Startseite/Aktuelles
zurück zu Interviews
Grafik/WebDesign: Konstanze Winkler
Photos © Mehmet Köse Nr. 1, 2, 3, 5 , 7und 8; Konstanze Winkler Nr. 6 , Isis Zahara Nr. 4
Eine Brasilianerin, die lieber Bauchtanz betreibt als Samba zu tanzen? Das hat uns interessiert. Und im Gespräch verrät sie uns, daß sie eigentlich Bauchtanz nach den Samba gelernt hat, denn den braucht man in Brasilien nicht zu lernen, den bekommt man dort schon in die Wiege gelegt. Der Liebe wegen ist sie schließlich in die Niederlande gezogen, und hier wie dort entfaltet sie ungeahnte Aktivitäten.

Außerdem werden wir Isis in diesem Jahr bei Asmahan El Zeins großer "World of Orient"-Gala erleben. Aber lest selbst, was sie uns alles zu erzählen hat …
"DER KÖRPER IST EIN UNIVERSELLES INSTRUMENT"

Interview mit Isis Zahara

- von Marcel Bieger (auch Übersetzung)

Du bist in deinem Heimatland Brasilien auf den Bauchtanz gestoßen. Wie ist das passiert, und warum bist du ihm seitdem treu geblieben?

Dazu muß man wissen, daß die orientalische Kultur in Brasilien sehr beliebt und verbreitet ist. Vor allem in der großen Stadt Sao Paolo, wo sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts sehr viele libanesische und syrische Auswanderer niedergelassen haben. Italiener und Araber leben dort seitdem Straße an Straße. Sie teilen ihre Traditionen und Gewohnheiten miteinander und heiraten sogar untereinander. Ich habe italienische Vorfahren und bin in solchen Verhältnissen aufgewachsen. Tabouleh-Salat, Dabke und Bauchtanz gehörten für mich ganz normal zum Alltag.

Mit dem Tanz ist das aber eine ganz andere Geschichte, und ich verbinde damit einen ganz besonderen Moment in meinem Leben. Als ich neun war, fing mein Vater an, sich für den Sufismus zu interessieren, also für den mystischen Sufi-Orden, bei dem Tanz eine Form des Gebets darstellt. Seine Beschäftigung damit veranlaßte mich später, mich mehr mit dem orientalischen Tanz zu befassen. Ich bin dann auch auf die Universität gegangen, um Kunst und Anthropologie zu studieren. Meine Master-Arbeit hatte dann die weiblichen Tänze des Orients und die Geschichte der Orientalischen Tänze vom Altertum bis zur Gegenwart zum Thema.

Brasilien ist für seine eigenen Tanz-Stile und –Traditionen berühmt. Hast du außer dem Bauchtanz auch noch andere Tänze gelernt? Und haben die afro-lateinischen Tänze deinen persönlichen Stil beeinflußt?

In Brasilien sagt man „wir sind alle schwarz“ und meint damit den starken Einfluß, den Afrika auf unser Land hat und auf den wir sehr stolz sind. Der afrikanische Rhythmus beeinflußt unseren Herzschlag und unsere Körperbewegungen. Wir lernen Samba, ohne jemals eine Tanzschule zu besuchen, und wir können ihn auch bei anderen Tänzen nie ganz ablegen. Der Samba ist immer als Teil unserer brasilianischen Seele in uns. Aber um auf deine Frage zurückzukommen, ich habe klassisches Ballett, Jazztanz, Modern, Salsa und Tango gelernt, und alle diese Stile helfen mir, meinen Orientalischen Tanz zu verfeinern.

Du bist eine sehr engagierte und vielbeschäftigte Tänzerin: Du hast nicht nur den Orientalischen Tanz an der Universität studiert, du bist außerdem Mitglied im Welttanzsport-Verband IDO, du führst dein eigenes Tanz-Studio, „Isis Zahara“, und du bis Gründerin und künstlerische Leiterin der Formation "Al-Dunya Dancers".

Ich fange in diesem Jahr bei der IDO (International Dance Organisation) Abteilung Niederlande an und werde dort unter anderem in der Jury sitzen. Die IDO ist der Welt-Tanzsort-Verband. 90 Länder sind in ihm vertreten, die zusammen über 250 000 Tänzer auf sechs Kontinenten repräsentieren. Wir führen zwei Wettbewerbe durch, einen in Benelux (Belgien, Niederlande und Luxemburg) und zum ersten Mal die „Dutch Open“ in Holland. Diese Wettbewerbe sind international, und jeder darf daran teilnehmen. Interessierte und Bewerber klicken bitte auf diese Seite: www.bellydancechampionships.nl

Ja, ich habe auch noch mein eigenes Tanzstudio in der niederländischen Stadt ‘s-Hertogenbosch. In meiner Tanzschule kann ich das tun, was ich am liebsten betreibe, nämlich OT unterrichten. Ich teile mein Wissen sehr gern mit anderen, ich liebe es, Frauen dabei zu helfen, durch Tanz zu mehr Selbstbewußtsein zu finden, und es gefällt mir besonders, unter meinen Schülerinnen neue Talente zu entdecken. Ich arbeite wie eine Maschine, entwickle ständig neue Choreographien und trainiere Show-Gruppen. Das „Al Dunya“-Ensemble ist das bekannteste in Holland, aber ich leite auch noch das „Halwa“-Ensemble und „Yalla“, und ich hoffe, daß es noch mehr werden.
Warum bist du nach Europa gekommen, hast dich in den Niederlanden niedergelassen und dort nochmal ganz von vorn angefangen? Und worin siehst du die Hauptunterschiede zwischen dem Bauchtanz in Brasilien und in Europa?

Also die Liebe hat mich nach Europa geführt. In Brasilien hatte ich alles, was ich brauchte: mein Studio, Schülerinnen, eine gute Stellung bei einem örtlichen Fernseh-Sender und nicht zu vergessen, Freunde und Familie. Aber dann bin ich der Liebe meines Lebens begegnet und habe alles zurückgelassen. Glück und Liebe sind mir am allerwichtigsten. So bin ich 2011 nach Holland gekommen.

Wie ich eingangs schon erzählt habe, ist der Bauchtanz in Brasilien sehr verbreitet. Die Brasilianerinnen sind verrückt nach ihm und lieben alles an ihm. So etwas trifft man hier nicht an, aber der OT ist in Holland auch nicht so populär wie in meiner Heimat. Hier fällt es nicht immer ganz leicht, Frauen dazu zu bewegen, etwas auszuprobieren, was sie noch nicht kennen. Und meistens haben sie ganz falsche Vorstellungen vom Bauchtanz und stehen sich damit selbst im Weg. Aber ich arbeite daran, und in jedem Jahr kann ich mehr Schülerinnen dazu bewegen, sich gut zu fühlen, Selbstbewußtsein zu entwickeln, etwas für ihre Gesundheit zu tun und das alles mit und durch den Bauchtanz. Ich werde ganz aufgeregt, wenn eine Schülerin sich selbst beim Tanz eine Aufgabe stellt oder wenn sie mehr über die Kultur hinter diesem Tanz erfahren will.

Du kommst nicht zum ersten Mal nach Deutschland. Erzähle uns doch bitte, was du hier schon alles gemacht hast.

Zum ersten Mal bin ich 2003 in Deutschland gewesen, während eines Austauschs zwischen der Universität in meiner Heimatstadt (Unicamp) und der Friederich Alexander-Universität in Erlangen/Nürnberg. Ich bin dort aufgetreten und habe Schauspielern und Tänzern Kurse gegeben. Das alles geschah im Rahmen einer Tanztheater-Produktion einer brasilianischen Regisseurin namens Veronica Fabrini.

Seit ich in den Niederlanden lebe, werde ich öfter von deutschen Tanzschulen eingeladen, bei ihnen Workshops zu geben. Ich bin auch schon auf großen Festivals wie dem Orientalischen Festival Europas von Leyla Jouvana aufgetreten und habe dort ebenfalls Workshops gegeben. In Deutschland hat der Bauchtanz in all seinen Formen eine viel stärkere Stellung.

Ich selbst stehe nicht so auf Wettbewerbe und werde deshalb auch nie in einem Solo-Contest antreten, aber es macht mir großen Spaß, Gruppen zu betreuen, die das gerne wollen. 2015 ist die „Al Dunya“ Formation zum ersten Mal zu einem internationalen Wettbewerb gefahren, zu Leyla Jouvanas „Bellydancer of the World“, und hat dort in ihrer Kategorie den 4. Platz errungen. Ich war davon begeistert, weil es meine Mädels zum Weitermachen bewegt und mich als Choreographin bestätigt hat. In diesem Jahr wollen wir es noch weiter nach oben schaffen.

Wir werden dich in diesem Jahr bei Asmahans „World of Orient“ sehen. Was wirst du uns in Hannover auf der Bühne zeigen und was in deinen Workshops dort unterrichten?

Ich bin schon ganz aufgeregt, dieses Jahr bei der „World of Orient“ mitmachen zu dürfen, und ich bin Asmahan sehr dankbar, mich eingeladen zu haben. Bei meinem Workshop dort will ich eine dramatische Fächerschleier-Choreo unterrichten. Fächerschleier stammen eigentlich aus dem chinesischen Tanz und werden auch gern nach dem Fisch Koi-Schleier genannt, weil sie in Bewegung wie ein schwimmender Koi aussehen. Wenn wir diesen Vergleich richtig verstehen, fällt es uns auch leichter, den Schleier so weich zu bewegen wie der Fisch seine Flossen. Es gibt dafür auch eine bestimmte Technik, welche der Tänzerin dabei hilft, Energie zu sparen und ihre Finger und ihr Handgelenk zu schonen. Der Kurs beginnt mit Übungen für Anfängerinnen und geht dann zu etwas komplexeren Kombinationen über. Er steht allen Levels offen, aber ein Paar eigene Fächerschleier sollte man schon mitbringen. – Auf der Bühne zeige ich eine Fächerschleier-Nummer mit dynamischen und dramatischen Zügen.

Du hast außerdem ein eigenes Festival, das „Al-Dunya“. Was hat dich dazu bewogen, auch noch eine Festival-Reihe ins Leben zu rufen?

Ich bin eben eine Bauchtanz-Verrückte. Dabei will ich mich nicht nur selbst als Tänzerin weiterentwickeln, sondern auch Talente fördern und den Menschen die Großen unserer Zunft zeigen. Denn am meisten möchte ich den OT verbreiten und vorführen, wozu er alles in der Lage ist. Ich habe seit der Uni ja nicht damit aufgehört, über die Geschichte und die Stile des Bauchtanzes zu forschen. Künstler aus aller Herren Länder habe ich interviewt, auch nichtarabische Tänzer, die in Ägypten ein Engagement erhalten haben. Meine Interviews findet man auf http://orientallimelight.blogspot.nl/p/interviews.html). Die Vorstellung, unsere Szene aufzubauen und stärker zu machen, war vermutlich der Auslöser dafür, ein eigenes internationales Festival auf die Beine zu stellen. Angenehmer Nebeneffekt: der Aufbau eines tragfähigen internationalen Netzwerkes für holländische OT-Tänzer. Hinzu kam, daß ich neben meinen Studien an der Uni und dem Unterricht in meiner Tanzschule auch einige Shows für den lokalen Fernseh-Sender in Brasilien produziert habe.

Und was macht dein Festival als Festival zu etwas Besonderem?

Das „Al Dunya“-Festvial läuft über drei Tage (1.-3. Juli 2016) im Theater „De Speeldoos“, im niederländischen Vught und bietet neben einem Wettbewerb und Workshops eine „0riental Delight Show” und die “Champions Night Party”. Auf der Bühne sind internationale Stars, die Wettbewerbs-Sieger und viele andere Tänzer zu sehen. Ja, was ist daran Besonderes? Zuerst einmal mein Traum, eine große Gemeinschaft von Tänzern aufzubauen, die es sich zur Aufgabe stellen, neue Talente zu entdecken und diese so rasch wie möglich zu fördern. Ebenso wichtig ist auch der Wunsch, die Volkstänze zu fördern, um so andere Kulturen kennenzulernen und ein größeres Verständnis für andere Kunstformen zu schaffen. Deswegen hoffe ich, daß mein Festival dazu beiträgt, den Frieden und das gegenseitige Verstehen in der Welt zu festigen. Auch wenn andere Kulturen andere Tanzstile pflegen, so ist der menschliche Körper doch ein universelles Instrument und eine einigende Kraft zur Herstellung von Gemeinschaft. Der Tanz ist eine mächtige Waffe im Kampf gegen soziale Benachteiligung und Ausgrenzung. Und es ist ebenso ein mächtiges Werkzeug zur Verbreitung von Frieden.

In diesem Jahr haben wir als Star-Gäste dabei: Professor Hassan Khalil (Ägypten), Ahmed Fekry (Ägypten), Lia Verra (Griechenland), Nina (Kroatien), Antonia Azahara (Spanien), Hanaa (Belgien) und Johanna (Belgien). Anmelden kann man sich ab sofort, und alle weiteren Informationen findet man auf: www.aldunyafestival.com

Welche Pläne hast du für die Zukunft? Wo siehst du dich in zehn Jahren?

Jede Menge Projekte warten auf mich. Aber über einige möchte ich noch nicht reden. Zur Zeit arbeite ich an einer Übersetzung meiner Master-Arbeit über die Geschichte des Orientalischen Tanzes, um die in Buchform herauszubringen. Es wird ein dickes Buch, und daher wird es damit noch etwas dauern.

Wo sehe ich mich in zehn Jahren? Zunächst einmal sehe eine größere internationale OT-Gemeinschaft mit dem Al Dunya-Festival als einem ihrer Zentren voraus. Wir haben dann auch einen Ableger in Brasilien, damit der lateinamerikanische und der europäische Bauchtanz sich besser austauschen können. Ich sehe ebenso, daß meine Tanzschule deutlich gewachsen ist und meine Schülerinnen  als angesehene Künstlerinnen und Lehrerinnen die Kunst des Bauchtanzes auf die beste Art und Weise verbreiten.

Homepage:
www.isiszaharabellydance.com

Das große Finale des letztjährigen Al-Dunya-Festivals (mit Tanura-Tänzer Ahmad Alkhatib)