Startseite/Aktuelles
zurück zu Interviews
"ICH BIN MEIN EIGENER
"BIG BROTHER"


Interview mit Anasma
von Marcel Bieger (auch Übersetzung)
Deine Show „1984 … 2014“ ist also wieder, wie immer bei dir, etwas ganz Neues. Laß uns noch einmal zu ihr zurückkehren …
„1984 … 2014“ hat mich ungeheuer in Atem gehalten, aber ich habe trotzdem mein Herzblut darin vergossen. Wie bereits erwähnt gehe ich schon seit Jahren mit dieser Produktion schwanger. Doch die Umsetzung fand erst im letzten Sommer statt, nach meiner erneuten Reise in George Orwells Land „1984“. Meine Vorstellungen wurden danach klar und deutlich. Und da ich meine eigene Musik zu den Tänzen und schauspielerischen Leistungen einsetzen kann, ist für mich ein Traum wahr geworden.
Zur Handlung: Meine Geschichte ist von Orwells Roman inspiriert worden. Darin finden sich manche Parallelen zu unserer heutigen Gesellschaft, in der die Privatheit zerfällt und man allerorten auf Videoüberwachung trifft. Im Roman leben die Menschen in einer totalitären Gesellschaft, in der der Große Bruder über alles wacht. Aber wir haben es ja selbst so gewollt. Ich bin Bestandteil dieses Systems und gebrauche wie selbstverständlich Kontaktforen wie facebook, oder Twitter, „iPhone“ und dergleichen. Wir verlieren uns zwischen der Reinerhaltung unserer Werte und deren Umkehr. In „1984“ tilgt die Partei Wörter, um die Menschen daran zu hindern, etwas anderes als das zu denken (oder auch nur davon abzuweichen), was sie als Regel aufgestellt hat. Unter „Regel“ versteht man sowohl eine bestimmte Definition als auch deren Gegenteil. Darüber verliert man den Überblick über das, was richtig und falsch ist. Und so dreht es sich in meiner Show auch um die Umkehr, den Verlust und die Wiederentdeckung von Werten.
Ähnlich wie im realen Leben werden die Menschen von
„1984 … 2014“ durch die Propaganda von den wahren Werten abgelenkt. Massimo Capuano und Chiara Meloni von der Compagnia Degli Gnomi stellen Winston und Julia dar,
ein Liebes-Paar, das gegen die Partei des Großen Bruders rebelliert. Dazu taucht auch die „Love Army“ auf, also die Rebellenarmee, welche den Wert Hoffnung verteidigt.

Die Show versteht sich auch als Tribut an Charles Chaplin, den man als Querdenker und Zeitkritiker angesehen hat, und an Michael Jackson, den „Soldaten der Liebe“. Ich wollte in meiner Geschichte auf die Schönheit der Vergangenheit zurückgreifen und dazu Elemente aus den Stummfilmen, alte Werte und vergangene Serien verarbeiten, um in ihnen einen Zugang zu der Schönheit der heutigen Welt zu finden. Mit der Vorherrschaft der Technologie, den Großregierungen und den globalen Konzernen laufen wir Gefahr, einige der Fehler der Vergangenheit zu wiederholen. Und auch wenn wir in unserer Dystopie einige sehr ernste Themen anschneiden, habe ich im Drehbuch dennoch nicht die komischen, die hoffnungs- gebenden und die aufrüttelnden Momente vergessen.

Ich glaube nämlich, daß es die Aufgabe der Kunst ist, uns dazu zu bringen, bestimmte Zustände aus einer anderen Perspektive, aus einem anderen Blickwinkel wahrzunehmen. Manchmal mag es sehr hart sein, auf die finstere Wirklichkeit zu schauen, aber gerade dann haben die Kunst und die Künstler die Aufgabe, den Menschen Träume, Wohlgefühl und Anregungen zu geben.

Vor ein paar Monaten war ich wieder in New York City und habe mir dort „Sleep No More“ nach Shakespeares „Macbeth“ angesehen. Die Inszenierung war, wie überhaupt die gesamte Produktion, einfach phantastisch. Die Schauspieler konnten das Publikum immer wieder mitreißen, und diese Form der Interaktion möchte ich gern einmal in einer meiner Shows verwirklichen. Schon vor Jahren habe ich angefangen, an dieser Form herumzubasteln, aber bis mir das gelungen ist, werden wohl noch ein paar Jahre vergehen.

Nun gut, in „Sleep No More“ bin ich aber auch mit einigen sehr unschönen Dingen konfrontiert worden, Mord, Selbstmord, Orgien, und, am allerschlimmsten, einem satanischen Ritus, auf dessen Höhepunkt ein Säugling dem Teufel geopfert wird, einem nackten Mann mit einer Ziegenkopfmaske. Aber in all dieser Finsternis fand sich kein Platz für Hoffnung oder das Licht. Diese Aufführung hat nur den Voyeurismus und die dunklen Seiten in mir bedient, und auch die der anderen Zuschauer. Wir haben nur dagesessen und den Schauspielern zugesehen, wie sie durch das Bühnenbild gelaufen und irgendwo stehengeblieben sind, und wir haben auf Interaktion verzichtet, wie zum Beispiel den Saal zu verlassen und somit anzuzeigen, daß wir davon genug gesehen haben. Ich glaube, als Menschen haben wir in dieser Show auf unseren eigenen Schutzmechanismus verzichtet und uns mit den Worten zu betäuben versucht „Das passiert doch nicht in Wirklichkeit, sondern nur auf der Bühne.“ So ähnlich verhalten wir uns ja auch, wenn wir die Nachrichten oder die Gewalt im Fernsehen einfach so an uns vorbeirieseln lassen.

Ich habe sehr lange gebraucht, um diese Aspekte der Show zu akzeptieren. Ich habe mich aber schließlich damit abgefunden, visuell und emotional „vergewaltigt“ worden zu sein. Und ich bin nicht aufgestanden und gegangen, sondern geblieben. Ich habe mich für die Dunkelheit entschieden und stumm hingesehen. Als ich dann später nach Hause gegangen bin, habe ich mich deswegen furchtbar über mich selbst geärgert. Warum hatte ich das Theater nicht früher verlassen. Und warum hatten so viele Leute im Publikum solche Gewalt als scheinbar ganz normal empfunden? Sind wir denn eine so abgestumpfte Gesellschaft geworden? In diesem Moment habe ich mir fest vorgenommen, daß in meinen Shows, in meinen Visionen zwar auch der Teufel, das Böse und die Dunkelheit in mir vorkommen sollen, es gleichzeitig aber auch Raum für Hoffnung, Inspiration, Träume, Liebe, Freude und Schönheit vorhanden sein muß. Natürlich haben wir die Finsternis genauso hinzunehmen wie das Licht, aber wir dürfen uns nicht nur auf eine Seite konzentrieren. Es muß ein Gleichgewicht zwischen beiden geben, und ich will mich ganz gewiß nicht allein mit dem Bösen beschäftigen. “Sleep No More” kamen mir wie drei Stunden in der Hölle vor.

In der Show hören wir Lieder, Texte und Instrumentalversionen von meinem Album „Chance Is Back“. Dafür bin ich zurück ins Studio, um mit Omar Blastermind neue musikalische Elemente für die 60-minütige Show zu produzieren. Alle meine Solos, die ihr früher gesehen habt, besitzen nun ihre eigene Musik, und wenn ich von dieser Show eine DVD zusammenstelle, gehören mir auch die Musikrechte daran. Es war auch wirklich toll, wieder einmal Liedtexte zu schreiben und erneut hinter dem Mikrophon zu stehen, diesmal gesangstechnisch viel weiter entwickelt als früher. Was für ein Vergnügen, wieder zu singen und neue Lieder auszuprobieren!

Die Show besteht aus Schauspiel, Bauchtanz, Pantomime, Hip Hop, Modern und anderen Tanzstilen. Ich bin unendlich froh, daß diese Vision endlich auf der Bühne Wirklichkeit wird. Meine Mitstreiter, die beiden Schauspieler und die Tänzer der „Love Army“, und all die Menschen hinter der Bühne waren mir mit ihrem Können und ihrer professionellen Arbeit eine ungeheure Stütze. Ich fühle mich ausgezeichnet, mit solchen Menschen gearbeitet zu haben. In diesem Zusammenhang möchte ich auch ein paar anderen danken, die mir außerhalb der Bühne zur Seite gestanden haben: Jenny Nichols von der „World Belly Dance Alliance“ und Raqsie, mit der ich schon bei den „New York Theatrical Bellydance Conferences“ 2010-2011 zusammengearbeitet habe. Sie haben mich sehr bei allen Texten und den Werbemaßnahmen unterstützt. Die Videos für die Show haben die außergewöhnlich begabten Lea Amiel und Nicolas Libersalle, besorgt, zwei tolle Filmemacher, die schon mein erstes Musik-Video, “Ocean Elevation”, produziert haben. Mit solcher Unterstützung kann eigentlich nichts schiefgehen.

Ich plane außerdem einen Spendenaufruf für dieses Projekt,
in Form von Anteilsgutscheinen oder wie auch immer. Produktionen wie „1984 … 2014“ gehen sehr ins Geld. Die Künstler und Bühnenarbeiter wollen natürlich entlohnt werden, und die Vor- und Nachbereitung einer solchen Show verursachen ebenfalls immense Kosten. Ich hoffe sehr, daß genügend Menschen an mich und meine Arbeit glauben und mir helfen, sie umzusetzen. Wir freuen und bedanken uns für jede Form der Unterstützung.

- 2 -
zurück ...
weiter ...
1
2
3
4
5
6
7
8
Photos ©: 1, 3, 4, 5, 6, 7 und 8 Margaux Rodrigues (Design Anasma), 2 Fabio Torrico
Grafik/WebDesign: Konstanze Winkler
Compagnia Degli Gnomi
Anasma in ihrer Rolle als " Die Mutter"
"Soldatin der Liebe - Love Soldier"
Anasma als "Stolze Arbeiterin"
Doch jetzt wieder zu „1984 … 2014“: Der kleine Teufel hat einen politischen Auftrag und erfüllt einen Zweck. Er steht für das, was sich hinter den Regierungen verbirgt, verkörpert diejenigen, die in unserer heutigen Welt über die Macht verfügen und international die Finanzen regulieren.
Die Offizielle Webseite des Projekts "1984 - 2014":.. WWW.BIGBROTHERISLOOKINGAFTERYOU.COM