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Grafik/WebDesign: Konstanze Winkler
Photos ©: 1 Marcin Lyska ( www.lyska.pl); 4 und 12 Bruno O'Hara (www.brunoohara.com); 2 Daniel Michalkiewicz (www.facebook.com/imaginetwo); 3 André Elbing (www.andre-elbing.de);
5,6 und 7 Konstanze Winkler; 8 Carl Sermon (www.carlsermonphotography.zenfolio.com) 9 Lenka (www.facebook.com/lenkabadriyah); 11 Wick Sakit (www.wicksakit.com)
Bei Artemis in Stuttgart haben wir sie zum ersten Mal live gesehen, „Jamilah of Poland“, und wir waren wirklich hingerissen. Nach der Show kamen wir mit ihr ins Gespräch, und weil sich alles so interessant angehört hat, haben wir ein Interview mit Jamilah verabredet. Außerdem war sie ja bei der Welt-Premiere von „Alice in Wonderland“, der neuen BDE-Produktion dabei
Leider kann sie nicht nach Hannover, dafür mußte sie uns aber alles berichten, was es über sie und BDE zu wissen gibt. Und das kommt jetzt …
(Die englische Version des Interviews erscheint zeitgleich im amerikanischen Magazin „Zaghareet“)
ICH BIN GLÜCKLICH … ES GIBT NOCH SO VIEL ZU TUN

Interview mit Jamilah of Poland

- von Marcel Bieger (auch Übersetzung)

Wie haben sich der Orientrientalische Tanz und du gefunden, und warum bist du ihm treu geblieben?

Ich bin eher durch Zufall in meine erste Bauchtanz-Stunde geraten und hatte vorher überhaupt keine Ahnung, was es mit ihm auf sich hat. Aber dann war ich gleich hin und weg. Ich suchte damals nach einer Möglichkeit, solo zu tanzen, weil mein Ehemann keine Lust hatte, mit ihr in eine Tanzschule zu gehen und Gesellschaftstänze zu lernen. Deswegen habe ich es eigentlich ihm zu verdanken, meine OT-Karriere begonnen zu haben. Mittlerweile kann ich ohne den Bauchtanz nicht mehr leben, in ihm gehe ich vollkommen auf. Ich spüre auch, wie er mich fordert, und deswegen will ich ihn mehr und mehr erkunden.

Wettbewerbe waren mir immer eine große Hilfe, und ich habe von Anfang an daran teilgenommen. Meinen ersten größeren Erfolg hatte ich bereits nach einem Jahr: Ich habe eine Reise nach Ägypten gewonnen. Der letzte und bedeutendste Preis, den ich gewonnen habe, war „Bellydancer of the Universe“, den ich 2013 in Kalifornien erhielt. Wettbewerbe waren mit stets eine große Stütze. Sie haben mich nicht nur bekannter gemacht, sie haben mir auch gezeigt, wieviel ich bereits von meinem Beruf verstehe.

Wenn man dich tanzen sieht, glaubt man gern, daß du jeden Schritt beherrschst und jedes Gefühl zum Ausdruck bringen kannst. Was sind denn eigentlich deine Lieblingsstile und hast du auch in anderen Tanz-Richtungen eine Ausbildung erhalten?

Oh, danke, das schmeichelt mir sehr. Es kommt mir nämlich sehr darauf an, während meiner Auftritte Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Meiner Meinung nach ist eine Tänzerin erst dann vollkommen, wenn sie im Tanz ihre innersten Gefühle zum Ausdruck bringen und ans Publikum weitergeben kann. Und daran arbeite ich ganz besonders, und ich glaube, auf diesem Gebiet bin ich schon ein Stück weit gekommen. Und ich will ständig höher hinaus und noch mehr erreichen.

Einen ausgesprochenen Lieblings-Stil habe ich eigentlich gar nicht, denn zu unterschiedlichen Zeiten hatte ich unterschiedliche Vorlieben. Manchmal möchte ich meine Technik aufpolieren, Spaß haben und mein Publikum mit einem Trommelsolo überraschen.

Zu anderen Gelegenheiten muß ich mich dringend beruhigen, höre aufmerksam auf mein Herz und meine Seele und tanze Tarab. Auf meinem Weg nach oben bin ich einigen Menschen begegnet, die mir dabei geholfen haben, die nächste Sprosse auf meiner Karriereleiter zu erreichen. Der Tarab hat mich stets vor eine besondere Aufgabe gestellt, und so bin ich Assale Ibrahim, Mercedes Nieto, Leyla Jouvana und Jillina zu großem Dank verpflichtet. Sie haben mir dabei geholfen, die Musik und den Tarab viel besser zu verstehen. Sie haben an mich geglaubt und meinen Hoffnung gestärkt, daß ich es schaffen kann.

Beim Tango Oriental kann ich mich etwas mehr gehen lassen. Freizügigkeit und Sexyness passen viel besser zu diesem Stil als zum klassischen orientalischen Tanz.
Ich liebe auch den Mejanse sehr, weil ich dabei mit dem Publikum spielen kann und das Gefühl haben, nur für diese Menschen zu tanzen. So stelle ich mir die Zwiesprache zwischen mir und den Leuten vor, die mir zusehen. Ich möchte gern während eines Auftritts unterschiedliche Stimmungen erzeugen, um das Publikum und mich selbst auf die beste Weise zu unterhalten.

Der Auftritt ist mir genauso wichtig wie der Unterricht. Menschen eine Freude zu bereiten und sie an meinem Wissen teilhaben zu lassen, machen mich glücklich. Ich sehe auch gern dabei zu, wie junge Frauen im Tanz erblühen; denn ich glaube, daß jede Frau ihre eigene Schönheit finden und diese im Tanz zum Ausdruck bringen kann. Ich möchte ihnen auf diesem Weg helfen.
Wie hat sich der Orientalische Tanz  in Polen mittlerweile entwickelt?

In Polen wird seit etwa dreizehn Jahren Bauchtanz gelehrt. Die Hochzeit des allgemeinen Interesses daran lag zwischen 2005 und 2008. Der OT ist in meiner Heimat noch sehr jung. Im Laufe der Jahre hat es eine Menge Fortbildung durch ausländische und einheimische Tänzer gegeben. Ich werde auch immer noch in verschiedene polnische Städte für Projekte und Workshops eingeladen. Seit ein paar Jahren haben wir auch Festivals mit ausländischen Stars. Inzwischen gibt es sogar einige internationale Festivals in Polen, die sich hohen Ansehens erfreuen. Viele polnische Tänzerinnen fahren auch ins Ausland, um dort an Wettbewerben teilzunehmen, sogar mit allerlei Erfolg.

Aber der Bauchtanz ist in meiner Heimat noch längst nicht dort angelangt, wo er hingehört. Dennoch, unter den polnischen Frauen finden sich immer mehr, die sich praktisch wie theoretisch mit dieser wundervollen Kunstform auskennen.
Wie haben "Bellydance Evolution" und du zueinander- gefunden, in welchen BDE-Shows bist du aufgetreten, und warum wählt Jillina dich immer wieder aus?

2009 habe ich zum ersten Mal an einem Vortanzen für Bellydance Evolution teilgenommen. Leider hat es damals für mich nicht gereicht. Dafür habe ich dann aber den „People’s Choice“-Preis gewonnen. Zu der Zeit habe ich aber gerade meine Master-Arbeit an der Uni geschrieben und konnte deswegen an den Auslands-Auftritten nicht teilnehmen. 2010 habe ich Jillina dann nach einem Wettbewerb in Berlin wiedergesehen, und sie hat mich aufgefordert, mich noch einmal an dem online-Wettbewer zu beteiligen. Und im nächsten Jahr habe ich gewonnen und bin ins Ensemble für die Tournee Mailand-Prag-Rom-Turin aufgenommen werden. Ich war überglücklich, in „Immortal Desires“ (der ersten BDE-Show) auftreten zu können.

Bei der zweiten Show, „Dark Side of the Crown“ war ich dann von Anfang an dabei und habe sogar bei den Auftritten in Hannover und Maribor eine größere Rolle bekommen, die der Priesterin. Ich hatte auch das Glück bei der Verfilmung von „Dark Side of the Crown“ mitwirken zu können. Mich mit so vielen Stars auf einer DVD wiederfinden zu dürfen, war einer der Höhepunkte meiner Laufbahn.

Schließlich kam die dritte Show, „Alice in Wonderland“, und dort stand ich wiederum mit bedeutenden Künstlern auf einer Bühne. Im neuen Stück habe ich auch eine Rolle und bin eine “Träne”. Ich muß die trauernde Alice tänzerisch anzeigen.

Warum Jillina mich so oft genommen hat? Das solltest du besser sie fragen. Auf jeden Fall tanze ich für mein Leben gern bei Bellydance Evolution, und ich glaube, das merkt man mir auch an.  Außerdem wird dort hart gearbeitet, und das habe ich schon immer gern getan. Manchmal befürchte ich, etwas nervig zu sein, weil ich bei den Proben immer so viele Fragen stelle. Aber Mitglied einer so phantastischen Truppe zu sein, ist für mich ein Hochgefühl, und von mir aus brauchte das nie aufzuhören. Ich behandle alle dort wie Familienmitglieder. Und durch die Reisen mit BDE habe ich viele neue Leute kennengelernt, denen mein Tanz gefallen hat. Sie haben mich dann auf ihr Festival oder ihre Show eingeladen. Deswegen sehe ich eine ganze Reihe der Städte wieder, in die ich während einer der Tourneen gekommen bin, und tanze dort solo. Und davon ausgehend komme ich wieder in andere, ganze neue Städte, wie unlängst nach Stuttgart zum Artemis-Festival.
Jamilah (links) und Eglal bei der Europapremiere von BDE "Dark Side of the Crown" 2012 in Hannover
Jamilah (links) tanzt mit Jillina ein Duo (BDE 2012, Hannover)
Jamilah (Mitte) in ihrer Rolle als Priesterin (BDE 2012, Hannover)
Jetzt berichte uns doch bitte, wie es dir ergangen ist, als du nach Kalifornien zu den Proben für die Uraufführung von „Alice in Wonderland“ gereist bist. Wie hast du dich an dem Tag gefühlt, an dem es so weit war, und wie hast du die Show erlebt?

Zum ersten Mal war ich an einer Welturaufführung einer BDE-Show aktiv beteiligt, und ich kann dir jetzt schon verrraten, daß sich das von allem unterschieden hat, was ich jemals erlebt habe. Uns stand für die Proben nur begrenzte Zeit zur Verfügung, und schon allein dadurch standen wir ziemlich unter Druck. Und es gab ja noch so viele andere Dinge zu erledigen.
Alle Choreographien waren völlig neu, und wir mußten sie quasi über Nacht erlernen. Und natürlich von morgens bis abends konzentriert sein. An einzelnen Elementen mußte noch wenige Tage vor der Premiere herumgefeilt werden, und ohne den guten Zusammenhalt der Gruppe wäre da überhaupt nichts mehr gegangen. Kurz vor der Premiere gab es dann für jede von uns die letzten Änderungen. Aber schließlich ist uns dann ja doch alles gut gelungen, und das lag vor allem an den vielen Profis bei uns und daß die Gruppe so gut zusammengefunden hat. 

Wie ich mich an dem Tag gefühlt habe? Glücklich, dankbar, aber auch voll auf das Stück konzentriert und ungeheuer aufgeregt. Ich habe vor allen im Team die allergrößte Hochachtung. Schon vorher wußte ich, daß es eine großartige Aufführung werden würde, obwohl man bei einer Premiere ja nie wissen kann. Bei jeder so großen Produktion ist es so, daß nach der Premiere einige Veränderungen vorgenommen werden müssen.
Doch insgesamt hat alles bestens geklappt! Nach der Show war ich vollkommen erledigt, aber auch überglücklich, Bestandteil eines so großen Moments der Bauchtanzgeschichte gewesen zu sein.
Die Premiere von "Alice in Wonderland" in San Diego (USA), Jamilah (Dritte v.l.)
Wirf doch mal bitte mit uns einen kleinen Blick hinter
die BDE-Kulissen.

Ganz zu Anfang haben wir uns alle in Jillinas Haus in Malibu versammelt. Von ihrem großen Wohnzimmer aus hat man einen phantastischen Blick auf den Pazifik. Und hier war dann auch alles ganz anders, als wir es erwartet hatten: nämlich ruhig, unaufgeregt und wie in einer Traum-Welt. Unsere Proben haben täglich acht bis neun Stunden gedauert, mit einer Mittagspause dazwischen. Wir haben nur Biokost bekommen, ausreichend Energie für die zweite Tageshälfte.

In den ersten Tagen ging es nur um Choreograhien, Technik und Bühnenauftreten. Während der letzten drei Tage haben wir dann die letzten Unebenheiten in den Choreographien ausgebügelt. Dann haben wir die ganze Show einmal durchgetanzt, um zu überprüfen, ob wir mit den Zeitvorgaben hinkamen. Hinzu traten in dieser letzten Phase der Proben noch die Mimik und die schauspielerischen Anforderungen.
Worum geht es denn genau bei „Alice in Wonderland“? Wer sind die Hauptpersonen des Stücks?

Das Stück ist eine dramatische Bearbeitung des Romans “Alice in Wunderland” von dem englischen Schriftsteller Lewis Carroll. Wir erzählen die Geschichte durch Tanz und Schauspiel. Darin geht es um ein Mädchen namens Alice (gespielt von Lauren Boldt), das der langweiligen und allzu sachlichen Welt der Erwachsenen entfliehen kann, indem es einem Weißen Kaninchen (Danielo) hinterherläuft. Dadurch gelangt es ins „Wonderland“, wo ihr eine Menge eigenartiger Wesen begegnen. Im Wald trifft sie auf eine Raupe, die auf einem Pilz liegt und Wasserpfeife raucht. Sie beachtet das Mädchen kaum und gibt ihm auf alle Fragen nur dumme Antworten. Sharon Kihara spielt die Raupe  und tanzt einen irakischen Tanz. Als nächstes läuft Alice der Herzogin über den Weg. Bei Lewis Carroll ist das eine ziemlich böse und häßliche Frau, die ihr Kind schlecht behandelt. Bei uns kommt die Herzogin (gespielt von Louchia) natürlich besser weg. Ihren Chefkoch gab übrigens Ozzy. Und dann ist da noch die völlig unabhängige Grinsekatze (in der Premiere gespielt von Eglal), die kommt und geht, wie sie will. Die Grinsekatze hilft Alice, ihren Weg durch den Wald zu finden, warnt sie aber, daß jedermann, dem sie noch begegnen wird, verrückt sei.

Alice nimmt etwas später an einer bizarren Teegesellschaft teil und trifft dort den Verrückten Hutmacher (Heather Aued), eine sehr faszinierende Figur mit mehreren Gesichtern. Und irgendwann findet Alice sich im Garten der Herz-Königin wieder, einer übellaunigen Herrscherin, die Autor Carroll als „blindwütig“ beschreibt. Die Königin lädt Alice zu einem Crocket-Spiel ein, das natürlich im „Wunderland“ ganz anders gespielt wird als bei uns. Jillina stellt die Herz-Königin dar. Mir fiel die Rolle zu, Alices Trauer zu tanzen und habe das in einem Solo mit Schleier-Poi getan. Die Frauen im Emsemble tanzen die meiste Zeit in Gruppe, bekommen aber die Gelegenheit, sich in kleinen Rollen als Solotänzerin vorzustellen. Das ist sehr wichtig für unser aller Selbstvertrauen und den Zusammenhalt der Gruppe.
Glückliche Gesichter nach der Premiere in San Diego (v.l.n.r.): Jamilah,
"Herzkönigin" Jillina, "Grinsekatze" Eglal, Nabila, und "Raupe" Sharon Kihara
Was können die Menschen auf der ganzen Welt also erwarten?
Wenn jemand noch nie zuvor eine BDE-Show gesehen hat, wird er bei „Alice“ aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Und diejenigen, die schon die früheren Shows erlebt haben, werden auch dieses Mal nicht enttäuscht. Das Team ist in neuen Rollen zu sehen, und man erfährt eine ganz neue BDE-Show.
"Alice in Wonderland", die Trommel-Szene, Jamilah (2. v. re., stehend)
Die geheimnisvolle Atmosphäre eines Märchens ist sehr schön eingefangen worden. In „Alice“ finden einige neue Tanzstile Eingang, wie man sie in früheren Produktionen noch nicht gesehen hat, wie zum Beispiel Andalusisch, Zigeuner oder Feder-Fächer. Überhaupt kommen hier viele Accessoires in zum Teil phantasievoller neuer Verwendung zum Tragen, gar nicht erst zu reden von den Trommeln. Die ganze Show ist voller Magie, spannender Moment und lustiger Szenen. Ich kann jedem nur raten, sich diese Show anzuschauen.
Jamilah auf der riesigen Terrasse von Jillinas Haus in Malibu
Wann können wir dich in Deutschland wiedersehen?

Leider bin ich in Hannover ja nicht dabei, aber ich hoffe, in nicht allzu ferner Zeit wieder bei euch zu sein. Ich bin für alles offen und freue mich auf neue Einladungen. Denn ich möchte zu gern mal wieder Deutschland sehen.
Webseite: www.jamilah.pl
Facebook: www.facebook.com/JamilahPL
Bellydance Evolution "Alice in Wonderland"
Europa-Premiere am Fr., 13. Juni 2014 beim Tribal Festival in Hannover!
Infos und Karten: www.tribal-festival.de