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Interview mit
Moria Chappell
von Marcel Bieger
Moria Chappell gehört zu den Namen bei den Bellydance Superstars, die alle kennen und von der viele schwärmen. Neben Kami Liddle ist sie das Gesicht der Tribal-Tänzerinnen bei BDSS.

Im Frühjahr haben wir Gelegenheit, sie endlich in Deutschland zu sehen und zu erleben,
nämlich auf Leyla Jouvanas Oster-Gala
am Samstag, den 14. April 2012,
und Moria gibt natürlich auch tolle Workshops vom 13. – 15.4. während Ihres Besuchs
in Duisburg.
"DER
VOLLKOMMENE
MOMENT"
Erzähle uns bitte, was du gemacht hast, bevor der Orientalische Tanz dir über den Weg gelaufen ist (und wie war das genau).

Ich bin in einer Künstlerfamilie aufgewachsen, meine beiden Eltern waren Schauspieler und haben sich sehr mit Spiritualität, Mythologie, der Schauspielkunst und den reinigenden Auswirkungen derselben auf die Psyche. Mein Vater hat darüber hinaus Joga betrieben und meine Mutter Bauchtanz. Sie ist damit nie aufgetreten, hat nur mit ihren Freundinnen bei uns im Wohnzimmer getanzt (meine Schwester und ich durften mitmachen).

Meine Mutter schickte mich jeden Tag nach der Schule in einen Tanz- oder Sport-Kurs. Montags: Ballett, dienstags: Jazz-Tanz, mittwochs: Stepptanz, donnerstags: Gymnastik, freitags: Tauchen, Schwimmen und Wasserballett.

Zur selben Zeit habe ich auch begonnen, für meine Papier- und Barbie-Puppen Kleider zu entwerfen (meine Familie hat sie alle aufgehoben). Ich erteilte meiner Mutter genaue Anweisungen, wie sie mein Haar zu richten habe, und ich habe mich mindestens fünfmal am Tag umgezogen. Gern habe ich mich auch an Muttis Schminke bedient und ihre hochhackigen Schuhe angezogen, um damit Rad zu schlagen oder mich zu einer Brücke zurückzubiegen. Vieles von dem, was heute für mich alltäglich ist, hat mich also schon von frühester Kindheit an begleitet.
Später habe ich eine ganze Menge Fächer an der University of California in Irving belegt: Archäologie, französische Literatur, afrikanische Kunst, Weltreligionen, Literatur der Gegenkultur, feministische Theorie, Philosophie, Märchen der Romantik, Theaterwissenschaften, Tanz, Journalismus, Film und englische Literatur. Alle Geschichten und alles, was mit Archetypen zu tun hat, haben mich fasziniert. Erst als Erwachsene habe ich wieder Bauchtanz gesehen, und ich war hin und weg von der Ausdrucksweise, Bewegungsfreiheit, Sinnlichkeit, Spontaneität, spielerischen Freude und überhaupt dem unverkrampften Vortrag, den die Künstlerin mit ihrem Körper zum Ausdruck gebracht hat. Dieser Tanz vereinte in sich alles, was mich immer schon begeistert hatte. Seine Bewegungen gaben mir Selbstsicherheit und weckten in mir eine Vertrautheit, wie ich sie bei noch keiner anderen Kunstform erlebt hatte. Eine Woche nach meinem Universitäts-Abschluß hatte ich meinen ersten Auftritt, in Atlanta im Bundesstaat Georgia. Begleitet von einer türkischen Kapelle betrat ich die Bühne, tanzte vor 2000 Leuten und habe das seitdem nie bereut. Viel wichtiger war mir aber noch, daß ich beim Tanz noch tieferen Zugang zu mir selbst gefunden habe, und dafür bin ich ewig dankbar.
Du bist bei den „Bellydance Superstars“, erzähle uns doch bitte von deinen Erfahrungen bei dieser Truppe.

Ich bin im Juli 2005 den BDSS beigetreten und im letzten Jahr Leiterin der Tribal Fusion Abteilung geworden. Seit meinem ersten Tag dort verläuft mein Leben nur noch in Tournee-Bahnen. Nach dem Vortanzen im Januar 2005 bin ich nach Atlanta zurückgeflogen, habe dort alles verkauft und bin nach San Francisco gezogen, um mich auf die BDSS vorzubereiten. Und als ich dann zum ersten Mal mit ihnen auf Tournee gegangen bin und im Flugzeug nach Dublin saß, fühlte ich mich genau dort, wo ich immer hingewollt hatte – inmitten von anderen schönen Tänzerinnen, die sich wie ich dem Bauchtanz verschrieben haben. Jeden Tag sage ich mir aufs Neue, was für ein Glück ich doch habe, zu dieser Truppe zu gehören und mit ihr Abenteuer zu erleben. Wir haben den ganzen Globus bereist und den Menschen unsere Kunst gebracht, und für mich gehört es zu den schönsten

Momenten, das Licht in den Gesichtern der Zuschauer zu sehen, die sich von unserer Show berührt fühlen.  Inspiration ist der mächtigste Weg zu eigenen Verwandlung. Wann immer eine Frau durch eine unserer Shows, DVDs, Workshops oder Musik eine solche Wandlung verspürt, wird meine eigene Leidenschaft für diesen Tanz neu entzündet. Natürlich ist der Bauchtanz nicht nur für Frauen da, aber er ist eine weibliche Kunstform, genau so wie es männliche Kunstformen gibt, in denen sich auch Frauen üben. Deswegen bin ich ja auch so stolz darauf, einer Tanztruppe anzugehören, welche die weichen und wilden, starken und sinnlichen Seiten von Frauen allein und in der Gruppe zeigt und damit unserer Gesellschaft eine wichtige Botschaft sendet. Und die unseren Archetyp zum Ausdruck bringt und damit dem Publikum einen Stempel aufdrückt.
Auf deiner Homepage erfahren wir, daß du bewußt mit alten Mythen in einer modernen Welt arbeitest. Willst du damit der modernen Welt einen Spiegel vorhalten oder willst du eine Alternative zu ihr entwickeln?

Viele Kulturen unserer alten Welt haben die kinetische Energie des Tanzes zur Therapie, zur Verehrung, zur Feier und zur politischen Veränderung eingesetzt. Im antiken Indien galten Tänzerinnen als diejenigen, welche den Göttern am nächsten standen. Ja, der eigentliche Sinn des Tanzes bestand darin, daß die Tänzerin sich vollständig von allem befreite, so daß der betreffende Gott in ihren Körper steigen und zumindest für eine Weile auf der Erde tanzen konnte. Dadurch wurden auch die Zuschauer gesegnet, womit Tanz sich zur mobilen Meditation für Umstehende und Ausführende entwickelte.

Ich bediene mich solcher und anderer Vorstellungen aus den Mythen, aber nicht, um mit ihnen einen Gegenentwurf oder eine Alternative zum modernen Leben zu erschaffen, sondern weil sie eine Art Linse oder Lupe darstellen, mit der wir tiefer in uns hineinschauen und deutlicher erkennen können, was bereits in uns
vorhanden ist.
Bleiben wir noch etwas bei diesem Thema: Wenn man dich in deinen Kostümen sieht, gerät man ins Schwärmen, weil sie so schön sind. Auf einigen Photos siehst du aus wie eine der Göttinnen in den alten Fantasy-Filmen, auf anderen erinnerst du an den „Schatz des Priamos“, den Heinrich Schliemann bei seinen Ausgrabungen zu finden geglaubt hatte und einige der schönsten Stücke seiner Frau anlegte. Verrätst du uns bitte, wie du deine Auftritts-Garderobe auswählst und worauf es dir ankommt, wenn du auf der Jagd nach neuen Schmuckstücken bist?
Dankeschön. Ich bin sehr froh, wenn meine Kostüme einen solchen Eindruck erwecken. Ich schneidere alle meine Kleider selbst, und da stecken mehrere hundert Stunden Nähen drin. Mir haben immer schon die Bilder des Jugendstil-Malers Alphonse Mucha gefallen, weil ihnen ein starkes, geschwungenes und wohlproportioniertes weibliches Prinzip zugrunde liegt. Mir gefallen auch die Bilder von Gustav Klimt und der Architekt Antoni Gaudi, wie überhaupt der Jugendstil den Schlüssel zu meiner Vorstellung von Ästhetik darstellt.
Ich bin sogar auf eine Kosmetikschule gegangen, weil ich mein Gesicht, meine Kleider, meine Musik und meinen Tanz nach einer archetypischen Szene gestalten wollte – und das Publikum einladen, mir dorthin zu folgen. Die Zuschauer sollten etwas Fremdartiges und Wunderschönes, etwas Eindringliches und Zerbrechliches, etwas Starkes und Verletzliches erkennen und erleben.
Ich sammle Stoffe und Schmuck, die ich zerlege und neu zusammenfüge, um ihnen
eine neue Bedeutung und Botschaft auf den Weg zu geben. Ich raffe verschiedenfarbige Stoffe und Schmuckstücke zusammen, also unterschiedliche Gewebe und Formen. Und das alles verteile ich dann auf meiner Kleiderpuppe. Nun schalte ich meine Hirnkontrolle aus und lasse den Fingern alle Freiheit. Sie fügen hier und da Enden und Fäden zusammen, und das mit großer Eindringlichkeit, aber ohne Muster oder Plan. Ich möchte, daß das im Entstehen begriffene Kostüm meinen Fingern sagt, wie es am Ende aussehen möchte. Ich kann nicht bestimmen, was sich dort tut, ich kann nur Nadel und Faden bewegen. Meine Schwester nennt mich „Arachne“, nach der Weberin aus der griechischen Sage, die von Athene in eine Spinne verwandelt wurde. Ich weiß auch nie im voraus, wie lange ein Kostüm bis zur Fertigstellung braucht, ich weiß aber stets, wann der letzte
Nadelstich getan ist.
Dies geschieht in einem vollkommenen Moment, der oft absolut unerwartet kommt. Aber ich weiß dann, daß dieses Kostüm fertig ist, denn es singt zu mir. Ich lache dann innerlich, manchmal auch äußerlich, und bin fröhlich und erschöpft. Meine Kleider bekommen von mir so viel Liebe und Zuwendung, daß ich sie als meine Kinder ansehe. Ich trage sie wirklich gern. Wir arbeiten zusammen, und sie unterstützen mich, wann immer sie können. Ich nehme ein einmal fertiggestelltes Kostüm niemals mehr auseinander, denn das würde den Zauber brechen und die archetypischen Energien zerfließen lassen.
Wenn ich nach Schmuck suche, dann vornehmlich nach antikem indischen oder nordafrikanischem Silber. Die Gestaltung entspricht uralter und längst vergessener Handwerkskunst. Einige meiner schönsten Stücke habe ich in den Wüsteneien Radschastans entdeckt, verborgen unter Bergen von angelaufenen Stücken in einem überteuerten Geschäft, in dem es nach Katzenpisse gestunken hat. Aber die von mir entdeckten Pretiosen habe ich sonst nur im Museum gesehen. In meinen Träumen sehe ich mich gern als modernen Indiana Jones, der die Artefakte rettet, welche zur Schmückung und zum Tanz gehören. Wenn ich auf Tournee gehe, suche ich weiter nach schönen Stücken und lege jedes einzelne in meinem metaphorischen Museum ab.
Was werden wir von dir auf der Bühne sehen, und was können Tänzerinnen in deinen Workshops lernen, die du in Deutschland geben wirst.

Meine Kurse beginnen immer mit einigen Ausführungen zur Anatomie, weil es so unglaublich wichtig ist, die Werkzeuge dieser Einrichtung zu stärken und

geschmeidig zu halten, und um eine erfolgreiche Tänzerin zu werden, kommt man nicht darum herum, die Meisterschaft über den eigenen Körper zu erringen. Danach erarbeite ich mit meinen Studenten, wie man die Isolationen in fließende Kombinationen übersetzt, und wie man diese Bewegungen dazu nutzt, den passenden Gesichtsausdruck und die beste Bühnenausstrahlung zu gewinnen. Und schließlich gibt es eine Choreographie zu erleben, die es dem Körper-Geist-Komplex ermöglicht, unerwartete musikalische Akzente und Dialoge zu erschaffen.
Wohin wird deine Reise dich als nächstes führen?

BDSS, mich eingeschlossen, werden im Mai in Europa auf Tournee gehen. Den Juni werde ich wieder in den USA verbringen und von meinem weiblichen ostindischen Tempeltanz-Guru unterrichten lassen. Von ihr erfahre ich dann auch, wie sich der Tanz von Indien über Bangladesch nach China, Thailand- Kambodscha und Indonesien bis nach Polynesien ausgebreitet hat. Im Juli bereise ich dann diese Länder, wandle auf den Spuren der Tanz-Großmutter und gebe daneben Workshops in der Volksrepublik China, in Hongkong, auf Taiwan und in Japan.

Homepage: www.moriachappell.com
Moria Chappell ist vom 13. - 15.4. zu Gast bei Leyla Jouvana in Duisburg
sie tritt auf der Oster-Hafla auf und gibt dort Workshops
Homepage: www.leyla-jouvana.de
Photos: 2, 5, 6 und 7 © Devansh, 3, 4 und 8 © Cherry Li (www.cherryliphotography.com), 1 und 9 mit freundlicher Genehmigung von Moria Chappell
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Grafik und Gestaltung: Konstanze Winkler