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"ICH BIN MEIN EIGENER
"BIG BROTHER"


Interview mit Anasma
von Marcel Bieger
(auch Übersetzung)
Anasma zu sehen, gehört immer zu den Höhepunkten einer Show. Zurecht darf man sich auf etwas Neues freuen, und kaum eine andere beherrscht wie sie auch große Bühnen, wie zum Beispiel die des „tanzhaus nrw“. In diesem Jahr kehrt sie mit einer einstündigen Show an den Rhein zurück, wo sie sich erstmals von Schauspielern und einer eigenen Tanztruppe, der „Love Army“ begleiten läßt.
Und Anasma wird singen, hat sie doch ihre erste eigene
Musik-CD herausgebracht. Was es mit all dem auf sich hat, das wollten wir gern von ihr wissen …
Das letzte Mal haben wir dich in Deutschland mit der „Love Army“ gesehen, wie geht es denn mit diesem Projekt voran?
Ich bin stolz (und aufgeregt), hier verkünden zu dürfen, daß das „Love Army Project“ nun endgültig dazugehört, zu der 60-minütigen Musiktheater-Produktion „1984 … 2014“, die auf dem „Orientale Festival 2014“ des „tanzhaus nrw“ zur Welturaufführung kommen wird. Wir zeigen sie nur an einem Abend, nämlich dem 28. Februar, Rudi von Kapff von „Zackenflanke“ wird sie auf Video aufnehmen, aber wann die Show noch einmal zur Aufführung kommt, darüber sind die Verhandlungen noch nicht abgeschlossen. Die Tänzerinnen der „Love Army“ - Karanfilia (Liza Langer), Alayah (Alex Wolf), Safiyya (Inga Heppner), Asita (Stefanie Kautz), Munya Budur (Judith Hanl), Eva Stephan und Apsara Habiba) – treten einmal in der Show auf, und hinzu kommen zwei Schauspieler von der „Compagnia Degli Gnomi“, Massimo Capuano und Chiara Meloni, die beide aus dem italienischen Perugia stammen und auf die ich mich schon sehr freue.
Die Aufführung „1984 … 2014“  beginnt mit einer Vision meines Ehemannes Pierre. Er ist so etwas wie ein wahrer “französischer Revolutionär”. Wie er glaube auch ich, daß sich die Welt, so wie wir sie kennen, nicht immer in die richtige Richtung dreht. Wir beide sind der Ansicht, daß den Menschen nichts anderes als Hoffnung, Liebe und das Bemühen bleibt, die kommenden Generationen nach bestem Wissen und Gewissen zu erziehen. Unsere zukünftigen Kinder sollen in dieser unsteten Welt die Werte lernen, an die wir glauben. Aus dieser Vorstellung heraus wurde „1984 … 2014“ geboren.
Seit Jahren trage ich mich schon mit dem Gedanken, eine ganze Ein-Personen-Tanz-Show zu entwickeln, in der ich in all die Rollen schlüpfe, die ich bereits erschaffen habe. Vielen von ihnen denken ja ganz ähnlich wie Pierre und ich, quälen sich mit den gleichen Sinnfragen und Grübeleien. „Miss Liquid“ stellt in „Evil Pills“ und in „A Bad Dream“ (das Stück mit dem Autounfall) unsere Welt infrage. Sie läßt sich mit dem Teufel ein, der ihr „teuflische Energie“ verleiht. Der Versucher will sie dazu bringen, „zu schlafen und nichts davon mitzubekommen, wie er die Welt manipuliert.“ Miss Liquid läßt sich zunächst von ihm verlocken, weist am Ende aber seine negative Energie von sich. 2010 habe ich das in Düsseldorf auf der Orientale aufgeführt und 2011 ebenfalls dort die Fortsetzung davon. „Hagalla“ hat beide Stücke gesehen und sich sehr positiv (eher begeistert, Anm. d. Red.) darüber geäußert.
2012 habe ich die Figur „Charlie Nummer 6“ entwickelt, die auf Charles Chaplin in dem Film „Moderne Zeiten“ basiert. In meinem Stück verbindet er sich mit „The Prisoner“, der Hauptfigur der gleichnamigen englischen Fernseh-Serie aus dem Jahr 1967 (deutsch „Nummer Sechs“). Aus dieser Serie stammt auch der Ausspruch: “I am not a number, I am a free man”. („ich bin keine Nummer, sondern ein freier Mensch.“) Wie in dem Film „Moderne Zeiten“ rebelliert auch mein „Charlie Nummer Sechs“ gegen die sinnentleerte Arbeit, die er in der Fabrik zu leisten hat. Ich fühle mich dieser Figur sehr seelenverwandt, denn ich habe meine Tätigkeit als Betriebswirtin bei der Firma Unilever nach einem Jahr beendet, als mir klar wurde, daß ich nicht mein Leben damit verbringen wollte, den Umsatz von Tütensuppen zu steigern, bloß um die Anteilseigner noch reicher zu machen. Als Folge davon habe ich auf mein Herz gehört und mich für eine künstlerische Laufbahn als Tänzerin entschieden.
Und schließlich sind da ja noch der Soldat und die Armee der Liebe. Die „Love Army“ erblickte ebenfalls im Jahr 2012 das Licht der Welt. 2013 kam dann die ganze Tanztruppe hinzu, und das Projekt war als Tribut an Michael Jackson gedacht, der sein ganzes Leben die Liebe gepredigt und gefördert hat. Er hat sein Publikum gern mit dem Satz „Ich liebe euch alle“ begrüßt und das auch während der Show mehrfach verkündet. Mein „Love Soldier“ spricht von inneren Dämonen und davon, „gegen sich selbst zu kämpfen“ oder „mit der eigenen Natur zu ringen“. Wir sind stets zu uns selbst am härtesten … zumindest bei mir ist das der Fall. Ich trete mir selbst gegenüber manchmal als Diktatorin auf; wie der Große Bruder beobachte und überwache ich mich.

Michael Jackson war ein großer Fan von Charlie Chaplin, was niemanden verwundern kann, und er hat den Pantomimen Marcel Marceau verehrt. Eigentlich nicht überraschend, daß Michael in mir so viel ausgelöst hat. Schon mit zehn war ich hingerissen von seinem Werk.

Im letzten Sommer habe ich noch einmal George Orwells Roman „1984“ gelesen. Und dabei erkannte ich, wie ich alles miteinander verknüpfen kann: Pierres und meine Weltsicht, meine Liebe zu Pierre mit meinem Beruf, mit einer Vielzahl all der Stücke, die ich in den vergangenen Jahren choreographiert habe, und ihren jeweiligen Geschichten, und wie auch noch andere Künstler in das Ganze eingebunden werden konnten. Mit Massimo und Chiara habe ich zwei Schauspieler gefunden, die einfach perfekt darin sind, die einzelnen Fäden zu verbinden und weiterzuspinnen. Und schließlich die „Love Army“, deren Tänzer Rebellinnen gegen das System darstellen und für eine gute Sache eintreten, für die Liebe nämlich, statt nur um des Kampfes willen zu kämpfen.

Ich bin so glücklich darüber, eine Verbindung und Einheit zwischen allen meinen verschiedenen Visionen gefunden zu haben, denn sie alle wollen ja etwas zum Ausdruck bringen. Jetzt weiß ich endlich, was ich eigentlich sagen will. Und noch ein Stück wunderbarer ist, dies auch mit anderen Menschen teilen zu können und dabei auch noch von einem phantastischen Team unterstützt zu werden, sowohl auf wie auch hinter der Bühne.

Als ich letztes Jahr das Projekt „Love Army“ entwickelt habe, brachte das für mich auch den angenehmen Nebeneffekt mit sich: Ich konnte mit der Idee experimentieren, zum einen von einer Gruppe Tänzerinnen umringt zu sein und gleichzeitig an meinem Gesang zu arbeiten. Ich mußte nämlich erkennen, daß es mir immer noch ein wenig schwer gefallen ist, zu tanzen und gleichzeitig gut zu singen. Bis ich dann herausgefunden habe, wie Bewegungs-Dynamik die Gesangs-Dynamik unterstützen kann. Zu singen, während man tanzt, ist nämlich gar nicht so ohne.
Atemtechniken müssen beim Tanzen und Herumspringen eingehalten werden, weil man sonst das Singen vergessen kann. Ich habe den allergrößten Respekt vor den Künstlern, die eine ganze Show hindurch singen und tanzen können. Deswegen habe ich mir für dieses Jahr überlegt, den anderen Tänzerinnen den Tanz zu überlassen und mich voll und ganz auf meinen Gesang zu konzentrieren. Eben immer hübsch eins nach dem anderen, ha-ha. Mir wohnt die Unart inne, immer mehrere Dinge gleichzeitig anzufangen und sich stets nach neuen Herausforderungen umzusehen. Manchmal sieht man darüber den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Und so habe ich mir gesagt, Anasma Anh-Asma, mach mal halblang … das muß ich endlich einmal lernen
Warum hast du dich für eine Europa-Tournee entschieden, und was können die Zuschauer erwarten?
Ich bin in Paris aufgewachsen, in einem halb vietnamesischen und halb tunesischen Haushalt. Bis zu meinem 24. Lebensjahr habe ich in Frankreich gelebt. Europa ist mir also über zwei Drittel meiner Jahre die Heimat gewesen. Eine Europa-Tournee ist für mich auch immer ein Heimspiel. Ich habe andere wunderbare Orte kennengelernt, wie zum Beispiel New York City, wo ich fünfeinhalb Jahre gewesen bin und mir sogar einen amerikanischen Paß besorgt habe. Aber inzwischen bin ich wieder zurück nach Paris. Ich reise furchtbar gern durch Europa, und die Tournee verschafft mir die einmalige Gelegenheit, einige sehr liebgewonnene Orte und Menschen wiederzusehen, nicht so weit weg von der Familie zu sein, Freunde wiederzutreffen und Pierre ganz nahe zu sein. Aber ich freue mich auch auf neue Orte und neue Gesichter.

Ich bin schon ganz aufgeregt wegen Ingolstadt in Bayern, wo ich noch nie gewesen bin und am 15. März zum ersten Mal auftrete. Was für ein Glück ich doch habe, in einem Beruf zu arbeiten, in dem ich um die ganze Welt komme. Ich betrachte mich nämlich als Weltenbürgerin, die mit anderen Menschen mittels Musik und Tanz kommuniziert.

Die Menschen können eine Anasma erwarten, die mehr Selbstvertrauen gewonnen hat und etwas reifer geworden ist, was sich sowohl auf der Bühne als auch in ihrem Unterricht zeigt  Ich habe mich in den beiden letzten Jahren nämlich sowohl persönlich wie auch beruflich weiterentwickelt. Ich gehe aber immer noch so manches Risiko ein und setze in meiner Arbeit alles um, was ich gelernt und erlebt habe.

Vor fünf Jahren wäre ich sicher davor zurückgeschreckt, ein eigenes Album aufzunehmen. Dazu mußte ich erst meine Stimme finden, sowohl die innere wie die äußere. Sich selbst durch Gesang zum Ausdruck zu bringen fordert viel von einem, gibt aber auch sehr viel. Im Tanz habe ich viel mehr Rollen entwickelt, in die ich schlüpfen und in die ich mich während eines Auftritts verwandeln kann. Ich versuche immer, mich bis in die tiefste Emotion hinunter in das hineinzuversetzen, was ich auf der Bühne zeige, und dazu zu stehen. Aber vor einiger Zeit bin ich zu der Erkenntnis gelangt, daß ich mich bei meinen Tänzen gelegentlich auf den inneren Autopiloten verlassen habe, sogar bei großen Gefühlen.

Zu meinen besten Auftritten gehörte der vor gar nicht langer Zeit, bei dem ich den Ärger und die Zerrissenheit in mir annehmen konnte. Zum ersten Mal seit langer Zeit wollte ich nicht nur einfach tanzen. Und ich habe gespürt, wie ich über mich selbst hinausgewachsen bin. Ein wunderbarer Moment, denn endlich habe ich nur für mich, für die Anasma in mir getanzt, und nicht, um einem Publikum zu gefallen, um es zu beeindrucken. Das hier war ich, die authentische Anasma, und ich fühlte mich wie im Paradies, fühlte mich wie ein Mensch und nicht die große Anasma, die dies und das und jenes kann. Ich kann nur hoffen, daß das Publikum das genauso gesehen hat.

Beim Gesang kann man sich nicht in einer Rolle verstecken, zumindest habe ich noch nicht herausgefunden, wie das gehen könnte. Wenn ich versuche, mich durch Gesang auszudrücken, bin ich dabei verwundbarer denn als Tänzerin. Aber gleichzeitig hat diese Verletzlichkeit einen ziemlichen Reiz.
Ich stelle meine Stimme zur Schau!
       

Mit anderen Worten, die Menschen dürfen davon ausgehen, mich singen zu hören, und dürfen von mir etwas mehr Reife und Tiefgang erwarten, wenn ich ihnen Geschichten erzähle. Und ich bin körperbewußter geworden. Obwohl ich bei meinem Tanz sehr körperbewußt wirke, mache ich doch immer noch sehr viel über den Kopf oder „schöpferisch von oben“, wie ich zu sagen pflege.

Dank meiner Modern Jazz-Ausbildung bei Dominique Lesdema und Bastien Nozeran und aufgrund meiner Zusammenarbeit mit Linda Faoro oder im Modal Modern Underground mit Thierry Verger entdecke ich den Tanz neu.

Und mit ihm das Körperbewußtsein, die Bewegungs-Wahrnehmung und, am allerdeutlichsten, die Sinneseindrücke. Tanz ist so viel mehr als bloße „Konzepte“. Ziemlich spannend, diese neuen Erkenntnisse in den bereits vorhandenen Kreativ-Koffer zu packen.
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Photos ©: 1 und 5 Margaux Rodrigues, 4 und 6 André Elbing, 3 Devon Rowland, 7 und 8 Fernando Naiberg, 2 und 9 Konstanze Winkler
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links: Anasmas "Love Army"
"Miss Liquid"
"Charlie No. 6"
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Grafik/WebDesign: Konstanze Winkler
"Love Soldier"
"Little Devil"
"A Bad Dream"