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Photos: © John Gatta
Grafische Gestaltung: Konstanze Winkler
Es gibt einige internationale Tanz-Stars, die noch nie in Deutschland waren, und schon der Gedanke daran wird als schmerzlich empfunden. Eine solche Spitzen-Künstlerin ist das Tribal-Fusion-Idol Mira Betz. Nun endlich kommt sie auch zu uns, genauer zum
19. Orientalischen Festival von Leyla Jouvana und Roland. Wir haben allen Grund, uns darauf zu freuen. Lest jetzt, was sie uns vorab zu erzählen hat.
TRIBAL FUSION
– DIE FREIHEIT, WIR SELBST ZU SEIN

Interview mit Mira Betz

von Marcel Bieger (auch Übersetzung)

Man kennt dich heute als eine der bekanntesten und bedeutendsten Tribal Fusion Tänzerinnen. Du hast auch Salsa, Modern, Jazz und Flamenco gelernt. Wie haben diese Stile deinen Tribal Fusion beeinflußt?

Tanz ist eben Tanz. Er packt uns, dringt in unseren Körper ein und beeinflußt unsere bewußte wie unbewußte Reaktion auf Musik. Die Frage müßte also eher lauten:

Wie hätten diese Tanzstile mich nicht beeinflussen können? Alles, was ich sehe, tue, rieche oder sonstwie wahrnehme, wirkt sich auf meine schöpferische Arbeit aus. Die Wahrnehmungen, die ich habe formen mich und haben daher Einfluß auf die Art und Weise, wie ich mich durch Tanz ausdrücke. Deswegen ist Tribal Fusion für mich auch kein Stil, sondern der Ausdruck tänzerischer Freiheit. Als Künstler, die aus dem Orientalischen Tanz kommen (einem Tanz also, den wir seit 100 Jahren bestimmen und ausformen) finden wir im Tribal Fusion die Freiheit, wir selbst zu sein.
Mira Betz
Das führt dann zu der Frage der Authentizität. Sollen wir authentisch ägyptisch oder türkisch tanzen, oder sollen wir danach streben, uns selbst authentisch darzustellen? Wie können wir in einer Zeit des Multi-Kulti, der Integration und des grenzüberschreitenden Internets zum Ausdruck bringen, wer und was wir als Menschen sind? Natürlich möchte ich, daß es weiterhin Tänzer gibt, welche die Traditionen bewahren und unsere Kultur und Geschichte erhalten. Doch auf der anderen Seite müssen wir uns auch weiterentwickeln und neue Wege finden sich auszudrücken. Ich habe diese Fragen für mich beantwortet, bevor es dafür entsprechende Etiketten gab. Heute firmiere ich unter „Tribal Fusion“, weil niemand so recht zu wissen scheint, wie er meinen Tanz sonst nennen soll. Ich sage dazu einfach: Ich tanze. Meine Ausbildung hat mich natürlich beeinflußt, aber auch die Natur, die Musik, die Bildhauerei und die anderen schönen Künste. Ich sehe mich als Tanzkünstlerin und will und muß daher tanzen.
Wenn du an einem neuen Stück arbeitest, wie gehst du dann vor? Was kommt zuerst, und wie finden alle Teile dann zusammen?

Ich arbeite nur selten zweimal nach derselben Methode. Wenn es sich um ein Solo-Stück handelt, improvisiere ich ja doch, und deswegen fängt alles mit einer bestimmten Tanz-Figur oder einer Situation an, mit der ich mich gern tänzerisch auseinandersetzen möchte. Oder eine bestimmte Musiknummer geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Manchmal beginnt aber auch alles mit einer bestimmten Verzierung oder einem Accessoire, aus dem dann ein ganzes Kostüm entsteht, und dieses wiederum wirkt sich maßgeblich auf die Stimmung und den Ablauf des Tanzes aus, und erst dann suche ich die passende Musik dazu. Ich arbeite aus dem Bauch heraus und lasse mich von Eingebungen leiten.

Wenn es sich um ein Stück für eine Gruppe handelt, gehe ich wie bei einem Theaterstück vor. Eine Idee, ein Gefühl oder ein Gedanke beflügeln mich, und darum baue ich alles andere. Da ich auch darauf stehe, in kleinen Gruppen zusammenzuarbeiten, trage ich einer solchen Gruppe meine Idee vor, höre mir an, was die anderen dazu zu sagen haben, und entwickle dann die Choreographie. Oder wir sammeln Musikstücke, jede schlägt zwei bis drei Nummern vor, überlegen uns, wie wir das unter einen Hut bekommen, und dann packe ich das zusammen, mitunter bis zu vier Nummern in ein Drei-Minuten-Stück. Für eine Choreographie gehe ich das Musikstück dann als Ganzes an, taste mich von hinten heran und fülle die Lücken, sobald ich auf sie stoße. Ich fange nicht so gern am Anfang an, um mich dann auf geradem Weg voranzuarbeiten; denn dann wiederhole ich mich zu oft und falle in alte Muster zurück. Um aus all dem etwas Neues zu schaffen, muß man auch das eine oder andere fallenlassen, gelegentlich muß etwas angepaßt, manchmal auch die ursprüngliche Idee abgewandelt werden, bis die endgültige Form gefunden ist. Natürlich darf auch gelacht werden, denn die ganze Sache soll ja auch Spaß machen. Und ganz wichtig: Am Schluß muß alles noch einmal überarbeitet und auf Hochglanz gebracht werden, das ist mitunter harte Arbeit, aber erst dann kann man das Stück öffentlich vorführen.
Du hast in Gruppen wie auch solo getanzt. Was hältst du nach zwanzig Jahren Karriere für besser, oder sollte man am besten zwischen beiden Formen hin und her wandern?

Ich glaube, das hängt von jedem persönlich ab. Man muß sich halt vor Augen führen, warum man sich einer Gruppe angeschlossen hat und was man sich von ihr erwartet.

Ich persönlich mag beide Formen gleich gern, beide geben mir etwas Wichtiges, und ich mache in ihnen unterschiedliche Erfahrungen. Ich bin allerdings viel auf Reisen, und das ginge mit einer Gruppe kaum. Aber ich habe einen Ausweg gefunden: Wenn ich auf Kollegen treffe, deren Arbeit ich sehr schätze, arbeite ich mit ihnen zusammen.
Du hast eine lange Ausbildung im Orientalischen Tanz hinter dir und bist sogar in Marokko gewesen, um die dortigen Volkstänze zu erlernen. Würdest du daher jungen Tribal oder Tribal Fusion Tänzern raten, deinem Beispiel zu folgen? Wie breit sollte die Ausbildung eines Tribal Fusion Tänzers sein?

Wie ich vorhin schon gesagt habe, bedeutet Tribal Fusion in meinen Augen, seinen eigenen Weg zu finden, um sich durch Tanz selbst auszudrücken. Aber es ist natürlich richtig, der orientalische Tanz und wir sprechen dieselbe Sprache, besonders wenn es um saubere Technik und Isolationen geht. Alles, was darüber hinaus zum Vortrag kommt, hat damit zu tun, wer wir sind, was uns innerlich bewegt, welche Werte wir befolgen und wie leidenschaftlich wir sind. Aber ich ermutige alle Tänzer gleich welcher Stilrichtung, sich die Grundlagen zu Herzen zu nehmen. Zuerst sollen sie die klassischen orientalischen Tänze lernen, dann Tribal, endlich Tribal Fusion und erst im Anschluß daran die eigene Note entwickeln.

Mein Wahlspruch ist: Trainiere hart, und sei du selbst. Dabei kommt es nicht so sehr darauf an. Welche Tanzausbildung man sich aneignet, sondern wie man seine Ausbildung aufbaut. Ich möchte meinen „Tribal Fusion“-Schülerinnen folgendes mit auf den Weg geben: Haltet eure Lehrer in Ehren (und verlaßt euch nicht zu sehr auf eure eigene Inspiration), nehmt euch vor, mit Ausdauer zu trainieren, um die Qualität unseres Tanzes zu steigern und somit der Welt ein besseres Bild von unserer Kunst zu vermitteln;
und drittens, habt immer und überall Respekt vor den Kulturen, aus denen wir uns für unsere Fusionen bedienen. Fusionen sind keine einfache Angelegenheit, wir nehmen uns ja nicht einfach ein paar Schritte und Bewegungen aus anderen Tänzen und kleben sie aneinander. Die Bestandteile müssen vielmehr nahtlos miteinander verwoben werden. Der Tanz, den wir vorführen, muß ein eigenes Leben besitzen, dem man zwar seine Herkunft noch ansieht, der aber seinen eigenen Weg geht.
Du kommst zum ersten Mal nach Deutschland. Was möchtest du hier gern sehen, und worauf freust du dich?

Ich komme zum ersten Mal als Tänzerin nach Deutschland. Als Touristin war ich schon bei euch. Ich habe in meiner Familie einige deutsche Vorfahren und bin deswegen ein wenig mit der deutschen Kultur und der deutschen Lebensart vertraut. Ganz besonders freue ich mich aber auf die deutsche Tanzszene. Deutschland hat eine lange Tradition im orientalischen Tanz und einige bedeutende Künstler und Schulen hervorgebracht. Ich möchte viele Kollegen kennenlernen und mir eure Shows ansehen. Und ich fühle mich sehr geehrt, bei einer so bedeutenden Veranstaltung wie dem Orientalischen Festival Europas teilnehmen zu dürfen.

Was bekommen wir von dir auf der Bühne zu sehen, und was können wir in deinen Workshops lernen?

Meine Darbietungen sind natürlich improvisiert, und zu dem Zeitpunkt, an dem ich das hier schreibe, bin ich mir noch nicht endgültig im klaren, was ich auf der Bühne vortragen will. Ich arbeite gerade an einem neuen Kostüm, und ich hoffe, rechtzeitig damit fertig zu werden, damit ich es mitnehmen kann. Beim 19. Orientalischen Festival von Leyla Jouvana gebe ich acht Kurse, die insgesamt 17 Stunden dauern. Allen, die noch nie bei mir in einem Workshop waren, sei gesagt, daß sie nicht unbedingt so sind wie andere. Meine Maxime lautet, den Schülerinnen die Materie so nahezubringen und sie so mit den notwenigen Mitteln auszustatten, daß ihren ganz eigenen künstlerischen Stil entwickeln können. Meine Kurse richten sich auch nicht in erster Linie
an Tribal-Fusion-Interessierte.

Ich unterrichte vielmehr einiges an Technik, und dabei werden wir bestimmte Bewegungen sezieren, analysieren und natürlich einstudieren, die man eigentlich für alle Formen des Bauchtanzes gebrauchen kann. Hinzu kommen ein paar Kurse über bestimmte Kombinationen, mit deren Hilfe sich wichtige Grundbegriffe des Tanzes erlernen lassen, wie zum Beispiel richtiges Zeitgefühl, Dynamik und Bühnenpräsenz. Und in meinem Workshop „Movement Through Intention“ (Gezielte Bewegung) stelle ich einige Übungen vor, mit denen der Tänzer mehr ausdrückt als nur ein paar Schritte. Wir wollen gemeinsam herausfinden, wie man seinem Tanz Leben und Eigendynamik einhaucht, indem wir eine Brücke zwischen Tanz-Technik und Tanz-Ausdruck bauen. Meine Kurse sind übrigens für alle Stufen und Stile geeignet.

Wirst du die von dir entworfenen Schmuckstücke und anderen Accessoires nach Deutschland mitbringen?

Ich will es versuchen. Leider stellt Deutschland die letzte Station in einer sechswöchigen Tournee dar, und ich kann noch nicht sagen, wieviel von meiner Warenpalette dann noch übrig ist. Meine Schmuckstücke sind alle handgefertigt, viele brauchen Stunden, manche Tage bis zur Fertigstellung. Ich hoffe aber, bis Duisburg ist noch etwas übriggeblieben.

Vielen Dank – Mira.
19. Orientalisches Tanzfestival Europas
18. - 28.11.2011 in Duisburg
Homepage: Mira Betz