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Deutschland hat eine sehr große und sehr gute Tribal Fusion-Szene, doch aus ihr ragen einzelne noch weiter auf als die anderen. Eine von ihnen ist fraglos Melli Sarina aus Augsburg, die schon in jungen Jahren nicht nur den nötigen Ehrgeiz, sondern auch den nötigen Biß hatte, sich nach ganz oben vorzuarbeiten.

Melli arbeitet seit einiger Zeit als Profi-Tänzerin, hat aber vorher einen „richtigen“ Beruf erlernt und ist heute in vielen Ländern unterwegs. Höchste Zeit, sie einmal erzählen zu lassen, wie alles so kommen konnte, wie es gekommen ist ...
"MICH VÖLLIG FALLENZULASSEN …"

Interview mit Melli Sarina

- von Marcel Bieger

Wie hat bei dir alles mit dem Tanzen angefangen? Welche Stufen hat es bis zum Tribal Fusion gegeben, und wie bist du dann zum Tribal Fusion gekommen?

Meine beste Freundin hat mich im Alter von acht Jahren zum orientalischen Tanz gebracht, und meine Mama hat direkt mein Talent dafür erkannt. Ich war sofort Feuer und Flamme für diese Tanzart und habe ganz fleißig neben den Tanzstunden zuhause geübt. Erstmal 8 Jahre auf türkische Pop Musik, und dann kam der Tag, an dem ich auf dem Orient-Magazin-Festival in Fischach das erste mal ein Plakat von Sharon Kihara gesehen habe. Ich habe mir ihre Videos auf You tube angeschaut … ihre Fähigkeit, den Körper wie ein Instrument der Musik zu nutzen, das hat mich wahnsinnig fasziniert. Und dann habe ich ein Video von Zoe Jakes gesehen … das war es, was ich auch können wollte, da habe ich dann teilweise neben der Schule noch 20 Stunden die Woche trainiert, und das war wunderschön.

Doch irgendwie ging es nicht so recht voran, meine Bewegungen sahen einfach anders aus als von den berühmten Tänzerinnen. Da habe ich Manca Pavli angeschrieben, da sie in jungen Jahren diese Tanzart schon so perfektioniert hatte, und sie hat mir direkt geraten so viele Workshops wie möglich zu nehmen. Ich bin ihr wirklich dankbar für diesen Rat.

Sharon war meine erste Lehrerin und mittlerweile sind es über 30 verschiedene Lehrer, bei denen ich Workshops, Intensives und Privatstunden nicht nur in Tribal Fusion sondern auch in ATS genommen habe.

Was bedeutet dir Tribal Fusion, warum bist du ihm bis heute treu geblieben?

Tribal Fusion ist mein Leben, das kann ich wirklich so sagen. Ohne mein Tanzen wäre ich in meinen Augen nichts, und ich kann einfach nicht ohne. Egal welche Musik läuft, wenn sie mir gefällt, dann tanze ich, ob am Flughafen, sitzend im Zug oder an der Bushaltestelle. Tribal Fusion und Fusion Bellydance geben mir dabei die Möglichkeit, jegliche Musik, die mir gefällt, zu benutzen und meinen Körper all das ausdrücken zu lassen, was ich will, oder mich völlig fallen zu lassen, denn nichts ist verboten, alles kann mit den Grundbewegungen vermischt werden und bietet damit unendliche Möglichkeiten.
Wenn du an einer neuen Choreographie arbeitest, was kommt da zuerst: eine bestimmte Musik, ein bestimmter Schritt oder ein Accessoire? Und wenn das gefunden ist, wie geht es dann weiter?

Ganz klar die Musik, sie muß in mir etwas auslösen. Ich bin ein sehr emotionaler Mensch, und man sieht mir direkt an, was ich fühle, da wirkt die richtige Musik wie eine Verstärkung der Gefühle. Danach wird es schwieriger, denn für mich sind zwei Aspekte sehr wichtig: Will ich das Publikum mitreißen und einfach den Spaß an der Tanzart ausdrücken, oder will ich sie durch eine, durch den Tanz erzählte Geschichte/Gefühl, fesseln. Meistens choreographiere ich Bewegungen auf eine andere Musik und füge sie zu der ausgewählten Musik hinzu, weil ich mich nicht von der Musik beherrschen lassen will. Es dauert dabei wirklich eine Ewigkeit, bis ich mit einer Choreographie zufrieden bin, da ich mir Choreographien nur sehr schwer merken kann und dann meist etwas auf die Musik improvisiere, das mir noch besser gefällt. Wenn alle Bewegungen möglichst vielfältig angelegt sind, ist der nächste Schwerpunkt der Blick, die Mimik, die Intensität oder Leichtigkeit, Spannung/ Entspannung des Körpers, etc. Den letzten Schliff bekommt die Choreographie, indem ich sie mir auf Video ohne Musik anhöre. Das ist der ultimative Test, ob die Choreografie auch wirklich keine Schwachstellen hat, ob die Gefühle auch ohne Musik authentisch sind und ob es keine Längen in den Tanzabschnitten gibt, die langweilig wirken könnten. Wahrscheinlich sind da noch tausend mehr Sachen, auf die ich achte, die mir leider gerade nicht in den Sinn kommen. Aber das ist ein kleiner Einblick davon.

´Dein Stil ist heute einzigartig, und keiner kann Dir nachsagen, ach, das hat sie von XY übernommen und das von ZZ. Wie würdest du selbst deinen Stil beschreiben, und wie hast du ihn aufgebaut?

Meinen Stil selbst zu beschreiben, ist sehr schwierig, denn ich bin ein sehr kritischer Mensch, geradezu ein Perfektionist, das heißt ich würde wohl sagen, er ist noch nicht fertig. Ich arbeite gerade an Mixed Fusion Bellydance weil ich nicht mehr wirklich sagen kann, welche Bewegung aus welcher anderen Tanzart beeinflußt ist, und ich möchte mich da auch nicht festlegen. Sehr flüssige Bewegungen sind mir wichtig, die nahtlos ineinander übergehen, und diese kombiniert mit kleinen präzisen, muskulären Akzenten zur Musik. Es ist auf jeden Fall eine Mischung aus Tribal Fusion, ATS, Dancehall, Ballett, Modern und allen Bewegungen, die ich in Tanzvideos aufschnappe.
Du warst eines Tages da, warst noch keine 20 und hast uns alle mit deiner Tanzkunst umgehauen, später hast du zu den "Neuen Wilden" gehört, die den Tribal Fusion in Deutschland auf ein ganz breites Fundament gestellt haben. Dann bist du viel ins Ausland gereist, warst Model bei Shali-Sari und hast dich bei international wichtigen Lehrerinnen weitergebildet. Wo willst du noch hin?

Allem voran steht für mich die Verbesserung meiner Tanztechnik und daß ich mehr choreographiere. Ich arbeite aber gerade auch an meinen Grundlagen in Ballett und Dancehall. Ballett, da es sehr bei jeglicher Bein/Fußarbeit, Balance, Haltung und vor allem dabei hilft, die Beine von der Hüfte zu separieren, für Hüftisolationen im Laufen ist das essentiell. In Dancehall habe ich für mich einfach die beste Lehrerin überhaupt, Emma Mendel-Retallick. Die Bewegungen inspirieren mich auf eine ganz neue Weise, und ich arbeite gerade auch an einer Fusion dieser beiden Tanzstile, aber da ich ja Perfektionist bin wird das noch seine Zeit dauern. 

Ein paar Träume habe ich noch. Zum Beispiel vielleicht das Glück zu haben, auf einem internationalen Festival im Ausland zu unterrichten oder in einer der Auftrittsgruppen der berühmten Tänzerinnen mitzutanzen.

Ich hoffe auf jeden Fall einfach, daß ich soweit in der Tanzszene Fuß fassen kann, daß ich mein Leben lang ausreichend Geld verdiene, damit ich mich immer im Tanz weiterbilden kann, denn das Schöne am Tanzen ist, daß man nie auslernt, es gibt immer etwas Neues zu entdecken und etwas Bekanntes zu verbessern.

Du bist eine der wenigen deutschen Tribal Fusion-Tänzerinnen von internationalem Ruf und reist zum Beispiel zwischen den USA und Deutschland hin und her. Welche weiteren Stationen würdest du als wichtig und prägend für dich erachten.

Karlsruhe in Deutschland finde ich eine sehr wichtige Station. Latifah war die allererste Veranstalterin, die mich für einen Workshop gebucht hat, und sie motiviert mich immer wieder, an meine Träume zu glauben. Sie ist nicht nur eine facettenreiche, tolle Tänzerin sondern auch ein wundervoller Mensch.

Das Tribal Festival in Hannover, veranstaltet von Asmahan el Zein, als ich den Tribal Star Award gewonnen habe, war der Punkt, an dem ich mich das erste Mal getraut habe, daran zu glauben, vielleicht irgendwann das Tanzen zu meinem Beruf zu machen.

An dieser Stelle möchte ich mich auch bei all den anderen deutschen Veranstaltern bedanken, die mir eine Chance gegeben und an mich geglaubt haben. Danke Leyla, Enussah, Manis und Claudia.

Das Tribal Massive in Las Vegas ist natürlich eine der prägendsten Erfahrungen in meinem Tanzleben gewesen. Eigentlich stand ich da kurz davor, mich dafür zu entscheiden, meine Tanzkarriere nicht weiter zu verfolgen, doch diese Tanzfamilie und allen voran die Veranstalterin Tori Halfon haben mich so aufgebaut und mir so viel Mut gegeben, an das zu glauben, was ich kann, und geduldig zu sein.

Wenn es um die prägendsten Unterrichtserfahrungen geht, haben meinen Stil Kami Liddle, Zoe Jakes und Mira Betz am meisten beeinflußt. 

Zoe hat mir in ihrem Unterricht, und in der Privatstunde mit ihr, einen komplett neuen Zugang zu den Bewegungen gezeigt und wie ich mich im Tanzen schnell verbessern kann. Mein Lieblingssatz: „Du brauchst kein Joga, du brauchst Muskelaufbautraining“ Eine Erlösung, weil ich noch nie die Geduld für Joga hatte, ich powere mich lieber immer aus. Und Zoe hat mir sehr viel Selbstvertrauen geschenkt, da sie mich in der Privatstunde auch bestätigte, daß das, was ich mache, auch richtig ist, das war mir wichtig um unterrichten zu können.

Kami Liddle erfindet immer wieder so viele schöne Möglichkeiten, den Körper fließend sowie mit locking/popping zu bewegen, sie ist eine unendliche Inspirationsquelle, und ich liebe es, ihre Schülerin zu sein, ich fühle mich bei ihr im Unterricht immer unwahrscheinlich wohl und gleichzeitig herausgefordert. Sie hat meine Gedanken von den Zwängen befreit, ich müßte neue Bewegungen erfinden, um als gute Tänzerin angesehen zu werden.

Mein Lieblingszitat von ihr (zumindest habe ich es so verstanden): „Jede Bewegung wurde schon einmal getanzt, ist vielleicht jedoch in Vergessenheit geraten, wir nehmen diese bekannte Bewegung und tanzen sie mit unseren eigenen Möglichkeiten und Stilen komplett neu.“ 

Und Mira Betz … wer auch immer die Möglichkeit hat. Auf einem Festival von ihr zu lernen, sollte diese Chance nutzen. Sie macht aus unserer Tanzart richtige Kunst und gibt einem die nötigen Werkzeuge in ihren Workshops, um ausdrucksstarke Choreographien zu entwickeln und Gefühle auf der Bühne mit dem gesamten Körper authentisch zu tanzen, das finde ich etwas sehr Einzigartiges.

Du hast dich mittlerweile als Tänzerin selbständig gemacht, zuvor aber noch eine Lehre als Hotel-Fachfrau abgeschlossen. Wie gehst du deine Profi-Karriere an?

Ich habe das Glück einen sehr guten Freund aus dem Künstlerbereich zu haben, der mich in meiner Öffentlichkeitsarbeit berät und mir ein Konzept ausgearbeitet hat, um mir den Einstieg als Profi zu erleichtern und in der Öffentlichkeit einen professionellen Auftritt als Künstler zu haben.

Ich habe im Hotel zuvor über 40 Stunden die Woche gearbeitet und nebenzu ca. 15 Stunden die Woche trainiert, das heißt ich habe jetzt 55 Stunden in der Woche, die ich mir für alles einteilen kann. Wie mein Vater immer so schön sagt, ich bin jung, da sind 55 Stunden gar nichts.

Zurzeit ist es sehr viel Promotionarbeit, ich arbeite an neuen Workshop-Konzepten, Flyern und daran, meine Homepage ins Englische zu übersetzen. 

Aber regelmäßiges Training und Weiterbildung sind für mich am Wichtigsten, auch die Szene zu unterstützen, man kann ja nicht denken, daß alle zu den eigenen Workshops kommen, wenn man nie Workshops nimmt.

Deswegen bin ich dieses Jahr wieder beim Professional Track des Tribal Massive, und ich mache den Key of Diamonds, das erste Level der Ausbildung bei Zoe Jakes. Ich versuche aber auch, bei nationalen Größen des ATS und Tribal Fusion noch Workshops zu nehmen, weil ich es total spannend finde, was gerade alles für verschiedene Stile kreiert werden. Wir bräuchten mal ein deutsches Tribal Massive.

Ganz liebe Grüße,
Melli

Homepage: www.sarina-fusion.eu/Home
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Bild links, Melli Sarinas neuestes Video vom Tribal Massive 2016 in Las Vegas ...
klicke auf's Bild, und Du wirst zum Video bei YouTube umgeleitet ...
Melli Sarina (Mitte) gewann den allerersten "Tribal Star"-Contest des hannoverschen Tribal Festivals 2011
Melli als beliebtes Shali Sari Model
v.l.n.r.: Giuliana Angelini, Michaela Sladeckova, Melli Sarina, Martina Viewegova, Mareike Belersdorf und Inga Petermann
Photos ©: 1, 2 und 6 Chira Tane, 3 Konstanze Winkler, 4 Franz Utz, 5 André Elbing