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Grafik/WebDesign: Konstanze Winkler
Diese junge Frau ist wirklich viel herumgekommen, von der Ukraine nach Kanada. In diesem Jahr kommt sie zum ersten Mal nach Deutschland, genauer, zur World of Orient, und zeigt uns, was sie unterwegs so alles gelernt hat. Übrigens hat sie den weltberühmten Trommler und Photographen Pedro Bonatto „im Gepäck“, mit dem sie sehr viel zusammenarbeitet. Lest hier, was sie über sich zu erzählen hat …
"RAUS AUS DEM ÜBLICHEN
TROMMELSOLO-ABLAUF"

Interview mit Iana Komarnytska

- von Marcel Bieger (auch Übersetzung)
Erzähle uns bitte etwas über deine Tanz-Ausbildung und Karriere.

Seit zehn Jahren tanze ich nun schon orientalisch, und davor, eigentlich schon seit frühester Kindheit, habe ich Ballett betrieben. OT habe ich in der Ukraine, in Ägypten, der Türkei und in Kanada gelernt. Mittlerweile spezialisiere ich mich auf klassischen Raks Sharki, klassischen persischen Tanz und türkischen Roma-Tanz.

Meine Bauchtanz-Ausbildung begann in meiner Heimat, der Ukraine, bei Olga Grechanuk, später war ich dann bei Amira Abdi. Drei Jahre lang war ich Solistin bei Amiras „Ishtar Dance Company“. Aber auch, wenn ich schon mit vier Jahren zu tanzen angefangen habe, wäre mir im Traum nie eingefallen, Profi-Tänzerin zu werden. Dazu kam es erst im Jahr 2011. Damals hatte ich an der Universität in Kiew meinen Master in Finanzwissenschaft gemacht, mußte dann aber bald feststellen, daß es nicht das richtige für mich war, den ganzen Tag im Büro zu sitzen. Als ich dann zu der Erkenntnis gelangte, daß ich viel lieber hauptberuflich tanzen wollte, überraschte das nicht nur meine Verwandten und Freunde, sondern vor allem auch mich selbst. Und als ich erst einmal so weit war, wurde mir auch rasch bewußt, daß ich nicht einfach nur tanzen, sondern vor allem als Choreographin tätig werden wollte. Also habe ich mich umgesehen, an welchen ukrainischen Unis man Tanz-Choreographie studieren kann, habe meine Suche aufs Ausland erweitert und bin schließlich auf Kanada gekommen, wo ich seitdem lebe. 

Ich tanze nun bereits im sechsten Jahr als Profi, habe mein Leben voll und ganz dem Tanz gewidmet und damit eine Menge Erfolge errungen. 2014 habe ich an der York-Universität im kanadischen Toronto meine Tanz-Prüfung abgelegt. Im selben Jahr habe ich beim „Star Bellydancer Canada“-Wettbewerb in allen Solo-Kategorien gewonnen. Ich war sehr glücklich, daß ich in der Kategorie Volkstänze mit einem türkischen Roma-Stück den ersten Platz gemacht habe. Dieser Stil fasziniert mich schon seit 2011, und seitdem bin ich mehrere Male in Istanbul gewesen, um bei Reyhan Tuzsuz, Serap Su und anderen dortigen Größen zu lernen. Während meines Universitäts-Studiums habe ich Forschungen über historische Zusammenhänge zwischen Bauchtanz, Ballett und Modern betrieben. Ein paar meine Artikel sind veröffentlicht worden (online, aber auch in Druck-Medien). 2012 wurde ich zur International Bellydance Conference of Canada eingeladen, um dort einen Vortrag über das Thema zu halten.

In Kanada hatte ich auch Gelegenheit, mit der „Arabesque Dance Company“ zu arbeiten und bin bei ihrer Produktion „Jamra“ aufgetreten (2012 zu Live-Musik von einem ganzen Orchester). 2014 erschien dann meine erste DVD, ‘The Art of Belly Dance Choreography’ in Zusammenarbeit mit dem ägyptischen Musik-Historiker Dr. George Sawa.

Mein besonderes Interesse an den Abläufen der Choreographie in verschiedenen Tanz-Stilen ermöglichte es mir auch, meinen ganz individuellen Stil mit Isis-Flügeln zu entwickeln. Ich tanze heute mit dreien gleichzeitig. Mein jüngster Erfolg ist der erste Platz beim „Cairo by Cyprus“-Wettbewerb 2015 auf Zypern. Da ich in einer so multikulturellen Stadt wie Toronto lebe, habe ich auch persische Tanzlehrer kennenlernen können, um mich von ihnen weiterbilden zu lassen. Heute tanze ich bei den verschiedensten Gelegenheiten besonders gern persisch.

Natürlich habe ich auch schon vor meiner Studentenzeit Preise gewinnen und Erfolge erringen können. Aber für mich hat meine eigentliche Karriere erst in dem Moment begonnen,

in dem ich mich entschlossen habe, mich nur noch dem Tanz zu widmen. Ich glaube, das Beste, was ich heute von mir sagen kann, ist, daß ich vom Tanz leben kann. Ich tanze und lehre sowohl in der Szene von Toronto, als auch auf verschiedenen Veranstaltungen in Nord- und Südamerika sowie in Europa.

Erzähl uns etwas über deine Zusammenarbeit mit Pedro Bonatto.

Mit Pedro arbeite ich seit ein paar Jahren zusammen, sowohl bei seiner Photographie wie auch bei seinen Musik-Projekten.

Vor seine Kamera bin ich getreten, als er mich einlud, für ein paar künstlerische Photos sein Model zu sein. Eines der Bilder von dieser unserer ersten Zusammenarbeit wurde später das Titelbild von dem Buch

 ‘The Belly Dance Reader 2’. Daraus entwickelte sich dann eine Zusammenarbeit bei so vielen Projekten, wie wir das anfangs nicht für möglich gehalten hätten. Darunter auch Workshops und Vorträge darüber, wie Tänzer sich am besten auf Photo-Sitzungen vorbereiten und während derselben verhalten. Zur Zeit helfe ich Pedro gerade bei seiner neuesten Serie  ‘The Orientalist’, bei der er sich von entsprechenden Gemälden aus dem 19. Jahrhundert inspirieren läßt. In dieser Serie werden viele Künstler aus der ganzen Welt abgelichtet, wie Khaled Mahmoud, Aida Bogomolova, Marta Korzun, Julia Torgonska, Erhan Ay, Julia Mitsai, Kristina Derkach, Lulu Sabogi, Raquy, Evelina Papazova, Kateryna Solpanova und viele mehr.

Die Aufnahmen wurden auf drei verschiedenen Kontinenten gemacht, und wir freuen uns schon sehr darauf, dieses Projekt auf der ganzen Welt zu verbreiten. Aus einer kleinen Idee erwuchs eine riesige internationale Geschichte, die dem 21. Jahrhundert nicht nur neue künstlerische, sondern auch  gesellschaftliche Einblicke gibt.

(http://www.pedrobonatto.com/theorientalist)

Mindestens ebenso wichtig in unserer Zusammenarbeit sind die Musik- und Tanz-Projekte. Pedro ist Trommler und hat sich auf arabisches Trommeln spezialisiert, versteht sich aber auch auf türkisch, persisch, Balkan und andere. Seit ein paar Jahren spielt er im ‚Arabesque Orchester’ von Toronto und in einigen Bands. Wir haben vor kurzem unsere eigene Musik- und Tanz-Gruppe gegründet, ‚The Blue Dot’, wo ich als erste Tänzerin mitwirke. Das Repertoire stammt größtenteils aus dem Nahen Osten, aber im Prinzip vermischen und verbinden wir Elemente aus allen möglichen Weltgegenden und haben uns da keine Grenzen auferlegt.
Ein Beispiel: Bei unserer letzten Tournee durch Brasilien haben wir eine Show gezeigt, in der arabische und brasilianische Instrumente zusammen zum Einsatz gekommen sind. Musik und Tanz beider Kulturen sind hier vermischt worden. Abgesehen von der musikalischen Zusammenarbeit erstellen wir auch viele Lehrmaterialien gemeinsam. Wir haben zwei Video-Lehrgänge geschaffen, den einen für Türkischen Roma-Technik und den anderen über Bauchtanz-Rhythmen. Wir geben auch regelmäßig Workshops und Intensiv-Kurse über Rhythmen und Trommelsolo-Tanz (improvisierten, nicht choreographierten).


Pedro und du kommt gemeinsam nach Deutschland, was werdet ihr uns auf der Bühne zeigen?

Ich komme zum ersten Mal nach Deutschland und bin schon entsprechend aufgeregt. Ich freue mich ganz besonders darauf, das Land kennenzulernen und neuen Tänzern zu begegnen. Es fasziniert mich immer wieder, neue Interpretationen eines Tanz-Stils zu sehen und andere Herangehensweisen eines Dozenten an den Stoff zu erleben. Bei den einen steht die Technik eher im Vordergrund, bei den anderen die Musik und so weiter.

Natürlich gibt es überall Ausnahmen, aber eigentlich stellt man immer wieder gewisse Hauptströmungen fest. Deswegen bin ich schon sehr darauf gespannt, wie man in Deutschland vorgeht. Ich habe schon viel über deutsche Festivals gehört, über die hervorragende Organisation und das hohe Tanz-Niveau. Deswegen ist es mir eine große Freude, die World of Orient zu besuchen, und ich zähle schon die Tage, bis ich endlich dort bin.
Was zeigst du uns in deinen Workshops?

Ich bringe euch eine Trommelsolo-Choreographie bei, und das Besondere daran: Pedro ist auch dabei und trommelt live. Und damit nicht genug, tanzen wir zu seiner neuesten Komposition, die noch gar nicht auf dem Markt ist (für die Teilnehmer wird es allerdings eine Tonaufnahme geben).

Bei der Vorbereitung dieses Kurses habe ich mich von dem Gedanken an eine neue Herangehensweise für Trommelsolo-Auftritte leiten lassen. Zuallererst konzentrieren wir uns darauf den Energiefluß zu kontrollieren. Wie man mit besonderen Bewegungen Energie ins Publikum abstrahlen und im nächsten Moment dessen Aufmerksamkeit auf kleine Körperbewegungen lenken kann. Ich probiere das Konzept gern aus, bei dem man im Moment des Erschaffens und Ausführens seine Tanzkunst zeigt. Mein Workshop wird eine ganze Menge darüber bringen. Außerdem wollte ich endlich mal raus aus dem üblichen Trommelsolo-Ablauf: Brust, Bauch, Hüfte. Mal sehen, wie weit wir damit kommen, unübliche und ungewöhnliche Schritte und Arm-Technik in ein Trommelsolo zu integrieren.

Wie gesagt, wir freuen uns schon sehr darauf, auf Asmahan el Zeins World of Orient zu kommen und euch alle auf den Shows und in unserem Workshop zu sehen.

Vielen Dank und liebe Grüße,
Iana Komarnytska


Homepage:
http://www.ianadance.com/

Iana & Pedro
Iana 2014 als Gewinnerin des "Star-Bellydancer Canada"-Wettbewerbs
Photos © Pedro Bonatto