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Interview mit der
vietnamesisch-tunesischen
Tänzerin

Anasma

von Marcel Bieger

TANZ UND WÜRDE ERGEBEN FUSION
Als wir Anasma zum ersten Mal live gesehen haben, im Februar des Jahres auf der Düsseldorfer „Orientale“, stand für uns fest, die wollen wir besser kennenlernen. Wir kamen leicht mit ihr ins Gespräch – sie ist ein sehr freundlicher, höflicher und liebenswürdiger Mensch -, und haben ein Interview verabredet. Da Anasma so viel unterwegs ist, konnte dies nur schriftlich erfolgen und nahm einige Zeit in Anspruch. Wir sind der Ansicht, daß das Warten sich gelohnt hat. Bislang haben wir noch nie ein so langes Interview veröffentlicht. Doch an diesem Text etwas kürzen, aus dem wir erfahren, warum Anasma ganz allein mit ihrer Präsenz auch die größte Bühne füllt, warum sie soviel Wert auf eine schauspielerische Ausbildung für Tänzer legt oder was es mit ihrem „kleinen Teufel“ auf sich hat – nein, das geht nicht. Aber urteilt selbst. Wer es ganz genau wissen will, das englische Original stellen wir ebenfalls auf unsere Seite. Und wer jetzt neugierig geworden ist und sie sehen will, vom 15.-17. Oktober weilt sie in Hannover zum „Work Camp“ (mit Dinner-Show am 16.) und dann erst wieder (voraussichtlich) am 3. und 4. März 2011 zur Orientale in Düsseldorf. (www.anasmadance.com)
Du bist vietnamesischer und tunesischer Herkunft, das prädestiniert dich geradezu für Fusionen aller Art – und wenn man deine Biographie liest, hast du sie nicht nur schon alle ausprobiert, sondern auch ganz neue Kombinationen entwickelt.

Meine Fusionen sind Widerspiegelungen meiner Persönlichkeit. Ich verstehe mich mit allem Nachdruck als Weltbürgerin. Und als Mischling, als Erzeugnis verschiedener Kulturen, liegt es sozusagen in meiner Natur, besonderen Wert auf Tanzmischungen zu legen.

Als Mensch mit orientalischer Abstammung, der in westlichen Städten, mehr noch, in westlichen Metropolen wie Paris und New York aufgewachsen ist und dort immer noch lebt, arbeite ich schon seit Jahren an einer Fusion von Hip Hop und Bauchtanz. Mit dem Bauchtanz identifiziere ich mich, und Hip Hop deswegen, weil er die Ausdrucksform meiner Generation ist. Aus meiner asiatischen und meiner arabischen Herkunft ist „Wushu Bauchtanz“ entstanden (Wushu ist der Oberbegriff für alle Arten chinesischer Kampfkunst). Zwei Jahre, nachdem ich mit dem Bauchtanz begonnen hatte, habe ich mich in Salsa verliebt. Von da an habe ich davon geträumt, diese beiden Genres miteinander zu verknüpfen. Ich arbeite gerade daran, auch diesen Traum wahr werden zu lassen. Vor Zeiten habe ich Turnen mit Bauchtanz verbunden, und bei meinem zweiten Solo-Stück – zu Michael Jacksons „Who Is It“ (1999) - habe ich Hip Hop in meinen Bauchtanz eingebaut.

Meine wichtigste Begegnung von zwei unterschiedlichen Stilen war aber die vom Tanz mit dem Theater. Das Theater kann nämlich sich selbst „layern“ und sich mit jedem Tanzstil und mit jeder Tanztechnik verbinden. 

Bei jedem Auftritt, bei jeder Show, die ich mir anschaue oder selbst schreibe, kommt es mir auf die Botschaft und das Vorhaben hinter der Bewegung an. Tanz ist Selbst-Ausdruck. Ich halte es für wichtig, daß jeder Tänzer seine eigene Verbindung, seinen eigenen Weg zu sich selbst findet. Tänzer, die das Publikum am meisten berühren,  sind niemals Nachahmer eines anderen Künstlers. Da gilt natürlich auch für andere Kunstformen. Der Maler Picasso, der Filmschaffende Wong Kar Wai oder die Sängerin Edith Piaf waren und sind nicht wie andere, sondern einzigartig.

Ich möchte auf den Begriff „erfinden“ (bei neuen Kombinationen) zurückkommen.

Richtig, ich nehme wirklich jede Anstrengung auf mich, neue „Fusionen“ zu erschaffen. Etwas Neues, weil ich nie wie die anderen sein wollte. In Frankreich sieht man mich nicht als typisch französisch an, weil ich halb Tunesierin und halb Vietnamesin bin. In den USA bin ich die Französin. In Vietnam halten mich die Einheimischen, also mein Volk, nicht für eine der ihren. Dort bin ich die Vietnamesin, die im Westen aufgewachsen ist. In Tunesien würden die Einheimischen, also ebenso mein Volk, wegen meiner asiatischen Züge überhaupt nicht auf die Idee kommen, ich könnte mit ihnen verwandt sein. Auf Märkten fragt man mich das chinesische „Ni hao Ma?“ („Wie geht es dir“), wenn man mir nicht gleich mit dem japanischen „Konichiwa?“ kommt (bedeutet so ziemlich das Gleiche).

Wenn Menschen mich irgendwo auf der Welt nach meinem Namen fragen, erkläre ich voller Stolz meine Herkunft, weil eine solche Kombination ja wirklich etwas Besonderes ist. Natürlich haben meine Eltern nicht aus dem Grund geheiratet – sie haben sich sehr geliebt und geachtet und waren von einer sagenhaften Toleranz. Ich habe also allen Grund, auf meine Abstammung stolz und meinen Eltern dankbar zu sein.

Und nun zum „Erfinden“, oder um es noch genauer zu sagen, mein Ziel lautet, aus mir selbst heraus neue Fusionen zu entwickeln. Mit sechzehn hatte ich auf einmal die Vorstellung, ich sollte Bauchtanz mit Gymnastikbändern, einem spitzen vietnamesischen Hut und Fächern tanzen. Ein paar Jahre später mußte ich feststellen, daß es diese Art der Fusion bereits gab. Camelia, eine japanische Tänzerin mit Wohnsitz in Paris tanzte mit Bändern, im traditionellen chinesischen Tanz setzt man Seidenfächer und –bänder ein (die allerdings kürzer und breiter als die Gymnastikbänder sind), und der traditionelle

vietnamesische Tanz sieht einen spitzen Hut vor. Seitdem „erfinde“ ich meine neuen Fusionen aus meinen Gefühlen und aus den Ideen, von denen ich mir sagen kann, daß ich sie nicht woanders aufgeschnappt habe. Aber ich glaube, daß wir alle miteinander in Verbindung stehen und uns gegenseitig inspirieren. Es kommt immer wieder vor, daß zwei Menschen an verschiedenen Orten der Erde gleichzeitig denselben Einfall haben. Wir wiederverwerten, und das Leben ist ohnehin ein Kreislauf.
Manchmal entwickle ich eine Nummer nach den „Vorgaben des Marktes“, und auf diese Weise bediene ich mich der Möglichkeiten. Doch grundsätzlich strebe ich danach, die Stücke aus dem zu erschaffen, was von mir in mir ist. Je mehr ich nachforsche und schaffe und je mehr Menschen ich kennenlerne, desto mehr lerne ich auch darüber kennen, wie andere Künstler ihre Fusionen entwickeln – und oft genug unterscheidet sich das gar nicht so sehr von dem, was ich getan habe. Hier ein paar Beispiele:

Assia Guemra (www.assiaguemra.com), die einen schwarzen Gürtel in Tae-Kwan-do trägt, hat lange vor mir Bauchtanz und Kampfkunst miteinander verschmolzen. Sylvie Adbel Khalek, meine Tanztruppen-Chefin, wollte auf der Bühne eine Verbindung von Bauchtanz und Hip Hop zeigen, und zwar mit drei Hip Hop- und drei Bauchtänzern. Damals war ich sechzehn, totaler Fan der Sendungen auf MTV und dessen kommerziellem Hip Hop. Sylvie und ich entwickelten eine Menge Choreographien am Telephon und indem wir uns das dann bildlich vorstellten. Viel später, 2006, fand ich heraus, daß „Bellyqueen“
(www.bellyqueen.com) – und unter ihnen vor allem Elisheva und Kaeshi Chai das Gleiche anstrebten und Bauchtanz mit Popping kombinierten.

"Monkey totem", Anasma, Vanessa Neva und Lena Marti
2008 lernte ich in New York Vanessa Neva kennen (www.worldancearound.com), die ihre ganz eigene Mischung aus Afro, Bauchtanz, House und Breakdance entwickelt hatte. 2009 lief mir in Paris Linda Faoro (www.myspace.com/Lindafaoro) über den Weg, die seit Jahren an ihrer Fusion aus Jazz, Hip Hop, Afro und Bauchtanz arbeitet. 2010 schließlich bin ich Raqs Steady Eddie und Ebony Qualls begegnet, ebenfalls amerikanischen Künstlern, die erstaunliche Ergebnisse bei der Fusion von Hip Hop und Bauchtanz erzielt haben.
Langer Rede kurzer Sinn, in einigen meiner Fusionen „erfinde“ ich Wege, um Bestehendes aus einem neuen Blickwinkel zu sehen. Ich entschlüssle Bewegungen aus verschiedenen Tänzen mit einem Bauchtanz-Auge und einigen Formeln aus dem Zeitgenössischen Tanz. Genau so, wie man sich zunächst seiner Muttersprache bedient, um eine fremde Sprache zu erlernen. Nach einer Weile muß man sich dann fragen, ob die fremde Sprache, die man lernt, bereits so sehr beherrscht wird, daß man sie auch unabhängig von der Muttersprache einsetzen kann. Wenn man dieses Bild auf den Tanz überträgt, so muß ich erst den eigenen Tanz beherrschen und verstehen, ehe ich ihn mit einem anderen verbinden kann. Und um nochmal auf die Sprache zu kommen, die Muttersprache bleibt einem immer als Grundlage, immer als das, worauf man sich zurückziehen kann.

Ich habe ganz sicher dazu beigetragen, einige Fusionen populär zu machen. Ich hoffe, damit andere Menschen zu inspirieren, zugleich aber in meinem Forschen immer mir selbst treu zu bleiben.

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Layout: Konstanze Winkler
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© Photos: 1 Scott Schuster, 2 Joe Marquez, 3 David Djiang, 4 Brian Lin
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