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MEIN LEBEN IST TANZ

Interview mit Mariam Ala-Rashi

von Marcel Bieger

Du trittst viel auf Privatfeiern und in Restaurants auf, da ist meistens klassischer OT gefragt, und davon kannst du leben. Wie bist du denn da zum Tribal Fusion gekommen?

Ich habe vor Jahren Sharon Kihara auf der Bühne gesehen, und das hat mir den Sockel unter den Füßen weggezogen. Nicht nur ihre Darbietung war grandios, auch ihre Ausstrahlung und das was sie an Möglichkeiten zu anderer Musik gezeigt hat. Ich war zu dem Zeitpunkt ja noch vollkommen im OT drin. Die Regeln, die Geschichte, das Kulturträchtige des OT sind für mich immer noch das Nonplusultra. Aber ich war damals im idealen Alter für Fusion, und deswegen hat alles perfekt gepaßt, der Fusion und ich haben uns zum richtigen Zeitpunkt kennengelernt. Mir war sofort klar, was sich mir hier für Möglichkeiten boten: Ich konnte immer noch weiter OT tanzen und viele andere Sachen darin einbauen. Also ich war zurecht total fasziniert und habe mich noch in derselben Nacht im Internet kundig gemacht. Ich habe mit Sharon Kontakt geschlossen, und sie hat mir eine Menge Tipps gegeben, wie und wo ich mich weiter informieren kann.
Und weil Fusion primär nichts klassisch Orientalisches ist, sondern etwas Amerikanisches, will das ja kein Araber sehen. Ich könnte mit so etwas nicht auf einer arabischen Hochzeit auftreten, weil die Menschen dort das zurecht nicht als authentischen Bauchtanz anerkennen würden. Fusion ist daher für mich eher ein schöner Ausgleich. Da kann ich meinen Stil ausleben und etwas experimentieren, das ist sehr erfrischend für mich. Alles andere, meine Kultur, lebe ich dann im orientalischen Bereich aus.
Darf ich mal nachfragen, was denn das richtige Alter für Tribal Fusion ist?

Im Prinzip kann jeder Fusion tanzen, der Lust drauf hat, egal wie alt er oder sie ist. Für mich war der Zeitpunkt perfekt, weil ich im jetzigen Lebensabschnitt sehr gelenkig bin und mit den Knochen und Muskeln noch viel lernen kann. (lacht) Fusion ist ja so ein bißchen ein Tanz, bei dem man mit seiner Technik ein bißchen angeben kann. Seht her, das kann ich auch noch. So etwas würde beim OT ja gar nicht gehen. Ich weiß nicht, ob ich mit vierzig noch Fusion tanzen würde, das ist wohl auch eine Typ-Frage. Vielleicht habe ich dann auch keine Lust mehr auf diesen Stil. Andere Einflüsse kommen sicher auf mich zu, denn im Leben gibt es ja keinen Stillstand. Vielleicht stehe ich in fünf Jahre auf Schuhplattler und tanze den dann am allerliebsten (lacht).

Ich kann mir dich nur schlecht in einer Krachledernen vorstellen.

(lacht) Ich habe meine Basis, den OT, und Ballett und Tribal Fusion. Das sind so die großen Punkte in meinem Leben. Und das will ich so lange weitermachen, wie ich Spaß daran habe. Es gibt ja keine Altersbegrenzung, und wenn einige sagen, ich bin zu alt fürs Ballett, ist das totaler Quatsch.
Man mag ab einem gewissen Alter nicht mehr zur Primaballerina geeignet sein, die gehen mit 25 in Rente, aber für sich privat kann man das doch unbegrenzt fortführen. Es wäre doch schade, wenn man sich freiwillig einer solchen Sache versagte.

Deswegen hier auch mein Aufruf an alle: Leute, geht zum Ballett, für jede Tanzart ist das unheimlich hilfreich. Für die Haltung, auf die ich sehr viel Wert lege, auch in meinem Unterricht, hilft das. Auch eine super Oberkörperhaltung bekommt man eigentlich nur mit Ballettunterricht. Das Bild, das man abgibt, ist dann auch ein ganz anderes, man hat eine Präsenz, und auch andere Dinge fallen einem leichter, Sprünge zum Beispiel. Wenn man eine Körperhaltung wie ein nasser Sack hat, dann sieht der Sprung auch dementsprechend aus. Das ist doch alles ein Zusammenspiel der Muskulatur von Kopf bis Fuß. Springen heißt ja nicht, nur was mit den Füßen zu machen, der Oberkörper hält ja, damit man auch in die richtige Richtung kommt. Das hat alles fundierte Grundlagen, die man kennen sollte.

Wenn ich mal abweichen darf, ein Begriff ist hier noch nicht gefallen, der Tribal Style, den hast du nicht gelernt, oder?

Natürlich habe ich auch ein paar Stunden ATS absolviert, aber ATS ist ein Gruppentanz, und eine Gruppe hat feste Trainingszeiten und die kann ich aufgrund meines Lebens aus dem Koffer nicht einhalten. Ich habe mir natürlich Fat Chance Bellydance genauer angeschaut und stehe auch mit Carolena in Kontakt. Ich kann mir ebenso vorstellen, mit denen mal zu trainieren und mir dort Eingebungen zu holen. Davon abgesehen färben auch Henneth Annun und überhaupt der Violet Tribe auf mich ab, sie und Lily haben ja bei Apsara Habiba in Köln gelernt. Aber ich komme noch gut ohne ATS aus, ich habe mich dafür bei Tribal Fusion Ikonen weitergebildet. Ich muß den Tribal kennen, denn ich muß beim Fusion ja wissen, was kommt aus dem Tribal, was kommt aus dem Hip Hop, was kommt aus dem Ballett und so weiter. Aber Formationstänze und Gruppentänze mit Cues, Geheimzeichen, eigener Sprache und Tanzart, da habe ich es nicht so mit.

Die Tribalmädchen sagen, daß sie beim Tribaltanz ein ganz besonderes Gruppengefühl haben. Habt ihr so etwas bei Violet Tribe auch?

Ja, haben wir auch, das ist wohl auch unvermeidlich. Jede von uns bringt eine eigene Energie mit. Es ist unglaublich, was eine solche Zusammenarbeit bewirkt. Alles ist Energie, und man faßt es kaum, welche Einflüsse und Energie jede da mitbringt und wie inspirierend das alles ist. Welche Impulse man bekommt, da kann man sich gar nicht vor abschirmen. Als Künstler ist man ja ohnehin schon sehr empfindsam für alles, man hat ganz feine Sensoren. Wenn man in einer Gruppe tanzt, hat man auch ein sehr gutes Gruppengefühl, man spielt sich ein und ist irgendwann ein eingespieltes Team. Da gibt es zu Anfang immer eine Wachstumsphase, wo alles ganz neu und aufregend ist. Da nimmt man jeden Einfluß mit, den man von den anderen Tänzern kriegen kann.

Wie lange betreibst du denn schon öffentlich Tribal Fusion?

Über drei Jahre, fast vier. Wie schon gesagt, habe ich eines Tages Sharon gesehen. Ich bin lange Zeit nicht auf Shows aufgetreten, auch nicht mit Raqs Sharqi. Für mich hat die Welt auch ohne gestimmt, ich war glücklich mit den Privatauftritten. Aber dann kam der Fusion, und der ist ein Show-Tanz für die Bühne. Dann bin ich irgendwann dann auch vor die Tür gegangen und habe mir vorgenommen, auch mal auf Shows zu gehen. Die Fühler auszustrecken, mit anderen Tänzern in Kontakt zu kommen. Ich war so mit dem OT auf Privatveranstaltungen ausgelastet, daß mir vorher die Idee gar nicht dazu gekommen wäre. Und der Fusion ist für mich auch immer noch so ein Bonbon: Mal gucken, was die anderen wieder Neues haben, und die Atmosphäre genießen, das ist für mich so das i-Tüpfelchen. Mein erster Auftritt als Fusion-Tänzerin war bei einer großen Hochzeit auf Norderney. Das war eine polnische Hochzeit mit Balkan-Musik. Ich hatte dort fünf Auftritte, und da habe ich natürlich OT getanzt und dann zweimal zur Auffrischung Fusion. Sie hatten dort ganz tolle Balkan-Musik, auch mit der berühmten Quetschkommode, und zu der habe ich dann getanzt, auf die Musik konnte ich sehr gut einsteigen.

Jetzt weiß ich aber nicht mehr so genau, wann ich zum ersten Mal mit Fusion generell aufgetreten bin. Beim 1. Norddeutschen Tribal Festival von Asmahan habe ich im Publikum gesessen, im Zirkuszelt, und für das zweite habe ich mich direkt beworben. Ich wollte das so gern, weil ich in meiner Jugend zweimal in einem Zirkus als Kunstreiterin gearbeitet habe. Und was ist passiert: Das 2. Norddeutsche Tribal-Festival fand in einem Haus statt! Da war ich echt traurig, weil ich die Atmosphäre im Zirkus so liebe, wenn man in der Manege steht und unter den Füßen den Sand oder das Sägemehl spürt. Aber so toll es im Zirkus auch gewesen ist, beim zweiten Festival haben sich so viele Leute angemeldet, und da kam man mit dem Zelt nicht mehr aus.
Ich habe dich letztes Jahr bei Asmahan in Hannover gesehen, im August in Knechtsteden, auf der Weihnachtsfeier von Manis, davor bei Leyla Jouvana und dann in diesem Jahr auf der Orientale auf dem Tribalabend, und zuletzt auf der Studio-Sommerparty bei Leyla. Du warst bei allen Großen Drei dabei, was ja nun lange nicht jede von sich behaupten kann. Von unseren Spitzen-Tänzerinnen kannst nur Du das für Dich in Anspruch nehmen, alle anderen waren höchstens auf zwei. Und nicht umsonst bist du ja für Deinen Tribal Fusion bei Leyla „Belly Fusion Dancer of the World“ geworden.

Du, das mit den „Großen Drei“, wie du es nennst, hat sich einfach so ergeben. Manchmal kommt es einfach, daß zwei aneinander denken, sich gleichzeitig eine E-Mail schicken, und dann auch mal sagen, haste nicht Lust, bei mir zu tanzen? So etwas ist einfach schön, und ich hätte nie gedacht, daß das alles in solch angenehmer Atmosphäre von statten gehen könnte. Alle haben die gleiche Liebe zum Tanz, die gleiche Leidenschaft, und das schafft eine so starke Verbindung, das ist schon wirklich toll. Mag auch jede anders ticken und in ihrer Kunst anders und individuell sein. Aber wenn man das weiß und mit solchen Sachen umgehen kann, ist das immer eine ganz besondere Erfahrung, mit solchen Künstlern zusammenzuarbeiten. Man inspiriert sich gegenseitig, und das ist für mich eigentlich das Wichtigste. Nicht, daß man sagt, ich trete jetzt nur hier auf, und ich bin nur dort gebucht. Sondern wenn man sagen kann, die X hat bei mir angerufen und gefragt, haste Lust bei mir zu tanzen. So etwas ist schön. Aber ganz ehrlich, ich fühle mich schon geehrt, wenn die Großen Drei mich haben wollen und auch nochmal haben wollen, und wenn ich auch noch einen so wichtigen Titel bekomme.
Wichtig ist für mich aber auch, daß das alles auf der menschlichen Ebene so gut funktioniert hat. Natürlich sagt das auch etwas über die Qualität meiner Arbeit aus. Dennoch werde ich jetzt nicht durch die Gegend rennen und allen auf die Nase binden, ich habe aber, und ich bin aber …

Ich bin durch persönliches Kennenlernen an die großen Drei geraten. Ich bin ins Tanzhaus in Düsseldorf gegangen, um mich dort für einen Modern Tanzkurs anzumelden, und irgendwann hat Manis mich tanzen gesehen, und danach hat sie mich gefragt, Mensch, haste nicht Lust auf meine Weihnachtsfeier zu kommen. Sie hatte mich vorher schon bei der Deutschen Meisterschaft gesehen und bewertet, wo sie in der Jury gesessen hatte und ich meinen deutschen Meistertitel geholt habe.

– Bei Asmahan bin ich durch Dritte mit ihr ins Gespräch gekommen, über Deva Matisa, die mir den Rücken massierte, weil ich mir einen Wirbel ausgerenkt hatte. Und plötzlich war ich mitten drin im Gespräch. Natürlich gibt es auch den traditionellen Weg, daß man eine E-Mail zu einem Veranstalter schickt, sich vorstellt, eine Biographie mitliefert und sich ordentlich für eine Show bewirbt. Das funktioniert auch. Aber ich bin ganz froh, daß es mir immer wieder passiert, die Leute beim Bäcker oder sonstwo zu treffen und so mit ihnen ins Gespräch zu kommen.

– Bei Leyla habe ich ganz normal in einen Workshop besucht, sie hat ja immer irgendwelche Stars als Dozentinnen da, damals waren das die Tänzerinnen von BDSS. Ich war gerade nach Essen gezogen, und Duisburg (wo Leyla Jouvana sitzt) ist mit dem Auto gerade mal fünf Minuten von Essen weg. Da bin ich dann nach dem Kurs mit Leyla ins Gespräch gekommen, und schon hat sich wieder etwas ergeben. 2009 habe ich mich dann bei ihr zum Contest angemeldet, um einfach mal zu schauen, wie dort der Hase läuft, aber ich hätte nie gedacht, dort gleich den ersten Platz zu machen. Ich hatte mich zwar gründlich drauf vorbereitet, aber so weit hatte ich nun doch nicht gehofft.
Mariam tanzt ihren Tribal-Fusion, mit dem sie 2009 "Belly Fusion Dancer of the World" geworden ist.
Mariam bei der "Orientale 2010-Gala" in Düsseldorf
Lass uns noch kurz über Deinen Workshop "Trommelsolo" bei Leylas 18. Orientalischen Festival Europas (19.11. bis 29.11.2010 in Duisburg) reden, warum soll jemand gerade zu Dir kommen, was lernt sie bei dir, was sie woanders nicht lernt.

Mit dem Trommelsolo möchte ich sowohl der Tribal Fusion-, als auch der klassisch orientalischen Tänzerin ein außergewöhnliches Highlight an die Hand geben. Dank meiner Ausbildung zur Bühnentänzerin und Tanzpädagogin weiß ich die richtige Ausstrahlung und muskuläre Technik, gepaart mit herausragender Haltung zu vermitteln. Jedes Element dieser Choreo kann ebenso frei herausgegriffen und in anderen Combis oder Choreografien eingebaut werden.

Mariams Trommelsolo-Workshop findet statt am Fr., 19.11., von 19.00 - 22.00 Uhr, es sind noch Plätze frei!
Nähere Informationen unter www.leyla-jouvana.de
Mariams Homepage: www.mariam-alarashi.com
Photos ©: 1, 2 + 4 Rainer Westerwinter, 3 Fantasydays/midnightpix, 5 + 6 André Elbing
Grafik und Layout: Konstanze Winkler
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