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Grafik und Layout: Konstanze Winkler
„Wenn man ehrlich zu sich selbst ist, kann man immer etwas an sich verbessern, verschönern, verändern“
Interview mit  LEYLA JOUVANA
von Marcel Bieger
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Du gehörst aber zu den eher seltenen Fällen, wo Organisation und Tanz perfekt sind. Und Choreographieren kannst du ja auch. Wie machst du das?

(lacht) Wenn ich das mal wüsste. Ich versuche, mir immer neue Sachen auszudenken, die Kreativität ist mir Gott sei Dank noch nicht ausgegangen. Dafür bin ich sehr dankbar, denn unser anspruchsvolles Publikum hat auch eine gewisse Erwartungshaltung, der wir versuchen immer aufs Neue gerecht zu werden. Ich glaube, die Liebe zum Tanz ist mir eine wichtige Stütze und natürlich muß man da auch hineinwachsen. 
Vieles entwickelt sich im Laufe der Zeit. Wir waren immer bemüht, nicht auf der Stelle zu treten, sondern uns immer weiter zu entwickeln. Durch die Auslands-Engagements bekommt man auch neue Inspirationen und Ideen. Wenn man ehrlich zu sich selbst ist, kann man immer etwas an sich verbessern, verschönern, verändern. Talent hatte ich von Anfang an, Freude am Tanz war auch in ausreichendem Maß vorhanden, und das sind gute Voraussetzungen.

Nachdem ich vor 21 Jahren angefangen habe zu tanzen, hat es dann nicht mehr lange gedauert, bis ich auch unterrichtet habe. Einige Tänzerinnen von damals haben die Nase gerümpft, „wie kann man denn schon nach so kurzer Zeit unterrichten?“ Mein heutiges Repertoire stand mir damals natürlich noch nicht zur Verfügung, aber selbst mit kleinem Repertoire habe ich versucht, es den Schülern richtig zu vermitteln. Durch den eigenen Unterricht und die Arbeit mit Schülerinnen habe ich mich auch weiterentwickelt. Dadurch vertieft und verfestigt man auch die Bewegungen, die man bereits kann. Auf diese Weise gehen sie einem nicht nur stärker in Fleisch und Blut über, man entdeckt ebenso neue Möglichkeiten. Das läßt sich mit diesem verbinden, das mit jenem. Viele Sachen, die man später bei mir auf der Bühne sieht, verdanken ihre Entstehung dem eigenen Unterricht.  Heute weiß ich, es war die beste Entscheidung, so früh damit angefangen zu haben.
Kommen wir noch einmal auf die Festivals zurück, weißt du noch, wer Euer erster ausländischer Gast war?

Majodi und Lilla aus Paris, die hatten uns engagiert, nach Paris eingeladen. Wir waren gleich auf einer Wellenlänge. Ich fand den Tanzstil der beiden unheimlich schön und sie auch sonst sehr nett. Die beiden haben wir gern eingeladen.
Ihr habt fast alle gehabt, die sich im Lauf der Jahre einen Namen gemacht haben.

Ja. Eigentlich waren alle einmal hier, die wir unbedingt haben wollten. Und wenn einer mal nicht konnte, dann wurde er für das nächste Festival engagiert. Falls mal finanzielle Vorstellungen eines Orient. Künstlers den Rahmen gesprengt haben sollte, dann sagten wir uns, andere westliche Länder  haben auch sehr gute Künstler und unser Deutsches Publikum erkennt diese sehr wohl an, ist aufgeklärt und nicht nur auf „das Original Orientalische“ fixiert.

Hast Du Erfahrung mit Liebhabern des ägyptischen Orienttanzes wenn Ihr auf dem Festival auch Modernes oder Tribal  anbietet?

Ja, mir schreiben Zuschauer Briefe und emails, meistens positive, aber da war mal eine Frau darunter, die Moderne Einflüsse nicht mochte und meinte, sich beschweren zu müssen. Ich frage mich da, warum kann man nicht etwas toleranter sein?

Doppel-Säbeltanz beim 17. Orientalischen Festivals in Duisburg, 2009
Wir versuchen, bei der Festival-Auswahl viele Geschmäcker zu treffen. Wir können nicht einen ganzen Abend nur ägyptisch klassisch bringen, das wird dann für die anderen langweilig. Bei der vielen Abwechslung ist es doch ganz natürlich, daß evtl. eine Darbietung dabei ist, die einem evtl. nicht so zusagt, dafür aber den anderen. Bei dreieinhalb Stunden Show ist dafür aber für jeden Geschmack etwas dabei. Und wenn dann mal, sagen wir, ein  Tribal-Auftritt dem Ägypten-Fan nicht so gefallen sollte, kann er sich ja dann über den Rest freuen. Schließlich bekommt man ja viel geboten und 3 einhalb Stunden Shows sind ja eher die Ausnahme. Das wissen aber die meisten zu schätzen und Beschwerden gibt es eher selten.
Uns ist die hohe Anzahl von osteuropäischen Künstlern z.B. auf der Contest-Bühne aufgefallen, von Guo Wei aus China ganz zu schweigen. Hast du ein Händchen für Trends, oder war das Zufall?

Durch unsere Engagements in Osteuropa und Asien haben die Menschen dort u.a. von unserem Festival und Contest erfahren. Die Künstler drüben tanzen alle sehr gut und sind überaus ehrgeizig. Wenn ein Osteuropäer bei einem Wettbewerb gewinnt, melden sich im folgenden Jahr fünf oder sechs weitere aus seinem Land an. Im letzten Jahren war das mit Tschechien so. Zuerst ist nur eine Tschechin angereist, Warda aus Prag, und hat beim Wettbewerb den 1. Platz gewonnen. Ein Jahr später hatten wir schon sieben Anmeldungen aus Tschechien Gruppen und Solisten. Auch hier trifft zu, daß Konkurrenz das Geschäft belebt (lacht). Ebenso Slowenien. Erst eine, die dann gewonnen hat, und im nächsten Jahr gleich fünf Bewerbungen.
Guo Wei und Ensemble-Tänzerinnen auf der letztjährigen Gala-Show
Der Tanz wird im Osten auch von staatlicher Seite gefördert, vor allem bei der Folklore. Auch im Privaten ist das so: Auf Familienfeiern wurde und wird gesungen und getanzt. Ich stamme aus Exjugoslavien, dem heutigen Serbien und bin in Belgrad geboren. Auch ich habe in meiner Kindheit Folklore getanzt und gesungen im Jugoslawischen Club. Meine Eltern sind eines Tages nach Deutschland gekommen, weil sie hier Arbeit gefunden haben, und so bin ich mit fünf Jahren ebenfalls hierher gelangt. Den Begriff kennt man heute kaum noch, meine Eltern waren „Gastarbeiter“.
Und sieh mal, was aus dir geworden ist, das ist ja wirklich mal ein Beispiel für gelungene Integration. Du sprichst außerdem ein akzentfreies Deutsch.

(lacht) Ich spreche immer noch Serbokroatisch, habe auch Kyrillisch lesen und schreiben gelernt, denn ich bin damals auch parallel in die jugoslawische Schule gegangen. Aber mein Abitur habe ich auf einer deutschen Schule gemacht. Danach habe ich mich zur Fremdsprachenkorrespondentin in englisch, spanisch und französisch ausbilden lassen …

Sicher als eine der besten im Kurs?

(lacht). In Deutsch war ich sehr gut . Als Ausländerin wollte man ja nicht gleich abgestempelt werden, dazu bin ich zu ehrgeizig. Die gelernten Sprachen  kommen uns heute bei unseren Tourneen und WS zu Gute.

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Fotos: 1 und 2 © China Championdance 2009/2010, 3, 4 und 5 © André Elbing