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Photos ©: Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Mat Jacob
Grafik/WebDesign: Konstanze Winkler
"AM BESTEN HINKOMMEN UND SCHAUEN"

Interview mit
Mat Jacob
von Marcel Bieger (auch Übersetzung)
Tribal Fusion ist ein schnellebiges Genre, neue Stile, Unter-Stile, weiterentwickelte Stile kommen im Halbjahres-Takt. Neue Sterne tauchen auf und versinken wieder, aber einige halten sich hartnäckig. Sicher auch, weil sie ständig an sich arbeiten und selbst die Umwälzungen vorantreiben. Zu diesen gehört zweifellos Mat Jacob, eine etwas geheimnisvolle Künstlerin, die auf der ganzen Welt zuhause ist und mit den unterschiedlichsten Stars
zusammengearbeitet hat.

Mat Jacob tanzt und unterrichtet bei Elianas Tribal Passion Show am 24.September 2016 in Offenbach in der Nähe von Frankfurt/M.Dies wird ihr erster Auftritt bei einer größeren Veranstaltung in Deutschland, und sie ist schon sehr aufgeregt

Hier nun unser Interview mit Mat Jacob  …
Aus deiner Biographie erfahren wir, daß du mit einigen der wichtigsten und einflußreichsten Tribal Fusion-Größen unserer Zeit zusammengearbeitet hast ... aber was war vorher? Wie bist du an den Tribal Fusion geraten, und was hat dich so an ihm gefesselt (hast du dich auch mit anderen Tanzarten beschäftigt?)

Ich glaube, ich habe sehr viel Glück und Segen auf all meinen Wegen gehabt, sollte ich vielleicht als Antwort vorausschicken. Aber du willst es ja genauer. Irgendwann 2006 hat mir eine Freundin ein Video auf You Tube gezeigt. Darauf war Rachel Brice mit ihrem Auftritt 2006 auf dem Tribal Fest in Sebastopol zu sehen. Ich habe mich immer schon gern herausgeputzt, mit Ringen, Halsketten und überhaupt Schmuck. Da ist mir natürlich sofort Rachels Aufmachung ins Auge gefallen. Und dann ihre Aura: Stark, mächtig, entschlossen und sehr weiblich, wie eine Göttin. Gar nicht erst zu reden von ihrem Tanz. Bis dahin hatte ich keine Ahnung, daß Menschen sich so bewegen können, und erst recht keinen Schimmer, daß sogar ein richtiger Tanzstil dahinter steckte. Für eine Weile spukte dieses Video in meinem Kopf herum, bis ich es wieder sah. Ich habe mich umgehört, wo man so etwas erlernen könnte, und einige Tanzschulen in Montreal (Kanada) gefunden. Ich habe dort einen Kurs besucht, aber sehr schnell begriffen, daß hinter dem Tribal Fusion mehr steckte, als nur eine neue Tanzart zu lernen. Meine Liebe war längst geweckt, und ich bin herumgereist, um immer mehr hinzuzulernen. Ich war sehr viel unterwegs. Vorher hatte ich bereits einige Erfahrungen mit dem Tango gehabt, und ich habe ihn für eine Weile betrieben. Überhaupt habe ich immer schon gern getanzt. Aber Tribal Fusion ist das erste Genre, in das ich mich richtig hineingestürzt habe.

Was hat mich am Tribal Fusion fasziniert? Hand aufs Herz und gerade heraus: die Liebe, die in der Szene vorherrscht. Ich habe mich nie so gut aufgehoben gefühlt, wie in diesem Genre, und das sowohl von Seiten der Lehrer wie von denen meiner Kollegen. Ich habe während meiner Reisen Menschen kennengelernt, die mehr an mich geglaubt haben als ich selbst und die mich sanft und mit Liebe auf meinem Weg weitergeschoben haben. Vor allem deswegen habe ich genug Selbstbewußtsein bekommen, um in einer geschützten Umgebung Neues auszuprobieren und auch damit fertigzuwerden, wenn einmal etwas nicht geklappt hat.

Meine künstlerische Persönlichkeit hat sich entwickelt, weil man mir immer wieder erklärt hat, daß ich es schaffen kann. Und auch, wenn man mir das nicht mit Worten gesagt hat, dann mit warmen und liebevollen Gefühlen. Also ist es doch ganz klar, warum ich in den Tribal Fusion verliebt bin, der ja außerdem meinem tiefen Wunsch, mich zu bewegen, so sehr entgegenkommt.

Und ich bleibe diesem Genre treu, weil sich in ihm so viele kreative Geister finden. Hier gibt es Naturkräfte, die alles an einem verändern können, sowohl, was die Persönlichkeit, wie auch, was die eigene Tanzentwicklung angeht. Ich muß an dieser Stelle einige Personen nennen, die mir in der Vergangenheit, der Gegenwart und die Zukunft viel bedeutet haben und warden: Amy Sigil, Illan Rivière, Rachel Brice, Orchidaceae Urban Tribal, Violet Scrap, Lamia Barbara, Mardi Love, Mira Betz
und Zoe Jakes.

Wie viele andere Tribal Fusion-Tänzer auch hat dich Rachel Brice gleich beim ersten Hinsehen vom Hocker gerissen. Aber du hast es nicht, wie so viele andere, nur bei der Bewunderung belassen, sondern auch mit ihr zusammengearbeitet und warst an ihrer Seite. Was genau hast du da getan, und wie ist es so, mit Rachel zu arbeiten.

Ich habe Rachel bei zwei Projekten geholfen. Das wichtigere von beiden ist ihre Datura Dance Company, beim anderen ging es um meine Lippen-Synchronisation in einem Video-Clip-Projekt mit Namen “Megahen”. Fangen wir mit ersterem an. Anfang 2012 erhielt ich per E-Mail die Aufforderung, beim ersten Datura Company-Auftritt mitzuwirken (beim Tribal Fest 12 in Sebastopol). Zu der Zeit hatte ich gerade die zweite Stufe von Rachels “8 Elemente”-Ausbildung bestanden. Bei der Ausbildung gibt es einen Abschnitt, bei dem man sich 16mal um sich selbst dreht. Rachel hat die wunderbare Tänzerin Shanti Bardot aus Los Angeles und mich gebeten, dies ihrer Klasse vorzuführen. Rachel hat mir später erzählt, daß sie uns unbedingt bei ihrem Auftritt auf dem Tribal Fest dabeihaben wollte, nachdem sie unsere Dreher gesehen hatte. So kam es, daß wir beide dabei waren, die einzigen Tänzerinnen, die nicht in Portland, Oregon lebten.

Ja, so ist das dann gekommen. Ich habe Ja gesagt und war sehr, sehr aufgeregt. Rachel ist mir schon sehr früh eine echte Freundin geworden, aber ich hätte nie erwartet, einmal mit ihr zusammenzuarbeiten. Ich habe sie immer gemocht, und sie ist ein toller Kumpel, aber ich habe Tanz und Freundschaft immer voneinander getrennt. Künstlerisch habe ich sie auf einen Sockel gestellt. Als ich dann die Aufforderung erhielt, zusammen mit ihr auf der Bühne zu stehen, war das erstmal ganz schön unwirklich für mich, aber ich habe mir auch gesagt, was für ein unglaubliches Glück ich doch hätte.

Ich möchte hier allen kundtun, auch wenn viele das schon wissen, daß Rachel einer der großzügigsten Menschen auf der ganzen Welt ist. Ich habe so viel von ihr gelernt. Rachel hat uns allen und mir zahllose Tipps und Tricks für unsere Kostüme, für unseren Tanz und eigentlich für alles gegeben. Und sie besitzt unendliche Geduld. Ist diszipliniert und voller Anteil an ihren Schülerinnen. Sie arbeitet viel und sie hat noch mehr Liebe zu geben.

Man möchte sich ihr einfach anschließen. Ich hatte beim Auftritt volles Vertrauen zu ihr, und deswegen gehört er auch zu meinen schönsten Erinnerungen.

Du warst außerdem Gast-Tänzerin in Kami Liddles Gruppe “Gold Star”, was hast du denn da erlebt?

Ja, stimmt, da war ich auch. Kami lud mich Ende 2012 ein, mit ihr in einem Duo zu tanzen. Ich bekam einen Riesenschrecken, denn ich kannte sie ja kaum und überhaupt, aber ich wußte, daß sie eine unserer besten Tänzerinnen ist. Und viel mehr Erfahrung hat als ich. Dennoch habe ich zugesagt. Wir haben zusammen unser Duo-Stück entwickelt und sind damit 2013 in Paris und Las Vegas aufgetreten. Ich war überaus beeindruckt von ihr und habe mich lieber etwas im Hintergrund gehalten. Und dann wollte Kami eines Tages, daß ich auch beim ersten Auftritt ihrer ganz neuen Truppe, “Gold Star”, dabei sein sollte. Sie wollten nach Sebastopol zum alljährlichen Tribal Fest. Ich war damals für ein halbes Jahr nach San Francisco gezogen und konnte deswegen an den Proben der Truppe teilnehmen.

Das war wirklich toll, und ich habe es sehr genossen, die anderen Tänzerinnen kennenzulernen und zu verfolgen, wie Kami von innen heraus ein neues Stück choreographierte. Wir hatten viel Spaß und haben so gründlich bei den Proben gearbeitet, daß der eigentliche Auftritt pures Vergnügen war und wir uns richtig gehenlassen konnten. Das war eine ganz tolle Erfahrung.

Du reist nicht nur viel zu Künstlern und Lehrern, du ziehst auch viel herum in der Welt. Du kommst aus Kanada, hast in Frankreich und Spanien gelebt und bist in jüngster Zeit öfters in Portugal gesehen worden. Hältst du es nie lange an einem Ort aus, oder steckt mehr dahinter, vielleicht eine große Neugier auf die Welt. Und wie wirkt sich das auf deinen Tanz aus?

Keine ganz einfache Frage. Meine Eltern sind viel gereist, und so bin ich auch viel herumgekommen. Meine Familie ist nie länger als drei Jahre in einem Land geblieben. Also habe ich wohl wirklich eine große Neugier auf die Welt, aber dahinter steckt wohl auch, daß ich es gar nicht anders kenne. Ich habe mich nie an feste Abläufe und Ordnungen gewöhnen können, und das Reisen gehört für mich zum Leben dazu. Immer wieder von vorn anzufangen, scheint mein Motto zu sein. Und heute ist Reisen ja so einfach geworden, wie leicht gelangt man von einem Ort der Erde zum nächsten? Manchmal ängstigt mich das aber auch, weil ich befürchte, das Reisen könnte mir zur Selbstverständlichkeit werden. Ich möchte mein Umherziehen nicht wie etwas im Supermarkt kaufen. Aber ich bin ja auch stets länger als ein Jahr an einem Ort geblieben.

Ja, natürlich beeinflußt das Reisen meine Tanzkunst. Zunächst einmal reise ich immer noch so, wie meine Mutter es uns beigebracht hat, nämlich daß man einer fremde Kultur mit Achtung und Interesse begegnet. In einer globalisierten Welt, wo man rasch und problemlos an jeden Ort der Erde gelangen kann, nutze ich meine Reiseerfahrungen, um mir von anderen Kulturen etwas auszuborgen und mir einzuprägen, in welchem Kontext sie stehen, statt sie einfach nur zu nehmen, weil sie eine besonders hübsche Farbe oder Form haben.

Auf der anderen Seite verkürzen sich Entfernungen, die Menschen kommen sich äußerlich immer näher (aber auch innerlich?), Kulturen vermengen sich, um etwas Neues hervorzubringen, darunter verschwinden aber auch Kulturen, viele primitivere unwiederbringlich. Und wir erleben neue Kunstformen oder Konsumartikel, die auf Folklore basieren.

Seit neuestem gilt dein professionelles Interesse Piny & Orchidaceae Tribal. Hat sich das eher zufällig ergeben, oder gibt es in dieser Entwicklung eine logische Abfolge. Angefangen hat es mit Rachel Price und endet jetzt (vorläufig) mit Piny?

Es gibt keine Zufälle (lacht). Ich habe Orchidaceae zum ersten Mal 2015 in England gesehen. Damals war ich gerade nach Europa gekommen und hatte vollkommen die Begeisterung und die Lust an allem verloren. Meine Flamme für den Tribal Fusion war nur noch auf Sparflamme.

Doch dann habe ich Orchidaceae mit dem Stück “Forget the Nightmares” gesehen, und das hat mir alles zurückgegeben. Sie vermischen Zeitgenössisch mit allerlei Urban Styles wie House, Waacking und Voguing und mit Tribal Fusion. Das ist ein unglaubliches Potential!

Was sie tun und womit sie sich auseinandersetzen, spricht mich an, denn dort stehe ich mittlerweile auch. Deswegen ist es eine logische Entwicklung, mit ihnen etwas zu unternehmen, denn ich will nie etwas ohne Bedeutung machen. Damit will ich nicht sagen, Tribal Fusion wäre bedeutungslos, aber er ist als Stil nicht vordringlich darauf ausgerichtet,

intellektuelle Konzepte, Botschaften und so weiter zu transportieren. Mit der Vorstellung habe ich schon vor längerem Schluß gemacht. Aber das ist natürlich nur meine Meinung. Ich mag Tribal Fusion, wenn er unberührt ist, wenn er sich seiner Stärken besinnt. Deswegen kann ich auch Mardi Love oder Rachel Brice stundenlang beim Tanzen zuschauen. Ihre Art sich zu bewegen, hat mich überhaupt erst auf den Geschmack gebracht, und ich liebe sie heute noch. Und dann war da noch ein anderer Teil von mir, der sich unter der Anleitung und mit der Hilfe von drei bedeutenden Einflüssen entwickelt hat und der noch weiterer Pflege bedarf – ich spreche von Mira Betz, Amy Sigil und Illan Rivière. Ich bin inzwischen an einem Punkt angelangt, an dem mich Anstrengung erwartet, nämlich nachdenken und mich besinnen, und das finde ich am ehesten bei Piny und ihrer unglaublichen Familie. Ich könnte stundenlang über sie reden, denn ich achte sie und ihre Arbeit sehr.

Du gehörst zu den weltweit führenden ITS-Tänzerinnen (Unmata-Stil), woher rührt dein besonderer Stil?

Das Kompliment kann ich nicht annehmen, ich weiß nicht, ob das stimmt … Ob ich einen ganz besonderen Stil habe? Weiß nicht … ITS ist ein Format, und nach dem lernt man, sich so homogen wie nur irgend möglich zu bewegen. Als ich damit angefangen habe, kam Amy zu mir und hat gesagt: “Bis jetzt hat mir alles sehr gut gefallen, aber ich möchte weniger Mat Jacob in deinen Bewegungen sehen.” Vielleicht bin ich heute nur eine gute Schülerin geworden.

Wenn wir uns nicht vollkommen irren, ist Offenbach dein erster Auftritt bei einem größeren deutschen Festival. Was erwartest du davon, und was bekommen wir von dir auf der Bühne zu sehen?

Stimmt, ich bin erst einmal in Deutschland aufgetreten, anläßlich des Orchidaceae-Wochenendes im Mai des Jahres in Berlin. In Offenbach werde ich zusammen mit Josefine Wandel und Eliana Hofmann im Trio tanzen, und ich bin schon sehr aufgeregt. Wir üben eine Choreographie von mir ein, und das wird bestimmt ein großer Spaß. Dazu tanze ich noch ein Solo, aber ich kann jetzt noch nicht sagen, für welches ich mich entscheiden werde. Also, am besten hinkommen und schauen.

Und was lernen wir in deinen Workshops?

Ich gebe zwei Kurse. Beim ersten geht es nicht um klassischen Tribal Fusion, sondern um urbane, elektronische Musik und dazu passende Schritte; natürlich findet sich darunter auch Tribal Fusion, aber es geht weniger um weiche, weibliche

Bewegungen, als vielmehr um harte, männliche und schweißtreibende. Das hört sich vielleicht nach einer Herausforderung an, wird aber garantiert ein Spaß, versprochen!

Der zweite heißt “Mechanical Weightlessness” (Mechanische Gewichtslosigkeit), und darin üben wir Bewegungen, als würden wir auf der Mondoberfläche spazierengehen, oder besser, schweben. Wir spielen mit der Gewichts-Achse, mit der Balance, mit dem Orientierungssinn. Und wenn wir das erkundet haben, geben wir Tribal-Fusion-Schritte und – Kombinationen hinzu, und fertig ist der neue Tanz. Ich habe diesen Kurs früher schon gegeben und mag ihn sehr.

Ich freue mich, euch alle dort zu sehen!

Homepage: www.matjacob.com
Mat Jacob ist zu Gast bei Elianas
Tribal Passion,
24./25. September 2016, in Offenbach

Infos unter:
www.tribal-passion.com oder bei facebook
Bild links: Mat Jacob und Illan Rieviére