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Photos ©: 1, 4 und 5 Brad Dosland www.taboomedia.com, 2 Bob Giles ,3 und 6 mit freundlicher Genehmigung von Keri Lonhard
Keri Lonhard
Du hast bei Fatchance Bellydance® gelernt, erzähl uns doch bitte darüber.

Wie die meisten von uns, die ganz gleich aus welcher Richtung zum Bauchtanz gelangen, war ich schon als Kind davon begeistert. Als Teenagerin habe ich diese Tänzerinnen auf Mittelaltermärkten gesehen und war erst recht interessiert. Und als altes Goth Girl habe ich natürlich Ende der 80er Jahre viel in Discos getanzt. Dabei ist mir aufgefallen, daß meine Schritte und Bewegungen denen des Bauchtanzes gar nicht so unähnlich waren. So war ich dann schließlich ausreichend motiviert, mich nach einer Tanzschule umzusehen. Damit begann für mich der lebenslängliche Lernprozeß des Bauchtanzes (oder sollte ich sagen, die lebenslängliche Besessenheit). Eine Freundin von mir war ebenfalls infiziert und wollte mitkommen, aber irgendwie hatte sie nie richtig Zeit, und irgendwann wollte ich nicht mehr warten. Ich habe mich also umgehört und bin dann in einer Klasse bei den FCBD® untergekommen. Das geschah im Jahre 1998.

Du warst außerdem bei “Ultra Gypsy”, wie es es denn dazu gekommen?

Nachdem ich anderthalb Jahre bei FCBD® Unterricht genommen hatte, wollte ich gern mal was anderes sehen. Was ich dort gelernt hatte, war phantastisch, aber ich wollte die ganze Bauchtanz-Welt kennenlernen.
Irgendwann stieß ich auf Jill Parker und habe bei ihr Unterricht genommen. Ich hatte nie zuvor jemanden so wunderschön flüssige Bewegungen tanzen gesehen. Überhaupt die ganze Ausstrahlung und Anmut Jills haben mich sofort verzaubert. Der unterricht bei ihr hat großen Spaß gemacht, man fühlte sich sofort willkommen, und ich habe eine Menge gelernt. Allerdings war hier einiges anders als das, was ich zuvor bei FCBD® gelernt hatte.
ganz links außen, Keri Lonhard, ehemaliges Ultra Gypsy Mitglied
Außerdem wurden bei Jill die Grenzen des Tanzes ständig weiter geschoben. Nachdem ich einige Klassen bei Jill gelernt hatte, fragte sie mich eines Tages, ob ich Lust hätte, mit ihrer Truppe „Ultra Gypsy“ auf dem Rakkasah Festival in der Bay Area (Großraum San Francisco) auftreten wolle. Das Rakkasah war damals das, was das Tribal Fest heute ist, die größte und bedeutendste Veranstaltung ihrer Art. Und so begann mein Jahr mit Ultra Gypsy. Bei denen habe ich unheimlich viel gelernt, darunter „auf links“ zu tanzen, mit Feuer zu tanzen und vieles mehr. Und ich habe viele wunderbare Freundinnen und Tanzpartnerinnen kennengelernt, mit denen mich immer noch vieles verbindet.


Vor allem aber bin ich in dieser Zeit zur Auftrittskünstlerin gereift. Vor den Ultra Gypsy bin ich nämlich niemals öffentlich aufgetreten. Dort hat man mich sozusagen ins kalte Wasser geworfen, und wie heißt es im Sprichwort, was einen nicht umbringt, macht einen nur besser. Rückblickend bin ich wohl zur rechten Zeit gekommen, denn überall brodelte es vor Neuentwicklungen, wir erlebten die Geburtsstunde dessen mit, was man heute “Tribal Fusion” nennt. Damals hieß das alles für uns nur Tribal. Wir trugen Turbane, Pumphosen, Cholis, die mächtigen ATS®-Röcke und den ganzen anderen Klimbim. Ich habe an den  ganzen Gesprächen und Debatten teilgenommen, die darin mündeten, daß wir schließlich den Turban angenommen haben. Von da an wurden unsere Kostüme moderner, körperbetonter, sexier, wir haben mit allem herumexperimentiert, wir haben das Haar lang getragen, und wir haben zu zeitgemäßerer Musik getanzt. Wir haben unsere Bewegungen mit neuen Elementen angereichert, haben sie unter ein Thema gestellt oder Geschichten erzählt, so daß die jeweilige Nummer einen Anfang und ein Ende hat. Doch wirklich, es war eine ungeheuer spannende Zeit.
Dann kamen „Lotus“, „LAPSUS“ und "L"Anonyme Dance Collective".

Nach meiner Zeit mit Ultra Gypsy habe ich erst einmal eine Weile mit dem Tanzen aufgehört. Ich wusste nicht mehr so recht, was ich wollte. Mir wurde klar, daß ich eine Stimme brauchte, um das zum Ausdruck zu bringen, was in mir steckte, um dem Gestalt zu verleihen, was an Schöpferischem in mir nach draußen drängte. Ich hatte bei Ultra Gypsy gern mit Feuer gearbeitet, aber das war mir viel zu wenig gewesen, und davon wollte ich mehr. Ich hatte so viel gute Musik gehört, zu der noch niemand getanzt hatte. Und ich war der Ansicht, daß im Tanz noch so viele Möglichkeiten steckten, daß er sich noch in ganz viele Richtungen verbreiten konnte. Ich fand keine Ruhe mehr, weil ich unbedingt schöpferisch tätig sein wollte. Ich wollte doch unbedingt herausfinden, wohin das noch alles führen würde.

Irgendwann bin ich dann zu einigen ehemaligen Mitgliedern von Ultra Gypsy gegangen und habe sie gefragt, ob sie Lust hätten, mit mir eine verrückte neue Idee auszuprobieren. Wir wollten uns eine basisdemokratische Struktur geben, das heißt, daß jedes Mitglied genauso viel zu sagen haben sollte wie alle anderen, und jede gleichberechtigt ihre Ideen einbringen dürfe.

Als eine der erste machte Meliza Wells mit, deswegen darf man sie als Grün- dungsmitglied von LAPSUS ansprechen. Im Jahr 2000 war es dann so weit, und die Ur-Gruppe bestand aus: Meliza Wells, Carrie Arrota, Deb Campbell, Jo Dankosky Braden, Sharon Kihara, Shawna Rye und mir. Die Gruppe kam unregelmäßig zusammen und trat mal hier und mal da auf. 2007 versuchten wir es mit einem Neustart und regelmäßigeren Zeiten. LAPSUS setzte sich zusammen aus: Meliza Wells, Erin Harper und meiner Wenigkeit. Bei einem unserer Stücke hatten wir sogar einen Gast, die ebenso düstere wie wunderbare Ariellah. Sie passte wie angegossen in unser Konzept – Feuer, falsches Blut, irre Zuckungen, Trance und Theater. Wir gelangten bald zu der Erkenntnis, daß wir eine größere Gruppe brauchten, und so fanden Tanja Odzak-Goppold, Nizhoni Ellenwood, Andrea Costantino (unsere eigene Feuer-Expertin) und schließlich Raven Ebner ihren Weg zu uns. Wir hatten damals viel Freude an der Arbeit, haben ständig neues ausprobiert und uns alle Mühe gegeben, die Menschen zu emotional zu berühren. Ja, wir hatten wirklich vor, das Publikum aus seiner passiven Rolle zu holen und zum Mittun zu bewegen. Das war doch mal ein Ziel! (lacht).
Zur Gruppe „Lotus“ ist folgendes zu sagen: Nicht lange nach dem Start von LAPSUS haben mich zwei ehemalige „Ultra Gypsy“-Mitglieder (Meliza Wells und Kerri Naslund) angesprochen, ob ich nicht Lust hätte, bei ihrem neuen Projekt „Lotus“ mitzumachen. Dabei handelte es sich um eher traditionellen Tribal-Tanz. Ich habe gern bei ihnen mitgetanzt, aber nicht allzu lange. Damals begannen meine Knieprobleme und ich musste kürzer treten, sprich mich zwischen „Lotus“ und meiner eigenen Wunschtruppe „LAPSUS“ entscheiden. Sechs Jahre Tanz und Lernen lagen da hinter mir, und ging nun mit einigen anderen Ehemaligen von Ultra Gypsy in die Suhaila Salimpour School of Dance.

Das ist vielleicht ein tolle, intelligente und witzige Frau! Sie hat uns Tribal-Tänzerinnen gern erklärt: „Ein Tribe kann auf eine Tänzerin verzichten, aber eine Tänzerin kann nie auf den Tribe verzichten.“ Und dann hat sie darüber gelacht. Meine Lehrzeit bei Suhaila hat meine Tanztechnik im wahrsten Sinn des Wortes vom Kopf auf die Füße gestellt … und meine Knie-Probleme beseitigt.
Dank dir dafür, Suhaila.
Weiter im Text: 2009 und 2010 haben wir dann das anonyme Kollektiv, "L'anonyme Collective" gegründet, mit Abby, Erin, Tanja und mir. Natürlich auch wieder basisdemokratisch. Die meisten von uns haben in zwei Gruppen gleichzeitig getanzt. Und ich war so stolz, mit all den anderen wunderbaren zusammenzukommen und in dieser Gruppe zu tanzen. Wir hatten eine tolle Zeit. Gewagte Choreographien und wundervolle Tanzpartnerinnen. Ich vermisse sie immer noch alle, mit denen ich in Kalifornien getanzt habe. Wie schon erwähnt waren meine Knie-Probleme behoben, und in den nächsten Jahren wollte ich nur noch tanzen, weswegen ich zeitweise auch bei mehr als zwei Gruppen mitgemacht habe. Vom ganz normalen Tribal, über alle möglichen Varianten bis hin zu
„LAPSUS“, dem verrückten Tribal Fusion mit Theater, Experimenten, Feuer. Ich hatte damals sogar eine Gruppe namens Man-A-Saurus-Rex, bei der wir als Männer aufgetreten sind. Ich konnte einfach nicht genug vom Tanz bekommen, wollte immer noch mehr.
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ICH MUSS MEINE VERRÜCKTHEITEN HINAUSLASSEN!

Interview mit Keri Lonhard

von Marcel Bieger (auch Übersetzung)

graphische Gestaltung Konstanze Winkler

Doch, Deutschland hat schon eine gewisse Anziehungskraft, auch und vor allem auf Amerikanerinnen. Erinnert sei hier an Martha Saunders, Sharon Kihara hat einige Jahre in Berlin gelebt, die Kanadierin Martina Crowe-Hewett, um nur einige zu nennen. Und seit einer kleinen Weile auch Keri Lonhard. Sie hat eine ebenso exotische wie abenteuerliche Geschichte zu erzählen, und sie tritt am
6. Oktober zum ersten Mal bei einem deutschen Festival auf, dem
3. Oberrheinischen in Offenburg nämlich. Aber lest selbst:
Keri und ihre Fire-Performance Partnerin Andrea Costantino
v.l.n.r.: Keri, Erin und Tanja
LAPSUS: Andrea Costantino, Tanja Odzk-Goppold, Meliza Wells,
Erin Harper, und Keri Lonhard
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