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Interview mit der
vietnamesisch-tunesischen
Tänzerin

Anasma

von Marcel Bieger

TANZ UND WÜRDE ERGEBEN FUSION
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Layout: Konstanze Winkler
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Erzähl uns doch bitte etwas über den Dämon, den du in deinem Tanz gespielt hast.

Zwei Show-Veranstalterinnen, Bianca und Neon von der Venus Uprising Gruppe, haben mich auf die Idee gebracht. Sie haben gerade an einer „Tarot Fantasy Belly Dance Show“ gearbeitet, in der es um Tarot-Karten gehen sollte. Ich sollte anfangs darin die Karte „Tod“ darstellen. Aber dann haben sie es sich anders überlegt und mir die Karte „Teufel“ gegeben. Ein Lied hatten sie auch schon für mich ausgesucht: „The Mad Marionettist“ von Raquy and the Cavemen aus dem Album „Mischief“. Eine ausgezeichnete Wahl für diese Figur. Neon und Bianca kennen mich gut genug, um zu wissen, daß ich verrückt und abenteuerlustig genug bin, um solche Herausforderungen anzunehmen. Ich kürze die Geschichte jetzt ein wenig ab: Als Neon mein Stück „The Other Prince Charming“ (in etwa „der andere Märchenprinz“) gesehen hat, hat sie mir spontan angeboten, meine Lehr-DVD zu produzieren (s. Besprechung in dieser Zeitung).

Dieses Stück habe ich übrigens auch in Düsseldorf während der Orientale getanzt. Darin verknüpfe ich eine starke Geschichte mit Bauchtanz, Gymnastik, Wushu, einer Prise Hip Hop und viel Mimik und noch mehr anderen ungewöhnlichen Dingen. Denn man muß wissen, mein „anderer Märchenprinz“ ist ein Anti-Held.
So kam es dann, daß ich den Teufel übernommen habe, obwohl ich weder Gothic noch Teufelsanbeterin bin. Und ich möchte hier betonen, daß es mir überhaupt keinen Spaß macht, mir einen Horror-Film anzuschauen. Nachdem ich sie mir angesehen habe, verfolgen sie mich noch lange in Gedanken. Ich habe immer noch Bilder von „Geschichten aus der Gruft“ (Tales From the Crypt), „The Shining“, „Dracula“, „Scream“ und anderen Streifen im Kopf. Als letztes habe ich „28 Days Later“ gesehen, und der verfolgt mich immer noch, wenn ich mal kurz an ihn denke.

Ich sollte an dieser Stelle auch anfügen, daß ich im Alter von acht Jahren mit Schauspielunterricht begonnen habe. Meine Lehrerin Chimel hat mir einmal die Rolle des Satans gegeben. Eigenartig, wie manchen Schauspielern immer die gleichen Rollen angeboten werden. Wie zum Beispiel Johnny Depp, der meist etwas ungelenke, ungeschickte Figuren spielt. Wenn ich eine richtige Schauspiererin wäre, würde ich gern Rollen wie Johnny Depp spielen. Ich habe diese leicht irre Aura, und ich schrecke auch nicht davor zurück, mich häßlich zu machen. Wenn ich eine Rolle übernehme, fühle und finde ich mich ganz und gar in sie hinein, egal wie sie aussieht oder was sie tut. Es gibt nur wenige Dinge, bei denen ich mich unbehaglich fühle. Das sind Nacktszenen oder sehr erotische Tanzszenen mit Partner. Solche Angebote lehne ich gleich ab.

Zurück zum meinem Teufel im Theaterunterricht. Die Geschichte stammt von Pierre Gripari, einem wunderbaren Kinderbuchautor, und erzählt von einem komischen, nervösen und hyperaktiven Satan, der Luzifer befiehlt, ihm die Seele eines Vielfraßes in einem Glas zu bringen. Luzifer fängt aber irrtümlich einen Furz ein, den der Körper des Vielfraßes fahren läßt, und bringt den dem Höllenfürsten. Satan verschlingt den Furz und brüllt danach Luzifer wutentbrannt an. Meine Umsetzung dieser Geschichte muß wohl recht gut gewesen sein, denn im Publikum wurde laut gelacht.
oben:
Anasma als "Prince Charming" bei der Orientale 2010
in Düsseldorf

rechts: "little devil"
bei Willow Changs "Puja"
in Honolulu
Ich habe einige Nachforschungen über die Bedeutung und den Hintergrund dieser Tarot-Karte in unserer westlichen Kultur angestellt und bin auf eine eine großartige Beschreibung gestoßen: http://www.aeclectic.net/tarot/basics/devil.shtml Im Tarot-Spiel steht die Karte des Teufels als Symbol für Vergnügungssucht, Selbstvergessenheit und ungezügeltem Benehmen. Der Steinbock ist sein Oberzeichen, und so gehört diese Karte zu der Gruppe Ehrgeiz, Verlockung und Abhängigkeit. Auf der anderen Seite steht diese Karte auch dafür, sich mal gehen zu lassen, wenn man zu verkrampft ist. Der Teufel ist also anpassungsfähig, beherrschend, der Versucher, agressiv und von einiger erotischer Macht. Alle diese Eigenschaften haben mir dabei geholfen, meine Rolle anzulegen.

Bei den Bildern vom Teufel fand ich auch eine Darstellung mit Ziegenbeinen (die haben mich an einen Disney-Zeichentrickfilm aus meiner Kindheit erinnert, wo ein hinterlistiger Satyr damit herumgelaufen ist), Ziegenhörnern, einem Ziegenbart und vor allem roter Hautfarbe. Danach habe ich dann auch mein Kostüm entworfen. Meine Freundin, die sehr begabte Schneiderin Sandralis (www.sandralis.com) hat mir das dann angefertigt. Ich habe ihr den Stoff besorgt und mir dazu kleine Hörnchen und weiße Clowns-Schminke gekauft, um die Figur des Teufels noch dramatischer wirken zu lassen.

Aufgrund meiner Recherchen über diese Tarot-Karte und dank meiner Angst vor Horrorfilmen habe ich meine Figur eher als einen tückischen Teufel angelegt, statt der üblichen Schreckensgestalt, von der man Alpträume bekommt. Mein kleiner Teufel ist auch eher katzenhaft in seinen fließenden, wogenden Bewegungen. Auf Ratschlag meiner Freundin Sandralis hat er auch „digitty“ Hände (unübersetzbares Wortspiel, aus „digit“ für Finger und „digits“, einem Ausdruck aus dem Hip Hop). Vor meinem kleinen Teufel hatte ich schon Monster und andere Ungeheuer mit Adlerklauen oder Katzenkrallen dargestellt, aber mein Teufel sollte etwas anders sein.

Zur gleichen Zeit habe ich auch die Geschichte entwickelt, die ich beim Tanz erzählen wollte. Ich habe mich der bekannten Sage um den Teufel und Dr. Faustus bedient, aber sie etwas anders als im Original enden lassen. Dort wird Dr. Fausts Seele von Engeln gerettet. Aber in meiner Version gibt es keinen solch glücklichen Ausgang. Da kämpft der kleine Teufel um Faustens Seele und gewinnt sie schließlich.

Ich habe eine richtige Geschichte verfaßt, komplett mit Spannungsbögen und emotionalen Höhen und Tiefen. Zuerst wird der kleine Teufel vorgestellt. Er ist stark (was ich mit einigen athletischen Bewegungen vorführe), er ist geistig und körperlich sehr wendig (er kann sich sofort auf neue Situationen und Menschen einstellen), und er ist listig wie ein Fuchs. Als nächstes muß er seine Opfer davon „überzeugen“, mit ihm zusammenzuarbeiten. Er verlockt sie, er versucht sie, er umgarnt sie. Aber er versetzt sie nicht in Angst und Schrecken. Als er auf Dr. Faust trifft, will er ihn gleich in der gewohnten Manier um den Finger wickeln. Aber ein Engel rettet Faustens Seele. Das macht den Teufel ziemlich wütend, und in diesem Bild strömt alles Macht und Energie aus. In dieser Szene setze ich Ungeheuer-Krallen ein, um anzuzeigen, welche Spannung im Körper des Teufels herrscht – ganz im Gegensatz zu seinen früheren fließenden, geschmeidigen Fingern. Und wie die Geschichte schließlich ausgeht, weiß man ja …

Wenn man sich dieses Stück gern einmal (oder zweimal oder viele Male) anschauen möchte, dann findet man es auf meiner „Tarot“-DVD auf meiner Homepage (signiert) oder bei Amazon.

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© Photos: 1 Scott Schuster, 2 Konstanze Winkler, 3 + 4 Joe Marquez