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Interview mit der
vietnamesisch-tunesischen
Tänzerin

Anasma

von Marcel Bieger

TANZ UND WÜRDE ERGEBEN FUSION
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Layout: Konstanze Winkler

Welche Fusionen gefallen dir am besten, und welche war für dich die größte Herausforderung?

Ich mische sehr viele Stile mit dem Bauchtanz. Seit 1997 befasse ich mich mit dem Bauchtanz, und heute glaube ich, daß ich immer noch einiges über Folklore-Tänze zu lernen habe, über den Umgang mit verschiedenen Hilfsmitteln und Accessoires sowie über den Einsatz bestimmter Musiken. Es ist das alte Lied, je mehr man lernt, desto mehr erkennt man, wie wenig man doch weiß. Aber im Ernst, ich glaube, ich verstehe bereits genug vom Bauchtanz, um ihn in Ehren zu halten und ihn wie einen Koffer mit auf die Reise zu nehmen, auf der ich andere Gefilde erkunden und kennenlernen will. Grenzen sind schließlich dafür da, überwunden zu werden, nicht wahr? Ob Hip Hop mit Bauchtanz, Wushu mit Bauchtanz oder Salsa mit Bauchtanz, wenn ich improvisiere, mache ich vom ganzen Schatz all dessen Gebrauch, was jemals Einfluß auf mich gehabt hat.

Wenn ich zwei Stile miteinander kombiniere, achte ich darauf, von beiden das Herz und die Eigentümlichkeiten zu erfassen. Ich bin der festen Ansicht, daß ein Tänzer das mit jeder nur möglichen Kombination zweier Stile tun kann, wobei natürlich manche Fusionen einfacher gelingen als andere. Nehmen wir nur einmal als Beispiel mein „Hip Hop Bellydance Liquid Fusion“ (Anasmas Lehr-DVD, siehe Besprechung in dieser Zeitung), das funktioniert so: Vom Bauchtanz nehme ich die fließenden Bewegungen, die Weiblichkeit und die Musikalität. Vom Hip Hop erhalte ich verschiedene Möglichkeiten, mein Körpergewicht zu verschieben und meine Füße einzusetzen; ich verdanke ihm Arm- und Beinarbeit, wie sie der Bauchtanz nicht kennt. Ich mache meine Bewegungen „größer“, ich gestalte sie im Sinne des Hip Hop  großstädtisch und mit „Attitude“. In meinem Unterricht setze ich gern Hip Hop Musik ein, um meinen Schülern „Hip Hop Bellydance Liquid Fusion“ nahezubringen. Hip Hop trägt mich davon und fördert meine Kreativität. Nach meiner Ansicht lassen sich Hip Hop und Bauchtanz hervorragend „fusionieren“, weil beide Genres mit Isolierungen arbeiten (man denke nur an das „Popping“ im Hip Hop). Aber mit dem Körpereinsatz und der Kostümierung läßt sich auch wunderbar spielen.
Beim Salsa-Bauchtanz werde ich wieder zur „femme fatale“. Im Salsa führt nämlich der Mann, während im Bauchtanz nur wir Frauen allein entscheiden, welcher Schritt als nächster folgt. Aus dem Salsa beziehe ich die Fußarbeit, die im Bauchtanz unbekannt ist, und ich tanze zu Salsa oder Salsa-verwandter Musik. Salsa und Bauchtanz passen sehr gut zusammen, man muß nur in der Lage sein, das Layering zu verdoppeln oder gar zu verdreifachen – mit anderen Worten, verschiedene Körperpartien gleichzeitig einzusetzen. Dazu bedarf es einer guten Isolierungs-Technik und einer ausgezeichneten Körper-Koordination. Da auch noch eine weibliche „Führung“ auszuprobieren, macht erst recht Spaß.
Ich sollte hier einfügen, daß ich in meinen Fusionen immer schon mit ungewöhnlichen Persönlichkeiten und Rollen gespielt habe (ich war schon Prinz, ganz recht, nicht Prinzessin, der Teufel, ein Schizophrener, ein Ungeheuer und so fort), wie man sie von einer normalen Bauchtänzerin eigentlich nicht erwartet. Wenn ich dann das Weibliche in der Salsa-/Bauchtanz-Fusion betone, führt mich das zurück zu dem, was ich und mein Körper ursprünglich beim Bauchtanz herausgefunden haben.
Bei der Wushu-/Bauchtanz-Fusion entnehme ich der Kampfkunst die abwechselnden Geschwindigkeiten, die Figur des Kriegers, einige typische Posen (Pferdestellung, leere Stellung und fallende Stellung) und die Handarbeit und die Schläge (Fausthieb oder Handflächenschlag mit nach oben gespreizten Fingern und eingelegten Daumen). In der Regel wird Wushu ohne Musik ausgeführt und hat daher auch keinen musikalischen Takt. Deswegen kann es ganz schön schwierig sein, ihm Musik zu unterlegen. Für mich ist die Fusion mit Wushu deswegen auch die anspruchsvollste unter den drei angeführten Beispielen, weil er einen so anderen Pulsschlag hat und seine Ziele sich so völlig vom Tanz unterscheiden.

Aber für alle Techniken gilt, ich trainiere sie so sehr, wie es mir nur möglich ist, in der originalen Form. Manche Tänzer erlernen einen neuen Tanzstil, indem sie sich ganz seiner Würde und seinen Traditionen hingeben. Aber wenn ich einen neuen Tanz (im Sinne von neu für meinen Körper) erlerne, so gelingt mir das nicht immer gleich gut. Einiges fliegt mir sozusagen zu, und mit anderen tue ich mich ziemlich schwer. Da bekommt man manchmal den Spiegel vorgehalten: So ergeht es einer Anfängerin. Wenn ich mich also einem neuen Stil zuwende, versuche ich zuerst, seine Philosophie zu verstehen, seine Bedeutung, seinen Hintergrund und seine charakteristischen Formen. Natürlich beeinflussen mich meine eigene Verfassung und meine Tanzerfahrungen mein Vermögen, den neuen Tanz zu analysieren. Gleich wie, ich bin immer schon etwas vorbelastet. Und wenn ich ganz ehrlich sein soll, gefällt mir das auch ganz gut. Irgendwo in meinem Kopf arbeitet es immer an Fragen wie: „Hm, wie könnte man eine Bauchrolle in diese Salsa-Fußarbeit einbauen“, oder „wie kann ich den Camel Walk in einem Moon Walk ausklingen lassen.“ Ich liebe solche körperlichen Herausforderungen. Es verschafft mir Befriedigung, meine Grenzen immer weiter zu verschieben, und ich genieße das Gefühl, etwas erreicht zu haben. Ich möchte mich immer weiter entwickeln.

Ich habe mich auch im Zeitgenössischen Tanz weitergebildet, unter anderem bei Elisheva (Bellyqueen, www.elishevadance.com) und Dunya McPherson (www.dancemeditation.org), und der läßt sich mit allen anderen Stilen verbinden. Die Konzepte des Zeitgenössischen Tanzes haben den Rahmen meiner Tanzbewegungen unglaublich erweitert, meiner Kreativität Bahn gebrochen und ihr neue Möglichkeiten eröffnet sowie mich zu einer besseren Lehrerin und Choreographin gemacht.

Am besten gefällt mir bislang der Hip Hop Fusion, weil ich ihn am meisten betreibe. Seit 1999 mache ich mir Gedanken darüber, wie man Bauchtanz und Hip Hop zusammenführen kann, und seit 2006 setze ich das auch in die Praxis um.

Wie gehst du vor, wenn du vor einer neuen Form, einer neuen Mischung oder einer neuen Fusion stehst? Fängt alles mit einer Idee an, oder mit einer Melodie, die dir einfach nicht mehr aus dem Kopf will?

Wenn ich einen Theatertanz angehe, beginnt der Kreativ-Prozeß für gewöhnlich mit dem Exposé, oder dem Thema der Show oder mit einer bestimmten Figur. Die erste Idee kommt mir bei Tanz-Kursen, Videos, Filmen, Shows, Büchern oder Alltagserlebnissen. Mit denen im Hinterkopf überlege ich mir dann, wie ich meine Botschaft am besten vermitteln kann oder wie ich meine Rolle anlegen will. Erst danach denke ich über die Bewegungen nach, derer es bedarf, um meine Botschaft darzustellen. Manchmal fällt mir dazu aus den verschiedensten Quellen etwas gleichzeitig ein. Im Unterricht gehe ich natürlich anders vor, denn hier konzentriere ich mich ja auf die Technik, und hier beginne ich bei den verschiedenen Tanzstilen, die ich für den Kurs brauche. So kommen mir manchmal eigene Ideen, aber andere Male laden mich Veranstalter zu einer Show ein, die sie unter ein Motto gestellt haben. Wie zum Beispiel Willow Shang in ihrem Jahreskonzert „Puja“ (www.willowchang.com) In diesem Jahr lautet das Thema „Liebesbriefe“. (2009 stand die Show unter dem Motto „Götter und Monster“.) Die New Yorker Formation “The Venus Uprising”  (www.venusuprising.com) hat mich zu ihren

DVD-Aufnahmen eingeladen, wo es um Fantasy-Figuren ging; später dann auch noch zu ihrer Show unter dem Motto „Tarot-Karten“ und schließlich auch zu ihrer Show „Metamorphose“.Hin und wieder beginnt alles mit einem Musik-Stück, aber im Normalfall ist es mir schon lieber, ich habe erst einmal eine Grundidee, von der aus ich anfange, ein eigenes Stück zu entwickeln. Ein Beispiel: Ich bin von Souraya Baghdadi und Olivier Guion eingeladen worden, in ihrer „Eastern-Western“-Show zu tanzen. Es ging darin um eine Begegnung zwischen orientalischer Musik und Tanz mit europäisch klassischer Musik. Die beiden gaben die Musik vor, zu der wir tanzen sollten. Ich habe mich sofort in ein Stück namens „Japan“ verliebt, das Gareth Farr mit viel Flöte und Marimbas komponiert hat. Damals, 2009, habe ich dazu einen improvisierten Tanz mit vielen asiatischen Elementen, einer Menge Bauchtanz und einigen Theaterbewegungen aufgeführt. Ein Jahr später habe ich ein anderes Tanzstück zu „Japan“ entwickelt. Ich habe nämlich am Bellyfusions-Festival im Januar in Paris teilgenommen und da mußte ich ein Stück tanzen, der meinem Unterrichtsstoff entsprach. Meine Kurse standen schon fest, aber ich wollte mein erstes Wushu-Fusion-Solo tanzen. In der Kampfkunst hatte ich mich inzwischen ziemlich geübt. Also habe ich „Game Over“ entwickelt, ein Tanzstück über eine Figur aus einem Computerspiel, die sich weigert, weiter zu kämpfen und zu töten. Dann kamen die Bewegungen (Schlüsselbilder als Orientierungspunkte) zu der Musik und schließlich die Fusion – die Verknüpfung – zwischen den beiden Welten.
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© Photos: 1 + 2 Scott Schuster, 3 + 4 Joe Marquez