


Ich war sogar sehr oft in Deutschland, über einen Zeitraum von fünfzehn Jahre alle paar Monate. Damals habe ich Tanzunterricht gegeben und bin auch aufgetreten, unter anderem für Dietlinde Karkutli, Beata Cifuentes, Lilo Freid in Karlsruhe, Nahema, Shirin in Köln, Samara in Stuttgart, Uschi Lenz, Mustapha und Khadejah El Oeslati in Wiesbaden, Iris Wardani in Stuttgart, Ayun in Ingolstadt und Leyla Jouvana in Duisburg.
Mein damaliger Tanzpartner, Bert Balladine, hat mich in den 70er Jahren in die deutsche Tanz-Szene eingeführt. Er war vermutlich der erste ausländische Lehrer, der in Deutschland Workshops gegeben hat. Angefangen hat er in den Kasernen und Stützpunkten der amerikanischen Streitkräfte in Deutschland und den dortigen Soldatinnen das Tanzen beigebracht. Er stammte aus Osteuropa, seine Mutter lebte in Berlin, und er sprach fließend Deutsch. Irgendwann hat er dann angefangen, mit deutschen Tänzerinnen zu arbeiten.

Nachdem ich über fünfundzwanzig Jahre Orientalisch getanzt habe, bin ich dessen ein wenig müde geworden. Ich bin mit Spanisch, Mexikanisch, Salsa, Bolero, und der Tex-Mex-Musik aufgewachsen und habe eines Tages den berühmten Komponisten Ibrahim El Samahy gebeten, mir ein spanisch-arabisches Lied zu schreiben, und dabei ist „Amayaguena“ herausgekommen, ein Stück mit Trompeten, Drama und orientalischen Musikinstrumenten. Das Lied hatte es in sich, und damit war mein eigener Tanzstil geboren. Ich habe die Kraft des Flamenco mit dem weiblichen Stil des OT gemischt, um daraus meine „Danza Mora“-Fusion zu schaffen, und das Ganze mit meiner neuen Musik unterlegt. Heute stehen uns Gott sei Dank viel mehr Musikstücke aus der ganzen Welt zur Verfügung, derer wir uns bedienen können.
Wenn man so lange getanzt hat wie ich, darf man wohl für sich behaupten, so ziemlich alles einmal ausprobiert zu haben. Bevor es den Tribal gab, kannte man schon den „Ethno“. Wenn man sich alte Filme aus den 70ern von Jamila Salimpours Ensemble „Bal Anat“ anschaut (z. B. auf meiner DVD „American Legends of Belly Dance“), kann man leicht erkennen, daß es damals schon Tribal gab. Die Mädel haben sogar schon Tätowierungen getragen. Weil ich Zigeunerin bin, mag ich keine Etiketten und Schubladen. Mein Stil ist meine eigene Sache und gehört keiner Moderichtung an. Im Laufe meines Lebens habe ich viele Tanzarten studiert, aber meine liebste Inspiration ist das Leben selbst.

New Mexico ist ein ganz besonderer Ort, und so, wie es hier zugeht, findet man es an keiner der Küsten wieder. Die Tänzerinnen hier kommen gut miteinander zurecht und brauchen keine Konkurrenz. Unser weiter blauer Himmel bestärkt uns in dem Glauben, daß es hier für alle genügend Platz zum Tanzen gibt, oder eine Show anzusetzen, um seine eigenen Talente mit anderen zu teilen. Ich wiege mich in der Vorstellung, daß unser Tanz hier in New Mexico eher spirituell als kommerziell ausgerichtet ist. Die Landschaft in diesem Staat fühlt sich sehr alt an, und so richtet sich unser Tanz ganz automatisch danach aus, dieses uralte Gefühl der Ureinwohner wiederzugeben.

Wie alle richtigen Künstler, habe ich mich noch nicht endgültig entschieden, was ich auf der Bühne zeigen will. Wahrscheinlich etwas aus meinem Danza-Mora-Repertoire. Vielleicht das Stück mit Hut und Hose. Aber wie gesagt, so richtig festgelegt habe ich mich noch nicht.

Hmmm … vielleicht weil ich ein bißchen älter als die anderen bin?
Vor vielen Jahren habe ich von meinem Mentor, Bert Balladine, gelernt, daß ich meine Philosophie mit anderen teilen und mit meinen Schülern reden muß. Er hat mir beigebracht, daß es im Unterricht nicht nur darum geht, Schrittfolgen zu lehren, sondern auch das Lebensgefühl, das dahinter steckt. Bert hat neuen Tänzern sehr freigiebig sein Wissen und seinen Geist geschenkt, und ich habe versucht, es ihm gleichzutun. Vielleicht nennen mich deswegen einige „Weise Frau“. Ich gebe aber gern zu, daß meine Weisheit oft genug von meinen Schülerinnen kommt. Wir alle brauchen in diesem Geschäft einen Mentor oder sonst jemanden, der uns mit klugen Ratschlägen versorgen kann. Mir war das große Glück beschieden, Bert Balladine in meinem Leben zu finden. Er hat mir sehr viele Türen geöffnet, und dafür werde ich ihm ewig dankbar sein. Sein Erbe (er verschied 2009) anzutreten, bedeutet, mit aller Kraft zu versuchen, mein Wissen mit den Tänzerinnen zu teilen, die nach mir kommen. Die Älteren tragen Verantwortung dafür, ihr Wissen an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben. Und so will es auch die Philosophie der indianischen Ureinwohner.
