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"Heute spaziere ich ganz einfach hindurch..."
Interview mit
Frédérique/
The Lady Fred

von Marcel Bieger
Grafik & Layout:
Konstanze Winkler
Seite 2
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Photos © Laurence Backstage
Welche Sprossen hast du auf deiner Karriereleiter genommen, welche Tanz- ausbildung hast du hinter dir und wie hat
sich das entwickelt, was du heute vorführst?

Eine formelle Tanzausbildung besitze ich nicht, ich habe halt immer getanzt und mich körperlich betätigt. Als Kind habe ich in meinem Zimmer getanzt, bei meinen Freundinnen, in der Schule und so weiter. Mit fünfzehn bin ich schon in Discos gegangen, vor allem in solche, in die man erst mit 21 reinkam. Ich habe mich als französische Austauschstudentin ausgegeben (was in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts viele getan haben), und den Rest hat meine Freundin Stella erledigt.
In der dritten bis fünften Klasse habe ich in den Pausen mit den Jungs Fußball gespielt. In der sechsten Klasse war ich die erste, die es an unserer Schule in die Mädchen-Volleyball-Mannschaft der achten Klasse geschafft hat. Und in der achten Klasse habe ich in der Basketball-Mannschaft mitgespielt. Ich habe an allen möglichen Leichtathletik-Wettbewerben teilgenommen, habe einmal beim 100-Meter-Sprint den ersten Platz belegt, und zwei Jahre hintereinander war ich die Beste im Weitsprung.
Ich habe aber wenigstens so etwas Ähnliches wie eine
Tanzausbildung genossen, nämlich Eiskunstlauf. Im Alter von
neun bis zwölf Jahren habe ich das mit geradezu religiöser
Inbrunst betrieben. An sechs Tagen in der Woche war ich auf der Eisbahn zu finden. Viermal wöchentlich hatte ich Privatunterricht,
den Rest der Zeit habe ich trainiert. Ich bin sogar einer Mannschaft beigetreten, die zweimal in der Woche gelaufen ist. Die Eisbahn wurde mein zweites Zuhause, und ich habe buchstäblich mit den Kufen an den Füßen geschlafen. Um in dem Team mitmachen zu können, mußte ich wie die anderen eine einfache Ballett-Ausbildung ableisten. Aber die hat nur eine Stunde gedauert, und dann ging es wieder hinaus auf die Eislaufbahn, wo wir dann zwei bis drei Stunden verbracht haben.

Ich habe dort auch an Wettbewerben teilgenommen, insgesamt dreimal, und bin stets erste geworden. Aber eines Tages mußte ich damit aufhören, weil dieser Sport einfach zu teuer geworden ist. Ich stand kurz davor, ins Profilager überzuwechseln, denn ich habe viel Talent bewiesen, und man überlegte sogar, mich auf die Olympischen Spiele zu trainieren. Aber allein die Schlittschuhe für Profi-Läufer haben damals schon 350 Dollar gekostet, und meine Füße wollten nicht aufhören zu wachsen – mit anderen Worten, ich hätte alle paar Monate ein neues Paar Schuhe gebraucht, von den anderen Zutaten ganz zu schweigen.
Ich glaube, ich bedaure in meinem Leben am allermeisten, niemals mehr erfahren zu dürfen, was im Lauf der Zeit aus mir und dem Eiskunstlauf geworden wäre.

Ansonsten hätte ich nur noch eine eher informelle Tanzausbildung zu bieten. Eine alte Freundin auf der Junior High, Christy Anderson, und meine Schwester Ingrid, die drei Jahre älter ist als ich, hatten in der Schule Jazz-Tanz belegt. Ingrid kam dann immer nach Hause und hat uns vorgeführt, was sie im Unterricht gelernt hatte. Danach habe ich regelmäßig so lange gequengelt, bis sie mir das Neueste beigebracht hat. Und danach bin ich zu meiner besten Freundin, Theresa, und habe es ihr beigebracht. Christy galt in unserer Schule als die beste Tänzerin, und von ihr habe ich Freestyle Hip Hop gelernt. Dazu auch Funk Styles wie „Running Man“, „Cabbage Patch“, „Pac Man“ und so weiter. Aber darüber hinaus habe ich nie so etwas wie Tanzunterricht genossen.
Bis ich mit 23 ATS gelernt habe. Mein Kommilitone Brian ging damals gerade mit einer Bauchtänzerin. Er fragte mich eines Tages, ob nicht mal zu einem ihrer
Auftritte mitkommen wolle, ich sähe
ganz so aus, als hätte ich auch das Zeug dazu. Daran erinnere ich mich noch sehr gut, denn ich habe nur gedacht ‚Woher will er das denn wissen, er hat mich doch noch nie tanzen gesehen.’ Aber da ich nichts Besseres zu tun hatte, bin ich dann mitgegangen. Und was ich dort zu sehen bekam, hat mich schlichtweg umgehauen.
Eigentlich hatte ich ja schon immer bauchtanzen wollen, natürlich nur heimlich, denn eigentlich stand ich ja offiziell lieber mit den Jungs herum und wollte sein wie sie.
Was ich bislang an Bauchtanz zu sehen bekommen hatte, war mir immer zu nackt erschienen.
Schon am folgenden Dienstag meldete ich mich bei einer Amy „Luna“ zum Unterricht an. Zweimal in der Woche habe ich bei ihr ATS gelernt, und nach drei Monaten hat sie eine neue Lehrerin eingestellt, eine gewisse Jill Parker. Nachdem ich sie zum ersten Mal tanzen gesehen hatte, mit ihren hypnotischen Bewegungen und ihrem unglaublichen Können, war ich hin und weg. Ich bin dann auch zu ihr in die Klasse gegangen und bald gar nicht mehr zu Amy „Luna“. Ich bin bei Jill Parker geblieben und habe als offizielles Mitglied bei ihren „Ultra Gypsy“ mitgetanzt. Im Dezember 1999 bin ich dort ausgestiegen, weil ich mir gesagt habe, daß es jetzt Zeit für etwas Neues würde. An eine Begebenheit aus dieser Zeit erinnere ich mich noch sehr gut: Jill hat sich häufiger darüber beschwert, daß Frauen zu ihr in den Unterricht kämen, dort zwei bis drei Monate blieben, um dann ihre Kostüme und Schritte frech zu kopieren und ihren eigenen Laden aufzumachen. Ich habe das selbst erlebt.
Ich wollte nie meine Brüste oder meine Beine öffentlich entblößen. Und ich hatte auch wenig Lust, mein langes Haar mit beiden Händen zu packen und herumzuwirbeln. Also hatte ich diesen Gedanken im Lauf der Jahre begraben
… bis zu jener Nacht.
Eine ganze Menge Frauen in unserer Gruppe entwickelten neue Ideen und führten die Jill vor. So bin ich dann auch dazu gekommen. Und als ich „Ultra Gypsy“ verlassen hatte, habe ich mir gesagt, warum soll ich jetzt nicht meine eigenen Vorschläge und Ideen für mich einsetzen?

Jill Parker hatte ihren Stil damals „Tribal Fusion“ genannt. Dieser Begriff tauchte zum ersten Mal in schriftlicher Form im Jahr 2000 als Name einer Kategorie beim alljährlichen Ethnic Dance Festival in San Francisco auf. Aber er setzte sich noch nicht durch. Das gelang erst Rachel Brice, als sie 2002/2003 so richtig bekannt wurde. Sie nannte ihren Stil nämlich auch „Tribal Fusion“.

Nachdem ich also dort ausgestiegen war, habe ich peinlich darauf geachtet, nicht auch in diese Kategorie zu fallen. Ich habe die Sachen behalten, die ich bei Ultra Gypsy eingeführt hatte –
die „nicht-traditionelle“ ATS-Bauchtanz-Musik und einige Choreographien. Ich wollte damals die allzu enge Verbindung von Ultra Gypsy mit Fat Chance lösen (beide Gruppen tanzten zur gleichen Musik und in den gleichen Kostümen), und das war auch ganz in Jills Sinn.
Im Januar 2000 gründete ich meine eigene Tanztruppe, die „Romani“. Ich nannte unseren Stil „Urban Tribal Style“, um uns damit von Ultra Gypsy und Fat Chance abzusetzen. Aber diese Bezeichnung hat sich nie so recht durchgesetzt. Vermutlich deswegen nicht, weil die Romani jenseits der Bay Area nie so recht bekannt geworden sind. Wir wußten damals auch noch nicht, daß es zu jener Zeit bereits eine Gruppe mit dem Namen „Urban Tribal“ gab, der Truppe um Heather Stants. Als wir dann darauf gestoßen sind, haben wir unsere Bezeichnung gleich fallengelassen. „Romani“ sind 2000 beim allerersten Tribal Fest in Sebastopol aufgetreten und haben viel Lob als neue und innovative Truppe erhalten. 2001 haben wir dann meinen Vorschlag aufgegriffen und haben wie DJs Stücke gemixt. So etwas hatten wir noch nie auf einem Festival oder bei einer Show gehört. Das lief auch alles ganz gut, bis wir uns 2004 aufgelöst haben. Ich habe dann mit einer Kollegin versucht, etwas Neues aufzubauen, „Belly Groove“, aber das hat nicht funktioniert. Eines Tages habe ich mir dann gesagt, spring ins kalte Wasser, und tritt solo auf. Dann kannst du tun und lassen, was du willst, und zwar so, wie du es für richtig hältst. Zunächst habe ich einen Riesenschrecken bekommen, als mir nämlich klar geworden ist, daß ich mich dann auch nicht mehr hinter jemandem verstecken könnte. Wenn jemand mein Kostüm, meine Musik, meine Website oder sonst was nicht gefallen sollte, würde ich allein dafür geradestehen müssen und könnte keine Gruppe vorschieben, bei der sich nicht so genau festmachen läßt, wer was verbockt hat.
Wie ich diese Angst überwunden habe? Ganz einfach, ich habe mich darauf besonnen, wie gern ich schöpferisch tätig war und wie gern ich meine Einfälle mit anderen teilte. Also habe ich mir selbst html beigebracht, um meine eigene Web-Seite zu gestalten. Danach stand „Photoshop“ auf dem Programm, um meine eigenen Handzettel, Prospekte und so weiter zu erschaffen. Und endlich „SoundFroge“, damit ich meine Musikauswahl selbst mischen und schneiden konnte.

Es gehört zu den Wahrheiten dieses Lebens, daß man es nicht allen recht machen kann. Deswegen gab es natürlich Leute, denen dies und jenes an mir nicht gefallen hat. Die Tanztruppen, die bereits in der Bay Area etabliert waren und schon viel länger als ich getanzt haben, haben mir einigen Widerstand entgegengebracht und mich und meine neuen Ideen als Konkurrenz angesehen. Aber mein inniger Wunsch, schöpferisch tätig zu sein und eine Möglichkeit zu finden, alles hinauszulassen, was in mir brodelte, hat mich immer wieder auf die Beine kommen und weitermachen lassen.

Seit Jill Parker habe ich bei keiner Bauchtänzerin mehr Unterricht gehabt, und alles, was ich jetzt tanze, stammt aus mir und von den Inspirationen, die ich mir außerhalb des Tanzes hole.
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