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Photos ©: 1, 2 und 4 Brad Dosland www.taboomedia.com, 5 Letizia D'Antonio, 3 und 6 mit freundlicher Genehmigung von Keri Lonhard
Keri Lonhard
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Du hast auch mit Louis Fleischauer zusammengearbeitet, einem deutschen Performance-Künstler und Modeschöpfer.

Louis stammt aus der DDR, ist dann aber irgendwann nach Amerika und hat 15 Jahre lang in Los Angeles gelebt. Ich habe ihn dort kennengelernt, als ich mit einer „Suspension Performance“-Gruppe namens C.o.R.E. gearbeitet habe. Louis hatte seine eigene Gruppe dabei, die “Aesthetic Meat Front” (s. Interview mit Louis Fleischauer in dieser Zeitschrift).

Er hatte außerdem eine eigene Kollektion von handgearbeiteten Leder-Korsagen und anderen hübschen Sachen dabei. Er hat sich manchmal Leute von C.o.R.E. für seine Auftritte ausgeborgt, und wir haben uns auf Anhieb gut verstanden.

Hm, wie ist es, mit ihm zusammenzuarbeiten? Ich würde mal sagen, er ist so etwas wie die böse Ausgabe einer Cupie (eigentlich „Kewpie“) Puppe. Ein absolutes künstlerisches Genie, und wie ich auch, muß er seine Verrücktheiten und wilden Energien in die Welt hinauslassen. Zu unserem Glück, wie ich betonen möchte. Er spielt Musik auf menschlichen Körpern, er experimentiert auf diesen „Musikinstrumenten“, er kehrt sein Innerstes nach außen und tritt für eine vollkommene Freiheit ein, in der jeder das sein kann, was er will, und nicht dem entsprechen muß, was die Gesellschaft von einem verlangt. Ich achte Louis nicht nur, ich verehre ihn geradezu. Ich habe in Los Angeles und in der Bay Area mit seiner Gruppe und zusammen mit C.o.R.E. viel mit ihm zusammengearbeitet. Nach meinem Umzug nach Deutschland bin ich sogar bei ihm bei Auftritten in Berlin dabeigewesen. Ich habe die Mitglieder seiner Gruppe geschminkt, Haken von den Rollen durchgezogen, die Takelage angebracht und mich selbst probeweise an die Haken gehängt.
Was hat dich überhaupt nach Deutschland geführt, und vor allem, warum bist du geblieben? Wird der Auftritt beim 3. Oberrheinischen Festival dein erster in Deutschland sein, und was erwartest du dir davon?

Ich hatte immer schon ein besonderes Faible für Deutschland und wollte schon lange mal herkommen und mir alles anschauen. 2010 habe ich die Band von meiner Freundin Jarboe (auch “Jarboe and the Swans”) – auf einer Tournee nach Skandinavien begleitet und dort für sie Werbe-Artikel verkauft. Ich wollte um die Welt kommen, andere Menschen kennenlernen und meinen Horizont erweitern. Dazu habe ich meine Wohnung in Kalifornien gekündigt und während der Tournee beschlossen, nie mehr nach Hause zurückzukehren. Wir kamen ins holländische Tilburg und spielten auf einem Festvial namens „Roadburn“. Danach bin ich nach Berlin abgehauen, weil ich dort leben wollte.

Auf dem Festival hatte ich Norman Lonhard kennengelernt, den Schlagzeuger der Band „Tryptikon“. Er ist Deutscher und lebt im Süden von Baden-Württemberg in der Stadt Lörrach. Langer Rede kurzer Sinn: Wir beide haben uns auf der Stelle ineinander verliebt. Zwei Jahre später sind wir verheiratet und leben im Südwesten Deutschlands unweit der Schweiz und Frankreichs in einem kleinen Dorf. Ich habe immer daran geglaubt, daß man auf sein Herz und seine Eingebungen hören soll, und bis hierher hat mich das nun gebracht.

Seit einigen Monaten nun ist es mir dort zu eng geworden, und ich habe mir vorgenommen, mir hier in Deutschland eine Existenz und ein Leben aufzubauen, mit Tanz, Freunden und Arbeit. Ich bin das Tribal Festival in Hannover besuchen gegangen und habe dort einige Workshops besucht, bei Frederique und bei Nicole von Shir o Shakar. Außerdem war ich in Rom, um dort bei Illan einen Kurs mitzumachen. Und natürlich war ich bei Ariellah, als sie in der Schweiz weilte. Inzwischen war ich auch bei April Rose in der Schweiz, und ich habe selbst schon ein paar Workshops in Basel gegeben, "Tribal-Fusion Technique and Refinement", im März und im Juni 2012.
Im Oktober gebe ich zum ersten Mal auf einem Festival Kurse, und zwar auf dem 3. Oberrheinischen. Seit August leite ich einen Tribal Fusion Tanzkurs jeden Montag im Studio Semiramis in Basel, http://www.tanzschule-semiramis.ch/index.html, Ich habe vorher schon Christelle Glaser Privatunterricht erteilt, und mittlerweile sind wir Freunde und treten bald auch als Duo auf. Ich hoffe sehr, den hiesigen Schülerinnen ein starkes Gefühl für Tanztechnik zu vermitteln. Zuhause hatte ich ja auch schon unterrichtet und entsprechende Erfahrungen gesammelt. Mein bester Schüler, Paige Lawrence, ein männlicher Tänzer in den USA tritt nun selbst auf und gibt Unterricht http://www.herundulatingscales.com/ Ich bin so stolz auf ihn, daß er es schon so weit gebracht hat.
Was ich mir von Deutschland erwarte? Schwer zu sagen. Ich lebe hier, tanze hier und unterrichte hier. Als Ausländerin braucht man einige Zeit zum Einleben. Alles ist so neu und anders, da hat man eine ganze Menge zu verarbeiten. Ein neues Land, eine neue Sprache, neue Menschen und eine neue Tanz-Gemeinde. Hier ist alles so anders als in der Bay Area, aus der ich ja komme. Gut, hier gibt es nicht an jeder Ecke einen anderen Nacht-Club, und man kann hier unten auch kaum von einem Nachtleben sprechen. Aber so etwas steht auch nicht ganz oben auf meiner Liste. Ich glaube vielmehr, daß sich einem sehr viele Möglichkeiten eröffnen, wenn man in einer Kultur ankommt, in der man nicht aufgewachsen ist. Man lernt eine Sprache, eine Kultur und Orte kennen, die außerhalb der gewohnten Welt stehen, die man für selbstverständlich genommen hat. Aber dadurch verschafft man sich einen weiteren Horizont vom Leben und überhaupt von der ganzen Welt.
Etliche Menschen hier erklären, wie langweilig sie es in Deutschland finden und daß sie viel lieber in Kalifornien wären. Ich aber, der beide Welten kennt, finde es hier richtig schön. Und ich glaube auch, daß es hier überhaupt nicht langweilig ist. Ich muß nicht mehr abends ausgehen, und ich brauche auch kein verrücktes Nachtleben mehr. Mir haben es viel mehr der Schwarzwald, die vielen Flüsse und Seen, die Kirchen oben auf Hügeln, die Denkmäler und die gepflasterten Straßen angetan. Gleich nebenan, wo wir wohnen, stehen Pferde im Stall. Was für ein wunderschöner und erfüllender Landstrich. Und was den Tanzunterricht angeht, so hoffe ich sehr, Inspiration, Motivation zur harten Arbeit und meine ganz eigene Sicht auf den Tanz vermitteln zu können. Ich möchte all die Erfahrungen, die ich im Laufe der Jahre in der der Tanz-Szene der Bay Area gesammelt habe, mit den Tänzerinnen hier teilen.
Natürlich vermisse ich auch einige der Möglichkeiten, die mir in Kalifornien offenstanden. Viel mehr Auftrittsmöglichkeiten, der Tribal Fusion ist dort viel weiter akzeptiert, und man kann dort mit einer Vielzahl von genialen Lehrerinnen arbeiten oder mit ihnen auftreten. Im Oktober fahre ich die alte Heimat besuchen, und dort will ich dann so viel Unterricht wie nur eben möglich nehmen. Bei Suhaila, Amy Sigil & Hot Pot Studios, Zoe/Kami/Rose Harden, Cera Byer, Mira Betz und Jill Parker, einfach alle, die ich mitnehmen kann! Ich freue mich schon sehr drauf.
Ich habe sowieso vor, meine Tanzausbildung ständig zu ergänzen und das dann anderen weiterzuvermitteln. Ich möchte mich auch in anderen Genres umsehen, Hip Hop, Flamenco, Indisch, Modern Jazz und Ballet. Und dazu die unterschiedlichsten Bauchtanz-Workshops belegen. Ich glaube, als Tänzerin kann man einfach nicht genug lernen und sollte sich ständig weiterentwickeln. Natürlich hoffe ich, mir bei meinen Montagsklassen in Basel, meinen Workshops oder dank meiner Auftritte noch viel mehr Schüler zuzulegen. Und ich wünsche mir sehr, daß der Tribal Fusion als modernste Spielart des Bauchtanzes sich hier noch stärker ausbreitet, noch mehr, als er es bereits getan hat.
Was bekommen wir von Dir auf der Bühne zu sehen, und was können wir von Dir in den Workshops lernen?

Auf der Bühne möchte ich mit meiner Freundin Christelle Gasser auftreten. Wir zeigen Tribal Fusion a la Keri (lacht). Aber es gibt nicht die irren Zuckungen, das Blut und das Feuer wie bei
LAPSUS, dafür eine wunderschöne Vorstellung von unserem Tanzausdruck. Ich trete gern solo auf, aber ich stehe auch auf die Dynamik, wenn man in einer Gruppe tanzt.
Am Freitag den 5. Oktober gebe ich in Offenburg den Kurs "Layering Techniques, Drills and Conditioning for Tribal-Fusion Belly Dance".  Das ist genau das, was ich am liebsten unterrichte. Ich nehme meine Schülerinnen hart ran, damit sie in form kommen, Muskeln bilden und sich all die Techniken aneignen, die es für unseren Tanz braucht. In dem Workshops finden sich all die Aha-Erlebnisse wieder, die ich in meiner eigenen Tanz-Laufbahn hatte. Beim Layering, bei den Fitness-Übungen, beim Training und beim Tanz selber. Atemtechniken, Joga, Pilates und Streck- und Dehnübungen. Das alles habe ich zusammengefügt zu einem Muskelaufbau-Programm, das sich besonders an die Muskeln richtet, welche für unseren Tanz benötigen. Ich halte beim Unterricht nichts von Firlefanz, ich marschiere gleich auf die in Frage kommenden Muskeln los und arbeite zielgerichtet daran, sie zu entwickeln. Denn sie sollen einen beim Tanz ja unterstützen und voranbringen. Und für die Zeit danach, wenn es gilt die betreffenden Muskeln durch Streck- und Dehnübungen zu pflegen und geschmeidig zu halten.

Ich möchte die Schülerinnen auch dazu bringen, so effektiv wie nur möglich zu arbeiten. Deswegen gehört die Atmung zur Ausbildung. Wir alle möchte doch die besten Ergebnisse mit dem effektivsten Aufwand erzielen. Beim Fitness-Training bringe ich meine Schülerinnen dazu, jeden einzelnen Muskel in ihrem Körper kennenzulernen, sich im eigenen Körper bestens zurechtzufinden, damit sie ihre Isolationen besser verstehen und die bestmögliche Kontrolle über ihre Bewegungen erlangen; denn nur so findet man die größtmögliche Freiheit, sich im Tanz selbst auszudrücken. Hinzu kommt, wenn man versteht, warum der Körper auf bestimmte Herausforderungen und auf andere so reagiert, hilft einem das auch bei andere Betätigungen. Ob Joga, Sport und so weiter, man vermeidet dann unnötige Verletzungen.

Mit den Layerings verhält es sich so: Ich habe eine einfache Formel entwickelt, die mir dabei geholfen hat, meine eigene Layering-Technik zu entwickeln. Ich habe selbst gesehen, wie Leute es dank dieser Methode ziemlich rasch „drauf hatten“. Die Formel gräbt sich auch im Muskel-Gedächtnis ein. Man kann gut darauf aufbauen und sich seine ganz eigene Layering-Technik schaffen. Wenn man sie wirklich übt, beherrscht man sie schon in relativ kurzer Zeit.

Ich stelle die Schülerinnen auch vor ein paar echte Herausforderungen, aber auch die machen Spaß, das garantiere ich, und die kommen einem immer wieder zugute. Ich hoffe, möglichst viele Tänzerinnen bei mir zu sehen. Und ich freue mich, noch mehr aus unserer Tanz-Gemeinde kennenzulernen und viele langanhaltende Freundschaften zu schließen.
Homepage Keri Lonhard:
www.keritribalfusion-missanthrope.weebly.com
Keri Lonhard bei facebook
Keri Lonhard ist Gast beim 3. Oberrheinischen Tribal Festival
homepage:
www.tribal-festival.jimdo.com
ICH MUSS MEINE VERRÜCKTHEITEN HINAUSLASSEN!

Interview mit Keri Lonhard

von Marcel Bieger (auch Übersetzung)

graphische Gestaltung Konstanze Winkler

FORTSETZUNG...
Keri bei der Thunderdome Benefit Show mit der C.o.R.E. Truppe im Jahr 2007
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