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"ICH BIN VIELE DINGE ..."

Interview mit Amy Sigil, Unmata

von Marcel Bieger (auch Übersetzung)
und Konstanze Winkler

Zeit für ein paar Zahlen und Daten: Wann hast du angefangen zu tanzen?

Vor sechzehn Jahren, mit einer Art türkischem Bauchtanz, altem osmanischen Bauchtanz aus dem 15. Jahrhundert. Ich bin nämlich viel auf Renaissance-Märkte gegangen. (Anm. d. Red. Was bei uns Mittaltermarkt heißt, gilt in den USA als Renaissance-Markt und umfasst auch einen dementsprechend größeren
zeithistorischen Rahmen.)

Türkischer Bauchtanz aus dem 15. Jahrhundert? Worin besteht denn der Unterschied zum heutigen türkischen Bauchtanz?

Der Hauptunterschied liegt wohl in der Kleidung. Beim ägyptischen Tanz heute trägt man Münzen, große und kleine, und alles ist zierlich und fein verarbeitet. Bei den Osmanen war alles viel größer. Man hat glänzende Umhänge getragen, war mit vielen Münzen und Troddeln behangen und so weiter. Ich habe bei einer Lehrerin namens Antarnepa angefangen und bin drei Jahre bei ihr geblieben. Damals habe ich gerade versucht, von den Amphetaminen loszukommen. Ich habe eine Menge davon

eingeworfen, und als ich mich entschieden habe, damit aufzuhören, habe ich alles mögliche angefangen: Bauchtanz, Malerei, Töpfern und tausend andere Sachen. Beim Bauchtanz hat mir, glaube ich, die Gruppe am besten gefallen. Ich habe es zum ersten Mal mit Tanz probiert, nie zuvor getanzt, und immer lieber Sport getrieben. Basketball war meine große Leidenschaft. Bauchtanz war nur was für „Tussis“, für Girlies die Glitzerzeugs tragen und so weiter. Meine Lehrerin trug auch Glitzerzeugs, und ich dachte mir meinen Teil. Aber der Bauchtanz gefiel mir und war ja auch eine Art sportlicher Betätigung. Damals war der Bauchtanz noch ganz anders als heute. Aber die Mädels haben schon Tätowierungen getragen. Die Musik fand ich auch gut, habe sie mir gern angehört und ebenso gern dazu getanzt. Na gut, die Musik hat sich schon von dem unterschieden, was ich mir sonst anhöre, aber der Tanz wurde meine große Liebe. Ich war damals 22, und zu der Zeit gab es nicht viele Orte, an denen man zum Tanzen hingehen konnte, ich meine, nur zum Tanzen.
Treibst du heute denn immer noch Sport?

Nein, der Tanz hat seine Stelle eingenommen. Meine Freundin Lea und ich spielen ab und an Volleyball, am ehesten vor dem Unterricht. Mit Kalifornien verbindet man ja am ehesten Surfen und so. Aber ich wohne drei Stunden vom Meer entfernt im „Valley“, da hat „Wassersport“ nie eine große Rolle gespielt.

Wie ging es dann nach dem klassischen OT weiter?

Da bin ich auf den ATS® gestoßen. Als ich das zum ersten Mal gesehen habe, war ich ganz verblüfft, wie sehr der American Tribal Style einem Basketball-Spiel ähnelt. Beide haben einen Spielführer, er sagt, wo es lang geht, er gibt die Spielzüge vor, und als ich dann auch noch mitbekommen habe, daß es im Tribal auch

Handzeichen gibt und man die Musik „liest“, da habe ich in die Hände geklatscht und mir gesagt, das kann ich auch. Damit habe ich angefangen, ATS® zu lernen, aber im Lauf der Zeit festgestellt, daß das noch immer nicht hundertprozentig das war, was ich gesucht habe, Vier Jahre lang habe ich ATS® gelernt, zur gleichen Zeit aber auch mit Hula und Hip Hop angefangen. Nach diesen vier Jahren ging es so aber nicht weiter. Ich habe meinen Stil nach und nach verändert, bis Shawna und ich uns schließlich getrennt haben.
Bei Shawna habe ich ATS® trainiert, und ich bin immer gern in ihren Unterricht gegangen. Sie hat in unserem Studio ATS® unterrichtet. Als sie dann gegangen ist, dachte ich mir, das war es dann wohl mit dem ATS®. Du hast ja immer noch deine Choreographien, und das ist schließlich auch was. Ich habe den anderen Mädels dann gesagt, tut mir leid, Leute, aber es gibt hier keinen ATS®-Unterricht mehr. Da sind sie erst traurig geworden und dann sauer auf mich. „Jetzt machen wir das schon so lange, und alles soll umsonst gewesen sein?“
Und ich habe dagegengehalten: „Aber ich habe keine Lehrerin mehr, und ich kenne mich mit ATS® nicht gut genug aus.“ Da haben sie mich beschworen, das eben gefälligst zu lernen. Und ich habe mit ihnen ein Abkommen getroffen: „Also gut, dann lerne ich, wie man Improvisieren beibringt, aber wir machen das auch meine Weise, und ich modele das so um, wie es mir gefällt. Ich suche die Musik aus, und wenn mir das besser gefällt, führe ich auch andere Bewegungen ein. Ich bekomme völlige Freiheit und stelle meine eigenen Regeln auf.“ Das war vor zehn Jahren, und seitdem arbeite ich an meinem Impro-Format. Mein Format hat seine Wurzeln immer noch eindeutig im ATS®), so wie viele andere auch, die sich weiterhin auf ATS® berufen. Wir bewegen uns auf einer anderen Ebene, aber man erkennt immer noch, daß wir aus dem ATS® kommen. Wir führen immer noch links, wir haben unseren Chorus und eben all das. Seitdem hat sich in meinem Leben ein ganz neues Kapitel aufgetan, und heute liebe ich meinen Tanz so sehr, wie ich noch nie etwas in meinem Leben geliebt habe. Heute bin ich so stark, wie ich es vorher nie gewesen bin, und so beweglich, wie ich es vorher nie war. Dabei bin ich mittlerweile 37.
Ich hätte dich auf Anfang 30 geschätzt.
Das liegt daran, daß ich meinen Traum verwirkliche. So etwas lässt einen jünger aussehen.
Und Tribal-Musik gefällt dir heute besser als OT-Musik?

Ach, was ist schon Tribal-Musik, und was ist OT-Musik? Wenn du mich fragst, ob die Musik, die ich für meine Stücke auswähle, besser gefällt, dann kann ich darauf mit einem eindeutigen Ja antworten. Darauf kommt es für einen selbst doch an. Im Tribal Fusion kann man alles an Musik einsetzen, was man möchte. Und so gefällt mir das auch. Im OT kann man das nicht. Zum OT gehört eine ganz eigene Musik eben dazu.

Genau so wie beim Flamenco, beim Ballett und so weiter. Das Format bestimmt die Musik. Deswegen gefällt mir Tribal Fusion ja auch so gut. Er hat die Regeln aus dem Spiel gefegt, und deswegen kann ich alle Musik für meinen Tanz nehmen, die mir gefällt.
Was ist denn deine Lieblings-Musik?

Ich stehe auf Hip Hop, elektronische Musik, dann Gangsta Rap und überhaupt alles, wo viel Abwechslung drin ist. Ich brauchte 135 bpm und so weiter. Für meine Choreographien brauche ich Sachen, die richtig abgehen. Am besten gefallen mir Hip Hop und Elektronik, so viel ist mal klar. Und überhaupt alles, was mir ins Ohr geht. Wenn ihr Namen hören wollt: Chemical Brothers, Wiz Khalifa, Girl Talk, Eminem, African Bambaataa, Beastie Boys. Ich höre mir ab und an sogar gern alten Country & Western an, auf den neuen Country stehe ich weniger. Aber beim alten Country kommt mir immer das Bild von meinem Vater vor Augen, wie er in der Garage an seinem Motorrad herumbastelt und dabei solche Musik hört. Das ist mir eine sehr schöne Erinnerung.

Gibt es denn irgend etwas, das du niemals in deine Choreographien einbauen würdest?

Ich meide Kirchenlieder und religiöse Musik. Überhaupt alles, was mit Religion zu tun hat. Wenn schon, dann vielleicht antireligiöse Musik, aber nichts vom Schlage „Preiset den Herrn“. Mein Vater ist Kirchen- mann, und meine Mutter spielt in der Kirche die Orgel. Das erklärt das allermeiste in meinem Leben.

Hast du denn gar nichts mit Religion im Sinn, glaubst du an gar nichts?

Na, ich glaube an die Naturkräfte wie den Wind, die Sonne und den Regen. Aber ob ich an so etwas wie einen Schöpfer glaube? Ganz ehrlich? Nein, an so etwas glaube ich nicht. Nicht an Gott oder sonstwen. Manchmal kann ich zur Hexe werden, vor allem wenn ich mich wieder gegen meine Eltern auflehnen muß und die Religion bekämpfen will. Hexerei und so kann ich gut annehmen, aber wenn man sich zu intensiv damit beschäftigt, wird das ja auch wieder zur Religion. Wie zum Beispiel Wikka.
Ich glaube, wenn überhaupt, praktiziere ich die Religion der Toleranz. Aber das war nicht immer so. Bis vor einiger Zeit war es mir nicht möglich, mit einem gläubigen, einem religiösen Menschen eine Beziehung aufzubauen. Aber seit ich versuche, toleranter zu sein, hat sich auch das Verhältnis zu meinen Eltern verbessert. Sie sind auch toleranter geworden, und na ja, wir arbeiten beide dran.
Hast du irgendeine Beziehung zum Gothic?

Wenn du einen echten Goth fragst, ob ich irgend etwas mit Gothic zu tun habe, würde der wahrscheinlich sofort nein sagen. Wenn du einen konservativen gläubigen Christen fragst, würde der wahrscheinlich sofort ja sagen. Einige nennen mich Tribal Fusion Tänzerin. Wenn man aber eine wahre Tribal Fusion Tänzerin fragt, ob sie mich für eine echte Tribal Fusion Tänzerin hält,
wird sie bestimmt verneinen. Andere nennen mich Bauchtänzerin, aber wenn du Gabriella hier fragst, ob sie mich als Bauchtänzerin sieht, würde sie wahrscheinlich heftig den Kopf schütteln. Ist eben alles relativ
(alle lachen).
Dann gibt es für dich und deinen Stil also kein Etikett?

Nein, ich bin Tänzerin. Ich bezeichne meinen Stil als Fusion, damit die Leute sich besser vorstellen können, was sie bei einem Auftritt von mir erwartet. World Dancer, abgeleitet von World Music, würde ich auch noch akzeptieren. Ich glaube, das können die Menschen auch verstehen. Ich sage ja auch nie an, jetzt kommt mein Hula-Stück oder mein Hip Hop-Stück. Ich habe mich ja auch vorher nur hingesetzt, um eine Choreographie zu einem Stück Musik zu erarbeiten. Und ganz ehrlich, dabei ist alles möglich. Wenn ich mir sage, da würde jetzt ein Shimmy gut hineinpassen, oder ich sollte da noch ein paar Shimmies einbauen, dann tue ich das einfach. Aber darum wird aus dem Stück noch kein OT.
Ich bin eben keine reine OT-Tänzerin. Die Menschen möchten einen immer gern in Schubladen stecken, und wenn sie bei mir Bauchtanz sehen, dann bin ich für sie gleich Bauchtänzerin. Aber das ist mir viel zu wenig, ich bin keine bloße Bauchtänzerin, ich bin ganz viele Dinge.
Wie lange hat es gebraucht, bis aus dir das geworden ist, was du heute bist?

Na, sechzehn Jahre (lacht). Aber mal im Ernst, ich würde meinen, seit der Trennung von Shawna hat sich mein Leben grundlegend geändert. Das war 2003, und damals ging es mit meinem Leben erst einmal so richtig  abwärts. Ich hatte mein Studio, in dem Shawna ATS® unterrichtet hat, und ich habe dort auch unterrichtet, eben choreographierten Tanz. Das war ein richtig großer Laden mit eigener Bar, einem Eingangsbereich, eigenem Parkplatz und so weiter. Als wir uns getrennt haben, musste ich einsehen, daß diese Schule viel zu groß für mich war. In jener Zeit habe ich es mit Kokain probiert – oh, ich habe eine lange Drogengeschichte. Zwei Jahre lang habe ich Koks genommen, um in der Tanzschule über die Runden zu kommen. Ich war nämlich vollkommen alle ausgelaugt. Natürlich war das Kokain keine Lösung. Nach den beiden Koks-Jahren war ich erstens kaum noch zurechnungs- fähig, zweitens pleite, drittens hat meine Tanzpartnerin mir prophezeit, daß es mit mir nicht mehr lange gutgehen könne, und viertens habe ich nur noch im Studio gelebt. Ich stand so neben meinen Schuhen, daß die Leute Angst vor mir bekommen haben und nicht mehr in den Unterricht gekommen sind. Dadurch habe ich natürlich immer weniger eingenommen, und als es gar nicht anders mehr ging, habe ich Autos gewaschen. Irgendwann konnte ich das Studio nicht mehr halten und wusste nicht mehr, wohin. Es hat sechs Monate gedauert, bis ich die Kurve gekriegt habe.

Nachdem ich nach diesen sechs Monaten wieder zu mir gekommen war, wurde mir klar, daß das bisherige Leben nichts für mich gewesen war.
Das große Studio, mein erstes, war einfach über mich gekommen, aber das war nicht ich gewesen. Ich hatte mir mich nie als Studiobesitzerin vorstellen können, und genau das war aus mir geworden. Meine Partnerin Shawna hatte mich verlassen, und ich war bei Shelly untergezogen. In den sechs Monaten habe ich in ihrem Computerzimmer gewohnt. Sie hat gesagt, ich bleibe so lange bei dir, wie es dauert, bis du dich selbst vollkommen kaputt gemacht hast. Shelly hat mir viel Halt gegeben, und, na ja, nach diesen sechs Monaten bin ich so langsam wieder zu mir gekommen und habe mir gesagt, dann fange ich eben etwas Neues an. Ein neues Tanzstudio, aber diesmal ein ganz, ganz kleines. Ich suche mir ein klitzekleines neues Studio. Ohne Eingangsbereich, ohne Rezeption ohne alles.
So ist dann die „Hot Pot“-Geschichte entstanden, weil wir ja einen Bohnen-Topf (englisch: Pot) hinten im Studio stehen haben. Bis auf den heutigen Tag gibt es in meiner Schule keinen Papierkrieg. Jede legt ihre 10 $ per Kurs in den „Pott“, denn abzukassieren und Buch zu führen könnte ich emotional nicht durchstehen. Von diesem winzigen Studio bin ich dann später in ein mittelgroßes gezogen, und damit habe ich ja wohl den Mittelweg und meine innere Balance gefunden.
Amy Sigil
Shelly und Amy
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Grafik und WebDesign: Konstanze Winkler
Photos ©: 1, 3 4 und 7 Konstanze Winkler, 5, 6 und 8 Brad Dosland (www.taboomedia.com), 2 mitfreundlicher Genehmigung von Amy Sigil
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