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Grafik/WebDesign: Konstanze Winkler
Photos: Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Brigitte Baldinger
Wenn eine der Großen aufhört, ist das erst einmal immer ein Schock, und wenn Brigitte Baldinger den Stab weitergibt, ist das schon ein mittleres Erdbeben. Zumindest in der Orient-Tanzszene, denn mit dem ist ihr Name untrennbar verbunden. Sie ist nicht nur Tänzerin, Veranstalterin, Dozentin und Reise-Journalistin, sie ist vor allem und an erster Stelle Herausgeberin und Redakteurin der Fachzeitschrift "Halima". Die "Halima" war das erste deutschsprachige Fachblatt für Orientalischen Tanz und Kultur, und sie besteht bis zum heutigen Tag, auch das ein Verdienst von Brigitte Baldinger. Nun hört sie auf und übergibt an die Tänzerin und Veranstalterin Enussah, der wir an dieser Stelle alles Gute und viel Erfolg wünschen. Das nun folgende Abschieds-Interview mit Brigitte Baldinger erscheint in der "Halima" und in "Hagalla".
Im Herbst überraschte uns die Meldung, dass du die Leitung der "Fachzeitschrift Halima" aus der Hand geben willst. Nach dem ersten Atemholen kam dann die doch tröstliche Mitteilung, dass du nicht so ganz der Szene den Rücken kehren willst. Was können wir also noch von dir erwarten, in puncto "Halima" ...

Ich bin sehr glücklich, dass Enussah die Zeitung weiterführt. Und sie hat mich auch gebeten, ihr zur Seite zu stehen, bis alles reibungslos funktioniert, was ich natürlich sehr gerne mache!

Dann werde ich ja weiter reisen und darüber Reiseberichte verfassen. Das macht mir so viel Spaß, denn beim Schreiben erlebe ich die Reise nochmals. Und bei den Kommentaren zu meinem Aufhören wurden immer wieder meine Reiseberichte gelobt. Show-Berichte schreibe ich auch noch, aber sehr ausgesucht und wenig. Nach 28 Jahren habe ich das Gefühl, alles gesagt zu haben, was man je über Tanz schreiben kann. Hihihihi ... Aber nichts davon regelmäßig, sondern nach Lust und Laune. Und dies stelle ich mir momentan, wo ich noch voll involviert bin, als absoluten Luxus vor!!!!

Wie geht es weiter mit Brigitte Baldinger in puncto "Gitti's Adventure Tours" ...

Ich werde meine Kurse weiter geben und natürlich weiter tanzen! Ohne Tanz kann ich mir mein Leben gar nicht vorstellen. Und natürlich meine richtig lieb gewonnenen Tanzreisen. Ja, „Gittis Adventure Tours“, so haben die Teilnehmer meine Reisen genannt, und das finde ich toll. Mir ist es dabei wichtig, Land und Leute kennen zu lernen fernab der typischen Touristenhotels und Touristenströme. Und dies ist oft sehr abenteuerlich!

Ich suche mir immer vor Ort einen Reiseveranstalter, der meinen Wünschen entsprechend die Touren plant, landestypische Unterkünfte sucht. Ich mag überhaupt nicht die 4-5 Sterne Hotels, wo man nicht mal mehr weiß, wo man ist auf der Welt. In der Bar spielt Frank Sinatra, und die Bediensteten laufen wie die Popanze in jedem Vorurteil gerecht werdenden Uniformen rum. Letztes Jahr haben wir auf unserer Nassersee-Kreuzfahrt z.B. ein Kreuzfahrtschiff getroffen. Meine Gruppe war auf 2 Safari Booten untergebracht und alle schliefen gemeinsam entweder an Deck oder im Aufenthaltsraum! Auch die Mannschaft natürlich. Auch die sanitären Anlagen teilten wir uns mit der Crew. Jeder war so normal angezogen, wie zuhause! Und genauso haben wir uns gefühlt: Zuhause!!! Wir hatten jede Menge Spaß miteinander. Unseren Security Mann entdeckten wir erst nach Tagen, denn er lief wie alle in Jogginganzug rum, von Waffen keine Spur. Und wie aus einem Kitschfilm entsprungen, trafen wir auf „Touristen“ eines Kreuzfahrtschiffes! Alle schön in Reih und Glied! Nur ja zusammenbleiben, wie aufgeschreckte Hühner. Die Besatzung schien sich im Theaterfundus bedient zu haben und trug Matrosenanzüge, die ihnen sichtlich nicht behagten. Der Security Mann natürlich in Uniform mit MPi traf auf unseren Security Mann. Dies fiel uns sichtlich nicht schwer. Und die Crew gleich mit uns! Der Kapitän ging gleich mit seinen kompletten Kleidern rein und schrubbte sie am Körper mit Seife ab. Die Spülung war das Schwimmen und getrocknet sind sie am Körper. Hihihi Wäsche auf ägyptisch!
Das Gespräch, das sich nun zwischen den Zweien entwickelte war einzigartig. Wir verstanden zwar kein Wort, sondern sahen nur Gesten und Mimik. Der Mann vom Kreuzfahrtschiff erzählte völlig gelangweilt und genervt von seiner Truppe. Und dann unserer, er schien richtig überzusprudeln und erzählte alles, was er mit uns schon erlebt hatte. Tanzen, Schwimmen, Spaß haben. Der andere bekam große Augen und musterte uns aufmerksam, wie man Exoten begutachtet. Er wollte gleich tauschen, aber dies ließ unserer nicht zu. Auch die Matrosen begrüßten uns beim Rückweg begeistert und machten Scherzchen. Sie beobachteten, wie uns unser Kapitän trommelnd und tanzend begrüßte! Aber kaum kamen ihre „Touristen“, nehmen sie sofort wieder Haltung an!

Genau das meine ich mit Land und Leute kennen lernen! Im Nil schwimmen, dort wo es ungefährlich ist, wie die Einheimischen und mit ihnen. Im Nassersee sind wir sogar täglich geschwommen. Dabei mussten wir immer viel Krach machen, um die Krokodile zu vertreiben.

Wie geht es weiter mit Brigitte Baldinger in puncto sonstige Aktivitäten ... Du hast bereits Tanzkurse, Gemüsestand erwähnt.

Ja meine Tanzkurse sind mir sehr wichtig, und die werde ich auch weiter geben. Natürlich die Seminare in Bad Dürkheim auch. Wir haben dieses Jahr sogar 20 jähriges Jubiläum in Bad Dürkheim! Den feiern wir mit Said el Amir als Dozenten, der auch bereits beim 10-jährigen dabei war. Bad Dürkheim ist immer die richtige Mischung aus Tanzworkshop, Wellness und freiem Tanzen am bunten Abend und alles mit richtig viel Spaß und Freude: Also die richtige Mischung aus Arbeit und Vergnügen.

Auch meine Arbeit am Gemüsestand mache ich weiter, denn dies sichert mir das Überleben und sichert mir, dass ich auch weiterhin in Urlaub kann.

Warum gibst du zum gegenwärtigen Zeitpunkt den Stab weiter?

Ich gehe am 1.5.2016 in Rente und darf danach nur noch begrenzt dazuverdienen. Und ich finde 28 Jahre sind genug! Ich will mehr Zeit für Dinge haben, die mir dann sicher einfallen werden, wenn ich dann Zeit habe.

Ich habe viele Stammkunden und immer wieder Frischlinge, die genau diese Art von Reisen lieben. Unkompliziert und bevölkerungsnah. Und alles, was sich tanzmäßig anbietet, miterleben.
Es hat mehrere Bewerbungen für deine Nachfolge gegeben, du hast dich für Enussah entschieden, was zeichnet sie vor den anderen aus?

Ich schätze sie bereits seit Jahren sehr. Sie hat den richtigen Biss und das Durchhaltevermögen, das eine Zeitung erfordert. Auch hat sie den Mut, unbequeme Themen anzusprechen, was ich sehr wichtig finde. Fachlich ist sie top! Und zu unserem gegenseitigen Glück wohnen wir auch noch in derselben Stadt! Bereits seit 3 Jahren veranstalte ich ja keine Benefizshows mehr, sondern habe die Halima-Verleihung auf die Total Oriental von Enussah verlegt. Sie war auch die erste, die auf die Idee kam, die Halima weiterzumachen! So wirkt es heute, als wenn ich es immer schon so geplant hätte, so war es aber nicht. Es kam einfach so, wie es kommen musste!

Backstage bei der Halima Preisverleihung 1998 mit Siglinde Schneider, langjährige Mitarbeiterin von Halima, Preisträgerinnen Djamila und Reyhan und Brigitte (3. von links)
Was wird aus dem Halima-Preis, der ja auch ein Brigitte-Baldinger-Preis ist?

Der Halima-Preis wird weiterhin auf der Total Oriental verliehen, und Ennusah bekommt Mitspracherecht. Was ja auch wichtig ist, wenn ich nicht mehr so nah an der Szene dran bin. Dieses Jahr wird Ennusah ihn zum ersten Mal überreichen, aber nur weil ich in Marokko auf Tanzreise bin. Nächstes Jahr auch, da ich zu dem Zeitpunkt im Iran eine Rundreise unternehme. Aber grundsätzlich werde ich sie weiter überreichen! Wenn ich gerade im Lande bin … Hihihihi, nein so schlimm ist es auch wieder nicht. 

Gibt es eigentlich so etwas wie ein "Halima"-Archiv?

Ja natürlich! Ich habe alle Zeitungen schön gebunden im Schrank stehen. Fast alle Bücher die über den Orientalischen Tanz erschienen sind, und viele Zeitungen. Aus Deutschland habe ich alle, die je veröffentlicht wurden, und einige aus den USA. Ich hatte eine riesige VHS Sammlung, die ich aber dem Bundesverband (BVOT) geschenkt habe. Jetzt haben sich bereits wieder viele DVDs angesammelt. Ich habe mal angefangen alles zu katalogisieren, aber nie richtig Zeit dafür gehabt.

Ich gebe keinen Tanzworkshop, sondern wir tanzen einfach frei bei jeder sich bietenden Gelegenheit! Unsere Besatzung wird auch immer so ausgesucht, dass wir gleich ein Orchester dabei haben!!!
Lass uns doch bitte an deiner journalistischen Erfahrung teilhaben.

Ich finde es sehr wichtig, dass ein Journalist eine starke journalistische Neugier hat. Dies ist der Motor, der einen antreibt! Dass ihn das Thema und der Mensch wirklich richtig interessieren. Mich hat auch immer der Mensch hinter dem Künstler interessiert.

Gewissenhaftigkeit ist auch ganz wichtig, alles zu hinterfragen und sich nicht zu scheuen, irgendwelche Fragen zu stellen. Man braucht jede Menge Empathie, um sich in den Künstler hinein zu versetzen, denn er steht im Vordergrund und nicht man selbst.

Ich habe ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsgefühl und dies ist mir bei der Halima Arbeit immer sehr zugute gekommen. Auch Ehrlichkeit ist sehr wichtig, besonders die Ehrlichkeit zu sich selbst ist da das schwierigere Kapitel ....

Zum Schluss möchten wir dich zitieren und hoffen, du kannst aus dem reichen "Halima-Erfahrungsschatz“ jeweils ein paar Beispiele dafür bringen:

--- "Die göttliche Seele vermittelt sich dem Zuschauer, das andere dazwischen ist die Kreativität."

Ja, das ist für mich die Quintessenz von Tanz überhaupt! Wenn du ganz in dir drin und absolut echt bist, dann bist du dem Göttlichen am Nächsten, und damit erreichst du auch die Zuschauer am tiefsten. Dann kommt die göttliche Seele von Tanz zum Vorschein, durch dich, denn das Göttliche wohnt ganz tief in jedem Menschen drin! Mit welchen Mitteln du dies erreichst, das ist die Kreativität, die frei fließen kann, wenn du ganz in dir drin bist und mit dir im Einklang! Und dies erreicht die Zuschauer nicht so sehr die Technik oder Choreografie. Klar ist die Technik das ABC und muss sauber beherrscht werden. Kein Dichter kann ohne Buchstaben dichten oder besser ein Gedicht aufschreiben. Aber es sind nicht die Buchstaben, die ein Gedicht ausmachen, es sind nicht die Buchstaben, die einen berühren! Es sind nicht die Noten, die zur Musik werden, sondern die Seele des Musikers. Es sind auch nicht tolle komplizierte Choreografien, die einem in tiefster Seele berühren. Auch der Choreografie muss eine Seele eingehaucht oder besser eingetanzt werden. Ganz einfach, sei einfach „DU selbst“! Dieses Einfache ist das Schwierigste im Leben überhaupt!!!

--- "Einfach mal den Blickwinkel ändern."

Ich finde es immer wichtig, alles von verschiedenen Seiten aus zu betrachten. Mal den eigenen Standpunkt zu verlassen und sich in die Haut eines anderen zu versetzen. Alles hinterfragen, gerade, das was einem am selbstverständlichsten erscheiont. Dazu gehört auch, immer alle Seiten zu hören und ernst zu nehmen. Immer wieder den eigenen Standpunkt zu hinterfragen. Z.B. wenn ich eine Tänzerin kritisiere, stelle ich mir immer vor, ich würde diese Kritik auf mich bezogen hören. Danach frage ich mich, kann ich sie so annehmen und daraus lernen? Und erst dann ist sie annehmbar und publizierbar. Ob der Kritisierte sie dann annehmen kann, steht nicht in unserer Macht. Aber unsere Verantwortung als Journalisten ist es, diese annehmbar zu formulieren!

Lao Tse sagt mal: „Zeig einem schlauen Menschen einen Fehler, und er wird sich bedanken. Zeig einem dummen Menschen einen Fehler und er wird dich beleidigen.“ Das ist genau das, was ich meine, nur würde ich nicht von dumm oder schlau sprechen. Jemand, der Kritik nicht annehmen kann, ist nicht mit sich richtig im Reinen sonst könnte er sich dies ruhig anhören und überlegen, ob es für ihn stimmig ist oder nicht und daraus lernen. Derjenige, der sich über Kritik ärgert, ist noch nicht soweit.

--- "Je mehr man reist, desto reichhaltiger werden die Blickwinkel."

Ja, je mehr man reist und fremde Kulturen, Denkansätze und Verhaltensweisen kennen lernt, desto größer wird der eigene Horizont und die eigenen Möglichkeiten.

--- "In den ersten 10-15 Jahren sind wir in der "Halima" von Irrtum zu Irrtum der Wahrheit immer näher gekommen."

Ja, es gab zu Beginn der Zeitung sehr viel Unwissenheit oder was noch schlimmer ist Falschwissenheit. Hihihi das Wort gibt es ja gar nicht, aber ich finde es gut! Und da mussten wir uns über Jahre durchkämpfen. Dabei machte uns die arabische Mentalität öfters Schwierigkeiten. Wenn ein Gast etwas fragt, ist es unhöflich, ihm keine Antwort zu geben. Das heißt, wenn der Befragte es nicht weiß, erfindet er etwas. Und dieses klingt oft sehr plausibel! Aber wahr wird es dadurch noch nicht. Durch die Veröffentlichung wird es dann noch mehr wahr bis jemand dem widerspricht. Dann ist es wichtig nachzuhaken, woher weiß derjenige es besser. Dies gilt es zu überprüfen. Deshalb der Satz von Irrtum zu Irrtum der Wahrheit ein Stück näher zu kommen. Denn ohne Veröffentlichung hätte dies der Wissende gar nicht klarstellen können.

---  Und unser Lieblings-Zitat, das wir unter uns gern die "Halima'sche Unschärfe-Relation" nennen: "Durch die Veröffentlichung kann der Fehler erkannt und sich auf diese Weise langsam der Wahrheit genähert werden."

GENAU! 

--- "Die Leute, die sich bei uns melden, haben sich über irgend etwas geärgert, die Leute die sich nicht bei uns melden, haben sich über irgend etwas gefreut."

Wenn die neue Ausgabe raus ist, steht die Woche danach oft das Telefon nicht still! Typisch Baldingersche Übertreibung! Als erstes rufen die Leute an, die sich geärgert haben. Über irgend Etwas für sie sehr Wichtige z.B. über eine Bemerkung, die sie nicht annehmen können. Oder über ein Bild, das sie nicht rausgesucht hätten, zuwenig Haare, zuviel Falten, zu dick, zu dünn ... Oder weil sie nicht erwähnt wurden und andere zuviel... und, und, und! Guido (Brigittes verstorbener Ehemann) hat das immer als Gockelgehabe bezeichnet!

Einige wenig melden auch zurück, was ihnen gefallen hat oder bedanken sich sogar, aber das kommt seltener vor. Das höre ich dann, wenn ich diejenigen irgendwann mal treffe. Als ich jetzt mein Aufhören ankündigte, kamen so viele positive Reaktionen über meine Jahrzehnte lange Arbeit, dass ich ganz gerührt bin. Einige dieser Rückmeldungen werden wir nach dem Interview veröffentlichen.

--- "Zum 'Heißen Eisen: Wir haben bei der "Halima" nie ein Blatt vor den Mund genommen."

Ja, die Erfindung des "heißen Eisens" war super, so konnten wir Dinge ansprechen, die von allgemeinem Interesse sind und dies anonymisiert. Denn es geht nicht drum, jemanden bloß zu stellen, sondern um das Thema an sich, dass andere daraus lernen können oder mindestens sich Gedanken darüber machen. Da haben wir nie ein Blatt vor den Mund genommen und auch bereits einiges bewirkt und aufgerüttelt. Aber dazu gehört auch viel Mut und das Kreuz, Gegenreaktionen auszuhalten. Wichtig ist es auch über eigenen Animositäten zu stehen, d.h. nur weil ich mich über jemanden geärgert habe, denn ich bin ja auch nur ein Mensch, nichts Negatives über ihn zu schreiben. So gut ich mich mit vielen verstanden habe, brauchte ich doch immer etwas Abstand, um noch neutral zu sein.

Brigitte Baldinger bei facebook ...

Homepage der Halima:
www.halima.de
die "neue" Halima bei facebook ...
NACHTRAG

Angesichts der Ereignisse in den letzten Jahren im Nahen Osten, aber auch  in der jüngsten Silvesternacht in Köln (und genauso anderswo) hat Brigitte uns einen Nachtrag zu ihrem Interview geschickt, den wir hier gern wiedergeben:

„Lieber Marcel, beim Durchschauen von meinen Fotos zur Illustierung unseres Interviews ist mir aufgefallen, wie viele tolle Menschen im Laufe meiner Tätigkeit mit Halima ich kennen gelernt habe. Jedes Interview und jede Begegnung war eine absolute Bereicherung für mich. Viele davon leben schon nicht mehr wie z.B - Dietlinde Karkutli, Ibrabim Farrah, Uschi Lenz und Svenja Habiba und haben sowohl in meinem Herzen als auch in meiner Zeitung Spuren hinterlassen. So nochmals durch die 28 Jahre meines Schaffens zu blättern war sehr bewegend. Ein Füllhorn an Erfahrung, dass ich mir vorkomme wie ein Dinosaurier. Auch wenn ich die Themen lese, die uns vor 20 Jahren beschäftigt haben, sehe ich die große Entwicklung, die ich journalistisch begleiten durfte und bin sehr dankbar für die vielen Erfahrungen.

Auch meine vielen Reisen und Reiseberichte habe ich nochmals gelesen und viele der Reisen Revue passieren lassen: Türkei, Marokko, Tunesien, Libyen, Syrien, Oman alles vor und nach dem arabischen Frühling.

In vielen Ländern des Orients habe ich mich zuhause gefühlt und war begeistert über die Fröhlichkeit und Gastfreundlichkeit der Menschen dort. Sowohl der Frauen als auch der Männer. Natürlich lernt man, wenn man viel im Orient reist, sich unter Orientalen gut und sicher zu bewegen, indem man jede Form der körperlichen Annäherung gerade von Männern aktiv und offensiv verbietet. In Akaba hatte ich den Spitznamen „Lady don´t touch me“!

Mit viel Anteilnahme habe ich den arabischen Frühling verfolgt, besonders die Revolution in Ägypten ließ mich nicht mehr vom Fernseher weg kommen. Ich habe besonders in Ägypten, meinem zweiten Heimatland, viele Freunde, mit denen ich ständig in Verbindung stehe und lebhaft an der Entwicklung Anteil nehme. Nächstes Jahr gehe ich für 8 Wochen nach Ägypten, um Arabisch zu lernen. In Libyen war ich ein paar Jahre vor der Revolution. In Syrien in dem Jahr bevor der Krieg ausbrach! Wenn ich dort die Entwicklung und die Zerstörung des Landes, der Menschen, der Städte, der wunderschönen Natur und der unschätzbaren Denkmäler gedenke, blutet mir das Herz bei den Bildern von Palmyra und Atamea.

Auch wenn ich die Diskussionen über die Flüchtlinge und Asylanten nach den Kölner Vorfällen betrachte, ärgere ich mich über den Generalverdacht allen gegenüber.
Dieses waren Straftaten, die mit rechtsstaatlichen Mitteln ohne wenn und aber geahndet gehören, aber deshalb Ausländer, Flüchtlinge und Asylanten in einen Topf zu werfen, ist unglaublich. Auch ist es unglaublich, dass dies nicht richtig geahndet wird, aus Angst, den Rechten Argumente zu liefern. Mein Menschenbild von Orientalen und Nordafrikanern bestätigen die Vielen von ihnen, die sich gegen dieses Menschenbild wehren. Aber von diesen Menschen wird in der Presse weniger Notiz genommen. Auch für Muslime sind Diebstahl, Angrabschen und Vergewaltigung Straftaten und werden geächtet und geahndet. Und wer etwas Unrechtes macht, gehört bestraft.

Auch weiterhin werde ich die Orientalen lieben und achten und in ihre Länder reisen, auch wenn die Auswahl der ungefährlichen Länder immer kleiner wird! Gerade wir, die wir uns mit dem Orientalischen Tanz beschäftigen und ihn lieben, müssen uns mit dem orientalischen Menschenbild und der orientalischen Mentalität befassen!

Gewalt gehört in jeder Form abgelehnt!“

Und noch etwas, die Total Oriental findet dieses Jahr erstmalig bereits am 2.4.2016 statt und da bin ich nicht in Marokko, wie im Interview gesagt! Also werde ich auch dieses Jahr die Halima überreichen können! Hurraaaaaaaaa!!!

Brigitte und ihre Reise-Freunde unter einem Kalkstein-Monolith in der weißen Wüste Ägyptens
... in Syrien (Palmyra)
Brigitte in Marokko 1999, die Hüte trägt man dort traditionell im Norden des Landes
Fotografin Brigitte

"SEI EINFACH DU SELBST"
Interview mit Brigitte Baldinger
von Marcel Bieger