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"Heute spaziere ich ganz einfach hindurch..."
Interview mit
Frédérique/
The Lady Fred

von Marcel Bieger
Angesprochen haben wir Frédérique alias The Lady Fred, und das Interview hat Marcel Bieger geführt (und auch die Übersetzung ins Deutsche besorgt). Die russische Übersetzung stammt von Nadia Gativa, Redakteurin des „Tribal Cafe“.

Frédérique oder „The Lady Fred“ erschien uns als Tänzerin interessant genug, sie als erste weltweit vorzustellen. Sie gehört zu den kreativsten und innovativsten Köpfen der internationalen Bauchtanz-Szene, und ihr jüngstes Projekt, eine Tanz-Show nach dem Stummfilm-Klassiker „Nosferatu“ wird neue Maßstäbe setzen. Wir freuen uns schon sehr darauf, sie 2012 in Europa zu erleben. Unerreicht Ariellah in ihrer Kostümierung als Nosferatu, die sich hinter dem Original des Max Schreck nicht zu verstecken braucht. Wir bedanken uns bei Sharina (www.zaghareet.freeservers.com), Nadia (www.tribalcafe.ru) und natürlich Frédérique (www.theladyfred.com) für die wunderbare Zusammenarbeit.

Unseres Wissens hat es das noch nicht gegeben: Ein Interview erscheint zeitgleich auf der ganzen Welt, nicht nur hier in „Hagalla“ in Deutsch, sondern auch in „Zaghareet“ in Englisch und in „Tribal Cafe“ in Russisch.
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Konstanze Winkler
Erzähle uns bitte etwas über dein Leben jenseits des Tanzes. Wie bist du aufgewachsen, und womit verdienst du deinen Lebensunterhalt?

Meine Jugend war eines sicher nicht – alltäglich. Ich bin 1974 in Beirut, der Hauptstadt des Libanon zur Welt gekommen, als dort gerade Bürgerkrieg herrschte. Um seine Familie zu schützen, ist mein Vater mit uns kreuz und quer durch den Nahen Osten gezogen. Als ich zwei Jahre war, konnte er auf Zypern für uns alle Einreise-Visa in die USA besorgen. Wir sind dann nach Nordamerika und haben dort als französische Staatsangehörige Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis erhalten, die sogenannte „Green Card“. Mein Vater besaß die französische Staatszugehörigkeit, und weil meine beiden Schwestern und ich noch so klein waren, sind wir als Franzosen durchgegangen. Wir sind in New York angekommen und gleich weiter nach Kalifornien, wo eine Tante von mir wohnte, die schon einige Jahre zuvor in die Staaten ausgewandert war. Mein Vater hat gleich angefangen, Englisch zu lernen und sich nach einer Arbeit umzusehen, damit wir ein Auskommen hatten.
Wie jeder weiß, machen sich Kinder nicht viele Gedanken über das, was sie tun, und können mitunter recht grausam sein.
Meine Schwestern und ich haben oft Häme und Spott der anderen Kinder über uns ergehen lassen müssen, und das aus verschiedenen Gründen. Vor allem sind wir mit Französisch aufgewachsen, und in unserer Familie war es üblich, auch arabische Brocken zwischen dem Französischen zu gebrauchen. Deswegen verstehe ich auch eine kleines bißchen Arabisch. Auf jeden Fall haben wir damals Englisch gelernt und das mit starkem französichen Akzent gesprochen. Wir haben traditionelle arabische Küche gegessen, und wir haben auch gerne französischen Käse gegessen, der für Amerikaner fürchterlich riecht. Kurzum, wir haben uns in mancherlei Hinsicht von unseren Nachbarn unterschieden. Wenn wir Freunde mit nach Hause gebracht haben, haben die sich bei uns nicht sonderlich wohl gefühlt, deswegen haben wir das auch nur selten getan. Dafür sind wir dann aber umso öfter zu unseren Freunden nach Hause gegangen und haben dort eine ganze Menge über die amerikanische Lebensart gelernt. Und so wurden wir im Endeffekt doch noch integriert.
Irgendwie ist es mir aber gelungen, immer wieder aufzufallen, meist negativ. Meine ganze Schulzeit hindurch haben sie mich ausgelacht oder Sachen über mich erzählt. Sie haben aber damit aufgehört, mich dumm anzumachen oder mir Sachen hinterher-zurufen, als ihnen entgegengetreten bin und dann auch schon einmal zu den Fäusten gegriffen haben. Meine erste Schlägerei hatte ich in der dritten Klasse. Eigentlich bin ich ja immer ein Freund der Diplomatie gewesen, aber einige wollten das nicht verstehen oder haben sich nicht an die Spielregeln gehalten, also mußte ich mich mit anderen Mitteln behaupten. Meine Mutter hat das den „Zorn unserer Vorfahren“ genannt. Sie erzählte mir, ich sei eine Steißgeburt gewesen und mit dem Po voran aus ihrem Bauch gekrochen, so als hätte ich der Welt gleich sagen wollen „Ihr könnt mich alle mal!“
Sie meinte auch, ich trüge all die Wut der Armenier wegen des an ihnen begangenen Völkermordes in mir. Wir sind nämlich armenischen Ursprungs. Und während der Schwangerschaft sei der Lärm des Bürgerkriegs im Libanon meine Begleitmusik gewesen. Verhält es sich wirklich so, lebt das Schicksal meiner Vorfahren in mir fort, oder kann ich nur einfach keine Ungerechtigkeit ertragen?
Ich verdiene heute allein durch den Tanz mein Geld. Durch Auftritte und durch Unterricht, sowohl an meinem Wohnort als auch quer durchs Land und im Ausland. Aber ich bin auch eine ganze Weile einem Beruf nachgegangen und habe dann in meiner Freizeit getanzt. Man sagt Künstlern ja allgemein nach, daß sie zwar kreativ seien, aber vom Geschäftlichen keine Ahnung hätten. Das mag sicher ein Klischee sein, hat auf mich aber hundertprozentig zugetroffen. Hinzu kamen noch solche Kleinigkeiten wie ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. im Volksmund „Zappelphillip“), Legasthenie (Lese-Rechtschreibschwäche) und Dysnomie (falsche Namens-, Bezeichnungsgebung). Und das zusammen hat dafür gesorgt, daß man mich bei allem, was wir dem Geschäftlichen zu tun hat, als Spätentwicklerin bezeichnen kann.

Deswegen habe ich mich auch bemüht, in der Szene ziemlich unsichtbar zu bleiben. Auf der anderen Seite hatte das aber auch sein Gutes, denn dadurch erlebte ich ungezählte Kreativitätsschübe und habe ständig neue Bewegungen, Stile und Musiken ausprobiert und an meinen Kostümen gearbeitet. Ich habe in dieser Zeit mit beiden Beinen fest in den Subkulturen gestanden und konnte mich nur so – im übertragenen Sinn – über Wasser halten. Ich muß kreativ tätig sein, um mich als Ganzes zu spüren, um ein gesundes Selbstbewußtsein zu entwickeln und um Glück zu empfinden. Wenn ich nicht kreativ tätig sein kann, fühle ich mich stumpf und schwach, meine Sinne nehmen nichts mehr wahr, und ich entferne mich immer weiter vom Leben. Das hört sich jetzt vielleicht etwas dramatisch an, gibt aber ganz genau meine Stimmungslage wieder.
Zu meinem großen Glück habe ich einen wunderbaren Ehemann gefunden, der mir enorm geholfen hat, mich in den geschäftlichen Belangen zurechtzufinden. Und wichtiger noch, er hat mir gezeigt, wie man selbst mit so etwas künstlerisch und schöpferisch umgehen kann. Die neue Sichtweise, die er mir gegeben hat, ließ das Tor, das mir vorher wie ein schweres, versperrtes Eisengatter erschienen war, wie eine ganz normale Tür erscheinen. Früher habe ich geglaubt, sie nie öffnen zu können, heute spaziere ich ganz einfach hindurch. Aber ich muß immer noch eine Menge Dinge lernen.
Ob ich nun im Tanz, im Design, Musik zusammenstelle oder ein Problem zu lösen versuche, ich bin eigentlich immer schöpferisch tätig. Es ist nicht etwa so, daß ich süchtig nach Kreativität wäre, ich bin einfach so veranlagt und das schon lange, bevor ich zum Bauchtanz gekommen bin.
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Photos © 1 Carly Reynolds, 2 und 5 Kristine Adams, 3 Marc-Henri, 4 Sequoia Emmanuelle
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