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Interview mit der
vietnamesisch-tunesischen
Tänzerin

Anasma

von Marcel Bieger

TANZ UND WÜRDE ERGEBEN FUSION
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Layout: Konstanze Winkler
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Werden wir noch mehr davon zu sehen bekommen, wenn du wieder einmal bei uns bist?

Wenn es nach mir geht, schreibe ich ganze Shows oder längere Folgen, Suiten, rund um meine bereits bestehenden Solos. Mir schwebt bereits eine Show um den „anderen Märchenprinzen“ vor. Meine Tanzpartnerin und Freundin, Geneva Bybee, und ich haben davon bereits 2009 in Rom eine Suite aufgeführt. Ich versuche, eine komplette Märchen-Show zu entwickeln, die ich zusammen mit meiner Freundin, der phantastischen ungarischen Tänzerin Barbara Kira auf die Bühne bringen will. Wir sind beide große Fans der Prinzen und Prinzessinnen in den Disney-Filmen. Man darf also gespannt sein …

Auch der kleine Teufel erhält natürlich seine große Chance. Zur Zeit spielt er in einem anderen Stück von mir mit, „The Warm Ball of Energy“, einer Hip-Hop/Bauchtanz-Fusion, die ich während meiner letzten Europa-Tournee aufgeführt habe. In einer Szene hüpft der kleine Teufel herein und reicht einem verlorenen, frierenden und jämmerlichen Wesen eine warme Kugel vergifteter Energie.

Für meine erste Solo-Show plane ich, einiges bereits vorhandene Material zu verwenden und in einen größeren Zusammenhang zu stellen.

Dein Auftritt im Februar des Jahres bei der „Orientale“ in Düsseldorf war dein erster Solo-Vortrag in Deutschland (abgesehen vom Auftritt im Rahmen der Bellyqueen-Tournee 2008 in Frankfurt/Main). Wie erzeugst du diese unglaubliche Bühnenpräsenz (streite das gar nicht erst ab, nach der Show haben alle nur darüber geredet).

Hi, hi, hi (so wie kleine Teufel lachen) und ;)) Ich liebe diese Gesichter, denn sie ermöglichen es mir, beim Schreiben auch meine Mimik zu zeigen.

Vielen Dank. Es berührt mich sehr, daß ich meinerseits die Menschen mit meiner Energie berühren kann. Ja, wo kommt das her? Das kommt vielleicht von meiner angeborenen Art, den Clown zu geben. Ein Wesen, das voller Energie steckt und nicht zu bändigen ist. Auf der anderen Seite kann ich auch sehr schüchtern sein. Aber als „Clown Anasma"

arbeite ich gern mit dem Gesicht, schneide Grimassen, und übe mich in Mimik. Übrigens nicht nur auf der Bühne, sondern auch im alltäglichen Leben. Ich glaube, Körpersprache wird überall auf der Welt verstanden.
Als ich 2006 in die USA gegangen bin, waren meine englischen Sprachkenntnisse in Ordnung, mir fehlte es aber noch an den dortigen Eigenheiten, an der Umgangssprache, daran eben, wie die Amerikaner mit ihrer Sprache umgehen. Um diesen Mangel zu überdecken, unterstrich ich meine Worte mit meinem Gesichtsausdruck (so halte ich es übrigens in jeder mir fremden Sprache). So habe ich mir rasch den typischen amerikanischen Enthusiasmus und die dazugehörigen Gebärden angeeignet. Wenn ich mich in Französisch unterhalte, gebrauche ich solche Stereotypen wie gerade hier eigentlich nicht, denn Franzosen sprechen reservierter und rationaler. Langer Rede kurzer Sinn: Ich gebe gern den Clown. Da stört es mich natürlich auch wenig, manchmal lächerlich oder häßlich zu wirken. Selbstredend achte ich beim Tanz schon sehr auf saubere Tanztechnik und stimmige Musik. Aber mich in meine Figur hineinzuversetzen und sie richtig rüberzubringen ist mir am allerwichtigsten. Wenn ich im Restaurant oder Clubs auftrete bekomme ich dort wenig Gelegenheit dazu, deswegen übernehme ich solche Engagements auch nicht so gern. Ganz anders aber ist es wenn ich ins Scheinwerferlicht einer Bühne trete … aber das ist eine ganz andere Geschichte.
Im Alter von acht bis zehn und von 14 bis 15 habe ich bei einer wunderbaren Lehrerin, Chimel, Schauspielunterricht gehabt, die mir auch einiges über das Leben beigebracht hat. Sie ist immer noch in Paris tätig, führt Regie und produziert in ganz Europa phantastische Theater-Projekte mit der Gruppe „La Compagnie a Bulles“. Bei ihr habe ich einige sehr wichtige Theatergrundsätze gelernt, mit deren Hilfe ich mich auf der Bühne besser darstellen kann. Zum Beispiel, wie ich meine Stimme einsetzen muß, damit man mich auch noch in der letzten Reihe verstehen kann (und um das zu erreichen, würde ich gern noch ein paar Zentimeter wachsen). Ich habe gelernt, wie man sich vor das Publikum stellt oder es wenigstens in 75 Prozent der Zeit konfrontiert (was für eine Tänzerin nicht so einfach ist, weil man ja die Schönheit einer Bewegung noch erhöhen kann, wenn man in manchen Situationen eher den Rücken präsentiert). Ich weiß, wie man sich Gegenstände im Raum veranschaulicht, wie ich mit meinem Körper meine Spielfigur und deren Gefühle darstelle.
Während meiner Teenagerzeit war die Bühne mein Ort, an dem ich mich ganz offen ausdrücken konnte. Der Ort, an dem ich nicht schüchtern sein mußte. Wo ich meine Tiefen und Untiefen ausloten konnte, frei von Angst und frei von der Sorge, von anderen beurteilt zu werden. Natürlich werde ich beurteilt (positiv wie negativ), wenn ich mich auf der Bühne als verletzlich zeige. Selbst heute findet das noch statt, vielleicht heute noch mehr als früher. Ich habe manchmal das Gefühl, unbedingt die „Anasma-Ebene“ erreichen zu müssen, weil die Menschen das von mir erwarten. Aber heute verstehe ich mich auch darauf, mir selbst zu verzeihen, mich selbst zu unterstützen und sogar meine eigenen Fehler zu umarmen. Und deswegen glaube ich heute auch, daß meine Verletzlichkeit meine Stärke ist.
Wie ich mir die Wut, den Schmerz, die Traurigkeit zu eigen mache. Ich bin darin geübt, mit Hilfe von guter Aussprache und Betonung so etwas wie eine „Sprech-Choreographie“ zu Gehör zu bringen – so wie der Regisseur es gern hören möchte (so ähnlich wie der Choreograph es von seinen Tänzern sehen möchte). Ich weiß, wie ich Fehler überspiele und sie als Sprungbrett benutze. Ich kann meinem Partner aus der Patsche helfen, wenn der seinen Text vergessen hat, und ich weiß, daß er dasselbe für mich tun würde. So etwas nennt man die Kunst des Improvisierens. Ich habe gelernt, die Geschichte von jemand anderem spontan fortzuführen, wie ich auf einem bereits vorhandenen Fundament aufbaue und wie ich zu allem ja sage … Ich habe es immer geliebt, auf der Bühne zu stehen.
Heute arbeite ich an unterschiedlichen Techniken, um mir meine Bühnenpräsenz zu erhalten. Die Haltung ist dabei ein ganz wesentliches Merkmal, wie jeder Tänzer wissen sollte. Joga hat mir viel dabei geholfen, mich auszurichten, mich zu koordinieren; und natürlich auch, meine Atmung zu kontrollieren und wie ich meinen Atem einsetzen muß. Was man gemeinhin unter Atemtechnik versteht. Ich atme so viel wie möglich durch den Mund. Natürlich ist es auch nicht verkehrt, durch die Nase zu atmen, immer noch besser als gar nicht zu atmen. Aber die Mundatmung erlaubt einen besseren Austausch mit dem Publikum. Ich gebe, und ich bekomme. Ballett und Flamenco helfen mir bei der Arbeit an meiner Haltung. Breakdance, Wushu und Joga sind meine Gefährten, wenn es darum geht, Ausdauer, Körperkraft und Beweglichkeit zu gewinnen. Und die Pantomime hält mir die Theatergrundsätze für den Körpereinsatz im Gedächtnis. Ich trainiere das mit dem wunderbaren Lehrer Richmond Shepard (www.richmondshepard.com) in New York.

Ich gebe seit kurzem sogar selbst Schauspielunterricht und trainiere Schauspieler. Eigentlich lerne ich dabei genauso viel von ihnen wie sie von mir, wenn ich sie beobachte, analysiere oder ihnen Hilfestellung leiste. Ich habe die „Theatrical Bellydance Conference“ ja bereits erwähnt, sie gehört ganz wesentlich zu meiner Vision von der Befähigung von Schauspielern und Tänzern zum Zusammenfinden.

Anasma als der "andere Märchenprinz"
"Water", Anasmas Performance bei der "Orientale 2010"
© Photos: 1 Scott Schuster, 2 MarieLou Avery, 3 Joe Marquez, 4 + 5 Konstanze Winkler
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