapelle führt eigentlich, denn sie spielt eine bestimmte Musik, zu der die Tänzerin tanzen soll und will. Es gibt aber eine große Ausnahme, das Trommelsolo nämlich. Ich schränke hier ein, bei traditionellen Tänzerinnen und Trommlerinnen. Die beiden müssen sich sehr gut kennen. Er spielt, was sie möchte, er folgt mit seinem Spiel ihren Bewegungen. Hände, Hüfte, Kopf. Bei professionellen Duos dieser Art folgt der Trommler der Tänzerin.

Mir erzählen Tänzerinnen, daß sie hinter dem Rücken den Musikern mit den Fingern Zeichen geben.

Auch das funktioniert eigentlich nur bei sehr professionellen Tänzerinnen. Es gibt bestimmte Zeichen, zum Beispiel für die Wiederholung, daß sie zum Ende kommen will oder daß die Musiker legato, also ganz langsam spielen sollen. Aber das beherrschen eigentlich auch nur sehr professionelle Tänzerinnen.

Also bedarf es einer besonderen Begabung, um als Tänzerin mit Live-Musikern auftreten zu können.

Auf jeden Fall. Erst einmal muß man die Musik lieben. Musik ist erst einmal Musik, und die versteht jeder Mensch. Musik und Sprache in Form von Gesang sind das, was jeder Mensch versteht. Musik muß mit dem Herzen gefühlt werden. Die Tänzerin, die zu Live-Musik auftreten will, muß die Musik also mit dem Herzen verstehen können. Herz und Musik müssen zu einer Einheit verschmelzen, und diese Einheit ist vor allem in der orientalischen Musik überaus wichtig. Gerade die klassische orientalische Musik kann nicht ohne Herz sein, ist getanztes Gefühl.
Wie ist es gekommen, daß du Orienttänzerinnen musikalisch begleitest?

Ich habe damit angefangen, als ich nach Deutschland gekommen bin, und da gab es hier nur eine handvoll Tänzerinnen. Heute sind daraus viele tausend geworden, und das allein in Deutschland. Fast könnte man meinen, es gibt bereits zu viele.

Dann frage ich nochmal ganz direkt: Kann man es lernen, zu Live-Musik zu tanzen, oder bedarf es dazu einer besonderen Begabung?

Für alles braucht man erst einmal Talent. Und dann muß man sehr viel lernen. Gute Schulen, wie die von Artemis, leisten da sehr viel. Aber ohne Talent geht es nicht. Ich kenne viele Frauen, die haben als Hobby-Tänzerinnen begonnen und daraus später einen Beruf gemacht. Man kann mit Fleiß und Lernen so weit kommen.

Viele aber wollen noch weiter kommen, und können nicht mehr vom Orientalischen Tanz lassen. Er ist wie eine Droge, aber wie eine gute, denn er tut Körper, Geist und Seele gut. Man fühlt sich mittendrin, und dann möchte man andere Ebenen öffnen, wie zum Beispiel der, zu Live-Musik zu tanzen.
Wir haben jetzt immer nur über Frauen gesprochen, arbeitest du und deine Kapelle auch mit männlichen Tänzern?

Selbstverständlich. Wir haben schon sehr viel mit Männern gearbeitet. Männer setzen beim Tanzen immer ihre Muskeln ein, Frauen tanzen mehr mit Gefühl. Das sieht man auch als Zuschauer sofort: Bei einem Mann kommen mehr die Muskeln zum Einsatz, bei einer Frau mehr die Gefühle. Natürlich arbeiten wir mehr mit Frauen, weil es mehr Tänzerinnen gibt, und natürlich tanzen auch die Männer nicht vollkommen ohne Gefühle.

Ist es schwieriger, mit Männern zu arbeiten?

Nein, im Gegenteil. Umgekehrt glaube ich, daß Tänzerinnen sich besser von weiblichen Musikern begleiten lassen können. Das ist doch von der Natur her schon so gegeben: Frauen verstehen sich besser mit Frauen, und Männer verstehen sich besser mit Männern. Aber nicht immer (lacht).
Ich bin jetzt etwas überfragt, gibt es denn weibliche Kapellen?

Ja, aber nicht in Deutschland. In den arabischen Ländern kommen sie eher vor, es sich aber auch nicht so viele wie bei den Männern. Aber sie sind auch keine kleine Minderheit. Vor allem auf Hochzeiten trifft man sie an. In manchen arabischen Ländern sind Männer und Frauen bei Hochzeiten getrennt. Und da können die Frauen natürlich auch weibliche Musiker verlangen. Aber solche getrennten Hochzeiten gibt es heute nicht mehr so oft wie früher. Ich will damit auch nur sagen, daß es schon seit sehr langer Zeit Frauen an den Musikinstrumenten gibt.
Dieses Jahr werden in der Opening-Gala 22.3.14  folgende Tänzerinnen zur Live-Musik performen:

Tamar Bar Gil  (Israel)
Laila Naima  (Deutschland),
Beatrice Dobre (Deutschland), Foto links
Assala Ibrahim  (Irak),
Artemis (Deutschland)

Interview mit Ali Baba
von Marcel Bieger
Wie habt Artemis und du euch gefunden?

Ich bin durch Dr. Nayef Taha an Artemis geraten. Er spielt übrigens auch mit uns bei ihrem Festival. Wir haben ganz kleine bei ihr angefangen, so mit zwei, drei Musikern. Aber das Festival war zu jener Zeit auch noch nicht so groß wie heute. Aber zurück zum Anfang. Mein Kollege, Dr. Nayef Taha, hat mich angerufen und gefragt, ob ich nicht bei Artemis mitmachen wolle. Als orientalische Musiker in Deutschland kennen wir uns alle untereinander, teilweise schon seit vielen Jahren, und ich habe auch schon mit den meisten von ihnen gespielt. Ich spiele nicht nur mit meiner eigenen Gruppe, sondern werde auch von anderen Gruppen als Solist eingeladen.

Wir waren zum ersten Mal bei Artemis zu dritt, Dr. Nayef Taha und ich und Mohamed. Ich habe damals Kanun und Akkordeon gespielt. Das Akkordeon ist aus dem orientalischen Tanz nicht wegzudenken. Unser Akkordeon spielt man mit Fünftel-Tönen, das unterscheidet auch die arabische Musik von der europäischen mit ihren Vierteltönen. Im orientalischen Tanz ist das Akkordeon mindestens so wichtig wie die Trommel. Die anderen traditionellen Instrumente der arabischen Musik sind Nay, die Flöte, Kanun, die Zither, Ud, die Laute, und schließlich die Geige; viele arabische Musiker spielen heute auf einer westlichen Geige.
Und seitdem bist du auf allen Artemis-Festivals anzutreffen?

Wir haben uns gleich sehr gut verstanden, und sie hat sich sehr gefreut, daß Dr. Nayef Taha mich zu ihr gebracht hat. Wir beide kannten uns zwar vorher schon. Wir haben auch zusammen gearbeitet, und auf sie und mich trifft zu, daß Tänzerin und Musiker sich sehr gut verstehen.
Wir waren dann auf allen Festivals dabei, und mit der Anzahl der Festivals ist auch die Anzahl der Musiker gestiegen. Es macht wirklich Spaß, bei Artemis zu spielen, denn sie hat sehr viel Ahnung von der arabischen Musik. Sie weiß auch, was sie will, und sie weiß, was sie tanzt. Und sie hat ein Gespür dafür, mit arabischen Musikern umzugehen. Unsere Zusammenarbeit entwickelt sich von Jahr zu Jahr weiter.
Die Festival-Musiker 2014

Ali Baba - Akkordeon, Kanoun, Gesang,  musikalische Leitung ( Libanon)
Hassan - Keybord, Klangeffekte  (Syrien)
Adel - Violine  (Marokko)
Dr. Nayef Taha - Dohola-Tabla,
Gesang (Palestina)
Ziyad - Naj –Flöte (Syrien)
Mohamad Zaki -Tabla  (Ägypten)

Die Musiker leben normalerweise in Deutschland. Sie gehören jeder für sich zu den besten orientalischen Musikern, nicht nur in Europa.

Das Orchester wird von Ali Baba in Zusammenarbeit mit Dr. Nayef Taha jährlich speziell für das OTF-Festival in Stuttgart zusammengestellt und spielt vorwiegend Musik aus dem klassisch orientalischen Bereich.

Du hast eine neue CD herausgebracht.

Darauf finden sich zehn Musikstücke, die ich nach meinen langjährigen Erfahrungen mit der orientalischen Musik zusammengestellt habe. Pop-Stücke wie klassische Stücke, ein Folklore-Stück, und das alles mal mit Gesang und mal ohne. Die CD ist bislang ein großer Erfolg, und das weltweit. Vor allem in den USA ist sie sehr gefragt.

Ist das eher Musik zum Tanzen oder Musik zum Zuhören?

Nein, vor allem zum Tanzen. Die Trommel ist das dominante Instrument, man hört sie mehr als die anderen. Und das ist natürlich eines der Hauptmerkmale für Tanzmusik. Natürlich kann man die CD auch nur hören, man muß nicht gleich dazu tanzen. Gleich das erste Stück ist schon so richtig mit Power.

Wo kann man die CD beziehen?

Bei Amazon, bei Ebay, aber auch auf meiner Homepage,
www.alibaba-orient.com
da kann man sich auch Demos anhören.

Ali Baba ist aktuell zu sehen auf dem Orientalischen Tanzfestival von Artemis und Dieter Dewald,
22. - 23 . März 2014 in Stuttgart
www.artemis-events.net
Ali Baba und Adel
Die OTF- Festival Band und Artemis
Artemis tanzt zur Live Musik der Festival-Band mit Ali Baba, Dr. Nayef Taha, Mahamed Ali, Adel. u.A.
Assala Ibrahim
Laila Naima
Die OTF-Band, hier mit Azad Kaan
Dr. Nayef Taha