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Interview mit der
vietnamesisch-tunesischen
Tänzerin

Anasma

von Marcel Bieger

TANZ UND WÜRDE ERGEBEN FUSION
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Layout: Konstanze Winkler
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Tanz und Theater zusammenzuführen, scheint eines deiner Hauptanliegen zu sein. Was verbindet beide miteinander?

Ich glaube, jeder darstellende Künstler will in erster Linie eine Botschaft übermitteln, sei es eine persönliche oder eine allgemeingültige. Dabei kann es sich um eine abstrakte Botschaft handeln, oder um eine, die wortwörtlich verstanden werden soll. Und ich bin der Ansicht, daß Tanzbewegungen und Tanzwissen einem Schauspieler durchaus zugute kommen. Wir sind als Wesen Gesamtgebilde, alles hängt miteinander zusammen, und wir sind sämtlich miteinander verbunden. Natürlich auch die einzelnen Kunstformen. Der Tanz mit der Musik, der Film mit der Photographie, der Sachtext mit dem Roman. Gleichfalls ist das Publikum mit dem Künstler verbunden, der Körper zum Verstand und zu den Gefühlen, und von daher das Publikum mit den Gefühlen des darstellenden Künstlers. Wenn ich in Körperspannung bin, wenn ich auf der Bühne vergesse zu atmen, fühlt der Zuschauer das.

Als Schauspieler lernt man, wie man die eigene Energie überträgt und anderen mitteilt oder von anderen empfängt. Ich habe ein Show-Konzept mit dem Titel „On your Marks, Get Set, Dance!“ entwickelt („Auf die Plätze, Fertig, Tanz!“). Der erste Teil beinhaltet eine eher traditionellere Form einer Tanz-Show; die teilnehmenden Künstler führen eine ihrer Choreographien vor. In diesem Teil zeigen die Künstler, was sie auf tänzerischer Ebene zu geben in der Lage sind (Musik, Bewegungen und Geschichte). In der zweiten Hälfte verwandeln die Künstler sich dann in tanzende Schauspieler und schauspielernde Tänzer. Dieser Teil ist interaktiv, die Zuschauer sind eingeladen, daran teilzunehmen und ihrerseits zurückzugeben. Die Tänzer improvisieren zu den Begriffen, welche das Publikum ihnen zuruft. Das macht allen Beteiligten viel Spaß und setzt die Vorstellung vom Geben und Nehmen so weit wie eben möglich in die Tat um. Und gerade darum geht es doch sowohl beim Theater wie auch beim Tanz.
Das Theater ermöglicht dem Tänzer (Gesichts-)Ausdruck, gibt ihm eine weitere Möglichkeit, sein Innerstes nach außen zu tragen.

Einige der bedeutensten Pop-Stars sind dafür bekannt, sowohl tanzen, als auch singen, als auch schauspielen zu können. Michael Jackson, Madonna oder Justin Timberlake können nicht nur wunderbar singen, sondern verstehen sich auch aufs Tanzen und haben eine unglaubliche Bühnen-Präsenz. Lady Gaga oder Wade Robson sind nicht nur phantastische Tänzer und Choreographen, sondern auch sehr gute Komponisten. Offenbar hilft es einem, sich auf mehreren künstlerischen Gebieten auszukennen, und man sollte die dem eigenen Genre zunächst liegenden Stile ebenfalls erforscht haben. 

Liegt die Zukunft des klassischen wie des Fusion-Bauchtanzes in einer Synthese von Theater und Tanz?

Was mich betrifft, unbedingt. Der Orientalische Tanz muß, wie jeder andere Tanz auch, wie ein Broadway-Musical daherkommen. Man geht ja schließlich auch nicht ins Kino, um sich einen Film nur wegen der besonders ästhetischen Arbeit des Kameramanns anzuschauen. Man möchte sich doch vielmehr an mehrere verschiedenen Formen erfreuen: An seinem Lieblingsschauspieler, seinem Spiel und der Figur, die er verkörpert. Und daran, ob Tempo und Rhythmus einer Geschichte stimmen (manche Filme sind eindeutig zu lang, während andere viel zu früh zu Ende gehen). Die Geschichte muß einen packen, die Dialoge müssen gut geschrieben sein. Ob die Vorlage gut verarbeitet worden ist (wenn der Film zum Beispiel auf einem Roman basiert, den man gelesen hat) oder ob die ganz neue Geschichte etwas taugt. Für meinen Geschmack muß eine Tanz-Show über die gleichen oder zumindest ähnliche Qualitäten verfügen. Die Bauchtanz-Shows sind da nicht von ausgenommen. Gute Techniken, abwechslungsreiche Choreographien, dynamische Ausnutzung der Bühnenfläche, gutes Gefühl für Timing und Rhythmus, nachvollziehbare Übergänge, und Künstler, die sich dem Publikum vermitteln können, die mit ihrem Tanz genauso gut verbunden sind wie mit ihren Kollegen auf der Bühne und die natürlich eine tolle Bühnenpräsenz haben. Und schlußendlich sorgen gerade die Geschichte, die erzählt wird, und die Entwicklung der Figuren dafür, daß sich die neue Show immer wieder von der des Vorjahres unterscheidet und auch von denen, welche andere Veranstalter ins Programm genommen haben. Zu viele Shows sehen einander zum Verwechseln ähnlich, und setzen sich aus einer Aneinanderreihung von Tanzstücken zusammen, die untereinander in keiner Beziehung zueinander stehen. Eine tolle Tanztechnik ist sicher etwas Schönes, aber noch lange nichts alles. Auf der anderen Seite braucht auch die erzählte Geschichte eine gelungene tanztechnische Umsetzung.

Wo wirst du in fünf Jahren angelangt sein, oder anders ausgedrückt, was hast du noch alles vor?

Oh, da gibt es eine Menge Dinge, die ich in den nächsten fünf oder zehn Jahren erreichen will.

In beruflicher Hinsicht möchte ich in jedem Jahr neue internationale Auftritte haben, meine eigene Tanzschule eröffnen, eine ganze DVD-Serie starten, meine erste Solo-Show schreiben und mit ihr auf Tournee gehen, eine Tanztruppe ins Leben rufen und mit denen eine ganze Show bestreiten, mehr ins Fernsehen kommen und furchtbar gern mit „Cirque de Soleil“ arbeiten …

Zur Zeit arbeite ich an einigen nicht ganz so langfristigen Projekten wie der DVD-Sammlung, meiner Solo-Show, meiner neuen Homepage und der Theatrical Bellydance Conference. Die hat im Juli in New York City stattgefunden. Da gab es vorher eine Menge Arbeit und jetzt auch noch. Meine Mit-Veranstalterin Ranya Renee (www.ranyarenee.net) und ich haben dreizehn Lehrerinnen und einige weitere internationale Gäste eingeladen, um mit uns diese erste Ausgabe mit Leben zu erfüllen. Es gab drei Abende mit Shows, drei Nächte mit Parties und Offener Bühne (inklusive einiger Star-Gäste), drei Tage voller Kurse über Annäherungen von Theater und Bauchtanz, Podiumsdiskussionen und Master-Klassen. Wir haben da ein ganz neues Konzept verfolgt: In jedem Raum unterrichten vier Lehrerinnen einen ganzen Tag lang, abwechselnd, aber sie stehen miteinander in Verbindung und bauen ihre Kurse auf dem Unterricht der jeweils drei anderen auf. So bekommen die Schülerinnen ein komplettes Paket. Die nächste "Theatrical Bellydance Conference" ist für den 6.-10. Juli 2011 angesetzt (über diese Einrichtung wird es einen Artikel geben, wie gewohnt in dieser Zeitung). Für alles weitere schaut auf unsere Seite www.theatricalbellydance.com.

Und was das Persönliche betrifft, ich möchte mehr Zeit mit meinem wunderbaren Verlobten verbringen, der in Frankreich lebt, und das Gleiche gilt auch für meine Familie und meine Freunde – weil ich ja mit einem Bein immer noch in den USA stehe und die Tür dorthin nicht zuschlagen möchte. Nächstes Jahr wollen mein Verlobter und ich heiraten, und in fünf Jahren haben wir unser eigenes Heim (sei es Haus oder sei es Wohnung) und vielleicht auch schon unser erstes Kind?

Mal sehen, was das Leben bereithält. Zur Zeit halte ich mich aber von allen Plänen für die mittlere und weitere Zukunft fern und genieße umso mehr die Gegenwart mit meinen Reisen, meinen Freunden und den Stunden, in denen ich den Mann meines Lebens sehen kann. Wir beide sind nämlich wirklich viel unterwegs.

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© Photos: 1 Scott Schuster, 2 Eric Troudlt, 3 Konstanze Winkler, 4 Dale Langdon