Startseite/Aktuelles
zurück zu Interviews
Amaya hat bereits in den 70er Jahren in Deutschland OT gelehrt und getanzt. Sie lebt immer schon im US-Bundesstaat New Mexico, und nach vielen Jahren kehrt sie 2010 auf Einladung von Leyla Jouvana nach Deutschland zurück, um hier ebenfalls zu lehren und zu tanzen. Ein erster Vorgeschmack auf diese ungewöhnliche Frau im folgenden Gespräch …

weitere Informationen www.leyla-jouvana.de
Die Biographie auf deiner Heimatseite verrät uns, daß du schon in Europa gewesen bist, aber nicht in einem Tanz-, sondern in einem Zirkus-Programm. Hast du damals auch Deutschland besucht?

Ich war sogar sehr oft in Deutschland, über einen Zeitraum von fünfzehn Jahre alle paar Monate. Damals habe ich Tanzunterricht gegeben und bin auch aufgetreten, unter anderem für Dietlinde Karkutli, Beata Cifuentes, Lilo Freid in Karlsruhe, Nahema, Shirin in Köln, Samara in Stuttgart, Uschi Lenz, Mustapha und Khadejah El Oeslati in Wiesbaden, Iris Wardani in Stuttgart, Ayun in Ingolstadt und Leyla Jouvana in Duisburg.

Mein damaliger Tanzpartner, Bert Balladine, hat mich in den 70er Jahren in die deutsche Tanz-Szene eingeführt. Er war vermutlich der erste ausländische Lehrer, der in Deutschland Workshops gegeben hat. Angefangen hat er in den Kasernen und Stützpunkten der amerikanischen Streitkräfte in Deutschland und den dortigen Soldatinnen das Tanzen beigebracht. Er stammte aus Osteuropa, seine Mutter lebte in Berlin, und er sprach fließend Deutsch. Irgendwann hat er dann angefangen, mit deutschen Tänzerinnen zu arbeiten.

Meinen ersten Kontakt mit deutschen Tänzerinnen hatte ich in Hamburg, wo ich in „Salome“ gearbeitet hatte, eine Zirkus-Theater-Produktion von Harry Owen. Dort sprang ich als Ersatz für Feyrouz (aus Frankfurt) und die Amerikanerin Roshan ein. Beide waren vor mir die „Blumen des Orients“ gewesen, deren Rolle ich dann übernahm. Später bin ich dann in der Schweiz als Tänzerin im Zirkus Conelli aufgetreten. In Deutschland ist die Tanzbewegung immer mehr angewachsen, und neue Lehrer sind auf den Plan getreten. Nachdem ich so viele Jahre immer wieder hierher gereist bin und unterrichtet habe, ist mir das Reisen irgendwann zuviel geworden und seitdem nicht mehr in Europa gewesen. So bin ich in den letzten zehn Jahren nur noch durch die USA getourt und habe Seminare gehalten. Aber jetzt bin ich schon ganz schön aufgeregt, nach so langer Zeit wieder einmal Deutschland zu besuchen. Ich habe das leckere Brot, den schwarzen Kaffee und den Glühwein doch arg vermißt!
Amaya im Jahr 1977
Du bist für deine Fusion des Andalusischen mit dem Arabischen Tanz bekannt geworden, eine Mischung, wie sie zumindest hier in Europa nicht sehr verbreitet ist. Erzähle uns bitte, warum du dich gerade darauf konzentriert und dir damit einen Namen gemacht hast

Nachdem ich über fünfundzwanzig Jahre Orientalisch getanzt habe, bin ich dessen ein wenig müde geworden. Ich bin mit Spanisch, Mexikanisch, Salsa, Bolero, und der Tex-Mex-Musik aufgewachsen und habe eines Tages den berühmten Komponisten Ibrahim El Samahy gebeten, mir ein spanisch-arabisches Lied zu schreiben, und dabei ist „Amayaguena“ herausgekommen, ein Stück mit Trompeten, Drama und orientalischen Musikinstrumenten. Das Lied hatte es in sich, und damit war mein eigener Tanzstil geboren. Ich habe die Kraft des Flamenco mit dem weiblichen Stil des OT gemischt, um daraus meine „Danza Mora“-Fusion zu schaffen, und das Ganze mit meiner neuen Musik unterlegt. Heute stehen uns Gott sei Dank viel mehr Musikstücke aus der ganzen Welt zur Verfügung, derer wir uns bedienen können.

Du kennst dich aber auch mit anderen Stilen gut aus, sogar mit Tribal, wenn man den Gerüchten Glauben schenken darf. Wie weit reicht dein Repertoire?

Wenn man so lange getanzt hat wie ich, darf man wohl für sich behaupten, so ziemlich alles einmal ausprobiert zu haben. Bevor es den Tribal gab, kannte man schon den „Ethno“. Wenn man sich alte Filme aus den 70ern von Jamila Salimpours Ensemble „Bal Anat“ anschaut (z. B. auf meiner DVD „American Legends of Belly Dance“), kann man leicht erkennen, daß es damals schon Tribal gab. Die Mädel haben sogar schon Tätowierungen getragen. Weil ich Zigeunerin bin, mag ich keine Etiketten und Schubladen. Mein Stil ist meine eigene Sache und gehört keiner Moderichtung an. Im Laufe meines Lebens habe ich viele Tanzarten studiert, aber meine liebste Inspiration ist das Leben selbst.

Amaya "early tribal", den gab es schon in den Siebzigern, sagt sie, damals hieß er "Ethno"
Meine Philosophie beim Tanz lautet denn auch, die Freude an der Bewegung und der Musik mit der Welt zu teilen. Oder wie meine Freundin Aziza sagt: „Sei einfach die Musik.“ Für mich geht es nicht darum, wie gut ich aussehe, oder wie schön mein Kostüm ist. Mir geht es vielmehr um die Freude des Augenblicks. Wenn ich jemandem im Publikum dazu bringen kann, seine Probleme auch nur für ein paar Minuten zu vergessen, habe ich mit meinem Tanz doch schon Erfolg gehabt. Auf der Bühne können Magie und Wunder entstehen, wenn man es am wenigsten erwartet, und dann bleibt die Zeit stehen. Für solche Momente tanze ich.

Uns kommt es so vor, als herrsche eine gewisse Rivalität zwischen der US-West- und der US-Ostküste. Wie paßt das südlich gelegene New Mexico in dieses Bild?

Dank Internet, You Tube und den anderen elektronischen Kommunikationsformen finden die Küsten viel stärker zueinander, und die Rivalität zwischen den beiden ist im Schwinden begriffen. In den 70er und 80er Jahren war sie jedenfalls viel ausgeprägter.

New Mexico ist ein ganz besonderer Ort, und so, wie es hier zugeht, findet man es an keiner der Küsten wieder. Die Tänzerinnen hier kommen gut miteinander zurecht und brauchen keine Konkurrenz. Unser weiter blauer Himmel bestärkt uns in dem Glauben, daß es hier für alle genügend Platz zum Tanzen gibt, oder eine Show anzusetzen, um seine eigenen Talente mit anderen zu teilen. Ich wiege mich in der Vorstellung, daß unser Tanz hier in New Mexico eher spirituell als kommerziell ausgerichtet ist. Die Landschaft in diesem Staat fühlt sich sehr alt an, und so richtet sich unser Tanz ganz automatisch danach aus, dieses uralte Gefühl der Ureinwohner wiederzugeben.

Was bekommen wir in Deutschland auf Leylas Festival von dir zu sehen? Und welche wunderbaren Dinge wirst du uns in deinen Workshops zeigen und beibringen?

Wie alle richtigen Künstler, habe ich mich noch nicht endgültig entschieden, was ich auf der Bühne zeigen will. Wahrscheinlich etwas aus meinem Danza-Mora-Repertoire. Vielleicht das Stück mit Hut und Hose. Aber wie gesagt, so richtig festgelegt habe ich mich noch nicht.

Dafür weiß ich aber umso eher, was ich unterrichten will. Eine hübsche Variation aus Gypsy-Kombinationen und außerdem eine Zigeuner-/Spanisch-Choreographie namens „Danza Mora“ mit Original-Fächern aus Spanien und ebenso den immer beliebteren Fächerschleiern aus Seide. Ich werde einige dieser Utensilien mitbringen, entweder um sie zu verkaufen oder zu verleihen. Und ich kann es kaum erwarten, so viele von meinen alten Freunden wie möglich wiederzusehen, entweder in meinen Kursen oder im Publikum (oder beides).
Grafik und Layout:
Konstanze Winkler
Und zum Schluß die Frage, die mich am meisten interessiert: Warum nennt man dich die “weise Frau”?

Hmmm … vielleicht weil ich ein bißchen älter als die anderen bin?

Vor vielen Jahren habe ich von meinem Mentor, Bert Balladine, gelernt, daß ich meine Philosophie mit anderen teilen und mit meinen Schülern reden muß. Er hat mir beigebracht, daß es im Unterricht nicht nur darum geht, Schrittfolgen zu lehren, sondern auch das Lebensgefühl, das dahinter steckt. Bert hat neuen Tänzern sehr freigiebig sein Wissen und seinen Geist geschenkt, und ich habe versucht, es ihm gleichzutun. Vielleicht nennen mich deswegen einige „Weise Frau“. Ich gebe aber gern zu, daß meine Weisheit oft genug von meinen Schülerinnen kommt. Wir alle brauchen in diesem Geschäft einen Mentor oder sonst jemanden, der uns mit klugen Ratschlägen versorgen kann. Mir war das große Glück beschieden, Bert Balladine in meinem Leben zu finden. Er hat mir sehr viele Türen geöffnet, und dafür werde ich ihm ewig dankbar sein. Sein Erbe (er verschied 2009) anzutreten, bedeutet, mit aller Kraft zu versuchen, mein Wissen mit den Tänzerinnen zu teilen, die nach mir kommen. Die Älteren tragen Verantwortung dafür, ihr Wissen an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben. Und so will es auch die Philosophie der indianischen Ureinwohner.

Amaya - die "weise Frau"
Amaya ist zu Gast bei Leyla Jouvana & Rolands
18. Orientalischen Festival, gibt dort Workshops
und tanzt auf beiden Abendgala-Shows
am 27. und 28. November 2010
Amayas Homepage: www.wisewomandancer.com
Amaya als "Blume des Orients" der hamburger Zirkuscrew "Salome"
Photos © Amaya
"MEINE LIEBSTE INSPIRATION IST DAS LEBEN SELBST"
Interview mit der Tanzlegende Amaya
von Marcel Bieger