Startseite/Aktuelles
zurück zu Interviews
"ICH BIN VIELE DINGE ..."

Interview mit Amy Sigil, Unmata

von Marcel Bieger (auch Übersetzung)
und Konstanze Winkler

Wie lange gibt es Unmata schon?

2012 werden es 10 Jahre. Ich möchte 2012 auch das Festival in Hannover besuchen, und ich bin da schon ganz aufgeregt drüber. Ich gebe Workshops, und ich werde in Deutschland natürlich auch auftreten. Eine von Unmata kommt mit mir, Shelly. Ich mag Deutschland sehr (sie ist zum Zeitpunkt des Interviews gerade zum dritten Mal bei Gabriella, um Workshops zu geben), und Gabriella hat großen Eindruck auf mich gemacht. Aber zurück zu „Unmata“. Shawna hatte ihren ATS®-Kurs, und die Mädels waren richtig gut. Mir war klar, daß ich mich ihnen arbeiten und ihnen neue Ziele setzen musste, sonst würden sie mir davonlaufen.  Deswegen habe ich mit ihnen eine Schülerinnengruppe gegründet und ihr den Namen „Unmata“ gegeben. Aber als sich die Wege von Shawna und mir dann getrennt hatte, musste ich etwas unternehmen, um die Mädels bei mir zu behalten. Also habe ich mich in der nächsten Stunde vor ihnen aufgebaut und ihnen erklärt: „Hört mal her, von nun an seid ihr meine Vorzeigetruppe, und ich bin eine von euch.“ Und so ist dann alles gekommen. Wir sind dann auch auf dem Tribal Fest in Sebastopol aufgetreten, zum ersten Mal, glaube ich, 2003 oder 2004 und seitdem immer wieder.
Dann gehörst du beim Tribal Fest also zum lebenden Inventar?

Jaaahhhh! Ich liebe das Tribal Fest, unbedingt. Wir haben kein Jahr ausgelassen. Wir haben dort Heimvorteil, wie es im Basketball heißt. Die ganze Welt kommt nach Sebastopol, und ich wohne gleich um die Ecke. Die Menschen sind aufgeregt, wenn sie kommen, und sie sind auch etwas verrückt. Und wenn Du irgendwo in der Menge bist, steht plötzlich jemand neben dir, den du schon im Fernsehen gesehen hast. Ich fahre nur zwei Stunden bis zum Fest, und ich bin vom ersten Mal bis heute immer dabeigewesen. Und ich habe dort wirklich so etwas wie den Heimvorteil. Ich spaziere hinein, und gleich stellt sich das Gefühl ein: „Ja, das hier ist das Tribal Fest, hier bist du richtig.“

Wann hast du angefangen, mit “Unmata” auf Auslands-Tournee zu gehen?

Hm, mal nachdenken, 2007 waren wir zum ersten Mal in Deutschland, also sind wir 2005 oder 2006 zum ersten Mal im Ausland aufgetreten. Komisch, ich musste erst 32 werden, um die USA zu verlassen. Aber dann habe ich die ganze Welt bereist. Wo bin ich überall gewesen? Kanada. Mexiko, Kroatien, Spanien, Frankreich, England, Deutschland, Taiwan … dann die Volksrepublik China, Costa Rica, Puerto Rico, Tschechien, die Schweiz … ich glaube, am öftesten war ich in Frankreich.
Letzten Oktober hat Blood Moon wieder stattgefunden. Unter welchem Motto stand es denn diesmal?

Aberglaube. Es hat zum elften Mal stattgefunden. 2000 haben wir damit angefangen, und ich habe noch etwas elf Jahre hintereinander gemacht. Also, das Motto lautete Aberglaube, und damit meine ich schwarze Katzen, unter einer Leiter durchgehen, im geschlossenen Raum einen Schirm zu öffnen … und natürlich haben wir gegen alle diese Regeln verstoßen (lacht).

Ihr habt schon eigenartige Themen.

Stimmt, und ich habe sie alle toll gefunden. Wir hatten „Krankheiten“, vorletztes Jahr ging es um „Spaß“, aber wir hatten auch schon „Zoo“ oder „Alice im Wunderland“.

Du hast vorhin erzählt, daß du die Choreographien für deine Gruppen selbst schreibst, wie gehst du dabei vor?

Für gewöhnlich – natürlich geht es auch schon einmal anders zu – schließe ich mich dafür im Studio ein. Von Dienstag bis Donnerstag. Denn Freitag bis Montag bin ich regelmäßig zu Auftritten unterwegs. Wenn ich im Studio sitze, beantworte ich erstmal meine E-Mails. Aber nur von 9 bis 11, denn mit E-Mails wird man nie fertig.

Dann nehme ich mir meine Noten vor, stelle ein Glas Wasser vor mich hin und hänge ein Schild an die Tür: „Ruhe bitte, hier entsteht gerade eine Choreographie.“ Bei uns im Studio geht es zu wie in einem Taubenschlag, es hat ja auch fast jeder einen Schlüssel. Eigentlich habe ich Besuch sehr gern, aber wenn ich ständig rausrennen und mit jemandem ein Schwätzchen halten muß, komme ich ja nie mit der Choreographie weiter. Nun schalte ich meine Musik ein. Wenn ich an einem Impro-Stück arbeite und nur den Takt brauche, lege ich eines von meinen grässlichen Alben auf, die ich so sehr liebe. Wenn ich an einer Choreo arbeite, geht es Stück für Stück voran. Ich beginne am Anfang und arbeite mich dann chronologisch vor. Ich lasse die ersten 4 Takte von meiner DJ Maschine in Endlosschleife wiederholen, füge dann die neuen Schritte ein, loope wieder, und für gewöhnlich nehme ich die Geschwindigkeit der Musik um 32% mit der „pitchin‘ tempo control“ zurück, denn ich arbeite am Anfang gern langsam.
„Unmata“ sind dafür bekannt, sehr schnell zu tanzen. Ich kann leider nicht so rasch choreographieren wie „Unmata“ tanzt. Also verlangsame ich meine Musik, so sehr, bis ich damit arbeiten kann, und dann geht es weiter, bis ich es schneller hinbekomme, immer weiter bis zu volle Kanne. Wenn ich mal feststecke oder hänge, fange ich nichts anderes an. Aber manchmal geht es leider nicht anders, dann muß ich mir eingestehen, daß ich in einer Sackgasse stecke, und ich lasse das dann für später liegen. Aber gemeinhin gehe ich systematisch vor, und ich gebrauche viel “Pitch Control”, um alles langsamer oder schneller zu machen. Für alle anderen im Studio ist das natürlich die Hölle, wenn ein und dasselbe Stück wieder und wieder und wieder ertönt, manchmal drei Stunden lang. Bei mir geht es nicht ruckzuck, und die erste Fassung habe ich noch nie genommen. Choreographien fange ich immer mit der Musik an, aber manchmal kommen mir im Fahrstuhl Ideen, und die versuche ich mir dann für später zu merken. Aber wenn ich dann an einer Choreographie sitze, fängt immer alles mit der Musik an.
Gebärdest du dich als Diktatorin, oder geht es in den Gruppen basisdemokratisch zu?

Als Dikatorin, gar keine Frage. Die Mädels haben tolle Ideen, aber nur, wenn ich ihnen befehle, welche zu haben. Dann sage ich zum Beispiel: „Mädels, ich brauche jetzt eure Unterstützung.“ Und wenn es genug ist, erkläre ich: „Mädels, ich brauche jetzt nichts mehr.“ Selbst bei einer Zusammenarbeit gebe ich vor, wie der Hase läuft. Normalerweise geht es bei uns so zu. Ich verkünde: „Mädels, ich habe hier ein neues Stück, ich habe es geschrieben, passt jetzt also gut auf.“ Meine Frauen sind meine Soldaten, und zur Zeit habe ich ein echtes Killer-Team zusammen. Die Unmata-Mädels haben ihre eigenen Kurse und Klassen, und in denen treten sie auch als Diktatorin auf. Aber bei „Unmata“ haben sie nichts zu sagen, sondern nur zu gehorchen.

Ich bemühe mich, soviel wie möglich selbst zu erledigen, damit ich mich nicht auf andere verlassen muß. Als Shawna und ich noch zusammen gewesen sind, haben wir alles zusammen gemacht, die Choreographien, unsere Homepage und so weiter. Aber wenn man sich trennt, verliert man nicht nur eine Hälfte von allem, sondern alles zusammen. Seitdem mache ich alles lieber allein, damit ich nicht wieder alles verliere, wenn mich erneut jemand verlässt. Als Leiterin einer Tanztruppe muß man ohnehin doppelt so viel arbeiten wie die anderen. Ich möchte etwas haben, das mir gehört und mir bleibt.
Aber du mußt auch allein die Kritik einstecken.

Ja, leider (alle lachen). Aber den Mädels gefällt das so. Gut, sie haben ihre eigenen Projekte, aber manchmal haben sie es auch ganz gern, wenn man ihnen sagt, wo es langgeht. Sie arbeiten verdammt hart, aber bei uns trägt jede ihren Anteil.
Tagsüber arbeite ich und arbeiten sie, aber wenn wir abends zusammenkommen, wollen wir nicht mehr arbeiten, sondern nur noch tanzen. Also versuche ich, alle Arbeit vorher erledigt zu haben. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die sich vor die Gruppe hinstellen und fragen: „Was möchtet ihr denn heute machen, hat jemand eine Idee?“ Wir können uns aufeinander verlassen und teilen dieselbe Vision. Jeder steht an seinem Platz und leistet dort seinen Anteil. Und wehe, wenn nicht! (lacht)
Du hast eben gesagt, du arbeitest tagsüber, gehst du denn noch einem anderen Beruf nach?
Nein, ich meinte damit, daß ich im Studio arbeite.

Hast du immer noch Ziele?

Ach, das mit den Zielen ist so eine Sache. Eigentlich mag ich die nicht, basta. Ich glaube, man muß sich gar nicht den Kopf darüber zerbrechen, was aus einem wird oder werden könnte, denn es kommt ja doch alles so, wie es kommt. Und eines sollte klar sein: Während meiner Jugend und meiner Teenager-Jahre habe ich nicht im Traum daran gedacht, einmal auf der Bühne zu stehen und zu tanzen. Selbst auf dem Sprung zum Erwachsenen hätte ich mich nie als Tänzerin gesehen. Und daß dann doch alles ganz anders gekommen ist, kann einem ja schon ein wenig Angst machen. Aber dann wiederum kann man auch darüber lachen. Ist es nicht lustig, daß einem wirklich alles zustoßen kann? Ein bisschen unheimlich wird mir aber bei der Vorstellung, ich hätte mein Leben bestimmen können. Denn wenn ich mein Leben damals bestimmt hätte, hätte ich mich ganz bestimmt nie für den Tanz entschieden. Ich hätte mir etwas anderes ausgesucht. Deswegen befasse ich mich lieber mit kurzfristigen Zielen. Wenn es um die Planung einer Tournee geht, zum Beispiel.

Aber ich gehöre ganz gewiß nicht zu den Leuten, die sagen, was ich heute tue, werde ich auch noch in zehn Jahren tun. Ich in nämlich der Ansicht, daß so große Träume dem Menschen nicht gegeben sind.
Aber dann hast du vielleicht Visionen? Ich möchte hier ankommen oder das erreichen.

Natürlich, aber nur kurzfristige. Ich möchte eine Sammlung meiner ITS-Format-DVDs im Schuber herausbringen, wo alles drin ist, die langsamen wie die schnellen Sachen. Und ich habe auch ganz fest vor, ein Buch über mein Format zu schreiben, um die ganze Geschichte auf eine noch festere Grundlage zu stellen. Damit die Menschen überall auf der Welt dieses Format erlernen können. Und ich hege auch die Hoffnung, daß sich daraus ganz neue Dinge für mich ergeben. Aber ob ich bis ans Ende meiner Tage Tanzunterricht gebe? Ich hoffe doch, nicht. Ich wünsche mir sehr, daß das Leben noch einiges für mich bereithält, was immer das auch sein mag.
Gibt es etwas, wovon du auf jeden Fall die Finger lassen würdest?
Nein, kann ich mir nicht vorstellen …

Nicht einmal Immobilienmaklerin?

Ha-ha, daß du gerade das fragst. Ich habe nämlich mal in einer Bank Hypotheken bearbeitet. Also etwas, das ja nun gewissermaßen auch mit dem Immobilenhandel zu tun hat (alle lachen). Mein Leben hat ja nicht erst mit dem Tanz angefangen. Ich habe viele Leben gehabt. Ich bin in einem sehr religiösen Haus aufgewachsen, ich war obdachlos, ich habe Kinder bekommen, ich habe allerlei Rauschgifte genommen, und ich bin professionelle Tänzerin geworden. Deswegen will ich nichts ausschließen, ich kann alles werden. Wer weiß, was morgen ist und was dann auf mich zukommt?

Was den Tanz angeht, so gibt der mir ungeheuer viel. Wenn es morgen mit meiner Karriere vorbei wäre und mich nie, nie wieder jemand engagieren würde, hätte ich überhaupt keinen Anlaß, mich zu beschweren, denn ich habe ein mehr als nur erfülltes Tänzer-Leben gehabt. Es gibt Tänzerinnen, die haben schon mit drei Jahren angefangen, sind ihr ganzes Leben dabeigeblieben, aber kommen doch nie aus ihrem Studio hinaus und werden deswegen auch nie das erleben, was ich alles erlebt habe. Aber ich bin ja nicht nur Tänzerin, sondern auch Künstlerin. Deswegen hoffe ich sehr, daß der Tanz mich zu etwas Neuem führen wird. Früher habe ich gebrauchte Kaugummis mit Zahnstochern verbunden und daraus Kunst geschaffen. Darüber bin ich dann beim Tanz gelandet. Heute schaffe ich keine Kaugummi-Kunst mehr, weil ich ja tanze. Deswegen bin ich auch so neugierig darauf, wohin der Tanz mich führen wird. Ich hoffe zu einer neuen Kunstform, die mich dann wiederum ganz woanders hinführt, und so weiter.

Du hast sicher noch etwas, das du den Menschen mit auf den
Weg geben willst.

Ich möchte gern sagen, daß ich die Menschen ermutige, viel fanatischer aufzutreten.
Sich viel fanatischer um einander und ihre Kunstkollegen zu kümmern. Die Leute denken immer, weil wir Künstler sind, können wir auch besonders cool mit allem umgehen. Aber ich meine, wir sollten nicht cool, sondern engagiert und fanatisch für unsere Freunde eintreten. Wenn wir etwas lieben, dann ganz und gar und aus dieser Leidenschaft keinen Hehl machen. Wenn einem etwas viel bedeutet, dann sprich das aus, versuche es wenigstens. Als Kinder waren wir viel ehrlicher und fanatischer. Und alles braucht seine Zeit. Man kann nicht etwas drei Jahre lang betreiben und dann glauben, man wisse schon alles darüber. Ich verspreche euch aber, wenn ihr etwas zehn Jahre lang betreibt und all euren Eifer und eure Leidenschaft hineinsteckt, dann erhaltet ihr auch eure gerechte Belohnung.

Fanatismus allein führt aber nicht weiter, Liebe muß auch dabei sein.

Genauso wie Leidenschaft und Entschlossenheit.

Wir sehen uns beim
Tribal-Festival in Hannover!
Homepage: www.unmata.com
zurück ...
Grafik und Web/Design: Konstanze Winkler
Photos ©: 1, 5 und 7 Konstanze Winkler, 2, 4 und 6 Brad Dosland (www.taboomedia.com), 3 Amy Sigil
Amy Sigil
- 3 -
1
2
3
4
5
6
7