

"WENN ICH KEINE SPANNUNG IM KÖRPER HABE, WIE KANN ICH DANN SPANNUNG BEIM ZUSCHAUER ERZEUGEN?"

Interview mit Gabriella
von Nea's Tribal über ihr grundlegendes Tribal Projekt
"Neas Fundamentals"
Wohl weil sie der irrigen Meinung sind, man müsse beim Tribal so gucken. Ähnlich ist es ja auch beim Orientalischen Tanz. Wenn man da eine Musik auf einem Video hört und sieht, was die Tänzerin beim Tanz für ein schmerz-verzerrtes Gesicht macht. Wenn man das nun einfach übernimmt, also dir nur diesen bestimmten Gesichtsausdruck zu eigen machst, ohne dir klarzumachen, daß diese Miene nur ein Ausdruck ihres Körpers zu dieser Musik ist, kommt es eben zustande, daß eine Tänzerin so grimmig guckt. Beim ATS ist es ebenso, da haben manche noch nicht begriffen, daß man Ausdruck nicht nur durch das Gesicht darstellen kann. Noch schlimmer ist es meiner Meinung nach beim Fusion. Als stünden die Tänzerinnen im Wettstreit untereinander, wer kann am arrogantesten gucken. Oder am überheblichsten. Sie glauben, so Sharon oder Rachel am besten nachmachen zu können, dabei drückt bei Kihara und Brice eine solche Miene nur die hohe Konzentration auf den eigenen Körper aus. Diesen Konzentrationsgrad erreichen viele unserer Tänzerinnen jedoch oftmals gar nicht. Ich kenne nur ganz, ganz, ganz wenige, die das erreichen. Die anderen machen einfach nur den Gesichtsausdruck nach, und das ist schlicht lächerlich. Da wird dann munter vom Video abgeschaut – „Ach, die guckt jetzt so.“ Wir haben das als Zuschauer doch oft selbst mitbekommen. Ich kenne Gruppen, da habe ich es entweder auf der Bühne gesehen oder von einzelnen Mitgliedern gehört, die bauen sogar den Zagareet in die Choreographie ein. Da fällt mir dann schon mal sie Kinnlade herunter. So etwas kann man doch nicht einstudieren, ein Zagareet passiert einfach oder nicht. Wenn ich nachfrage, bekomme ich zu hören, das paßte an dieser oder jener Stelle gerade so toll. Ach, denke ich mir dann, und wie soll das beim Publikum ankommen? Hallo? Thema verfehlt, setzen, sechs.
Schwierig. Die Situation ist schwierig. Vielleicht sollte man erst einmal feststellen, wie Tribal Style Dance qualitativ und quantitativ dasteht. Die Quantität ist enorm hoch. Gegenüber früher ist die Zahl sehr angewachsen, und ich kann heute noch nicht einmal sagen, wie viele Stämme oder Gruppen existieren. Was jedoch die Qualität angeht, so reichen die Finger einer Hand aus, um die in Frage kommenden Gruppen aufzuzählen. Und das finde ich jammerschade. Tribal wird von vielen als Modeerscheinung wahrgenommen. Diese Mädels kaufen sich ein nettes Kostümchen, schauen sich auf You Tube ein hübsches Video an, und glauben dann, sie könnten jetzt auch Tribal. Tut mir leid, aber die haben alle nichts verstanden. Es gibt ein paar, ganz wenige Gruppen, die das anders sehen, die dahinter schauen und die sich Mühe geben. Um Tribal verstehen zu können, muß ich mich unbedingt an seiner Herkunft orientieren, und das ist eben Amerika, und das ist Fat Chance Belly Dance (FCBD). Darauf muß ich aufbauen, wenn ich Tribal tanzen will. Ohne Basis kann ich nichts aufbauen. FCBD ist hier bekannt, sollte es zumindest bei denen sein, die Tribal und ATS tanzen wollen. Wenn jemand Tribal tanzen will und FCBD nicht kennt, das ist genau so, als wolltest du Deutscher werden und schaffst den Einbürgerungstest nicht. Wenn ich bei Workshops hinten stehe, kann ich sehr gut überblicken, wie es bei uns in der Szene zugeht. Weil ich viel organisieren und hier und da was erledigen muß, bleibt mir nur der Platz ganz hinten. Aber dort habe ich dann auch Gelegenheit zu beobachten, was die anderen vor mir machen. Und ich kann nun mal nicht aus meiner Haut, das heißt, ich habe den Lehrerinnenblick und sehe sofort, ob eine Bewegung richtig ausgeführt wird oder nicht. Und in 99 % der Fälle wird sie leider nicht richtig umgesetzt. Mir ist irgendwann klar geworden, was eigentlich wirklich mitgenommen wird von Workshops, nämlich nicht, wie eine Bewegung richtig ausgeführt wird. Die Teilnehmerinnen geben diese Bewegungen dann so weiter, wie sie sie falsch aufgenommen haben. Und sie erzählen dann, wir haben FCBD gelernt, und wir können so tanzen. Aber das ist vollkommen falsch, das können sie nämlich noch lange nicht. Das ist eben das Problem in der Szene. Da machen Frauen einen Workshop von vielleicht vier Stunden mit und wollen darauf ihre ganze Lehrerinnenkarriere gründen?

v.l.n.r.: Kami Liddle, Gabriella, Ami Sigil
und Kari Vanderzwaag (Unmata)