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"TAGTRÄUME - REVERIES"
Noch haben nicht allzu viele Musiker den Steampunk für sich entdeckt, doch unter diesen ist vor allem Maduro zu nennen. Sein Album "Fin de Siecle" gilt als Meilenstein der Steampunk-Bewegung. Der aus Washington DC stammende Musiker Maduro schreibt dunkle World Fusion Elektronik Musik und veredelt diese mit Breakbeat Elementen. Tribal-Tänzerinnen von Weltruhm haben ihn und seine Arbeit bekannt gemacht, indem sie zu seiner mittlerweile sehr populären Musik tanzen und unterrichten.
Maduro wird oft als "Bellydance Electronic" Musiker bezeichnet. Dass er aber noch viel mehr kann, schafft und bewegt, erzählt er uns in...
von Marcel Bieger und Konstanze Winkler
Was hat Dich vor allem auf den Tribal Tanz aufmerksam gemacht, wie bist Du auf diese tanzenden Mädchen aufmerksam geworden?

Vor ungefähr 9 Jahren hat Asharah mich mit dem orientalischen Tanz bekanntgemacht, und von da an interessiere ich mich für die entsprechende Musik und die kulturellen Hintergründe. Bald schon bestand mein Freundeskreis größtenteils aus Tänzerinnen und Tänzern, oder Musikern, die mit Tänzern zusammenarbeiten. In dieser Zeit hatte ich bereits düstere Elektro-Musik aufgenommen (mit Sequenzern und Synthesizern) und sie unentgeltlich an DJs weitergegeben. Vor etwa fünf Jahren fanden dann meine Freunde keine schöne Musik mehr, zu der sie tanzen konnten, und ich dachte mir, ich könnte ihnen doch etwas geben. Also fing ich an, Musik für meine Freunde zu komponieren und sie ihnen im Internet zum freien Herunterladen zur Verfügung zu stellen. Zu meiner großen Überraschung trudelten schnell Angebote von Platten-Labeln herein. Seitdem zählt man mich oft zur Kategorie der Bauchtanz-Musiker, und das hängt natürlich damit zusammen, daß ich soviel mit Tänzerinnen zu tun habe und für diesen Markt komponiere. Ich bin aber auch sehr froh die um Maduro-Fans gibt, die keine Bauchtänzer sind; denn die gibt es ja auch.
Bitte erzähle uns etwas über Deine aktuelle CD  “Reveries” (Tagträume), wodurch unterscheidet sie sich von den fünf vorhergehenden Alben?

Alle meine bisher veröffentlichten Alben haben jeweils einen speziellen Sound oder ein eigenes Thema, und das nicht ohne Grund. In der Vergangenheit habe ich viel Zeit damit verbracht, experimentelle Geräusche und komplexe Trommel-Rhythmen zu programmieren, aber für „Reveries“ habe ich mich mehr dem Thema Melodie und der ethnischen Instrumentierung gewidmet. Ich wollte mehr Raum für Besinnung in meiner Musik haben, aber auch eine größere Bandbreite von verschiedenen Klängen für dieses Album bekommen. Ich wollte ebenfalls mit von mir sehr geschätzten Künstlern zusammenarbeiten und so gibt es ein Musikstück gemeinsam mit August Hoerr, einen hervorragenden Akkordeonspieler, und einen Track gemeinsam mit einem phantastischen Elektromusik-Künstler namens Deft Key.

Für die Aufnahmen an diesem Album habe ich sehr lange gebracht, zwischen 2008 und 2010, und in dieser Zeit ging es in meinem Leben drunter und drüber. Deswegen dreht sich diese Platte letztendlich vor allem darum, was früher war. Ich denke über meine Vergangenheit nach,

über Freunde, die ich vermisse, über Familienangehörige, die von uns gegangen sind. Und ich besuche auf „Reveries“ den Ort, den wir alle gelegentlich aufsuchen, um in Ruhe nachdenken und tagträumen zu können.
Dein letzes Album “fin de siècle“ findet großen Anklang unter den Steampunk Tänzerinnen, sie tanzen sehr gern dazu. Hattest Du von Anfang an ein Steampunk Album im Sinn gehabt und werden wir in dieser Hinsicht mehr von dir hören?

Ich habe “fin de siècle” kurz nach der Veröffentlichung von “Siege” geschrieben. Es brauchte nur wenige Wochen, bis es fertig war. Mir war damals aufgefallen, daß viele Leute gerne Musik mit alten Kirmes- und Zirkusgeräuschen, Blechbläsern und Elementen von Marschmusik hören. Aber anstatt diesen Klang einfach nachzubilden, wollte ich etwas Eigenes schaffen. Ich beschloss, den größten Teil des Albums mit Geräuschen von Thomas Edisons Walzenzylinder-Phonograph (Anm. Red: der Vorgänger des Grammophons) des frühen zwanzigsten Jahrhunderts - hauptsachlich 1903 bis 1909 -  zu untermalen. Diese Samples wurden aufgebrochen und neu arrangiert, und ich komponierte ganz neue Musiksequenzen, in dem ich diese 100 Jahre alten Klänge verwendet habe. Ich bin mir nicht sicher, ob das schon jemand vor mir im Bereich Elektro Musik getan hat, darum halte ich dieses Album als mein Außergewöhnlichstes. Ich hatte vor, ein Album in voller Länge aufzunehmen, entschied mich dann aber für eine EP (Zwischending zwischen Single und LP) mit nur 7 Musikstücken, als Appetithäppchen sozusagen. Das Album hört sich an wie die alten
Schellack-Platten, total verkratzt, und ist der damaligen Zeit entsprechend düster und geheimnisvoll. Ich habe eigentlich nicht vorgehabt, ein ausgewiesenes Steampunk Album zu schreiben, aber die Mitglieder Steampunk Subkultur schätzen das Flair und  die Atmosphäre der Kaiserzeit und die technische Entwicklung der Gründerzeit, und so paßt das alles recht gut zusammen.  Ich kann durchaus verstehen, warum das Album unter Steampunk-Tänzerinnen so geschätzt wird.

Ich habe tatsächlich schon darüber nachgedacht, ein weiteres Kurzalbum aufzunehmen, welches auf Tönen der Deutschen Kabarett- und Varieté-Szene zu Zeiten der Weimarer Republik basiert, also Ende der Zwanziger und Anfang der 30er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts.. Diese würde dann zerhackt und mit „heavy sounds“ neu abgemischt. In der Tat habe ich bereits ein solches Musikstück unter im Rahmen eines Ablegers mit Namen „Darkened“ veröffentlicht. Es heißt „Weimar Dream“ und ist mit Samples der Berliner Szene der 30er Jahre arrangiert. Ich bin wirklich besessen von diesem Zeitalter, und manchmal glaube ich, daß ich früher schon einmal gelebt habe und zwar während dieser Epoche.

Wie sehen Deine Zukunftspläne aus – beinhalten diese vielleicht auch eine Tournee durch Deutschland?

Ich betreibe ein eigenes Plattenlabel namens Octofoil Records, fördere darunter neue „Dark Electronic Music“-Künstler, und ich selbst nehme unter vier verschiedenen Namen Musik auf. Ihr findet meine Musik online und zum Download zum Beispiel auch unter „Teleoptyk“ und „Darkened“. Als ich „Reveries“ fertig hatte, dachte ich mir, daß dieses vielleicht mein letztes Album unter dem Namen Maduro sei. Ich fühlte, daß mit der Veröffentlichung dieses Albums für mich etwas zu Ende ging. Es hat eine lange Zeit in Anspruch genommen, dieses Album fertig zu stellen und zu vervollständigen. Aber ich glaube nicht, daß ich mit dem Aufnehmen von
Alben jetzt aufhören kann. Die Verbindungen und Freundschaften, die ich in dieser Gemeinschaft knüpfen konnte, inspirieren mich, auch weiterhin Musik zu komponieren. Da gibt es so etwas wie eine symbiotische Beziehung. Ich habe eine Menge Alben innerhalb kurzer Zeit herausgebracht – viele Leute entdecken gerade erst mein letztes Album „Your Devices“, welches ich mit einem in Boston ansässigen Künstler namens „Notecrusher“ aufgenommen habe. Ich nehme mir im Moment eine kurze Auszeit von der Musik, werde aber möglicherweise im nächsten Jahr neues Maduro Material veröffentlichen.

Ich liebe Deutschland. 2008 habe ich Krefeld besucht, um das „Maschinenfest-Festival“ zu sehen, und ich fühlte mich dort zuhause - es war wie eine Pilgerreise. Ich habe diesen Sommer Freunde in Berlin besucht, aber ich hoffe, daß ich irgendwann in der Zukunft einmal live in Deutschland spielen werde. Live musiziere ich sehr selten. Ich bekomme Einladungen aus der ganzen Welt, um auf Festivals zu spielen, aber ich ziehe es vor, meine Zeit damit zu verbringen, neues Material aufzunehmen, und meine Musik für sich alleine stehen zu lassen. Wenn ich in Deutschland live auftrete, lasse ich es Euch wissen.  Aber ich muss etwas anderes beichten – Ich habe schon darüber phantasiert, eine Dark Dance Show mit original Maduro Musik zu veranstalten, als Tribut für die Zeiten des Weimarer Kabaretts in Berlin. Aber vielleicht ist das alles nur eine „Reverie“, ein Tagtraum.
Was hast Du gemacht, bevor Du düstere Elektro Musik erschaffen hast, und überhaupt vor Deiner Musik-Karriere?

Bevor ich elektronische Musik gemacht habe, habe ich kurze Zeit in einer Punk Rock Band Gitarre gespielt. Vor meiner Musik-Karriere habe ich Gedichte geschrieben, auch Comics, und ich habe dabei geholfen, eine studentische Radio-Sendung für Autoren zu produzieren (die erste in den USA).
www.maduromusic.com (OCTOFOIL)
www.discogs.com/artist/Maduro
www.myspace.com/maduro
Fotos: © Stereovision Photography & OCTOFOIL RECORDS
Grafik und Layout: Konstanze Winkler
hagallas Interview mit
MADURO