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Immer wieder tauchen neue Sterne auf, die so heiß sind, daß sie von selbst leuchten. Für gewöhnlich dauert es lange, bis sie auch zu uns kommen. Deb Rubin ist so eine Sonne, nicht nur eine tolle Tänzerin, sondern auch eine großartige Lehrerin. Und jetzt ist es endlich so weit, im September kommt sie nach Deutschland. Aber diesmal hat nicht eines der ganz großen Festivals sie eingeladen, nein, Eliana ist dieses Kunststück mit ihrem kleinen, aber feinen „Tribal Passions“ gelungen. Das gehen wir uns natürlich anschauen!
INSPIRATION,
NICHT FREIZEITBESCHÄFTIGUNG

Interview mit Deb Rubin

von Marcel Bieger (auch Übersetzung)

Erzähle uns bitte, was du getan hast, bevor der Tribal über dich gekommen ist – und warum du bei ihm geblieben bist.

Ich hatte das große Glück, in einer sehr aufregenden und stürmischen Tribal-Fusion-Zeit in San Francisco gewesen zu sein. Der Tanz gehörte von Anfang an zu meinem Leben. Seit ich drei war, haben Tanz und Sport mich in ganz besonderem Maße interessiert. Und zwar in allen Spielarten: Bis achtzehn habe ich viel geturnt, dann bis einundzwanzig war ich Kunstspringerin. Als Kind habe ich außerdem Musiktheater betrieben, und während der High School und auf dem College war ich in mehreren Jazztanz-Truppen dabei. Als Jugendliche habe ich dann beim Tanz eine Pause eingelegt, weil mir andere Dinge wichtiger waren.

Bevor der Tribal über mich gekommen ist – wie du es ausdrückst – habe ich in San Francisco als diplomierte Massagetherapeutin gearbeitet. Ich habe mich viel mit Joga beschäftigt und wollte auch Joga-Lehrerin werden. Vorher war ich in Chicago als MTA in der Neurologie-Forschung tätig und wollte Medizin studieren. Dann zog ich nach San Francisco und hatte immer noch fest vor, eine Mediziner-Karriere einzuschlagen. Zu diesem Zweck beschäftigte ich mich viel mit der ganzheitlichen Medizin und artverwandten Heilmethoden. Mein Leben in San Francisco, genauer im Stadtteil Haight/Ashbury, verlief ansonsten ziemlich normal. Ich besuchte Trommelgruppen und Musik-Festivals im Golden Gate Park und auch sonstwo an der Westküste, machte mit Freunden selbst Musik, bin viel herumgekommen und besuchte verschiedene Tanzkurse, aber nur als Freizeit-Tänzerin.

So sah ich mich plötzlich als Erwachsene wieder dem Tanz gegenüber, aber jetzt mit einem veränderten Körper und ganz anderen Vorstellungen und Vorlieben. Eines Tages erlebte ich auf einer Party Jill Parker, die dort mit zwei anderen auftrat, und mich traf fast der Schlag. Ich habe mich gleich bei ihr eingeschrieben und bin einmal die Woche zu ihr in den Tanzunterricht.

Der Tribal hat mich gleich in seinem Bann gezogen: die Musik, die Bewegungen, der gemeinsame Tanz mit Frauen aller Altersgruppen und Konfektionsgrößen, daß alle für einander da waren und überhaupt die Gemeinschaft innerhalb des Stammes. Davon wollte ich gar nicht mehr fort! Das geschah 2002, und ich habe auch weiterhin fleißig den Unterricht besucht.

Die Tanzklasse wurde bald für mich zum Höhepunkt der Woche. Nach jeder Stunde fühlte ich mich angeregt und glücklich. Zuhause habe ich dann geübt: Unter der Dusche, im Wohnzimmer, in der Küche, einfach überall, weil es solchen Spaß gemacht hat. Nach gar nicht so langer Zeit fragte mich Jill, ob ich nicht ihrer Schülerinnengruppe, „Djun Djun“ beitreten wolle, und später könnte ich dann zu ihrem professionellen Ensemble, „Ultra Gypsy“, überwechseln. Und so ist es dann ja auch gekommen. Die ersten gemeinsamen Probestunden mit Jill und all ihren Tänzerinnen haben mein Tribal-Fundament errichtet und meine Liebe zu dieser Kunstform gefestigt. Warum ich davon nicht mehr losgekommen bin, willst Du wissen? Ganz einfach, weil ich mich bis über beide Ohren darin verliebt habe.

Wenn ich heute an diese Zeit zurückdenke, erkenne ich deutlich, wie ich damals weibliches Selbstvertrauen und Selbstbewußtsein gewonnen habe. Ich hatte mich ja auch in anderen Tanz-Genres umgetan, aber so etwas nie zuvor erlebt. Der Tribal half mir, über ein paar „Problemzonen“ hinwegzukommen, mit denen ich mich zu jener Zeit herumschlug. Durch diesen Tanz vermochte ich, wirklich mich selbst auszudrücken. Nicht zu vergessen, das wunderbare Gemeinschaftsgefühl im Stamm, der Tribal verband mich mit anderen künstlerisch schöpferischen Frauen, die genau so oder so ähnlich dachten wie ich. Und von Anfang an wußte ich, daß ich so etwas von jetzt an immer machen wollte. Meine ganze Seele befand sich im Einklang mit der Musik und den Tanzbewegungen. Aber ich habe das ja auch im Blut, den Zugang zu osteuropäischer und orientalischer Musik habe ich meinen Vorfahren zu verdanken. Ich bin mit solchen Klängen aufgewachsen, und ich habe auch Geige gelernt.

Tribal Fusion hat mich ebenfalls von Anfang an begeistert, weil er moderne und zeitgenössische Musik und Ideen in den Tribal mit einbezieht und so dieser Kunstform jene besondere Note verleiht, die für unsere Pop- und Gegenkultur in San Francisco und überhaupt an der ganzen Westküste so typisch ist. Ich habe mich dieser Jugendkultur immer sehr verbunden gefühlt. In der Bay Area, also dem Großraum um San Francisco fand ich die größte Anregung in den vielfältigen Gelegenheiten zum gemeinsamen Tanz mit sehr vielen begeisternden und schöpferischen Künstlerinnen. Das alles hat meine eigene Begabung so richtig gefördert und hervorgebracht. Aber trotz all dieser Begeisterung hätte ich im Traum nie daran gedacht, professionelle Tänzerin zu werden. Der Tanz war mehr so eine Art Nebenbeschäftigung. Denn eigentlich wollte ich ja Medizinerin werden. Obwohl ich damals schon bei „Ultra Gypsy“ getanzt habe, zum Unterricht und zu den Proben mußte, gar nicht zu reden von den Auftritten, bin ich doch auch weiterhin zur Hochschule gegangen und habe schließlich einen Abschluß in ganzheitlicher Medizin geschafft. Tagsüber hieß es also Massagetherapie und Medizin studieren und abends tanzen.

Irgendwann kam dann unweigerlich der Moment, an dem ich mich entscheiden mußte. Eines Tages, ich hatte gerade die Hochschule hinter mich gebracht, flatterte die Einladung für eine Lehrtätigkeit in einer medizinischen Einrichtung an der amerikanischen Ostküste ins Haus. Ich habe abgelehnt. Mir wurde klar, daß ich das doch nicht werden wollte. Mir wurde bewußt, daß ich viel lieber tanzen, mich dort hundertprozentig einbringen und so hart proben wollte, bis ich alles aus mir herausgeholt hatte, was in mir steckte. Und ich wollte meine Liebe zum Tribal mit allen anderen, rund um den Erdball, teilen. Ja, das war der Traum, dem ich folgen wollte. Von diesem Moment an hat der Tanz mein ganzes Leben übernommen, und alles andere mußte sich ihm unterordnen.

Ich bin sehr froh darüber, in der Tribal Fusion-Szene von San Francisco großgeworden zu sein. Nur hier konnte ich mit einigen der wichtigsten, schöpferischsten und begabtesten Musiker, Tänzer, Visionäre und Künstler dieses Genres zusammenkommen und von ihnen lernen. Ich hatte das große Glück, dabei tollen Lehrern, Unterstützern und Freunden zu begegnen, die mich stets ermutigt und ein Stück weiter vorangebracht haben. Jill nenne ich hier nicht von ungefähr an erster Stelle, denn ich verdanke ihr sehr viel. Sharon Kihara, Amy Sigil, Kami Liddle und Carolena Nericcio gehören ebenfalls ganz wichtig dazu. Und Rachel Brice muß ich auch nennen. Sie hat mich auf meinem Weg sehr beeinflußt, ich würde sie sogar als einen der wesentlichsten Einflüsse auf meinen Stil und meinen Tanz bezeichnen. Ich bin in jeden Unterricht von ihr gerannt, und ich habe von ihr gelernt, wann immer sich mir Gelegenheit dazu bot. Rachel hat mich sehr behutsam in diese oder jene Richtung gelenkt und mir beigebracht, mehr herumzureisen, mehr zu unterrichten und vor allem, mehr zu tanzen. Ich lerne seit ungefähr 2003 bei ihr, habe bei ihr Joga-Unterricht genommen, und die Art, wie sie ihren Tribal zum Ausdruck bringt, hat bei mir stets eine Saite zum Schwingen gebracht. Ihre Herangehensweise an diese Kunst, daß Joga für sie unabdingbar ist
Welche Künstler inspirieren dich denn heute?

Oh, das sind ziemlich viele (lacht). Zur Zeit schaue ich über den Tellerrand des Genres hinaus, um mich als Tänzerin weiterzuentwickeln. Zunächst einmal sollte ich wohl meine Lehrerin und Freundin, Anandha Ray, nennen. Eine faszinierende Zeitgenössische Tänzerin und Choreographin. In ihren dreißig Tanzjahren hat sie es zu außerordentlicher Meisterschaft selbst in den winzigsten Bewegungen und Gesten gebracht. Sie begeistert mich als Choreographin, als Lehrerin (was sie alles aus uns herausholt!) und als Mensch. Einige ihrer Arbeiten haben mich zu Tränen gerührt.

Dann meine gute Freundin Sofiah Thom (bambooyogaplay.com), die Muse meiner Bewegungen.  Sie ist eine unglaubliche Tänzerin und ein immerwährender Ansporn. Auf dem Gebiet des Tribal Fusion fällt es mir sehr schwer, Namen zu nennen, denn auf ihre spezielle Weise gefallen mir alle sehr gut. Ganz spontan würde ich Samantha Emanuelle und die Holländerin Tjarda mit ihrem neuen Projekt nennen. Sie gefallen mir ganz außerordentlich, wenn sie zusammen arbeiten, aber auch mit ihren Solo-Auftritten, und ich verfolge staunend, welche Wege sie dabei beschreiten. Mardi Love darf ich nicht vergessen, wenn sie tanzt, fällt mir immer noch die Kinnlade herunter, und das Herz klopft mir wie wild. Ihr Tanz ist die Krönung unseres Genres, und sie fängt mit ihrer Kunst das Wesen einer vergangenen Zeit ein, für die ich ebenfalls eine Menge übrig habe und mit der ich mich verbunden fühle. Und sonst sind da: Kami Liddle, Olivia Kissel, Donna Mejia, Carolena Nericcio, Heather Stants, Aubre Hill, April Rose und Auberon Schull.

Alle diese Frauen haben mir viel an Erkenntnis und Einsicht gegeben. Lee Kobus und die Frauen von Salome Suitcase Ladies regen mich immer wieder bei meinen Kostümen an. Oh ja, Illan aus Frankreich. Was für ein Erlebnis, ihn in Sebastopol zu erleben. Ich kann es kaum erwarten, ihn im Oktober wiederzusehen. Frank Farinaro begeistert mich mit seinen verrückt genialen Isolationen and Layerings. Und natürlich einige neue Tänzerinnen, die sehr vielversprechend sind und deren Entwicklung ich im Auge behalten werde, wie Nagasita oder Katy Swenson.

(was ich nur unterschreiben kann) und überhaupt ihre ganze Persönlichkeit machen sie für mich zu einem ganz außergewöhnlichen Menschen. Diesen Frauen und all die anderen, die ein Stück meines Wegs mit mir gegangen sind, bin ich unendlich dankbar dafür, mir die Laufbahn geebnet, mich immer weiter vorangetrieben und mir gezeigt zu haben, wie man sich ganz und gar dieser Kunst verschreiben kann. Ich bin ihnen auf ewig verpflichtet und werde immer weiter an mir arbeiten.
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Photos ©: 1 Kristine Adams, 2, 3, 4 und 5 Scott Belding
Grafik und WebDesign: Konstanze Winkler