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Wenn man deine Biographie liest, erfährt man, daß du seit zehn Jahren begeisterte Orienttänzerin bist. Hast du vorher andere Tanzstile kennengelernt und dich sogar darin ausbilden lassen? Und beeinflussen diese Stile deine heutige Tanzkunst?

Vor meiner Begegnung mit dem orientalischen Tanz habe ich keine Erfahrungen mit anderen Stilen gesammelt. Seit einiger Zeit setze ich mich aber mit der Luftakrobatik auseinander (Stangentanz, Kontorsion, exotischer Tanz usw.). Daneben gefällt mir auch „Jamaican Dancehall“ (Reggae heute), und den Zeitgenössischen Tanz liebe ich geradezu. Man könnte also sagen, daß der exotische und der Zeitgenössische Tanz meinen Tanzstil zur Zeit am meisten beeinflussen.

Wie bist du auf den Bauchtanz gestoßen, tanzt du immer noch Orientalischen Tanz, und wie bist du an ATS® und Tribal Fusion geraten?

Ich habe den Bauchtanz in dem Sommer entdeckt, in dem ich auch geheiratet habe und nach Salt Lake City gezogen bin. Mein Mann und ich spazierten gerade im großen Park im Stadt-Zentrum und sind dabei vor die Bühne eines OT-Festivals geraten. Ich konnte gar nicht aufhören hinzusehen und habe mich noch am selben Tag bei den Herbst-Kursen angemeldet. Ich habe mit einem Kurs begonnen, und bald habe ich zwei bis drei Wochenkurse besucht. Bis meine Lehrerin nach ein paar Jahren woanders hingezogen ist und ich mich nach einem neuen Kurs umsehen mußte. Dann habe ich auf einer Show einige ATS®-Tänzerinnen gesehen und beschlossen, das einmal auszuprobieren. Ich habe mich in einen Kurs eingeschrieben und die ersten Workshops bei „The Indigo“ genommen, als diese gerade während einer Tournee in unsere Stadt kamen. So hat mich dann auch noch die Besessenheit für den Tribal Fusion gepackt. Den Orientalischen Tanz habe ich darüber aber nicht vergessen, einmal die Woche übe ich mit meiner Lehrerin Stephanie Buranek den ägyptischen Stil.

Du gehörst zu den führenden modernen Tribal Fusion-Künstlerinnen der Welt, würdest du uns bitte deinen ganz eigenen Stil beschreiben?

Ich fürchte, es ist recht schwierig, seinen persönlichen Tanzstil zu beschreiben, wenn der sich über einen langen Zeitraum entwickelt hat und immer noch weiterentwickelt. Aber ich kann immerhin soviel sagen: Meine fließenden Bewegungen (besonders die der Arme), meine knackigen Isolationen und meine binnenkörperliche Arbeit tragen maßgeblich dazu bei, auf professioneller Ebene hinauszuragen.

Ich habe auch immer viel Wert darauf gelegt, nicht in eine bestimmte Schublade oder unter ein Etikett zu passen. Ich glaube, es ist ziemlich wichtig, sich ein paar Chamäleon-Eigenschaften zuzulegen, indem man andere Stile möglichst genau kopieren kann, ohne dabei aber seine Eigenständigkeit zu verlieren.
Auf Facebook erklärst du: „Mein Verstand schaut kritisch auf den gerade hingelegten Auftritt und kritisiert alles, von den Armen bis zu dem Moment, an dem ich aus dem Gleichgewicht geraten bin. Und er sagt: „Das war Mist“. Aber mein Gefühl meint: „Oh ja, das hat sich gut angefühlt, das haben wir beide gebraucht.“ Und manchmal ist das alles, was nötig ist.“ Möchtest du das für uns erläutern?

In meinen ersten Bauchtanzjahren war ich allein auf die Technik konzentriert und wollte immer alles ganz unbedingt richtig machen. Ich halte die Tanz-Technik auch heute noch für wichtig, aber es gibt auch Momente, wenn man nach meinem Dafürhalten die Technik Technik sein und die natürliche Bewegung des Körpers zu ihrem Recht kommen lassen sollte. Jeder Mensch wächst mit ganz bestimmten Bewegungsformen auf. Ganz normale alltägliche Abläufe werden von jedem anders durchgeführt. Wenn wir uns unserer natürlichen Wege und Eigenheiten bewußt werden und sie annehmen (uns also so bewegen, daß es sich „gut anfühlt“, im Gegensatz zu „gut aussieht“), dann wird unser Tanz wirklich zu unserem eigenen Tanz. Niemand kann sich genau so bewegen wie wir selbst. Jeder einzelne Muskel ist anders, ebenso die Dicke unserer Haut oder die Art, wie sich unser Haar bewegt. Ich habe in diesem Jahr in meinen Workshops sehr oft gesagt „Beweg dich, ohne dich dafür zu entschuldigen.“ Es ist doch wirklich viel wichtiger, sich im Tanz selbst auszudrücken als ständig zu versuchen, andere zu beeindrucken.

Du hast mit „Sepiatonic“ zusammengearbeitet (und wir hoffen, du tust das auch weiterhin). Wie geht es zu, wenn man mit ihnen arbeitet. Wir hatten die beiden männlichen Mitglieder und Karolina Lux im Juni bei uns, und sie haben das Zirkuszelt wirklich zum Beben gebracht. 

Aber natürlich arbeite ich immer noch mit ihnen! Im Herbst haben wir eine große Show in Boston an der Ostküste. Es ist immer wieder eine Freude, mit Tänzern zusammenzuwirken, die so viele unterschiedliche künstlerische Entwicklungen haben. Und man lernt wirklich etwas dabei, wenn man mit Künstlern interagiert, die eine ganz

andere Herangehensweise haben. Ich hoffe sehr, daß wir alle (mich selbst nicht ausgeschlossen) in Zukunft viel mehr Gelegenheiten finden, etwas miteinander zu schaffen. Bisher waren mehr als eine handvoll gemeinsamer Auftritte pro Jahr leider nicht drin. Denn schließlich leben wir alle woanders, und wir haben noch jeder unserer eigenen Karriere.

Was wirst du uns im Schwarzwald auf der Bühne zeigen?

Ich habe gerade ein älteres Stück aufgemöbelt, das meiner Meinung nach ziemlich exakt zeigt, wo meine künstlerische Entwicklung inzwischen angekommen ist. Die Nummer ist vom exotischen Tanz und meiner Arbeit mit dem Zeitgenössischen Tanz bestimmt, enthält aber auch Street Dance-Elemente. Ich habe sie ein paar Male auf kleineren Veranstaltungen ausprobiert und weiß daher, wie gut sie sich anfühlt. 

Was wirst du uns in deinen Workshops beibringen?

In meinem Kurs „Bellywork & Backbends“ folgen wir einer bestimmten Abfolge von Übungen, die die Muskeln beansprucht, welche bei den „Bellyrolls“ zum Einsatz kommen. Diese Übungen stehen im Vordergrund des Workshops, aber ebenso auch die Übungen für einen gesundheitlich sicheren „Backbend“, (welche Muskelgruppen und -abläufe kommen dabei zum Einsatz, wie beugt man möglichst gefahrlos die Wirbelsäule und so weiter).

Beim anderen Kurs, „Brushstrokes“ geht es vor allem um eines, die Arme! Wenn ich andere Tänzer beobachte, achte ich am ehesten auf ihre Arme. In meinem Kurs gehen wir mit ganz neuen Denkansätzen ans Choreografieren. Dabei fangen wir mit den Armen an! Dann kommen die Beinarbeit und Schritte hinzu, die Isolationen und erst ganz zum Schluß alles andere. Das ist, ganz nebenbei bemerkt, einer meiner Lieblings-Lehrstoffe.

Wo siehst du dich in zehn Jahren? 

Hmm, auch nicht leicht zu beantworten. Ich hoffe, in zehn Jahren lerne ich immer noch so gern und eifrig dazu … und ich fordere mir geistig und körperlich immer noch viel ab. Ich plane übrigens auch, ein regelmäßiges Intensiv-Trainings-Programm ins Leben zu rufen; etwas außerhalb von Salt Lake City in meinem Studio „The Velveteen Serpent“. Und dorthin dürfen Tänzerinnen aus der ganzen Welt kommen. Aber eigentlich lasse ich mich gern von dem überraschen, was die Zukunft bringt.
Freitag, 30. September 2016
12:30 - 14:30 Uhr
BELLY WORK & BACKBENDS

Michelle Sorensen
ist zu Gast beim
BLACK FOREST TRIBAL FEST NO. 6
30. September - 2. Oktober 2016
 in Oberharmersbach bei Offenburg
Sonntag, 2. Oktober 2016
15:00 - 17:00 Uhr
BRUSH STROKES
Die Workshops mit Michelle Sorensen:
Hier geht es zur Anmeldung ...
„SICH SELBST AUSDRÜCKEN,
STATT ANDERE
ZU BEEINDRUCKEN!“

Interview mit Michelle Sorensen
von Marcel Bieger (auch Übersetzung)

Tribal Fusion erfindet sich in kurzen Abständen immer wieder neu, vor allem deswegen, weil er sich mit immer neuen Stilen verbindet. Es hat einige Jahre gedauert, bis Modern und Zeitgenössisch hinzugekommen sind, und zur Zeit erregt diese Variante ziemliches Aufsehen. Eine ihrer führenden Vertreterinnen ist Michelle Sorensen, die in diesem Jahr erstmals zu uns kommt und auf dem Schwarzwald-Tribal-Festival zu bewundern ist. Wir sind schon sehr gespannt, vor allem auch deswegen, weil sie auch noch ein paar andere Dinge in ihre Kunst aufgenommen hat. Hier ihre Antworten auf unsere Fragen …