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von Marcel Bieger
mit freundlicher Unterstützung von Pari
Interview mit Banafsheh Sayyad
Fotos: André Elbing
www.andre-elbing.de
Die Vorstellung begann mit dem Teil „The Void“ – die Leere, das Formlose. Von dort ging es weiter zu der Abteilung: „Was ist das Herz? Ist das Herz göttlich, oder ist es menschlich?“ Und dazu haben wir von Rumi das Wort gehört: „Das Herz gehört uns gar nicht; denn es ist göttlich.“ Das Herz ist das Göttliche in uns. Ich habe ein Gedicht von Rumi ins Programm aufgenommen, ein wunderschönes Werk, in dem es heißt: „Oh mein trunkenes Herz, wohin gehst du? Und das Göttliche antwortet: Schweigen kommt über mich.” Und der Mensch sagt: “Aber ich dachte, du gehörst zu mir. Warum verläßt du mich dann? Wohin gehst du? – Und der König erklärt: “Das Herz gehört uns, es ist nicht dein, sondern unser Held. Es ist mein Thron, mein Sitz in dir.“
Danach trat die Musik in den Vordergrund, und hinter der stand eine weitere Botschaft: „Erkenne dich selbst.“ In allen großen Lehren bekommen wir diesen Satz zu hören. Erkenne dich selbst, und du wirst die Geheimnisse des Universums erkennen. Im folgenden Kapitel wenden wir uns der Frage zu: „Wie erkenne ich mich selbst?“ Wann werde ich mich so erkennen, wie ich wirklich bin? Wann werde ich mich von allem Angenommenen, von allen Gewohnheiten befreit und sie hinter mir gelassen haben, um mich so zu erkennen, wie ich wirklich bin? In diesem Teil der Show setze ich wiederum ein Gedicht von Rumi ein. Darin fragt jemand: „Oh, bin ich auf diese Weise beschaffen, oder bin ich auf jene Weise beschaffen, und stets erhält er die Antwort: Nein, so bist du nicht beschaffen, schaue weiter, und suche in dir selbst."
Über welchen Gott sprechen wir hier?

Über keinen bestimmten. Gott steht für Liebe. Gott steht für Liebe und für uns selbst, für uns. Man kann es sogar in der Bibel nachschlagen. Da steht, daß Gott Adam nach seinem Ebenbild schuf. Das heißt doch wohl nichts anderes, als daß wir von Gott sind.

Natürlich sagen uns viele Religionen, daß wir nicht nicht von Gott seien. Daß Gott außerhalb von uns stehe. Daß Gott außerhalb von uns sei und wir sündig seien. Daß wir schlecht seien und uns reinigen müssten, blah-blah. Daran kann ich nicht glauben. Ich liebe vielmehr die Lehren von Rumi. Ich spreche nicht von Sufi und ich gebe ihm auch keinen anderen Namen, ich meine vielmehr das Wissen darum, daß wir eins sind. Du bist Gott, ich bin Gott, und selbst jenseits von uns ist Gott. Wir können nämlich nicht sagen, wir sind alles, wir sind das Alles, denn wir wissen doch überhaupt gar nichts. Für mich ergibt es viel mehr Sinn, wenn wir aus demselben Stoff gemacht sind wie Gott. Aber nicht, daß wir böse, schlecht und so weiter seien. Der Weg der Liebe, die Lehre von der Liebe – und so gelangen wir zur nächsten Abteilung unserer Vorstellung, und die steht unter dem Leitsatz: Siehe mit dem Auge in deinem Herzen, sieh aus deinem Herzen. Und das letzte Kapitel unserer Show steht unter der Überschrift: Wenn ich alles liebe, das ist, erkenne ich meine Größe und erkenne, wer ich bin.
Ist das Thema Göttlichkeit auch Bestandteil deines Tanzkonzepts?

Ich bezeichne meinen Tanz als Zeitgenössischen Mystischen Persischen Tanz. Damit folge ich aber nicht einer bestimmten Religion. Jeder soll vielmehr mit seiner eigenen Größe, seiner eigenen Göttlichkeit in Verbindung treten. Bei meinem Tanz habe ich mir das Ziel gesetzt, alle dazu einzuladen, das zu schauen, was in ihnen ist. Zu erkennen, daß wir von Gott gemacht sind. Gleich wie auch immer man diese Quelle nennen will, wir sind aus ihr erschaffen. Dieses Es ist nicht außerhalb von uns, und wir sollen auch nicht draußen danach suchen. Wir erschaffen unser eigenes Leben. So etwas wie Schicksal gibt es nicht.

Gibt es also auch keine Seele und kein Paradies?

Paradies? Was soll das sein?

Welche Musik hat dich beeinflußt?

Ich habe mit Flamenco angefangen, habe klassischen Flamenco getanzt, noch bevor ich persisch getanzt habe. Aber danach hatte ich das Bedürfnis, im Tanz mehr von mir selbst auszudrücken, weil ich spürte, dass ich nicht ausschließlich aus Flamenco bestehe. Ich habe mich dann in Tai Chi und in den Kampfkünsten versucht, und irgendwann mittendrin bin ich auf den Persischen Tanz gestoßen. Ich habe ihn allein durch die Musik gefunden und nicht durch einen Tanzlehrer oder so. Und von da aus habe ich die Derwische für mich entdeckt. Oder besser, die sind von allein zu mir gestoßen. Eines Tages waren sie einfach da, und von da an bin ich bei den Derwischen geblieben und habe viele Jahre mit ihnen getanzt.

Sind Derwische und Sufi-Bewegung nicht das Gleiche?

Ich spreche lieber vom Derwischtum. Denn beide Begriffe haben doch eine unterschiedliche Bedeutung. Deswegen bleibe ich lieber beim Derwischtum. Wenn man im Westen vom Sufiismus spricht, meint man damit etwas anderes, dann steht Sufi für Mystizismus im allgemeinen. Aber Sufi ist schon etwas Eigenes, eine auch sehr islamische Angelegenheit. Sufi steht für Rumi und ist noch älter als der Islam. Er steht für eine Tradition, die man überall auf der Welt findet, und die lautet: Erkenne dich selbst, dann erkennst du, daß du Gott bist. Ein uraltes Wissen, ein esoterisches Wissen.

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Das Herz ist die Göttlichkeit in uns
Nachdem ich Banafsheh Sayyads Auftritt bei der Orientale 2009 in Düsseldorf gesehen hatte, war ich mehr als neugierig darauf, dieser weltberühmten und geheimnisvollen iranischen Tänzerin (heute USA) zu begegnen. Ich habe eine sehr gebildete und in jeder Hinsicht selbständige Frau kennengelernt, die mir die Gelegenheit verschafft hat, meine Augen in andere Richtungen zu öffnen.

Banafsheh Sayyad tritt in diesem Jahr wieder auf der Orientale auf. Heute, Donnerstag, 18.02. und morgen, Freitag, 19.02. Nicht verpassen! Nochmal zum Mitschreiben: Nicht verpassen!

Was haben wir heute abend gesehen?

Die Show stand unter dem Motto: Wie können wir mit dem Herzen hören, ist doch das Herz der Sitz des Göttlichen? Oder wie können wir mehr aus und nach dem Herzen leben?