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Wie würdest du denn deinen Stil selbst beschreiben?

Du lieber Himmel, wie soll ich denn meinen eigenen Stil beschreiben (lacht)? Ich würde sagen, er befindet sich noch in der Entwicklung, und hoffentlich hält dieser Zustand noch recht lange an. Meine Herangehensweise an den Tanz verläuft in erster Linie körperlich, also Joga und auf den Kern konzentriert. Meine Tanzwurzeln ruhen fest im San Francisco-Tribal. Ich tue eben das, was ich tue. Von mir aus können andere ein Etikett auf meinen Tanz kleben oder ihn in eine bestimmte Schublade stecken, aber ich selbst nenne meine Kunst einfach nur “Tanz”. In der letzten Zeit fällt mir auf, daß Leute mir sagen, ich hätte meinen ganz eigenen Stil. Ich weiß nicht genau, woran sie das ausmachen, aber ich würde es zu gern erfahren (lacht). Heutzutage wird ja viel Wert auf das Innovative, auf neue Fusion-Wege und darauf gelegt, daß der Tänzer seinen ganz eigenen Stil hat. Ich persönlich glaube ja eher, daß sich das alles im Lauf der Zeit von ganz allein entwickelt. Da aber das Innovative so hoch im Kurs steht, werden doch auch ständig neue Bezeichnungen erfunden, und man gibt sich die größte Mühe, sich dadurch von anderen abzuheben und die eigene Kunst als einzigartig darzustellen.

Begonnen hat es mit Tribal Fusion, aber jetzt heißt es Zeitgenössisch Fusion, Modern Fusion, Nouveau fusion, Tribal Fouveau und so weiter. Da verliere ich doch ein wenig den Überblick, in welche Kategorie ich fall (lacht). Ich betreibe halt gern Bauchtanz. Und in den letzten Jahren habe ich mich bemüht, all das in meinen Tanz einfließen zu lassen, was ich in meinen Jahren in anderen Genres gelernt habe, Zeitgenössischen Tanz, Tango, Schauspielkunst, Joga und so weiter. Aber nicht nur jeweils eine Prise davon, sondern durchaus eigenständig und wiedererkennbar. Die Kultur, die Lebensart und die Gemeinschaft der Tribal Fusion-Szene San Franciscos haben mich entscheidend geprägt. Und auch die Musik-Veranstaltungen an der Westküste, die elektronische Musik-Szene und alle Lehrerinnen, bei denen ich gelernt habe, haben ebenfalls ihre Spuren in mir hinterlassen. So bin ich nun einmal, ich kann es nicht ändern, die letzten zehn Jahre lassen sich eben nicht abschütteln. Und ganz ehrlich, ich bin auch stolz darauf.
Darüber hinaus begeistert mich auch die Kultur der 20er und 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Erté hat es mir besonders angetan (Modeschöpfer, Gebrauchskünstler und „Werbegraphiker“ aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts). Den verehre ich schon seit Kindheitstagen. Meine Mutter hat mir oft aus Europa Bilderbücher mit Zeichnungen und Graphiken von ihm mitgebracht, oder von Mucha (tschechischer Maler und Plakatkünstler, etwas früher als Erté). Ich kann mich wie ein Kind freuen, wenn ich auf einem Flohmarkt etwas Schönes aufstöbere, Krimskrams, Schreibmaschinenlettern, alte Stoffe, alten Strass-Schmuck. Ich stelle mir dann gern ihre Geschichte vor und stelle sie zusammen, um mich davon für ein neues Kostüm inspirieren zu lassen. Ich setze gern Alt und Neu zu etwas Neuem zusammen, um zu sehen, was sich daraus entwickelt. Für mich gehört so etwas einfach ganz wesentlich zum Tribal Fusion dazu, denn der setzt sich doch auch aus der uralten Seele der Zigeuner und den allerneuesten künstlerischen Entwicklungen des Zeitgenössischen Tanzes zusammen. Jetzt bist du dran, mach etwas aus dieser Antwort (lacht).
Du hast bereits mehrfach deine Lehrtätigkeit angesprochen, woher bekommst du deine Inspirationen für die Workshops?

Eingebungen für Workshops kommen mir andauernd. Ich unterrichte für mein Leben gern, und mir fallen ständig neue Sachen ein – wie man an bestimmte Fragen herangeht, wie man sich noch besser auf seinen Körper einstellt, um noch mehr für den Tanz herauszuholen, und sogar in Kursen anderer Dozenten kommen mir ständig Ideen. Wenn ich eine neue Musik höre, in meinem Studio vor mich hin tanze, mich mit anderen Lehrern unterhalte, aus den Fragen, die meine Schülerinnen mir stellen, oder wenn jemand bestimmte Materialien braucht. Auch meine medizinische Ausbildung, mein Joga-Studium, die Ganzheits-Methode, der viele Sport und meine fünfzehnjährige Erfahrung im Umgang mit Gruppen, im Gruppen-Unterricht und der Umsetzung von all dem im Bauchtanz-Bereich sind mir eine willkommene Quelle der Inspiration. Davon abgesehen besuche ich selbst auch sehr viele Workshops. Ich bin gern Schülerin, denn so bewahre ich mir die Neugier und wachse und reife weiter. Ich informiere mich gern darüber, was gerade angesagt ist, wie ich das für meine eigene Arbeit umsetzen, wie ich das Thema vielleicht etwas anders angehen oder aus einem anderen Blickwinkel betrachten, oder welche weiteren Themen ich damit verknüpfen könnte.

Joga führt mich immer wieder zu neuen Erkenntnissen, und ich bediene mich auch gern bestimmter Methoden, die mir dabei geholfen haben, den Tribal Fusion zu meinem Tanz zu machen. Dann gibt es natürlich die nicht seltenen Gelegenheiten, bei denen Veranstalter oder Schülerinnen bestimmte Workshop-Themen von mir wünschen. So etwas stellt dann eine echte Herausforderung für mich dar, weil ich mich in das gewünschte Thema einarbeiten muß. Aber in der Regel gebe ich Kurse über die Themen, die mich gerade am meisten interessieren oder besonders beschäftigen. Oder salopp ausgedrückt, die Themen, die mir gerade unter den Nägeln brenne, weil sie entweder noch so neu sind oder mit der Tanzarbeit zu tun haben, die mich gerade auf Trab hält. So bleibt alles neu und frisch und wird nie langweilig für mich.

Was meine Lehrmethoden angeht, so lassen sich die kurz gefaßt so ausdrücken: Ich verknüpfe Technik mit künstlerischem Geschick und Therapeutik mit somatischer und Joga-Ausrichtung.

Ich helfe persönlich, wenn etwas noch nicht so richtig sitzt, ich beschäftige mich mit jeder einzelnen Schülerin, und ich konzentriere mich darauf, Bewegungen aus dem Innersten zu erzeugen und von innen nach außen zu arbeiten.
Wie gehst du vor, wenn du ein neues Stück entwickelst?

Das ist eigentlich bei jedem Stück etwas anders. Im Normalfall konzentriere ich mich auf eine Musik, die mir besonders gut gefällt. Und dann stelle ich mir vor, wie ich die tänzerisch umsetzen will. Das reicht von etwas ganz einfachem wie einem Kleid in einer bestimmten Farbe, kann aber auch so richtig in die Tiefe gehen, so daß ein getanztes Gefühl oder eine ganze Geschichte dabei herauskommt. Und natürlich alle Stufen dazwischen. Ich höre mir das Stück dann circa 300-mal an, improvisiere dazu, das heißt, ich tanze zunächst einfach drauflos und nehme mich dabei mit der Videokamera auf. Später schaue ich mir das Band dann an und stelle fest, in welche Richtung sich alles bewegt, was gut dazu passt und was überhaupt nicht. Ich notiere mir alle Musikteile peinlich genau und nehme mir die einzelnen Segmente gesondert vor. Ich führe auch genau Buch über die einzelnen Veränderungen und Entwicklungen in der Musik. Aber ich beginne selten am Anfang. Und wenn es ein Solo-Stück wird, lasse ich all die Stellen erst einmal heraus, in denen ich improvisieren will. Eigentlich arbeite ich nicht gern von A nach B und dann nach C. Ich halte mich auch nicht damit auf, die ersten Phasen zu überarbeiten, sondern überlasse es lieber dem Stück, sein Eigenleben zu entwickeln. Und wenn ich das alles hinter mich gebracht habe, rufe ich meine Freundin Cera Byer an und bitte sie um Hilfe. Ich tanze ihr das Stück vor, und sie soll Kritik üben. Sie kennt sich sehr gut mit Choreographie aus, sie spürt genau, wohin ich mit dem neuen Stück will, und dann gibt sie mir Tipps und Ratschläge. In der Hinsicht ist sie wirklich unbezahlbar. Wenn ich irgendwo feststecke, grübele ich nicht lange, sondern bitte andere um Hilfe. Am liebsten Cera. Im Juni habe ich eine Gruppen-Choreographie geschaffen, und da habe ich mich an Kami Liddle gewandt, weil ich mit dem Anfang nicht so recht klar kam, da befand ich mich noch ziemlich am Beginn des Stücks. Kami hat mich ganz toll beraten, und das habe ich dann auch gern in die Choreographie eingearbeitet.

Du bist zusammen mit Gruppen wie "Balkan Beat Box" und "Beats Antique" aufgetreten. Wie ist es, mit solchen Gruppen zusammenzuarbeiten, und wie sehr unterscheiden sie sich eigentlich voneinander?

Ich schätze mich wirklich glücklich, mit einigen wirklich großartigen Bands gemeinsam auf der Bühne gestanden zu haben. Eigentlich waren es ja noch viel mehr als nur die beiden, die du aufgeführt hast: Hamsa Lila, Lynx & Janover, Karsh Kale, EOTO (StringCheeseIncident), Fishtank Ensemble, Helm, Brass Menazeri. Dazu kommen noch DJs und Producer wie: David Starfire, Govinda, Random Rab, Eskmo oder Vibesquad.  Jede Gruppe ist ganz anders, sie unterscheiden sich nicht nur in ihrem Musikstil, sondern auch in ihrer Ausstrahlung. Gemeinsam ist ihnen aber, daß sie alle unglaubliche Musiker und Menschen sind, und so ist es möglich, daß sie auch mir Leuten wie mir zusammenarbeiten können. Es kommt darauf an, wie man mit ihnen zusammenkommt und dann in die Zone zwischen den anderen auf der Bühne und der Musik einfügt. Das ist oft genug pure Magie.

Mit Live-Musik zusammenzuwirken, gehört zum Tollsten, was das Leben mir zu bieten hat. So ein Auftritt bringt mir immer jede Menge Inspiration, und Adrenalinstöße, die Musik und mein Tanz treten ja in einen Dialog. Ich empfinde das schon als Auszeichnung für mich. Die Auftritte mit „Balkan Beat Box“ waren wirklich unfassbar. Sie sind unglaublich entgegenkommend, und man fühlt sich vollkommen bei ihnen aufgenommen. Während ich auf der Bühne stand, habe ich mich tatsächlich wie eine der ihren gefühlt. Dafür bin ich ihnen noch heute dankbar. Sie bringen eine solche Energie mit auf die Bühne. Die Mitglieder von „Balkan Beat Box“ sind beim Auftritt auf und ab gesprungen, und ich hatte Mühe, um sie herum zu tanzen, damit keiner auf mir landet! Musik ist ihnen das wichtigste im Leben, und sie haben die Zuschauer wirklich zum Kochen gebracht! Was für ein Erlebnis!

Du bist auch zusammen mit anderen Tribal-Größen aufgetreten. Warum nimmt man dich gern als Tanzpartnerin?

Was soll ich denn dazu sagen, ich bin doch so schüchtern (lacht). Ich bin glücklich, so oft Gelegenheit erhalten zu haben, mit so beeindruckenden und schöpferischen Künstlern zusammenarbeiten zu können, von denen einige meine Freunde geworden sind. Ich hoffe, das hört nicht so rasch wieder auf. Ich glaube, die Grundlage für die gemeinsamen Projekte waren ehrlicher gegenseitiger Respekt, eine professionelle Herangehensweise, Freundschaft und ganz einfach beiderseitiger Spaß an der Arbeit. Wenn diese Grundlagen gegeben sind, folgt der Rest von ganz allein.

Der Auftritt bei Elianas „Tribal Passion“ im September wird dein erster in Deutschland sein, was erwartest du von Deutschland?

Ich bin schon ziemlich aufgeregt, in Deutschland zu unterrichten. Erwartungen habe ich so gesehen keine, ich bin nur unglaublich aufgeregt. Ich freue mich darauf, so viele neue Menschen kennenzulernen und mit ihnen unsere gemeinsame Liebe für den Tanz zu teilen. Danke an Eliana, mir das zu ermöglichen.

Was werden wir von Deb Rubin auf der Bühne sehen?

Da bin ich mir noch nicht so ganz schlüssig. Meine Tanzkunst unterzieht sich in diesem Jahr einer großen Wandlung. Ich schiebe meine Grenzen weiter voran und nehme neue Einflüsse auf. Also, lasst euch überraschen. Natürlich wird es einige bekannte funkelnde Stellen geben, ganz typische Bewegungen von mir, Schlangenartiges (ich komme einfach nicht von meinen langsamen und verführerischen Sachen los), dazu aber auch einige interessante neue Körperformen und moderne Einflüsse. In letzter Zeit arbeite ich viel mit einer überragenden Choreographin für Zeitgenössischen Tanz zusammen, Anandha Ray, und die treibt mich ganz schön voran. Aber damit bringt sie mich dazu, mehr emotionale Tiefe, mehr Geschichten und abgehackte, abgebrochene Bewegungen in meinem Tanz zu zeigen. Ich könnte mir gut vorstellen, daß auch etwas von ihren Bemühungen in meinen Darbietungen zu erkennen sein wird.

Webseiten:
Deb Rubin: (Facebook)

Eliana: www.eliana-dance.de
Deb Rubin mit David Starfire
INSPIRATION,
NICHT FREIZEITBESCHÄFTIGUNG

Interview mit Deb Rubin

von Marcel Bieger (auch Übersetzung)