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"WER SICH NICHT AUSKENNT,
WIRD WIDER WILLEN ZUR
KARIKATUR"

Interview mit DEVA MATISA

von Marcel Bieger und Latifah Abdel

24 Jahre Tanz hast du hinter dir, mit welchen Stilen hast du dich auseinandergesetzt und welche pflegst du heute noch?

In der Zeit von 1989 bis heute habe ich bei über 50 Dozenten gelernt. Mal mehr mal weniger lang und intensiv. Ich habe noch bei Koryphäen wie: Ibrahim Akef, dem Cousin von Naima Akef gelernt. Der einen Großteil ihrer Choreographien entworfen hatte. Oder bei Nagwa Fouad oder Mona El Said sowie Soher Zaki ... Ich glaube kaum, daß die heutigen Nachwuchstänzerinnen, die sich rein nur mit Tribal oder nur mit Tribal Fusion beschäftigen diese berühmten Namen kennen, oder wer diese Personen waren oder was sie alles geleistet haben. Ich hoffe inständig, daß die heutigen Lehrerinnen ihren Schülerinnen diese wichtigen Lektionen weitervermitteln. Immerhin liegen hier die Wurzeln des Tribal.

Auf dem allerersten Tribal-Festival in Hannover habe ich sie zum ersten Mal gesehen, Deva Matisa, die der Sage nach den Gothic nach Deutschland und in die Tanz-Szene geholt hat. Die Schamanin, die dem Orient-Tanz immer treu geblieben ist und nur einige Abstecher in den Tribal unternommen hat.
Auf den verschiedenen „Orientalen“ war sie zu bewundern, und jetzt hört sie auf. Heißt es. Oder ist das alles gar nicht wahr und auch nur Sage? Zusammen mit Gothic-Fachfrau Latifah Abdel haben wir uns auf den virtuellen Weg gemacht, „die Deva“ zu befragen. Aber macht euch euer eigenes Bild, Deva nimmt kein Blatt vor den Mund.
Ich hatte mich anfangs rein mit dem Orientaltanz in vielen Facetten, einschließlich mit Arten der Folklore beschäftigt. Mir war jedoch schnell klar, daß ich meinen eigenen „Phantasy“-Stil den ich sofort anstrebte und dessen Bedürfnisse im Tanz ich nur befriedigen konnte, wenn ich zügigst noch andere Elemente aus anderen Stilen hinzufügen würde. Die wenigsten wissen, daß ich bereits nach einem Jahr Orientaltanz im Fernsehen war und bei einem Wettbewerb den ersten Platz gemacht hatte. Und das gewählt von einem rein orientalischen Publikum! Das kam ja nicht nur aus einer Begabung für das Tänzerische, sondern war ein Ergebnis von jedem Tag fünf Stunden Training und dem Besuch von den für mich passenden Dozenten.
Meinen ersten Tribalkurs hatte ich in 2000 bei „Duo Arabeska“. Mir ging es nie darum noch einen weiteren Tanzstil vollständig zu erlernen. Es ging immer nur um mein künstlerisches Verständnis, Dinge ausdrücken zu wollen. Und wie komme ich an die körperliche Ausdrucksform und wie viel muß ich dafür investieren um mein Ziel zu erreichen? Der Orientaltanz war und ist immer meine Leidenschaft gewesen. Der einzige Tanz, der in mir fast die gleiche Leidenschaft geweckt hatte, war der Indische Tanz - der Khatak. Meine damalige Lehrerin (Ioanna Shrinivasan) erzählte, daß alle Orientaltänzerinnen zu ihr kommen und im Durchschnitt nur 2 Wochen bleiben, weil das Training so hart ist. Ich blieb anderthalb Jahre! Da Bollywood sehr vom Khatak geprägt ist, half mir das später enorm die Bollywood-Welle in Deutschland zu bedienen. Auch mein eigens von mir entworfener GGTS - „German Gothic Tribal Style“ -, hat von dieser lehrreichen Phase profitiert.
Hierbei halfen mir auch die Kenntnisse und Weiterbildungen im Odissi. An dieser Stelle möchte ich auf die hervorragende Lehrerin Gudrun Märtins aufmerksam machen. Wer Odissi aufrichtig lernen möchte, kommt, charmant ausgedrückt, an ihr nicht vorbei!
Wobei mein GGTS nie so gut gewesen wäre, wenn ich mich nicht schon zusätzlich von Kindesbeinen an auf das Bewegungs-Repertoire von alten Gruselklassikern konzentriert hätte. Der einzige Tanzstil, den ich heute noch praktiziere ist der Bauchtanz. Nicht durch Zufall komme ich zu meinen Wurzeln zurück. Ich bin dieses Jahr (2014) 48 geworden und halte den Bauchtanz für den immer noch weiblichsten Tanz überhaupt. Ich meine nicht dieses sportliche Rumgehüpfe und Gezapple von vielen heutigen Hochleistungstänzerinnen. Ich meine den Bauchtanz, der die Sinnlichkeit, das spirituelle Urweibliche einer Frau anspricht und, wenn gut interpretiert, all das Schöne an einer Frau betont, was sie denn an Werten zu bieten hat. Äußerlich wie innerlich. Und jede Frau hat das in sich!

Auch meine ich nicht dieses esoterische Rumgefasel von „pseudo spirit“-Tänzerinnen, wo man später die eigene Persönlichkeit ausgetauscht hat. Bauchtanz, ein Tanz, bodenständig wie er in dieser Form heute kaum noch bei uns oder im modernen Orient zu finden ist.

Es ist die Art von Bauchtanz, den es in meiner Anfangszeit noch gab und den man mit Worten nicht beschreiben kann. Man muß ihn erlebt haben. Und mit Absicht sage ich Bauchtanz. Es war ein Tanz aus dem Bauch. Ein durch und durch sinnliches Frauenerlebnis!
Du giltst, neben anderem, vor allem als Wegbereiterin des Gothic-Tanzes in Deutschland. Und damit sind wir schon gleich bei der ersten Hürde, wie heißt so etwas eigentlich richtig, Gothic Bellydance, Gothic Rock, Gothic Style und ähnliches mehr geistern durch den Raum. Du selbst hast eine weitere Variante hinzugefügt, den von Dir entwickelten G(erman)G(othic)T(ribal)S(tyle).

Welchen Namen man ´es´ gibt, kommt auf die Sicht und Absicht an. Wenn man den Bauchtanz mit Gothic mischt wird es eben Gothic Bellydance. Gothic Rock bezeichnet eine Stilart der Musik innerhalb der Gothic Musikszene. Gothic Style ist, meiner Meinung nach der Begriff für eben eine bestimmte Ausführung im Bereich Gothic oder eine Mode.

Wer mehr darüber erfahren möchte: http://www.german-gothic-tribal.de

Was hat dich dazu gebracht, dich ausgerechnet dem Gothic zu verschreiben, gab es da besondere Vorbilder für dich, oder haben dich andere Gründe bewogen?

Ja, im Grunde war ich da mein eigenes Vorbild. Hört sich erst mal komisch an, aber wenn man bedenkt, daß ich aus der allerersten Gothic-Bewegung aus Deutschland stamme, kann man das etwas besser nachvollziehen. Gothic bin ich seit ca. 1984. Es war eine neue Bewegung. Eine Lebenseinstellung, die man durch Innovation und Ideenreichtum aktiv mitgestalten konnte. Z. B. habe ich in Berlin die indischen Pumphosen eingeführt. Kein Gothic in Deutschland kannte die. Ich hatte sie in Südfrankreich gekauft und dann in Berlin getragen, in meinen Gothic-Modestil integriert. Nicht nur Gothic haben mich blöd angeschaut oder mit neugierigen Blicken bedacht. Ein paar Jahre später waren viele Gothics damit ausgestattet.

Auch war ich die Erste, die sich die Augenbrauen blondierte und Pink färbte. Das war lange bevor Marusha damit öffentlich auftrat. Natürlich war die Musik ein treibender Faktor, Gothic zu sein. Die oft düstere Stimmung paßte perfekt zu einem Teil meines Wesens. Auch heute noch. Man darf jedoch nicht den Fehler begehen und alles darauf reduzieren. Es ist eben ein Lebenstil, der mehr umfaßt als die Musik.

Ich finde, ganz gut ist der Bericht von Arte gelungen. Dort bin ich mit anderen Protagonisten zu erleben. Gothic bin ich immer noch. Aber ich bin auch Künstlerin und als mediale Hexe unterwegs. Manch einer würde auch Schamanin sagen. Künstler müssen ständig ihre Grenzen austesten. Ob ich weiter Gothic bleibe, darauf möchte ich mich nicht festlegen. Das ist das schöne am Gothicsein ... man ist niemanden Untertan, immer frei im Kopf, alle Menschen sind wertvoll und werden so akzeptiert, wie sie sind. So ist der Goth.
Was hast du vorgefunden, als du mit dem Gothic aufgetreten bist, gab es da schon so etwas wie eine ausgewiesene Gothic-Tanz-Szene, oder bist du auf Widerstände und Unverständnis gestoßen?

Natürlich gab es seit dem Entstehen eine Gothic-Tanzszene, nur hatte die nie etwas mit dem Orienttanz zu tun. Als ich anfing, meine Art des Gothic-Tanzes in der Orienttanz-Szene einzubringen, gab es vorab einige Verwirrungen, wie es mir damals erschien. Ich hatte dann versucht regulierend Einfluß zu nehmen. Als alter Gothic-Hase geschah das natürlich durch meine eigene Art der Sichtweise in Aufbereitung und Vermittlung zum Thema.

Ich habe inhaltlich eine eigene Internet-Seite konzipiert, damit Frauen aus unserer Szene sich zumindest etwas vorher informieren konnten. Zusätzlich hatte „Tanz Oriental“ einen sehr ausführlichen Bericht zum Thema veröffentlicht den ich geschrieben hatte.

Auch heute noch lerne ich liebe Frauen kennen, die keine Ahnung von Gothic-Tanz haben. Aber das ist ja auch in Ordnung so. Man kann nicht alles wissen. Dafür holt man sich dann aber jemand der es kann. Und wuschelt sich nicht irgendwas Schwarzes zusammen.
Z.B. einfach nur schwarze Sachen anziehen und irgendwie los-choreographieren und mit zu engem Mieder wild haareschwingend loszupreschen. Das ist eine Gratwanderung! Wer sich hier nicht auskennt, wird wider Willen zur Karikatur!

Was die Widerstände angeht ... Widerstände dürfen überwunden werden. Dazu sind sie da. Nicht um uns zu ärgern, sondern damit wir an ihnen wachsen. Unverständnis zu begegnen, ist ein Gothic in der Regel gewohnt.  Ich möchte es mal so formulieren: Ein Gothic ist eine sehr tolerante Persönlichkeit. Wird er oder sie bedrängt, etwas zu tun oder zu sein, was man nicht möchte, zieht man sich zurück und macht sein Ding. Das heißt nicht, den Schwanz einzukneifen, sondern nur dann zu kämpfen wenn es sich für einen selbst oder für die Gemeinschaft lohnt. Ein Aufreiben gibt es nicht.

Das steht natürlich irgendwie im Widerspruch zu meinem künstlerischen Feuer, welches ich nach wie vor habe. Aber so ist das Leben eines Künstlers. Man reibt sich an sich selbst, den anderen, der Gesellschaft. Ein wenig bin ich wie Durga-Kali. (Durga - Göttin der höchsten Kraft, die alle anderen Götter, auch männliche, überragt, sie symbolisiert die weibliche Urkraft und Weisheit des Universums)  - Kali (Göttin der Zerstörung, des Todes aber auch der Erneuerung.) Durga wird in ihrer zerstörerisch/schöpferischen Form zu Kali wenn Dinge aus dem Lot geraten sind.
Wie jedes Genre hat auch Gothic Höhen und Tiefen durchgemacht, im Moment scheint es wieder einmal abwärts zu gehen, woran erinnerst du dich besonders? 

Mit dem Gothic selbst ist es zu keinem Zeitpunkt weder bergauf noch bergab gegangen. Wenn man mal von seinem Erscheinen absieht. Es ist die Oriental-Tanzszene, die wieder einmal übersättigt einen Stil hinwegfegt, weil ein Gros der Kleinkunstszene sich lieber etwas „Neuem“ widmet, als eine Tanzkunst wirklich erlernen zu wollen. Und da sieht man auch mal den Unterschied: Eben `Gothic´ für seine eigenen Tanzbelange zu nutzen, mal eben nach zeitlichem Bedarf "schwarz" durch die Szene zu rennen und dann, wenn sich weniger Leute dafür interessieren, wieder in die alte oder eine neue Rolle zu schlüpfen. Gothic ist Gothic und hat nur durch ein paar Personen Zugang in die Orient-Tanzszene gefunden. Die Gothics selber kümmern sich da wenig drum.

Die Gothic-Szene selbst war daher nie dem Untergang geweiht. Es ist also eher so, daß sich hier in unserer Szene gelangweilt wird, oder man sucht nach dem neuen Kick ... Schneller essen, schneller fahren, schneller wohnen, schneller die erste sein, schneller blöd sein ... Da muß ich mich auch immer von Zeit zu Zeit dran erinnern. Es ist nichts Verwerfliches daran, etwas Neues lernen zu wollen oder einem Trend zu folgen. Aber was kommt danach? Wie gehe ich mit dem Wissen um? Was mache ich daraus? Viele eben nichts. Es scheint vielmehr ein Selbstbetäuben und zum nächsten rennen zu sein. Das ist übrigens nicht nur meine Meinung, sondern ich habe mich mit vielen guten Profitänzerinnen über viele Jahre dazu ausgetauscht. Sie sehen das im großen und ganzen so wie ich. Ich bin vielleicht diejenige, die es öffentlich mal so ehrlich preisgibt. Was ich hiermit tue.
Warum glaubst du, daß das Gothic-Genre momentan ziemlich wenig gefragt ist? Wo siehst du diese Szene in der Zukunft? 

Daß der Gothic zur Zeit wenig gefragt ist, hat mit der Orient-Tanz-Szene selbst zu tun. Aber nicht mit dem Gothic an sich. Die Orient-Szene ist schon seit langem im Sterben begriffen. Seit Jahren bin ich dessen gewahr. Das ist auch ein Grund, warum ich in der Szene aufgehört habe. Was ist da also los? Irgend jemand hat immer eine "neue Idee" und fügt das dem Orienttanz hinzu.

Wichtig ist außerdem der Vampir im Gothic-Kult. Ca. 1979 hat durch die Gruppe „Bauhaus“ der Vampir in die Gothic-Szene Einzug gehalten. Ich würde mich schon als Vampir-Expertin bezeichnen, da ich mich seit über 30 Jahren dem Thema gewidmet habe.

Da ich hinter das Geheimnis gekommen bin, steht es für mich nicht mehr so sehr im Vordergrund. Trotzdem entschloß ich mich daraufhin, auch als erste in unserer Szene diesem Thema einen eigenen Raum zu geben. Begonnen hatte ich damit ab 2005 und die Workshops dazu kamen in den darauffolgenden Jahren. Das Thema kommt der Göttin Kali wieder sehr nah.
Dabei kann man sich natürlich verschiedene Schwerpunkte setzten. Mein Schwerpunkt sind original Gothic-Tanzelemente zu den von mir ausgewählten Tanzliedern und diese zusätzlich mit Stilelementen des Horror-Genres auszustatten. Mein Anliegen ist, so nah wie möglich am Original Gothic-Tanz zu bleiben und trotzdem kreative und originelle/bühnenwirksame neue Einflüsse zuzulassen. Die jedoch den Originalhauch des Gothic nicht übertünchen oder zu sehr verfälschen.
Was passiert: Alle Kreischen "Das ist neu! Wo kann man das lernen?" Irgend jemand findet sich dann und "macht" das mal. Obwohl in der Regel keine Ahnung vorhanden ist. Aber egal. Frau hat es im Internet bei You-Tube gesehen, und jetzt muß der Bedarf gedeckt werden. Zusätzlich liegt das Übel unserer Zeit in der „Geiz ist Geil“- Einstellung. Da könnte ich Sachen erzählen, daß sich einem die Haare sträuben! Außerdem möchte jeder ein Star sein, möchte „berühmt“ sein. Was auch immer das sein soll!

Ich erinnere mich da an so genannte berühmte Personen, die meinten, sie würden eine supercoole Show abziehen, und hier und dort veröffentlichen, wo sie überall auftreten ... Und wenn man seinen/den Kopf benutzt und nachrecherchiert, verdienen diese Leute kein Geld mit dem, was sie machen. Sie bezahlen selber die Fahrkosten, den Aufenthalt, Gage gibt es auch nicht. Nur weil sie meinen, sie bekämen dadurch eine gute Publicity. Das kann man vielleicht mal machen. Ist ja werbestrategisch auch nachvollziehbar. Wenn dieser Star das jedoch regelmäßig macht, verdient man er nichts, und wenn man sich dann die „Tanzkunst“ dieser berühmten Personen ansieht, ist eher Mittelmäßigkeit Trumpf.
Oder: Sich z.B. öffentlich (!) zu beschweren, daß dicke Frauen nicht tanzen dürften, weil das doch nicht ginge, das unprofessionell sei und selber als Mann fettleibig und schwabbelig und untrainiert auf die Bühne zu gehen und nur ein labbriges Bauchnetz zu tragen. Und nur weil diejenige laut genug brüllt, zucken alle Frauen zusammen und folgen dem heiligen Schuh und lassen sich freiwillig auch noch quälen. Was haben wir in unserer Szene doch für verlogene Möchtegern-Profis am Start! Du glaubst, ich bin sauer? Auf gar keinen Fall. Vielleicht etwas erstaunt, daß Frauen bereit sind, sich solche Dinge antun zu lassen. Ich betone, als Gothic bin ich per se ein Freigeist!

Und welcher Veranstalter will heutzutage schon Gage zahlen, wenn solche Leute umsonst auftreten? Und so hat sich die Szene weltweit über Jahre selbst ins Aus geschossen. Und letztendlich haben die (so oft selbsternannten) Veranstalter auch viel dazu beigetragen, daß alles den Bach runtergeht!

Das ganze üble Ausmaß unserer Orient-Tanzszene aufzuzeigen, wäre für die meisten ein Schock. Deshalb ... die Szene in der Zukunft ... ? Ohne ein tatkräftiges Wunder? Sehr schwer! Nun ... Todgesagte leben länger. Auch ich bin gespannt. Siegt der Verstand oder die Geiz ist geil/wer ist schneller Mentalität. Insofern sehe ich die Gothic-Szene weiter bestehen. Unsere Orient-Szene wird sich entwickeln müssen. Ansonsten sieht es für sie nicht sehr rosig aus.

Was ist dir überhaupt an Höhepunkten in deiner Laufbahn im Gedächtnis geblieben?

Du meinst Dinge wie: ich habe mal wirklich auf über 2 Millionen getanzt? Oder Soheir Zaki getroffen? – Daß mir Leute noch Geld dazugegeben haben, weil ich so gut getanzt habe?  Wo Menschen nach einem Auftritt von mir in Ergriffenheit/Freude in Tränen vor mir standen? Glückliche Menschen nach einem gelungenem Workshop zu sehen und zu erleben? Einen Mann, dem ich süßlich lächelnd einen bestimmten aber sanften Fußtritt auf die Brust gab (er setzte sich gleich auf den Fußboden mit seinem kecken Hintern), weil er lauthals meinte, ich solle mich ausziehen statt zu tanzen. Herrjeh war das ein Spaß. Für mich, seinen Freund und allen Gästen! Höhepunkte sind die, welche freudig im Gedächtnis bleiben.

... wo soll ich anfangen und aufhören? - 24 Jahre ...

Warum trittst du jetzt als Gothic-Tänzerin ab?

mach ich nicht.
Im Jahre 2010 als du auf dem Cover der Fachzeitschrift „Halima“ mit Tara la Loba als „Domina“ gekleidet erschienen bist, war das ein großes Skandal für viele „Puristen“ der orientalischen Szene, die entsetzt darauf reagiert haben. Wie bist du mit diesen Reaktionen umgegangen? 

Ich war weder mit Tara La Loba als Domina verkleidet, noch bin ich als Domina gekleidet erschienen. (Zu Tara La Loba, mein Hübsche: Ich hoffe, Du hattest nicht allzu viel Ärger, weil wir zusammen auf einem Titelblatt erschienen sind.) Zur Erklärung für Nicht-Goths: Ich bin außer vielen anderen Dingen eben auch Gothic. Und da die Szene sich Gothic eingekauft hat, bekommt sie das auch. Klagen kommen da nur von Menschen, die engstirnig sind, eine vorgefertigte Meinung haben und dumm sind. Das Verhalten ist jedoch exemplarisch für Personen, die meinen, eine Sache zu kennen und sich dann, wenn das Original erscheint zu echauffieren! Anstatt mich mal zu kontaktieren, gemeinsam sich auszutauschen, wird über etwas oder jemanden geredet und hergezogen. Uiuiuiui, wie böse die Deva doch ist!

Umgegangen bin ich damit, indem Brigitte Baldinger (Redakteurin und Herausgeberin der „Halima, d. Red.) mir den Freiraum gab, entsprechend zurückzuschreiben. Mir ging es dabei nicht darum, jemanden eins auszuwischen. Wenn dem so gewesen wäre, dann hätte ich mich wahrlich nicht besser verhalten als diejenigen, die sich da echauffiert hatten. Vielmehr wollte ich dem unsachlichen Unfug einen Riegel vorschieben. Zu Brigitte Baldiger muß ich sagen, daß sie trotzdem sehr viel Mut gezeigt hatte, dieses Cover zu veröffentlichen. Chapeau! Diskutieren find ich klasse. Aber: Gutmenschen, die alles besser zu wissen meinen, gehen mir so auf den Zeiger!
Aber du gehst uns ja nicht ganz verloren, im Gegenteil, du betreibst einen ganzen Strauß von Aktivitäten. 

??? - Ich gehe nur den Leuten verloren, die sich nicht für den spirituellen Teil meiner Person interessieren. Die anderen werden mich finden.

Du beschäftigst dich auch mit spirituellen Themen, hat dieser Bereich dich als Tänzerin auch beeinflußt? 

Er ist der elementare Teil im Tanz, der das gewisse Extra gibt. Zuguterletzt war es ein zutiefst spirituelles Erlebnis, welches mich zum Orienttanz führte! Tanzen ist spirituell. Wer diesen Teil wegläßt kann nicht tanzen. Vielleicht stolziert und gebärdet man sich, setzt eine Maske des Lächelns auf und macht schöne Bewegungen, aber richtiger Tanz ist etwas anderes. Spätestens wenn man älter wird und/oder zur Abwechslung auch mal den Kopf funktionell seiner Bestimmung nach betätigt, erkennt man wie hohl unsere Szene (ist und) geworden ist. Wer mit allen Sinnen tanzt und authentisch ist, kann aussehen, wie er will. Man sieht nur noch Tanz. Der Rest ist egal.

´Unser` Tanz braucht die Jugend der nachfolgenden Generation um die Lücken und Reihen der alten Garde sinnvoll aufzufüllen. Und nicht um den erfahrenen Hasen zu sagen, wo es langgeht. Jung braucht alt und alt braucht jung. So wird ein Schuh daraus ... Die Ahnenreihe steht hinter uns und stärkt uns den Rücken. Und die junge Generation lebt von dieser Stärke und Weisheit und steht in liebevollem/herzlichen Respekt für das Hier und Jetzt. Ohne das ist alles tot und nur Staffage, reines Gehabe und Blenderei. Zum Schluß ... Geldmacherei! So wie unsere Szene geworden ist. Es ist exemplarisch, daß fast die gesamte Welt von diesem "Virus" befallen ist. Alles bröckelt. Fassaden gehen nieder. Finanzkrise etc.
Und dann ... Welcher Blödsinn herrscht oft in unserer Szene? Wenn ein Workshop einfach nur "geil" war und danach weiß man nichts damit anzufangen!? Am Ziel vorbei ... Setzen, 6! Aber wie wirklich geil ist es denn, wenn man jemanden hat, der einem etwas Anspruchsvolles beibringen kann, der nicht nur inhaltlich das Thema beherrscht, Fachkenntnis in der Vermittlung von echter Tanzkunst besitzt und dann auch noch empathisch auf die Menschen eingehen kann und sie, in dem was sie tun, optimal in kürzester Zeit fördern kann? Ja! Ich weiß, ich verlange viel von anderen.

Aber diese Meßlatte setzte ich zuerst immer bei mir an. In diesem Sinne: liebe Frauen, Tänzerinnen ... mit allen Sinnen lernen und tanzen! Und viel öfter mal tolerant und mit Respekt herzlich über den Tellerrand schauen. Jeder möchte geliebt und respektiert werden. Einschließlich ihr selbst. Nehmt euch Zeit, und reflektiert in Ruhe über Euch selbst, über andere, über das, was um Euch herum geschieht, was in Euch geschieht.

Ich wünsche allen eine schöne Zeit,
eure Deva Matisa

Zu persönlichen und besserem Verständnis von Tanz: Tanz zu unterrichten und das Spirituelle wegzulassen, geht gar nicht. Meine Workshops sind schon seit jeher erfolgreich gewesen, weil ich die Menschen respektiere und sie da abhole, wo sie stehen, um dann in oft erstaunlich kurzer Zeit das beste aus ihnen herauszuholen. Nicht weil ich das will, sondern ich biete ihnen das an. Sie müssen nur wollen und dann zugreifen.
Homepage: www.devamatisa.de
Deva Matisa 1985
Titelbild der "HALIMA" mit Deva und Tara la Loba (2010)