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Hat man jemals einen Tribal-Tänzer Ballett tanzen gesehen? Oder anders herum, einen Ballett-Tänzer tribaln? Und damit nicht genug, so etwas auch noch von drei Personen dargeboten, die das in einer ganz eigenen, akkuraten, schönen, künstlerischen und ästhetischen Art und Weise aufführen? Die Antwort auf diese Fragen kommt aus Italien, dem Land der eleganten Menschen und schönen Künste, und der Name dieses Trios lautet „Les Soeurs Tribales“ (was nicht mehr bedeutet als „Die Tribal-Schwestern“, obwohl der Name französisch und nicht italienisch ist). Als ich diese Gruppe zum ersten Mal gesehen und erlebt habe, wie sie ihre Kunst mit uns teilt, war ich, wie der Rest des Publikums, vollkommen hin und weg.
WIR ERFORSCHEN GERN BEWEGUNG
Und diese Verwandlung hat sich bei mir jedes Mal vollzogen, wenn ich sie wiedergesehen habe. Kein Wunder, daß sie überall auf der Welt eingeladen werden, natürlich auch in die USA. Wenn „Les Soeurs Tribales“ in der Nähe eurer Heimatstadt auftreten, geht hin, und schaut sie euch an. Wenn sie in einem anderen Bundesland auftreten, fahrt hin, und schaut sie euch an. Und wenn sie am anderen Ende von Europa auftreten, fahrt hin, und schaut sie euch an. Ihr werdet es nicht einen Moment bereuen.
Erzählt uns bitte etwas aus eurem Leben vor dem Tanz, von eurer Tanzausbildung und von eurer Karriere.

Hallo alle miteinander, hier antwortet Cinzia Du Cioccio. Meine beiden Freundinnen Grazia und Denise sprechen kein Englisch.

Wir haben alle die gleiche Tanzausbildung genossen: Ballett und Modern Jazz, und das über mehrere Jahre. Danach haben wir uns anderen Tanzstilen zugewandt, dem Zeitgenössischen Tanz und dem Orientalischen Tanz. Grazia und ich haben uns 2002 kennengelernt, angefreundet, 2004 den Bauchtanz entdeckt und 2005 unser Tanzstudio eröffnet. Denise ist 2009 zu unserer Tanzgruppe gestoßen. Sie ist eigentlich Hip-Hop-Tänzerin und führt unweit von Mailand ihr eigenes Tanzstudio. Wir haben sie 2008 kennengelernt und waren uns gleich sympathisch.

Cinzia Du Cioccio
Grazia
Denise
Welcher Grundgedanke steckt hinter eurer Tanzgruppe, und wie hat da alles begonnen?

Die Gruppe besteht schon seit 2003, trug damals aber noch den Namen “El Amaren”. Wir haben als Orientalische Tänzerinnen gearbeitet und sind in Clubs, auf Parties und bei größeren Veranstaltungen aufgetreten. Als wir eines Tages den Tribal entdeckt haben, war das für uns eine Offenbarung. Uns gefiel daran ganz besonders, daß wir als Gruppe tanzen, improvisieren und uns keinerlei choreographischen Zwängen unterwerfen mußten.
Unseren ersten Tribal Workshop haben wir 2004 bei Rachel Brice genommen. Damals hatte sie schon auf der Bühne ihren ganz eigenen Stil, aber im Kurs unterrichtete sie ATS. Von ihr haben wir dann unsere ersten Grundschritte gelernt, wie Egyptian Basic, Taxim oder Torso-Rotation. Von da an sind wir durch ganz Europa gereist, um mehr ATS zu lernen; damals kamen noch sehr wenige amerikanische Lehrerinnen zum alten Kontinent. Wir waren auch zweimal in Deutschland und sind Gabriella von der „Tanz Oase“ auch heute noch dankbar. Sie hat uns bei sich im Studio aufgenommen. Ebenso wichtig war für uns, 2005 Paulette Rees-Denis zu treffen. Wir waren sofort von ihrem Stil und ihrer Persönlichkeit hin und weg. Sie hatte für eine Revolution im Tribal gesorgt, weil sie ihn ausbalancierte und mit beiden Seiten, links und rechts, arbeitete. Wir waren es bis dahin gewohnt, nach ATS und FCBD nur nach rechts zu tanzen.
Anfangs ist es uns daher etwas schwer gefallen, von rechts nach links und umgekehrt zu gehen. Heute bringen wir unseren Schülerinnen beide Seiten bei, weil wir eine ausbalancierte Körperbelastung für wichtig halten. Außerdem erhält man auf diese Weise beim Tanz mehr Möglichkeiten. 2007 haben wir mit dem Programm „Collective Soul“ von Paulette Rees-Denis begonnen, um uns ein Zertifikat zu erwerben. Denn wir hatten erkannt, daß wir uns viel genauer mit dem Stil auseinandersetzen mußten, der sich zu unserem Lieblingstanz entwickelt hatte. Vor allem, so sagten wir uns, müßten wir das Format erst in- und auswendig kennen, um es unseren Schülerinnen auch richtig beibringen zu können.

Unsere neue oder zweite Karriere begann damit 2005. Die Gruppe existierte weiterhin, aber von da an fügten wir Tribal-Nummern in unsere orientalischen Auftritte ein. Und im Lauf der Zeit wuchs diese Zugabe zu einem immer wichtigeren Bestandteil heran.

2005 gaben wir unsere erste Show Oriental Fusion © und arbeiteten dabei mit Alessandra Centonze und der „Compania de Baile Canelas“, einer Flamenco-Truppe, zusammen. Die Show enthielt Tänze aus den Bereichen klassischer OT, arabische Folklore, Tribal, Fusion und experimentellen Tänzen. Im November 2006 traten wir damit im „Teatro della 14a“ in Mailand auf. Im Januar 2007 gastierte Tribal Fusion © drei Tage lange im Teatro delle Erbe, ebenfalls Mailand, und war an allen Tagen ausverkauft. Wir waren Gastkünstler bei Radio DJ während der Radiosendung „Pinocchio“, die von La Pina moderiert wurde.

2007 schrieben wir „Devota“, wieder mit Alessandra Centonze und ihrer Tanzgruppe. In dieser Darbietung wird die Geschichte einer Tänzerin erzählt, die sich ganz und gar dieser Kunstform hingibt und das Leben nur durch den Tanz wahrnimmt.

Ihre Gefühle und Gedanken kommen in allen möglichen Tanzsprachen zum Ausdruck, durch Orientalischen Tanz, Tribal und Fusion. Die Tänzerin taumelt zwischen Freude und ewigen Erwartungen, zwischen Genußsucht und Liebe, zwischen Leben und Tod hin und her. Das Ganze schwebt in einer mystischen Atmosphäre, die den Zuschauer dazu bringt, Schönheit und Leidenschaft zu feiern … und Les Soeurs Tribales. Im Mai 2007 hatte „Devota“ im Mailänder Teatro delle Erbe seine Uraufführung und löste bei den Kritikern wie auch beim Publikum stürmische Begeisterung aus.

2009 schufen wir dann TRIAnike, eine ganz neue Show mit einer Mischung aus Elementen des Tribal „Old School“ (damit meinen LST traditionellen Tribal, jedoch weniger den ATS nach FCBD, sondern vor allem den nach Gypsy Caravan) mit solchen aus dem Zeitgenössischem Tanz, und Drama ist natürlich auch dabei.

Im November 2009 hatte diese Show ihre Premiere und löste wiederum stürmischen Beifall aus. Auf der Orientale in Düsseldorf, auf dem 10. Tribal Fest im kalifornischen Sebastopol und beim 3. Tribal Festival in Hannover (alle 2010) haben wir Auszüge aus dieser Show und aus dem neuen Programm getanzt, das im Oktober fertig sein wird. Das neue heißt „Trois Couleurs“ (Drei Farben) und wird sehr interessant sein.
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Fotos: 1, 2, 3, 4, 7 © Konstanze Winkler; 5 und 6 © Ines Trovato
Interview mit der italienischen Tanzgruppe
“Les Soeurs Tribales”
von Marcel Bieger