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Delanna ist zu Gast bei
Leyla und Roland Jouvanas 22. Orientalischen Festival Europas
21. November bis 2. Dezember 2014 in Duisburg
www.leyla-jouvana.de
Osnabrück ist eine mittelgroße Stadt unweit Münsters an der A1 gelegen, und sie konnte und kann immer noch ein Weilchen mit etwas sehr Schönem aufwarten, der Tanzschule „Oriental Art“ nämlich, der die ebenso schöne Tänzerin Delanna vorsteht. Sie wird uns 2015 verlassen, weil sie in ihre Heimat Rußland zurückzieht, und mit ihr verlieren wir eine der besten klassischen OT-Tänzerinnen des Landes, die aber auch in den Grauzonen zwischen den Genres zuhause ist. Wer sie noch einmal (oder überhaupt einmal) tanzen sehen will, mache sich auf den Weg zu Leyla und Roland Jouvanas 22. OFE, wo Delanna auftritt, Workshops gibt und in der Jury des Wettbewerbs „Bellydancer Of the World“ sitzen wird. Ehre, wem Ehre gebührt. Wie es dazu kam, daß es so weit kam, das lest bitte im folgenden Interview, Delanna ist eine sehr unterhaltsame Erzählerin …
Du hast Deine erste Tanzausbildung im zarten Kindesalter in deiner Heimat Rußland (Orsk, am Südausläufer des Ural) erhalten, was genau hast du da gelernt, und wie ging es im Unterricht zu?

(lacht) Das wird mir nachgesagt, aber das ist ein Irrtum. Im Stadtteil, in dem wir gewohnt haben, gab es leider keine Tanzschule. Deswegen habe ich mit Karate angefangen. Aber bevor ich die erste Gürtel-Prüfung ablegen konnte, sind wir nach Deutschland gezogen. Dennoch erinnere ich mich noch sehr gut an das harte Training, besonders im Winter. Öfters bestand das „Warm Up“ aus einem 30-minütigen Lauf abwechselnd barfuß im Schnee und dann in der Halle, ohne hinzufallen. Natürlich klebte der Schnee an den Füßen und wir flogen alle hin, wenn er begann in der Wärme zu tauen. Zur Strafe hieß es „Liegestütze!“ Das war die Art des Trainings, die man währenddessen haßt, deswegen weint und es am nächsten Morgen kaum erwarten kann, es wieder zu tun ...
Wann und wo sind der Orientalische Tanz und du euch begegnet, und warum hat er dich nicht mehr losgelassen?

Hier, in Deutschland, sind wir in einem Dorf gelandet (Talle mit ca. 1200 Einwohnern), wo die einzige Freizeit-Einrichtung zu jener Zeit die gerade neu eröffnete Tanzschule war. Die Leiterin und Trainerin war eine kleine, süße, ältere Türkin. Eigentlich war ich der Meinung zum Jazz- Unterricht zu gehen, doch auf den Stadtfesten standen wir mit Schleier und Klimpergürtel und machten wellenartige Bewegungen. Um den Tanzunterricht zu finanzieren, habe ich die Tanzschule geputzt und wurde bald die rechte Hand der Leiterin. Zur der Zeit war ich 15 Jahre alt. Zu meinen Aufgaben zählte, die Kinderkostüme für die Auftritte vorzubereiten, nähen, bügeln etc. So verbrachte ich ziemlich viel Zeit nach der Schule im Tanzstudio und war fasziniert von der lockeren und impulsiven Art der Lehrerin und ihrem Tanz (wenn sie sich auf die Auftritte vorbereitete).
Wegen des Abiturs mußte ich das Tanzen erstmal aufgeben, weil das Gymnasium in einer anderen Stadt lag. Allerdings hat mich damals auch ein russischer Sänger entdeckt, und für die nächsten zwei Jahre war ich bei ihm als Background-Tänzerin tätig. Weil nur im Hintergrund zu zappeln absolut keinen Spaß macht, begann ich, für mich und meine Partnerin Choreographien auszudenken. Wir nähten Kostüme und überraschten unseren „Boß“ immer wieder mit innovativen Ideen. Es war die perfekte Abwechslung zur Schule, wir hatten Fernseh-, Messe- und private Auftritte. In dieser Zeit bin ich viel zu Workshops für Modern, Hip Hop und Video Clip-Dancing gegangen, und wandelte alles, was ich lernte, in eigene Tänze um ... Bewußt zum Orientalischen Tanz bin ich durch meine Eltern gekommen. Der große Traum war eigentlich zu modeln. Ich hatte die passende Größe und bin sogar zu Vize Miss Westfalen Lippe gekürt worden. Doch ich war zu kurvig, und die Agenturen lehnten mich ab.
Warum auch immer schenkte mir meine Mama die Gebühren für einen VHS-Kurs in Orientalischem Tanz. Und das war der Start. Ich kannte jede Minute auswendig. Zum Geburtstag gab es dann das erste echte Bauchtanzkostüm. Es folgten die privaten Auftritte bei Verwandten ... In Osnabrück zum Studieren angekommen, hielt ich Flyer vom Workshop von Leyla Jouvana in der Hand und mußte hin. Seitdem hat es richtig gebrannt. Mit Bafög das Tanzen zu finanzieren war unmöglich. Promotion-Jobs waren zu öde. Und so landete ich in einer Go Go-Tanzagentur und wurde Stammtänzerin in der größten Diskothek Osnabrücks. Ich lernte Feuerspucken, Background bei Mickie Krause zu tanzen, drei Mal am Abend/in der Nacht auf Hochtouren zu fahren, schlagfertig zu sein, auf Anhieb zu strahlen, zu jeder Musik zu tanzen. Und das wichtigste, ich konnte meine Ausbildung im Bauchtanz finanzieren.
daß ich es alleine nicht schaffen würde, mich zu trainieren. Und ich wollte auf keinen Fall den Traum vom Tanzen aufgeben. Also brauchte ich eine Herausforderung. Die ersten Wochenenden fuhren wir gemeinsam mit dem Baby hin. Sie war erst 12 Wochen alt. Ich mußte immer wieder raus aus dem Unterricht, um zu stillen. Nachts war nicht an Schlaf zu denken, weil die Kleine im Hotel nicht schlafen konnte. Aber ich hatte genug Hausaufgaben für den nächsten Monat und Energie, diese auch zu schaffen. Ehrlich gesagt, habe ich eher schlecht gelernt, weil es zu dem Zeitpunkt einfach nicht besser ging. Aber auf die Grundlagen und Erfahrungen (positive wie negative) die ich dort bekommen habe, werde ich immer zurückgreifen.

Zurzeit bin ich in der Tanzpädagogen-Ausbildung für Jazz. Mittlerweile ist es weniger ein Wunsch, etwas Neues auszuprobieren als das, was man festigen kann, Lücken zu füllen und besser zu werden, als ich es bin. Der Besuch der anderen Tanzrichtungen bringt mich außerdem immer wieder auf dem Boden zurück. Ab einem gewissen Level ersticken der Glamour und das allgemeine Streben nach Ruhm-über-alles der Orientalischen Szene die Aufgaben einer Tänzerin. Die bestehen meiner Meinung nach darin, sich immer weiter zu entwickeln, nicht nur tänzerisch, sondern auch menschlich und über sich selbst hinauszuwachsen, nicht aber über über die anderen. 
Wenn man deinen ganz persönlichen Stil beschreiben sollte, so könnte man ihn Ägyptischen OT mit osteuropäischen Folklore-Elementen nennen, wie wichtig sind dir der ägyptische OT auf der einen und der russische Volkstanz und das russische Brauchtum auf der anderen Seite?

Ich glaube, die russische Mentalität ist der ägyptischen sehr nah. Wir sind impulsiv, launisch, manchmal unberechenbar, dramatisch, emotional ... wir streiten gerne laut und nicht über einen Anwalt ... Ich tanze einen Tanz, der nicht meiner ist, und das kann und darf man nicht leugnen. Ich bin Russin oder Europäerin, das weiß ich selbst manchmal nicht, mit einer großen Leidenschaft zum Orientalischen Tanz. Im Grunde tanze ich nur den oberflächlichen Tanz, das was seine Form ausmacht. Weil das Innere, den Kern dieses Tanzes, kann man nur dann begreifen, wenn man die Mentalität der Araber, deren Gewohnheiten, Leben, Probleme, Alltag aufnimmt. Solange einem das nicht gelingt, bleibt man vom Orientalischen Tanz weit entfernt.
Du beherrschst eine Menge verschiedenster Tanzstile, angefangen von traditionellen bis zu ganz modernen, wie dem Hip Hop, und hast auch noch „jomdance“ absolviert. Was treibt dich immer wieder an, etwas Neues auszuprobieren?

Das ist ein sehr starkes Kompliment – Danke! Ich gehöre zu den oft verpönten „Learning by doing“ Tänzerinnen. In der Teenager-Zeit war ich wie ein Schwamm, nur ohne Lehrer. Das führte dazu, daß ich viel konnte, aber nie so recht wußte, was das war. Das hole ich jetzt aber alles nach. „jomdance“ war mein persönliches Comeback im Tanzleben, denn nach der Geburt meiner Tochter wußte ich,
Du hast dir hier in Deutschland einen großen Namen als Tänzerin gemacht und eine sehr erfolgreiche Tanzschule aufgebaut, erzähle uns bitte von den wichtigsten Stationen deiner Laufbahn.

(lacht) Vielen Dank für das Kompliment. Ich bin mir gar nicht bewußt, daß ich einen großen Namen habe. Natürlich ist es ein Traum. Aber immer wieder glaube ich, daß ich erst am Anfang bin, und jedes Mal, wenn ich aufhören will, weil das Ziel so weit zu sein scheint, verstehe ich, wie sehr ich diesen Tanz und das Unterrichten liebe, und dann mache ich weiter.

Die wichtigsten Stationen im Leben ... Hm ...

Die erste war definitiv die Entscheidung, eine Tanzschule aufzumachen. Mitten in Osnabrück. Mit 22 Jahren, während des Studiums, jeden Abend Kurse zu geben, nachts die Verwaltung. Ohne einen Business-Plan oder überhaupt irgendeinen Plan. Das war der Sprung in das kälteste Wasser meines Lebens. Aber ich habe viel gelernt und bis zu 200 Schüler gehabt ...

Du kehrst Ende dieses Jahres nach Russland zurück, was geht dir da durch Kopf und Herz, wenn du daran denkst, wieder in die alte Heimat zurückzukehren?

In meinem Blog „Tanzdialog“ gibt es eine Kurzgeschichte darüber. Aber ansonsten beherrschen mich eine große Vorfreude und eine noch größere Angst. Ich liebe Großstädte (ich gehe nach Moskau). Sie pulsieren, bieten so viele Möglichkeiten, und gleichzeitig verstecken sie viele und vieles ... Das schlimmste wird wohl sein, die Freundschaften auf die Fernbeziehungs-Probe zu stellen.
Parallel dazu hat mich Magdy El Leisy 2009 entdeckt. Ich bin ganz froh, noch die Zeit mitbekommen zu haben, wo man entdeckt werden konnte, und nicht nur sich selbst verkaufen mußte. Drei Jahre habe ich in seinem Ensemble getanzt, und das war der Grundstein für die Folklore und die Liebe zu der ägyptischen Mentalität. Als die ersten Auslandsauftritte kamen, hatte ich das Gefühl, mich entscheiden zu müssen, ob ich auch Mama sein möchte. Und die Entscheidung fiel dann für meine Tochter aus, die 9 Monate später zur Welt kam. Die Auslandsauftritte wurden abgesagt. Mit Kind verändert sich alles. Die Sicht auf die Dinge, die Zeiteinteilung. Alles. Aber meine Tochter ist das Beste, was mir im Leben widerfahren ist.
Du hast im Frühjahr eine Abschieds-Show veranstaltet, und wenn du Ende des Jahres bei Leyla und Roland Jouvanas 22. Orientalischem Tanz-Festival Europas auf der Bühne stehst, wird das dein vorläufig letzter großer Auftritt bei uns sein. Was hat dich dazu bewogen, den Abschied bei Leyla Jouvana, immerhin das größte Festival seiner Art in Europa, zu feiern?

Das 5. „360° Orient“ war ein Riesen-Ding, und ich würde nie wieder in so einer Größe ohne weitere Hilfe was veranstalten. Aber weil ich noch nicht abreisen kann, bringe ich noch Mal Moskau nach Osnabrück (20.-21.06.2015).

Der Auftritt, das Jurieren und der Workshop auf Leylas Festival bedeuten für mich einen Gewissen „Punkt“, bevor ich ein weiteres Kapitel aufschlage. Dort, bei diesem Festival, hat alles angefangen.

Jahre lang bin ich für 10 Tage hingefahren, um die Workshops und Privatstunden bei Aziza und anderen Stars zu besuchen. Hab auf der Couch im Studio von Leyla geschlafen, Projekte mitgemacht. Magdy hat mich auch dort entdeckt. Man sagt, alle Kreise schließen sich. Das ist mein persönlicher Kreis, der sich jetzt schließt. Und ab 2015 gibt es ein neues Kapitel in meinem Leben.
WORKSHOP MIT DELANNA beim 22. Orientalischen Festival Europas in Duisburg
am So,. 23.11.2014 - 16:45 – 18:45 Uhr
Delanna - Voi Poi
Die einzigartige Verbindung zwischen der Tänzerin und dem Voi ist die Idee in Delanna ́s Kombis & Choreographien. Ergreifen, Faszinieren und Berühren ist das Ziel, und zwar nicht nur den Zuschauer, sondern auch die Tänzerin selbst.
.. hier geht's zur
Anmeldung
Homepage:
www.oriental-art.de/delanna

Delanna bei facebook:

www.facebook.com/delanna.dance
Delanna als Zweite der "World Dance Olympiad"
Delanna (re.) mit Mickie Krause (Mitte) ...
... und hier beim Feuerspucken
Photo © Victoria Schönfeld

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"ES WAR DIE PERFEKTE ABLENKUNG
ZUR SCHULE"

Interview mit der deutsch-russischen Tänzerin Delanna
- von Marcel Bieger