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Interview mit
Banafsheh Sayyad
Photos: André Elbing
www.andre-elbing.de
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Woraus setzt sich Dein Zeitgenössischer Persischer Tanz zusammen?

Ich tanze meinen eigenen Stil, deswegen kann man auch nicht von einem allgemein
verbindlichen Stil sprechen, obwohl sich mittlerweile einige Menschen in meinem Stil üben. Mein Stil setzt sich aus sehr starken und sehr weichen Bewegungen zusammen. Im klassischen persischen Tanz geht es eher weich und sanft zu. Alles ist dort im Fluß, und alles ist Geist, der Geist des Tanzes. Aber in meinem Tanz finden sich auch Einflüsse des Flamenco und des starken Weiblichen, und ich strebe nach einer Verbindung des Weichen mit dem Bodenständigen. Meine Füße bewegen sich auf dem Boden und bleiben auch dort. Im persischen Tanz geht es manchmal allein um den Aufstieg, um das Himmelwärtige. Aber ich glaube, daß es keinen Aufstieg ohne einen Abstieg gibt.  Und deswegen will ich beides verknüpfen.

Erzähle uns doch bitte mehr über starke Frauen im Tanz.

Für mich hat Tanz auch eine soziopolitische Bedeutung. Nicht nur im Iran, sondern im gesamten Nahen Osten haben Frauen nur in ihrem Heim etwas zu sagen. Draußen aber, in der Öffentlichkeit, haben sie zu schweigen, haben sie sich zu bedecken und haben sie sich auch sonst Zurückhaltung aufzuerlegen, werden sie unterdrückt. So etwas kann ich natürlich nicht gutheißen. Ich glaube vielmehr daran, daß wir anders sein können, wenn wir nur wollen, daß wir stark und kreativ sein können, daß wir unsere Gedanken und Wünsche vorbringen können. Deshalb ist mein Tanz eine Einladung nicht nur an die Frauen des Orients, sondern an die Frauen der ganzen Welt: Steht zu dem, was ihr werden wollt. Seid das, was ihr sein wollt, tut es! Und diese Einladung erstreckt sich auch auf die Männer, indem sie ihnen nämlich sagt: „Dies ist euer Leben, seid das, was ihr sein wollt. Wartet nicht auf jemand, der zu euch kommt. Denn niemand wird erscheinen und euch das abnehmen.

Rumi sagt: „Du selbst entzündest dein Licht.“

Erzähle uns bitte etwas mehr über Rumi.

Rumi ist ein Dichter aus dem 13. Jahrhundert, der in der heutigen Türkei gelebt hat. In Amerika ist er ungeheuer populär, ich weiß allerdings nicht, ob man ihn in Deutschland so gut kennt. Jedenfalls gehört er in den USA zu den meistverkauften Dichtern, und seine Werke liegen in verschiedenen Übersetzungen vor. Die tanzenden Derwische gehören zu seinen Jüngern. Seine Lehren beinhalten uralten Mystizismus. Man findet ihn im Internet, aber da steht eigentlich zuviel über ihn. Sicher liegen seine Werke auch in deutscher Sprache vor. Aber wenn man Englisch kann, sollte man ihn in Englisch lesen. Am besten die Übersetzungen von Andrew Harvey oder Coleman Barks.

Wo lebst du heute?

Hier. Überall (lacht). Normalerweise in Los Angeles. Aber ich reise auch in den Orient, vor allem in die Türkei. Nur in den Iran reise ich nicht. Die dortige Geheimpolizei hat mich wissen lassen, daß sie es nicht für klug hält, wenn ich bei ihnen einreisen wollte. Mein Vater ist Schriftsteller und Theaterdirektor und sehr bekannt im Iran, in Afghanistan und in Tadschikistan. Er ist Gegner der jetzigen Mullah-Regierung im Iran. Mein Vater tritt öffentlich gegen sie auf und schreibt Theaterstücke, in denen er das Regime kritisiert. Deswegen dürfte es für mich wirklich nicht sicher sein, in den Iran zu reisen. Offenbar hat man dort auch etwas gegen den Tanz. Eine Tänzerin, die in den Iran eingereist ist, wurde ins Gefängnis geworfen.

Wendest du dich auch an iranische Frauen?

Oh ja, selbstverständlich. Zum einen gibt es ja das Internet. Und dann das Satelliten-Fernsehen. Ich stehe mit vielen Frauen in E-Mail-Verbindung. Außerdem gibt es ja viele iranische Frauen, die im Exil leben. In Los Angeles zum Beispiel gibt es 600 000 Iraner, dazu noch weitere in Kalifornien und überhaupt in den Vereinigten Staaten. Heute abend sind auch etliche Iraner in meine Show gekommen.

Ich versuche aber nicht nur, iranische Frauen zu erreichen. Deswegen fahre ich ja auch häufig in die Türkei. Die Lage der Frauen dort ist nämlich genau die gleiche, obwohl sie in der Türkei etwas mehr Freiheiten haben. Doch die Türkinnen haben noch nicht gelernt, sich zu artikulieren, sie wissen noch nicht, wie es ist, frei zu sein. Reden wir über den Tanz. Es gibt dort die Derwisch-Bewegung, wo alle ziemlich verhüllt sind, Männer wie Frauen. Alle sind gleich, und das Geschlecht zählt nicht mehr. Dann gibt es aber auch den türkischen Bauchtanz. Was die Bekleidung angeht, ist der türkische Bauchtanz sehr freizügig. Ich versuche, die Mitte der Frauen zu treffen, indem ich ihnen sage, jetzt könnt ihr sinnlich sein, jetzt könnt ihr ihr selbst sein. Aber ihr müßt nicht religiös oder zu freizügig sein, sondern bleibt genau in der Mitte.

Haben noch andere westliche Musiken als der Flamenco Einfluß auf deinen Tanz?        

Ich liebe alle Formen guter Musik, und ich beschränke mich auch überhaupt nicht auf orientalische Musik. In meiner Teenagerzeit habe ich mich sehr für klassische Musik interessiert. Vielleicht weil meine Freunde sich nur diese verrückte Rock-Musik angehört haben, die ich nie sonderlich geschätzt habe. Ich habe immer mehr auf moderne klassische Musik gestanden. Auf die moderne Klassik des 20. Jahrhunderts.

Du meinst Stockhausen?

Ja, und Strawinski, Schönberg, Alban Berg. Ich habe auch mal für einige Zeit in Wien gelebt und bin in alle Konzerte gegangen, in denen zeitgenössische Klassik gespielt wurde. Das war sehr schön und hat mir gut gefallen. Ich interessiere mich für jede Musik, wenn sie gut ist, wenn sie aus dem Herzen kommt, frei ist und es einem ermöglicht, beim Zuhören ganz man selbst zu sein. Musik ist etwas Göttliches, das liegt auf der Hand, denn sie berührt uns unmittelbar in unserem Herzen. Musik fährt einem direkt in die Seele.

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