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Photos ©: Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von Mirjam Karvat
Grafik/WebDesign: Konstanze Winkler
Claudia Dufners Veranstaltungen sind immer etwas Besonderes, wenn sie zum Beispiel gern Künstler auf ihr Festival holt, die nicht in aller Munde sind, aber durchaus viel zu bieten haben. In diesem Jahr geht sie noch einen Schritt weiter und verpflichtete Tänzerinnen, die aus ganz anderen Genres kommen. Die „Timbalitas“ haben wir schon mit einem Interview vorgestellt, heute ist Mirjam Karvat an der Reihe, eine Ballett- und Musical-Tänzerin, wie man sie nicht oft zu sehen bekommt. Die gebürtige Schweizerin hat schon in England, Israel und Ägypten gelebt und gearbeitet. Zur Zeit steht sie in Freiburg i.Br. unter Vertrag. Mirjam gilt als eine der führenden Gaga-Künstlerinnen, einer besonderen Bewegungssprache. Lest, was sie zu sagen hat …
Bevor es zu "Gaga" gekommen ist, mußtest du sicher eine oder mehrere andere Tanzausbildungen absolvieren, wie ist dein tänzerischer Werdegang abgelaufen? Ist Tänzerin heute dein Beruf, oder mußt du auch noch in einer anderen Tätigkeit für dein Einkommen sorgen? 

Ich durfte mir mit 6 Jahren ein Hobby aussuchen, entweder Ballett oder Blockflöte. Blockflöte kann ich bis heute nicht, was vielleicht auch besser so ist. Meine erste Ausbildung war allerdings Bewegungspädagogin und Massage Therapeutin. Da ich aus einem sehr kleinen Bauerndorf komme, hat niemand geglaubt, dass ich Tänzerin werden könnte, das gab es einfach nicht. Am Ende habe ich 3 Jahre in London am "Place" London Contemporary Dance School studiert. Ich habe mir gesagt, wenn ich es nicht ausprobiere, werde ich es nie wissen, und am Ende war niemand überraschter als ich.

Danach habe ich in verschiedenen Produktionen gearbeitet und auch sehr abgefahrene Dinge gemacht, zum Beispiel eine schizophrene Person in einer Dokumentation gespielt.

Tänzerin ist mein Beruf, wenn ich auftrete, unterrichte oder auch manchmal massiere. Natürlich habe ich Zeiten, in denen ich wenig Arbeit habe und solche mit viel Arbeit, doch ich messe meine Tätigkeit nicht am Aufkommen. Ich bin Tänzerin und kann davon und damit leben. 

Was ist "Gaga"? Wie hebt er sich vom "hergebrachten" Modern und Zeitgenössisch ab? 

Gaga ist eine Bewegungssprache, die Ohad Naharin über viele Jahre hinweg entwickelt hat und welche im täglichen Training der Batsheva Dance Company-Mitglieder angewendet wird. Die Sprache von Gaga entstand aus dem Glauben an Heilung, Dynamik und Veränderung durch Bewegung. Gaga ist ein Weg, Wissen und Selbsterkenntnis durch deinen Körper zu erlangen.

Gaga stellt ein Gerüst bereit um den Körper zu entdecken und zu stärken. Es trainiert Flexibilität, Ausdauer und Geschmeidigkeit während die Sinne und die Phantasie sich erweitern.

Gaga erhöht das Bewusstsein für körperliche Schwächen, erweckt taube Gebiete, legt körperliche Fixierungen frei und bietet Wege für ihre Auflösung an. Die Arbeit verbessert instinktive Bewegungen und verbindet bewusste und unbewusste Bewegungen.

Gaga erlaubt die Erfahrung von Freiheit und Vergnügen auf eine einfache Art und Weise, in einem angenehmen Raum, in bequemer Kleidung, begleitet von Musik, jede Person mit sich selbst und mit den anderen.

Wie bist du "Gaga" begegnet, und warum bist du an ihm hängengeblieben? 

Die ersten Jahre nach der Ausbildung waren nicht einfach, ich hatte viele Verletzungen. Mein Körper wollte einfach nicht in Formen passen, da habe ich Gaga kennengelernt, und seine Art zu arbeiten, spielen und forschen hat mich gepackt. Ich hatte seither keine Verletzungen mehr und meine Technik ist um vieles besser geworden. Ich fühle mich frei körperlich und innerlich zu tanzen, Spaß zu haben und mich Herausforderungen zu stellen. 

Entwickelst du deine Choreographien selbst, und wenn ja, wie geht das in deinem Genre vonstatten?

Mal so, mal so. Wenn ich für ein Musical choreografiere, schaue ich mir Videos von verschiedenen Tänzen an und probiere dann aus, was die Stimmung am Besten ausdrücken kann. So lerne ich auch neue Dinge. Ansonsten gehe ich ins Studio und fange an mit Bewegungen zu spielen. Ich arbeite sehr intuitiv. 

Was treibt eine Künstlerin wie dich dazu, ein Tribal-Festival nicht nur aufzusuchen, sondern dort auch aufzutreten? Hattest du früher schon Kontakt mit dem, für das es noch immer keinen besseren Oberbegriff gibt als Bauchtanz? 

Ich wurde angefragt und sagte mir, warum nicht? Es gibt immer Neues zu entdecken und zu lernen. Ich kann es nicht abwarten, all die Künstler zu sehen und von Ihnen inspiriert zu werden. Ich komme total unbefangen an das Festival. Sozusagen eine Tribal-Jungfrau.

Google sei Dank weiß ich jetzt, was Tribal meint. Meine einzige Beziehung dazu stammt aus der Zeit, als ich mit einer Company in Ägypten gearbeitet habe. Ich war bis zum Ende fasziniert von der Bauchrolle...

Was wirst du uns in deinem Workshop beibringen? (bitte sei in deiner Antwort ausführlicher als in der WS-Beschreibung, stelle, neben anderem, bitte vor allem die gesundheitlichen Aspekte heraus). 

Gar nichts. Meine Aufgabe ist nicht, irgend jemandem irgend etwas beizubringen, sondern um die Teilnehmer zu bewegen, bei sich herauszufinden, was schon vorhanden ist, ohne daß sie davon wußten. Ich gebe Ihnen einiges an die Hand, um aus den Bewegungsmustern auszubrechen und Neues zu wagen. Es geht sehr darum, auf den Körper zu hören, anstatt ihm zu sagen, was er tun soll. Versteht mich nicht falsch, es geht nicht darum am Boden zu liegen und zu fühlen. Das kann wahnsinnig langweilig sein. Sondern wie kann ich schnell sein und immer noch viel Zeit haben, wie kann ich gleichzeitig kraftvoll und weich wirken, virtuos und zierlich. Wie kann ich auf meine Haut hören, um flexibler zu sein?

Die meisten Verletzungen entstehen dadurch, dass man den Körper zu etwas zwingen will, ohne darauf zu hören, was er uns dazu mitteilt, oder wir haben ein Muster, das wir konstant wiederholen, bis wir die Struktur abgenutzt haben. Das wollen wir durchbrechen.

Ich versuche, Wow-Momente zu ermöglichen: Wow! Ich habe nicht gewußt, dass ich das kann. Wow - das war abgefahren. Wow - das hat Spaß gemacht. Im Englischen sagt man es schöner: Pleasure (Vergnügen)

Kannst du absehen, ob du noch lange in Freiburg/Br. bleiben wirst, was hast du überhaupt für Zukunftspläne? 

Vielleicht noch ein Jahr oder zwei. Was danach kommt, weiß ich noch nicht. Australien wäre mein erstes Ziel, oder ich würde auch gerne mal in den USA leben. Vielleicht wieder Israel. 

Und meine Pläne? Ich werde reich und berühmt. Also, nachdem ich noch lange weitergetanzt und unterrichtet habe, an möglichst vielen Orten der Welt. Und nachdem ich mehr choreografiert habe, vielleicht werde ich dann Prophet. Höchstwahrscheinlich kommt es aber anders. Frag mich in zwei Jahren noch mal.


Mirjam Karvat
ist zu Gast beim
6. Black Forest Tribal Fest
30. September - 2. Oktober 2016
in Oberhamersbach (bei Offenburg)

Infos - auch zu den Workshops - hier:
http://tribal-festival.jimdo.com/

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"WOW! ICH HABE NICHT GEWUSST,
DASS ICH DAS KANN!"

Interview mit Mirjam Karvat
von Marcel Bieger