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Grafische Gestaltung: Konstanze Winkler
Für uns keine Unbekannte, Csilla, die
beim allersten „Tribal Star“-Wettbewerb beim Hannover Tribal Festival mit ihrer Gruppe auf dem ersten Platz gelandet ist. Danach war es um die Ungarin etwas stiller geworden, bis sie im Zusammenhang mit dem Wettbewerb im Bukarest einen hervorragenden zweiten Platz erreicht hat.

Im Rahmen unserer Unterstützung für das erste rumänische Tribal Festival überhaupt haben wir für die jeweiligen 2. Plätze (es gab mehrere Kategorien) ein illustriertes Interview in „Hagalla“ ausgelobt. Csilla ist unsere Gesprächspartnerin bei den Solistinnen, bei den Gruppen ist der „Najah Tribe“ an der Reihe, und dieses Interview folgt im Anschluß.
"TRIBAL FUSION IST FÜR SOLISTEN,
TRIBAL FÜR GRUPPEN"

Interview mit Csilla Pribojszki

- von Marcel Bieger;
Deutsch von Marcel Bieger

Im vergangenen Herbst hast du im Wettbewerb des Tribal Fest Bucharest den 2. Platz belegt. Warum bist du nach Rumänien gefahren, um dort am Contest teilzunehmen, und was hast du gefühlt, als du Vize-Siegerin geworden bist?
Als ich dann vernahm, daß ich den zweiten Platz erreicht hatte, war ich im ersten Moment sehr überrascht, aber dann sehr glücklich.
2011 hast du auf dem Tribal Festival in Hannover den „Tribal Star“ errungen, allerdings damals noch mit Gruppe. Seitdem haben wir nicht mehr allzu viel von dir gehört, was ist seitdem geschehen?

2011 war ich Mitglied der Gruppe „Berill Tribe“. Ich habe bei uns die Choreographien geschrieben, Unterricht erteilt, die Musikauswahl getroffen und Kostümideen entwickelt. Aber Ende 2011 kamen dann in der Gruppe Probleme auf, und wir mußten feststellen, daß unsere Vorstellungen nicht mehr übereinstimmten. Irgendwann gab es für mich nur noch eine Lösung, und ich habe die Gruppe verlassen, um meine eigenen künstlerischen Ansprüche zu erfüllen. So hat meine Solo-Karriere begonnen.

Ab und an arbeitete ich mit zwei begabten ungarischen Tänzerinnen,
Andi György und Simi Julisch. Sie sind mir eine große Stütze und Motivation, nicht aufzugeben. Manchmal treten wir als Duo oder Trio auf. Aber hauptsächlich bin ich als Solistin unterwegs. Meistens in Ungarn, doch ich war auch schon im slowakischen Bratislawa (Preßburg), im tschechischen Prag und im rumänischen Bukarest. Wer weiß, wohin es mich demnächst noch verschlägt?
Du giltst heute als eine der führenden Tribal Fusion-Tänzerinnen Ungarns. Warum hast du dich gerade für diesen Stil entschieden, du hast doch eigentlich klassischen OT gelernt, nicht wahr?

Nein, eigentlich habe ich am Anfang Folklore-Tribal gelernt. Im nachhinein bin ich ziemlich glücklich darüber, denn so bin ich als erstes mit dem Tribal in Berührung gekommen. Dieser Stil fußte auf dem marokkanischen Bauchtanz und war mit dem Format „Gypsy Caravan“ verknüpft. Schon ein Jahr später habe ich mich dem Tribal Fusion zugewandt, ohne darüber den Tribal zu vernachlässigen. Ich erinnere mich sehr gut daran, wie ich zum ersten Mal das Rachel-Brice-Video von ihrem Auftritt 2006 auf dem Tribal Fest im kalifornischen Sebastopol gesehen habe. In diesem Moment begriff ich, daß ich noch viel mehr tanzen und lernen mußte.
Einige Jahre später machte ich bei mehreren Stämmen mit, befand mich aber weiterhin auf der Suche nach neuen Anreizen. Ich besuchte Projekte und Workshops, schaute mir DVDs und Videos an. Meine Liebe zum Tanz war mir ein ständiger Ansporn, mich immer weiter umzuschauen. Als ich an die Universität gegangen bin, habe ich Flamenco gelernt, mich im Bollywood versucht und eine Bauchtanzschule gefunden, wo man mir die Grundlagen des ägyptischen Bauchtanzes beigebracht hat. War wirklich interessant zu sehen, wie unterschiedlich die gleichen Bewegungsabläufe getanzt werden können. Später, beim Berill Tribe, konnte ich auf alles Gelernte zurückgreifen und meinen modernen Tribal Fusion-Stil entwickeln. Heutzutage haben der Zeitgenössische und den indische Tanz den größten Einfluß auf mich und eröffnen mir neue Möglichkeiten. Aber die alten Folklore-Tänze liebe ich weiterhin, sie schenken immer noch Geistesblitze.
Was sind deiner Ansicht nach die Vor- und Nachteile des Solotanzes, gerade im Tribal Fusion?

Meiner Meinung nach ist der Tribal Fusion vor allem anderen ein Solotanz. Natürlich gibt es in diesem Genre auch eine ganze Menge Gruppen, aber wenn man sich eine Show ansieht, kommt man nicht umhin festzustellen, daß im Tribal Fusion meistenteils allein getanzt wird. So etwas zu tanzen, ist nämlich alles andere als einfach. Die Bewegungen von mehreren synchron zu gestalten, ist schwer, und ebenso macht es Mühe, Tänzerinnen auf dem gleichen Niveau zu finden. Deswegen ist Tribal Fusion eher etwas für Solisten und der traditionelle Tribal eher etwas für Gruppen.

Wie der Name schon sagt, tanzt man als Solistin allein. Man kann seine Choreographie selbst aussuchen, ebenso die Musik, das Kostüm, die Auftritte, einfach alles, ohne auf andere Rücksicht nehmen zu müssen. Aber ebenso ist auch niemand da, um einem die Hand zu halten oder dich bei deinem Auftritt zu unterstützen. Auf der Bühne sehen keine zwei Solistinnen gleich aus. Das Kostüm muß sich von allen anderen abheben, und als Einzelkünstlerin muß man auf der Bühne genauso viel leisten wie eine Gruppe von 3, 4, 5 oder mehr Personen.
Ein paar Monate vor dem Festival bin ich auf eine Anzeige der Veranstalter aufmerksam geworden, und ich habe mir gesagt, warum nicht dorthin und von den eingeladenen Dozentinnen etwas lernen? Ich wollte auch gern auftreten, und dafür boten sie mir zwei Möglichkeiten: Die Offene Bühne oder der Wettbewerb. Ich habe mich dann für den Contest entschieden, weil ich konstruktive Kritik über das Niveau meines Tanzes und meines Stils hören wollte. Vor zwei Jahren habe ich nämlich mit etwas Neuem begonnen, und der Wettbewerb in Rumänien erschien mir als perfekte Gelegenheit, um zu überprüfen, wie weit ich schon war. Ich bin nämlich der festen Ansicht, daß einem Kritik aus berufenem Munde ganz schön dabei helfen kann, den eigenen Stil zu verbessern. Davon abgesehen habe ich nicht damit gerechnet, im Contest einen möglichst guten Platz zu machen. Als ich an der Reihe war, bin ich einfach auf die Bühne, habe getanzt, was mir mein Herz vorgab und den Auftritt genossen.
Wenn du ein neues Stück entwickelst, was steht da am Anfang, und wie geht es dann weiter?

Das läuft eigentlich jedesmal anders ab. Manchmal stoße ich auf ein Musikstück und denke mir, „Genau, das ist es, darauf will ich tanzen!“. Aber die Musik allein tut es ja nicht, und manchmal stellt man fest, daß sie zum Auftritt so nicht ganz geeignet ist. Deswegen haben sich am Ende meine Emotionen oder meine momentane Situation bei der Auswahl der Musik zu meinem neuen Stück durchgesetzt. Man sollte stets für eine bestimmte Situation die richtige Musik finden. Jeder Auftritt ist anders, und ich mache mich deswegen stets auf die Suche nach Stücken, die sowohl dem Publikum als auch mir gefallen.

Gelegentlich stehen aber auch weder eine Musik, ein Kostüm noch ein bestimmter Schritt am Anfang, sondern ich bekomme meine Eingebung von einem Buch, einem alten Photo, einem Video und so weiter. Danach mache ich mich dann auf die Suche nach der dazu passenden Musik, lasse mich von der inspirieren, und entwerfe darauf aufbauend mein Kostüm.

Ich glaube fest daran, daß alles, was wir auf der Bühne veranstalten, unser visueller Ausdruck der Musik ist. Deswegen sollte der Tanz auch immer zur Musik passen. Jeder Akzent, jeder zeitliche Ablauf und jede Geste müssen im rechten Moment erfolgen.

Wie steht es zur Zeit um den Tribal Fusion in Ungarn? Gibt es eine Tanzgemeinde, und siehst du dich als ihr zugehörig an?

Ja, im ganzen Land gibt es mittlerweile Szenen, Gottseidank nicht nur in Budapest. ATS und Tribal Fusion gehen Hand in Hand. Meistens trete ich ja in der Provinz oder in meiner Heimatstadt auf, gebe Unterricht oder Workshops. Aber ein paarmal im Jahr verschlägt es mich auch in die Hauptstadt, um dort bei größeren Veranstaltungen wie dem „Tribal Fesztival Hungary“, dem „Cairo! Festival“ und so weiter aufzutreten.
Du tanzt, du studierst und du findest immer noch Zeit, eigene Tribal-Kostüme, Accessoires und Schmuck zu entwerfen. Wie koordinierst du das alles?

Kostüme zu entwerfen, ist meine zweite Leidenschaft. Es hat mir immer schon große Freude gemacht, Dinge zu erschaffen: die passenden Farben aussuchen, die richtigen Stoffe auswählen und die Größen bestimmen … solche Tätigkeiten beruhigen mich immer, wenn ich schlechte Laune habe. Das ist so eine Art Meditation, bei der ich mich aus der Wirklichkeit zurückziehen kann. Ich verstecke mich sozusagen hinter meiner Kreativität. Mir macht so etwas wirklich große Freude, und ich versuche immer, mir ein paar Momente freizuhalten, um darin Kostüme zu zeichnen, oder Schmuckstücke zu bauen oder sonst etwas in der Art. Selbst in der arbeitsintensivsten Zeit müssen diese kleinen Freiräume sein. Wenn (falls) ich einmal erwachsen geworden bin, bin ich Ökonomin mit dem Spezialgebiet Betriebswirtschaft. Sobald in der Uni Prüfungen anstehen, lege ich im Schaffensprozeß eine Pause ein, um mich stärker auf den Prüfstoff zu konzentrieren. Eigentlich versuche ich immer, zwischen beidem das Gleichgewicht zu finden. Ich glaube, damit fährt man am besten. Schließlich kann ich mehr nähen und tanzen, wenn der Streß in der Uni etwas nachlä0t. Wer sich für meine Schöpfungen interessiert, hier der Link:
http://www.etsy.com/shop/CsillaTribalDesign

Wie sehen deine weiteren Pläne aus, und kommst du wieder nach Deutschland?

Ich habe keine konkreten Pläne, somit ist alles möglich, und ich bin für alles offen. Ja, ich würde gern noch einmal nach Deutschland kommen, in Hannover hat es mir gut gefallen, und vielleicht kehre ich ja einmal dorthin zurück. Aber jede andere Stadt ist mir auch recht, denn ich reise gern und fühle mich überall zuhause.
Homepage: www.csillabellydance.com
Photos ©: Nagy Elzbieta, Balogh Zsolt, Hana Major Sládková, Stelian Sescu, Jan Zitniák
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