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MEIN LEBEN IST TANZ

Interview mit Mariam Ala-Rashi

von Marcel Bieger

Wenn Mariam Ala Rashi auf den Zehenspitzen steht und OT-Ballett-Fusion tanzt, dann vergißt man diesen Anblick nie wieder. Oder ihr wohl bekanntestes Stück, das eigenwillige Trommelsolo, bei dem sie sich so gut wie nicht von der Stelle bewegt. Bis vor kurzem durfte man noch sagen, daß Mariam zu unseren größten Hoffnungen im Bauchtanz gehört. Spätestens seit 2010 aber steht sie in der ersten Reihe. Mit all dem im Hinterkopf habe ich auch noch das Glück, eine gescheite Gesprächspartnerin mit angenehm ruhiger und klarer Sprechweise anzutreffen. Mariam Ala Rashi ist demnächst bei Leyla Jouvanas 18. Orientalischem Festival in Duisburg zu erleben, wo sie nicht nur ihre aufregenden Tänze zeigt, sondern auch ihre beliebten Workshops gibt. Wir wünschen ihr, daß sie noch möglichst lange ihr starkes Herz behält.
Du bist eine auffallende Erscheinung und hast tolle lange schwarze Haare. Erzähle uns bitte etwas über deine Herkunft.

Ich bin zur Hälfte Syrerin und zur Hälfte Deutsche. Mein Vater lebt in Damaskus, und meine Mutter in Deutschland, und ich bin in beiden Ländern großgeworden. Wir haben sehr viel Familie in Syrien, und ich bin immer sehr viel gependelt. Ich bin hier zur Schule gegangen und in den Ferien dann immer nach Syrien, so oft es eben ging, insgesamt zwei bis drei Monate im Jahr. Somit haben also auch sehr starke syrische oder arabische Einflüsse auf mich eingewirkt. Ich lebe heute in Essen, weil das eine sehr kulturfreudige Stadt ist und es mit meinem Tanzstudium sehr gut zusammen paßt. Und natürlich gefällt es mir hier gut. Kurzum: Hier fühle ich mich wohl. Vorher habe ich in einer Kleinstadt bei meiner Mutter gewohnt, aber für meine Karriere waren die Verkehrsanbindungen dort zu schlecht. Wenn ich dorthin zurückfahre, erwartet mich ein Riesengarten, und es mangelt mir an nichts. Aber in beruflicher Hinsicht, bin ich dort einfach zu weit ab vom Schuß.

Hast du einen ordentlichen Beruf gelernt?

(lacht) Ich finde, Tanzen ist etwas Ordentliches. Der Kunst zu dienen ist das absolut Höchste. Aber ich habe auch einen „normalen“ Beruf erlernt, bin ausgebildete Zahnmedizinische Fachangestellte, ich assistierte zum Beispiel bei Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgischen OPs. Meine Eltern wußten immer schon, daß ich Tänzerin werden wollte – ich tanze seit meinem vierten Lebensjahr, ich habe schon in dicken Pampers Bauchtanz gewackelt -, aber um eine gewisse berufliche Sicherheit zu haben, braucht man

eben einen gewissen Rückhalt. Es kann einem ja immer mal etwas zustoßen, sodass man den Tänzerberuf nicht mehr ausüben kann. Die medizinische Ausbildung habe ich aber direkt schon auf halbtags reduziert, damit ich ab 14 Uhr ins Ballettstudio konnte. Die Ausbildung kommt mir auch beim Tanz zugute, denn ich habe sehr viel über Anatomie gelernt, und das hilft mir zu erklären, was beim Tanz muskulär passiert. Ich wackle also nicht nur mit der Hüfte, ich kann dir auch genau sagen, was passiert, wenn ich mit der Hüfte wackle. Selbst zur Zeit des Abiturs stand der Tanz stand immer im Vordergrund, und ich wollte auch keine Zeit mit anderen Dingen verschwenden, denn als Tänzer hat man nicht viel Zeit. Da sind die jungen Jahre sehr wichtig, und alles andere kann man später immer noch angehen.
Sprechen wir doch über diese besondere Bedeutung des Tanzes. Bist du da von den Eltern vorbelastet, oder hast du einfach nur ein großes Talent mit auf den Weg bekommen?

Natürlich spielt Talent auch eine große Rolle. Viele Dinge im Tanz fallen mir leicht, ich kann mich sehr gut einfühlen – auch weil ich ein gutes anatomisches Verständnis habe -, und ich kann mich nicht erinnern, mal nicht getanzt zu haben. Meine Mutter hat mich sehr gefördert, mich aber nie gezwungen, irgendwo hinzugehen. Als ich mit sechs Jahren keine Lust mehr aufs Ballett hatte, hat sie mich aus dem Unterricht herausgenommen. Ich bin dann später von alleine wieder hingegangen. Das war sicher am besten so, denn vielleicht, wenn man mich zu sehr gezwungen hätte, würde ich heute gar nicht mehr tanzen. Ich wurde in positiver Weise gefördert und hatte auch immer den Wunsch zu tanzen. Alle Tanzziele, die man mitnehmen konnte, habe ich aufgesaugt wie ein Schwamm. Meine Mutter hat immer dafür gesorgt, daß ich als Kind und als Jugendliche meine Ziele umsetzen konnte.

Wie bist du denn an den Orientalischen Tanz gekommen?

Der ist Teil meiner Kultur, des arabischen Erbes meines Vaters. Ich habe mit meinem Vater Bauchtanz-Videos geschaut, und er hat dann schon mal gesagt, „das ist die beste Tänzerin“, und dann habe ich gefragt: „Warum denn, Papa?“ Und er hat geantwortet: „Weil die mit ihrem Körper jeden Takt trifft.“ Mir sind aber auch die langen Haare, das Riesen-Orchester, die große Bühne und so weiter aufgefallen. Ich kann mich noch erinnern, wie ich mit vier Jahren in Syrien im Planschbecken stand und mit meiner Schwester und meinen Cousinen getanzt habe. Mit meinen Zwillings-Cousinen habe ich sehr viel unternommen in jener Zeit. Wir drei waren immer am tanzen, es lief ständig Musik, und wir waren sehr fröhlich. Das war ganz normal, so lebt man als kleines Mädchen in Syrien. Etwas anders ist es in Ägypten, dort haben sie den Bauchtanz ja als „Touristenfalle“ entdeckt und schlachten das ganz schön aus. In Syrien hingegen findet so etwas nur hinter verschlossenen Türen statt. Da kann man nicht einfach irgendwo hingehen und sagen, ich möchte jetzt hier bauchtanzen. Da hat man in Deutschland weit bessere Chancen, ein Restaurant zu finden, wo man mit seinem Tanz auftreten kann. In Syrien hingegen tanzt man auf Festen, irgendeiner heiratet immer oder hat gerade einen runden Geburtstag zu feiern. Das sind Riesen-Ereignisse, da werden ganze Hallen gemietet, das kann man sich hier gar nicht vorstellen. Da wird dann aber auch die ganze Zeit getanzt, der Rhythmus ist permanent präsent.

Du hast richtig klassisch Orientalisch gelernt.

Ja, und ich tanze noch heute klassischen OT. Mit Fusion gehe ich zu den Shows und auf die Bühnen, aber mit klassischem OT trete ich bei arabischen Festen und in Restaurants auf. Beide sind mir gleich wichtig. Jedes Wochenende bin ich gebucht zu klassischem Orientalisch. Nicht nur in Restaurants, sondern auch auf Messen – die „Boot“ zum Beispiel - oder auf Moden-Schauen. Eine große Schuh-Messe stand unter dem Motto „Café Oriental“, und da war eine ganze Halle orientalisch eingerichtet. Ein Designer hat eine orientalische Moden-Show durchgeführt, und ich habe diese eröffnet. Erst bin ich auf den Laufsteg, um das Publikum in Stimmung zu bringen, und dann kamen die Models, die zu orientalischer Musik liefen. Ich tanze aber auch auf Hochzeiten, Geburtstagen und so weiter, eben alles, was es gibt.

Da kannst du von leben, oder?

Ja, ich lebe davon. Das ist mein Hauptberuf, meine Leidenschaft und meine Bestimmung.

Du hast auch eine umfangreiche sonstige Tanzausbildung, ich meine, außer Orientalischem Tanz.

Ja, mit vier Jahren habe ich mit Ballett angefangen. Irgendwann hatte ich dazu keine Lust mehr und zweimal ein Jahr ausgesetzt, danach aber immer wieder freiwillig damit angefangen. Das zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Dazu kamen Standard und Latein, Flamenco, Modern Jazz, so ziemlich alles, was es gibt. Mit Ausnahme vielleicht von Hip Hop, da habe ich keine besonderen Zugang zu, vor allem mit der damit verbundenen Einstellung; Gangsta Hip Hop zum Beispiel höre ich nicht einmal privat. Aber Breakbeat lasse ich schon in meinen Fusion einfließen. Gerade bei dem kann man sich ja sehr schön von anderen Stilen etwas abgucken und das in seiner eigenen Choreo einbauen. Die Pops und Locks des Hip Hop empfinde ich aber schon als Bereicherung. Sich da ein paar schöne Sachen herauszupicken, gehört doch wohl beim Tribal Fusion dazu. Ich nehme überhaupt alle Einflüsse mit, die das Leben so mit sich bringt. Mit anderen Worten, ich gehe nicht her und sage, so, jetzt muß mal etwas Neues her, wie

wäre es denn vielleicht mit Samba. Bei mir ist das eher ein Lebensgefühl. Einflüsse, die mir im Alltag begegnen, lösen Ideen aus und inspirieren mich. Daraus schöpfe ich dann.

Hast du das alles richtig gelernt oder dir manches auch selbst beigebracht?

Sowohl als auch. Wie gesagt, seit meinem vierten Lebensjahr gehe ich in Ballet- und Tanzschulen und habe alle Abzeichen mitgenommen, die man erwerben kann. Ich habe mich nicht nur vor das Fernsehgerät gestellt, MTV eingeschaltet und alles nachgetanzt. Ich bin darüber hinaus auf alle möglichen Kurse gegangen, fahre auch ins Ausland, um mich dort fortzubilden, bei Tänzern, von denen ich glaube, die haben schon sehr viel drauf, und ja, ich nehme schon sehr viel auf mich, um mich weiterzubilden. Und jetzt habe ich ja auch noch das Ballett-Studium mit sechs bis acht Stunden Tanz täglich. Morgens um halb sieben geht mein Wecker und da lege ich direkt meine Kostüme heraus, weil ich nachts einen Auftritt habe. Das ist mein Alltag, ich lebe wirklich aus dem Koffer. Ich lege wirklich sehr viel Wert darauf, daß alle Ausbildung fundiert ist.

Meinen Studieninhalt habe ich deshalb auch auf meiner Internetseite unter „Referenzen“ online gestellt, um zu veranschaulichen, was meine Tanzausbildung beinhaltet.

Hast du auch Schülerinnen?

Ja, die kommen teilweise auch hierher. (zu Mariam nach Hause). Wenn ich nur etwas mehr Zeit hätte. Ich werde seit Jahren angesprochen, ob ich nicht Privatunterricht geben könnte, und mußte leider sehr lange Nein sagen, weil ich von Auftritt zu Auftritt getingelt bin und das teilweise immer noch mache. Ich bin jetzt bis Ende 2011 ausgebucht, so gut wie jedes Wochenende. Ich habe auch viele Stammkunden, viele Araber, für die ich klassisch Orientalisch tanze. Also, ich hatte wirklich keine Zeit, aber inzwischen will ich doch mehr Schüler haben und diesen Bereich ausbauen. Sonntagmorgens einen Workshop zu geben, das könnte ich mir gut vorstellen. Aber wenn ich samstags erst um halb zwei vom Auftritt zurückkomme und dann am Sonntag wieder um zehn oder elf beim Workshop in Was-weiß-ich-wo sein müssen, also das erfordert schon ein gewisses Durchplanen. Ein Manager oder eine Assistentin käme mir schon sehr gelegen, jemand, der das alles für mich organisiert. Zum Organisieren habe ich meist erst nachts Gelegenheit. Ich habe zur Zeit drei Terminplaner.

Aber zurück zum Privatleben, da läuft wenig. Wenn eine junge Tänzerin mal wissen will, wie die Hauptberuflichen das alles regeln, kann sie mich gern ansprechen. Viele Dinge weiß man naturgemäß am Anfang noch nicht, die muß man sich selbst erarbeiten, und da muß man auch ein paarmal auf die Nase fallen, denn sonst lernt man es nicht. Vieles muß man selbst herausfinden, aber man kann sich ja gelegentlich auch einen Rat holen. Und ich helfe dann gern, meine E-mail-Adresse und meine Handy-Nummer stehen auf meiner Website.

Also, mein Privatleben ist reduziert, aber wie reduziert es ist, habe ich ja selbst in der Hand, ich kann ja auch mal was absagen. Das tue ich aber höchst selten. Auf der anderen Seite möchte ich mich auch nicht zugrunde arbeiten, sondern auch im Alter noch laufen können. Nicht so wie meine Großeltern, die sich abgeschunden und nur für die Arbeit gelebt haben. Im Alter sind dann die ganzen Gebrechen gekommen, und dann hat sich das frühere Schuften gerächt. Ich achte darauf, gesund zu tanzen und mir keine Folgeschäden einzuhandeln. Irgendwelche Zipperlein hat man immer, und jedem Tag tut einem was anderes weh, das ist eben der Alltag. Dafür habe ich aber einen Beruf, bei dem ich den ganzen Tag lang das tun kann, was mir am meisten Spaß macht. Und ich glaube, das können nur ganz wenige Menschen auf dieser Erde von sich behaupten. Deswegen sage ich auch nur selten nein, wenn jemand einen Auftritt für mich hat. Zum einen lebe ich davon, und zum anderen tue ich dies ja auch gern. So etwas kenne ich nicht, am Freitagabend zu sagen jetzt ist 17 Uhr, jetzt will ich meine Ruhe haben. Dafür kann ich auch nicht wochenends mit anderen ins Kino gehen. Zuletzt war ich mit Henneth Annun an einem Donnerstag Nachmittag im Kino, in der 17-Uhr-Vorstellung, wo außer uns kein Mensch saß.

Ich frage das eigentlich nie, weil es weder mich noch die Leser etwas angeht, aber hast du eigentlich ein Privatleben?

Hm, sehr wenig. Ich kann da auch drüber reden, denn ich habe das schon im Fernsehen erklärt, WDR Lokalzeit hat was über mich gedreht, und die wollten auch wissen, ob ich abends feiern ginge. Ich bekomme in letzter Zeit überhaupt eine Menge Anfragen. Letzte Woche die „Bild“ Zeitung, (lacht) heute du. Die Bild Zeitung hat etwas über ein orientalisches Etablissement gebracht, in dem ich aufgetreten bin, und als sie hereinkamen, stand ich da in voller Montur. Sie haben mich gleich mit aufgenommen. Das alles schlägt natürlich Wellen, und so kommt eins zum anderen. Die NRZ (Neue Ruhr Zeitung) hat schon angeklopft, die WAZ (Westdeutsche Allgemeine Zeitung) war auch schon da. Ist mitunter schon etwas unheimlich, und man denkt sich Huch, was ist denn jetzt los?

Syrien bei Nacht
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Photos ©: 1 + 2 Rainer Westerwinter, 3 Mariam Ala-Rashi,
4 Verahzad, 5 A. Krumm, 6 André Elbing,