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"ICH BIN VIELE DINGE ..."

Interview mit Amy Sigil, Unmata

von Marcel Bieger (auch Übersetzung)
und Konstanze Winkler

August in Dillenburg, Westerwald. Die Sonne hat heute nicht ihren besten Tag.

Wir sind in der „Tanzoase“ von Gabriella – genau, die Chefin von „Neas Tribal“, und hier hat an diesem Wochenende Amy Sigil von „Unmata“ Workshops gegeben. Wir haben gefragt, ob wir danach ein Interview mit ihr führen dürfen. Wenn eine so wichtige und bedeutende Tänzerin schon einmal da ist … Sie ist einverstanden, und es vergehen Stunden wie im Fluge.

Amy ist eine ebenso kluge wie unterhaltsame Frau.
Man könnte sie nach der Uhrzeit fragen, und sie würde einem eine amüsante Geschichte darüber erzählen.
Hier unsere Abenteuer mit Amy Sigil:

Wo kommt dein Name her?

Ich heiße Amy Sigil, und Sigil ist nun schon mein vierter Zuname. Nach meiner zweiten Scheidung habe ich mich gefragt, welchen Namen ich denn jetzt annehmen sollte. Zu meinem ursprünglichen Familiennamen wollte ich nicht zurück, und die Namen von meinen Exs kamen auch nicht in Frage, also musste ein neuer Name her, der nur mir gehörte. Also haben wir im Studio eine Liste mit Vorschlägen ausgehängt, und „Sigil“ hat schließlich gewonnen. Seit ungefähr sieben Jahren ist das nun mein Nachname. Er wird übrigens weder „ßeidschill” noch “Siegel” ausgesprochen, sondern “Siggill”.
Was war das für ein Studio?

Ein ziemlich kleines Tanz-Studio namens “Hot Pot Studio”. Es hat eine gute Tanzfläche, ausreichend Spiegel und eine Säule in der Mittel, die wir „Polina“ nennen. Ich erzähle meinen Mädchen gern, daß es sich bei „Polina“ um ein
Mitglied der Truppe handelt, die sich nie die Reihen-Wechsel merken kann. Da wir Polina bei uns behalten möchten, müsst ihr eben eine Möglichkeit finden, nicht dauernd mit ihr zusammenzustoßen. Das Studio ist, wie gesagt, nicht groß, dafür habe ich es aber in mein Herz geschlossen. Es verfügt über eine eigene Küche und eine Dusche, liegt im kalifornischen Sacramento und ist einer der schönsten Orte der Welt. Aber da geht es auch ganz schön geschäftig zu. Ich habe noch nie zuvor in solchem Treiben gearbeitet. Überall steht etwas herum, überall laufen Leute herum, und überall stehen Wände im Weg. Das Studio gehört mir und ist meine dritte Tanzschule.
Die erste hieß „World Studios“, befand sich ebenfalls in Sacramento, und ihr kurzes Leben währte etwa zwei Jahre, dann habe ich mit ihr Schiffbruch erlitten. Ein Jahr später habe ich ein ganz kleines Studio eröffnet, und das hieß schon „Hot Pot“. Drei Jahre habe ich damit gearbeitet, dann kam das jetzige, das mittelgroße Studio dran. Das erste war zu groß, das zweite zu klein, und das dritte ist irgendwo dazwischen, aber im Zweifelsfall auch eher zu klein.
Was unterrichtest du?

Wir unterrichten zwei Fusion-Arten, den improvisierten und den choreographierten. Beide setzen sich aus mehreren verschiedenen Stilen zusammen, sind eben Fusion. Polynesischer Tanze, Hip Hop, Zeitgenössischer Tanz und eben Bauchtanz. Polynesisch ist dabei, weil ich bereits seit zehn Jahre Hula tanze, und den einfach nicht mehr aus meinen Bewegungen heraushalten kann (lacht). Aber ich glaube sowieso, daß wahrer Fusion aus eigenem Antrieb aus dem eigenen Körper kommt. Wenn ich mich lange genug in einem Stil geübt habe, wird er zum Bestandteil von mir, und dann kriege ich ihn eben nicht mehr los, ob ich das will oder nicht.

Den Bauchtanz-Teil von mir kann ich nicht von mir trennen. Wenn man sich lange genug mit einem Genre auseinandergesetzt hat und dann ein neues Stück erarbeitet, dann fügt man Bewegungen zusammen, von diesem etwas und von jenem, und dann wächst daraus etwas zusammen, ohne daß man dabei denkt, jetzt kommt der Hula-Teil und jetzt der OT-Teil.

Du tanzt also auch klassischen OT?

Ja, ich habe klassischen OT gelernt. Er gehört unabdingbar zu meiner Entwicklung dazu. Klassisch ist alles andere als Zeitverschwendung. Nichts ist umsonst und unwichtig. Sollte man sich in allem mal umgesehen haben? Aber ja, unbedingt, so viel wie nur möglich. Einen Hip Hop-Kurs belegen? Gar keine Frage! Unterricht in Jazz-Tanz nehmen? Ohne einen Moment zu zögern! Und auch alles andere. Aber muß man erst alles können, bevor man eine richtige Künstlerin ist? Nein, das muß man nicht. Ich kenne viele junge Tänzerinnen, die noch lange nicht alles wissen. Das ist ja auch relativ. Aber hilft mir das auch auf lange Sicht? Klar, jeder Tanz-Unterricht, gleich in welchem Genre bringt einem auf lange Sicht Gewinn.
Vorhin hast du gesagt, „wir“ unterrichten. Wer ist denn noch dabei?

In den „Hot Pot“ Studios haben wir drei Tanz-Truppen. „Unmata“, die um die ganze Welt reist. „Verbatim“, die durch Kalifornien tourt. Und „Street Team“, die die Auftritt in Sacramento absolviert. Aus den Reihen von „Unmata“ und „Verbatim“ kommen die Lehrkräfte, wenn ich unterwegs bin oder zusammen mit Shelly nicht daheim bin. Dann treten die anderen von „Unmata“ auf den Plan und unterrichten. Und wenn alle „Unmata“ auf Tournee sind, übernimmt eine von „Verbatim“ den Unterricht. Unterricht findet bei uns an 365 Tagen im Jahr statt. Immer abends gibt es die Kurse, und so ist im Studio eben auch ständig was los. Ich bin viel unterwegs, und deswegen brauche ich auch eine Menge zusätzlicher Lehrkräfte.
Bauchtanz-Darbietung bestellt, in der es keine schlimmen Wörter und so gibt (lacht), dann kommt „Street Team“ ins Spiel. Sie tanzen mein Impro-Format ebenso wie meine Choreographien. Beides beherrschen sie ziemlich gut, und sie sind auch zur Stelle, wenn wir für einen guten Zweck oder sonst wie ohne Gage auftreten sollen. „Street Team“ vereint die Neuen, die Anfänger, während die Mädels von „Unmata“ die Spitze, die Krönung darstellen. „Verbatim“ ist das Übungsfeld für „Unmata“, und aus „Street Team“ rekrutiert sich der Nachwuchs für „Verbatim“. „Street Team“ ist sozusagen der Einstieg. Hier lernen die Mädels erstmal tanzen. Sie nehmen auch jede Gelegenheit dazu wahr, und deswegen treten auch oft bei freiem Eintritt auf. „Verbatim“ tanzt nicht mehr gagenfrei. Dafür umso öfter in Bars und Clubs. Dort findet man allerdings keine „Unmata“, denn die wollen nicht mehr in Bars auftreten. Aber zurück zu „Street Team“. Die sind noch voller Tatendrang und brennen auf Auftritte. Die Arbeit mit ihnen macht richtig Spaß. Deswegen nehmen die jede Gelegenheit wahr, tanzen auf Bauernmärkten, Ausstellungen und ähnliche Veranstaltungen, und sie bringen auch den Nachwuchs ins Studio. Als es bei mir mit dem Reisen so richtig losging, habe ich zuhause immer mehr Schüler verloren. Klar, ich war ja nie mehr auf den einheimischen Bühnen zu sehen. Also habe ich in Sacramento etwas ins Leben gerufen, das die Leute von mir sehen konnten, eben „Street Team“. Die verteilen für mich Flugblätter, Freikarten und das alles. Und wenn diese Truppe zu gut geworden ist, gründe ich eine vierte Gruppe. Aber zur Zeit komme ich mit den dreien sehr gut hin.
Von “Unmata” und “Verbatim” haben wir hier schon gehört, aber über “Street Team” mußt du uns mehr erzählen.

„Street Team“ ist unser Trainingsplatz. Unsere familienfreundlichste Gruppe. Sie treten auf Hochzeiten, Festivals, Kindergeburtstagen und Tag der offenen Tür auf. Wenn jemand also eine kinder- und familientaugliche
Hört sich nach einem schlauen System an.
(Alle lachen.) Die Nachfrage regelt das Angebot.

Tanzen denn alle drei Gruppen Hula, Hip Hop und so weiter?

Natürlich. Sie haben nicht alles im einzelnen studiert, aber sie können gar nicht anderes, weil ich es ihnen ja so beibringe. Das geht allen in den drei Gruppen so, und der eigentliche Unterschied zwischen ihnen besteht nur in der Zeit, die sie schon mit mir zusammen sind. „Unmata“ tanzen seit 10 Jahren mit mir, „Street Team“ ist erst seit zwei Jahren dabei. Aber da fangen sie ja erst an und arbeiten sich langsam hoch. Deswegen treten die meisten ja „Street Team“ bei. Aber man kann die Leute nicht für immer bei sich behalten. Hin und wieder steigt eine aus, denn es ist ja meine Vision, die sie in meinem Studio lernen, und nicht ihre eigene. Einige bleiben, anderen steigen irgendwann wieder aus. Und so obliegt es allein mir, meine Vision lebendig zu halten. Das heißt auch, ich muß meine Tänzerinnen ständig trainieren, damit sie gut genug bleiben. Deswegen kann man bei mir auch nicht gleich bei „Unmata“ anfangen. Man startet bei „Street Team“ und lernt erst einmal, vor Zuschauern aufzutreten. Danach kann man sich an größere Dinge wagen und lernen, wie es ist, auf Reisen zu gehen. Und wenn man diese Stufe erreicht hat, stehe ich bereit, mit den Betreffenden auf die Bühne zu gehen. Deswegen muß ich meine Leute ständig auf Trab halten. Wenn Shelly eines Tages geht – ich möchte nicht, daß sie geht, aber eines Tages wird der Moment kommen -, kann ich auf eine andere zurückgreifen, die Shellys Platz voller Eifer einnimmt
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Kommen Schülerinnen denn auch zu dir zurück?

Mit allen, die in den letzten sechzehn Jahren bei mir waren, bin ich in freundschaftlichem Verhältnis auseinandergegangen – bis auf zwei Ausnahmen. Beide haben mich zur gleichen Zeit verlassen, und in meinem ganzen Leben hat mir nichts mehr so das Herz zerrissen. In künstlerischer Hinsicht vor allem, und das gilt für beide Seiten. Ich war immer stolz darauf, mit den Schülerinnen in gutem Einvernehmen auseinanderzugehen, aber in diesem Fall ist alles so katastrophal schiefgegangen, daß ich vermutlich bis zum Ende meiner Tage nicht darüber hinwegkommen werde.

Als Lehrer muß man seine Schüler gehen lassen, denn als Schüler muß man von verschiedenen Lehrern lernen. Das habe ich jetzt begriffen, und das weiß ich auch jetzt. Ich wünschte nur, ich hätte es damals schon begriffen und alles hätte nicht so furchtbar schlimm geendet. Heute versuche ich, so viele wie möglich zu halten, und ihnen ehrlich alles Gute zu wünschen, wenn sie mich verlassen.

Amy Sigil
Marcel und Amy während des Interviews in Dillenburg
Die "Hot Pot Studios" in Sacramento
UNMATA
Amy und Shelly
Street Team
Verbatim
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Grafik und WebDesign: Konstanze Winkler
Photos ©: 1 und 2 Konstanze Winkler, 4, 5 und 8 Brad Dosland (www.taboomedia.com), 3, 6 und 7 mit freundlicher Genehmigung von Amy Sigil
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