Zurück zu Interviews
Startseite/Aktuelles
"Man kann ganze Geschichten erzählen..."
Seite 1
Interview mit
Miss Lily Qamar
von Konstanze Winkler
Du hast schon ziemlich früh mit dem Tanzen begonnen, was hat dich daran micht mehr losgelassen?

Naja, ich war 16 als ich mit Irischem Tanz angefangen habe (was eigentlich für eine Tanzkarriere sehr spät ist) und habe erst mit 18 zum klassischen OT gefunden. Vorher habe ich sehr viel Zeit auf Mittelalter-Märkten verbracht, wo ich wild herumgetanzt habe, bis ich dann schließlich in meinen ersten Bauchtanz-Kurs gegangen bin. In dieser Zeit bin ich viel durch die Weltgeschichte gereist und habe auch eine Weile in Erlangen gelebt. Dort, bei der wunderbaren Yamuna und ihrer Tochter Inka (die mich sehr gefordert und gefördert haben) habe ich Tribal und Tribal Fusion entdeckt. WOW, das war genau das, was ich gesucht habe. Als ich wieder zurück nach NRW gekommen bin, ging ich zunächst zu der großartigen Apsara Habiba und Shahrazad.

Als ich später mit der Gymnastiklehrerausbildung anfing, kamen noch Modern Dance und Kontaktimprovisation dazu. Darüber habe ich erst bemerkt, daß Tanz mehr ist als nur Technik. Man kann alles ausdrücken, ganz egal ob Wut, Trauer, grenzenlose Freude oder völlig alberne Situationen. Man kann ganze Geschichten erzählen. Tanz ist eine wunderbare Art sich selber auszudrücken, macht glücklich und schafft Kontakt zu anderen und zu sich selber.

Kannst du mittlerweile vom Tanz leben, oder hast du noch einen anderen Beruf?

Mittlerweile lebe ich vom Tanzen und vom Unterricht. Ich habe zwei Berufe gelernt, die mir sehr zu Gute kommen. Mein erster Beruf ist Schneiderin. Dadurch hab ich es recht einfach, was den Kostümbau angeht. Anschließend habe ich eine bewegungspädagogische Ausbildung gemacht, welche mir Möglichkeiten an die Hand gegeben hat, den Unterricht  methodisch-didaktisch sinnvoll zu gestalten. Außerdem habe ich dort ein ausgeprägtes Bewegungsverständnis und anatomisches Grundwissen erhalten. Das ist schon eine enorme Hilfe; auch bei den eigenen Auftritten und Choreographien. Neben Tribal Fusion Kursen gebe ich noch Fitness-, Raks Sharki- und ITS-Kurse, in Hagen, Münster und Wuppertal. Ich freue mich wahnsinnig, daß es so gut läuft.
Zeitgleich kam der „Contest“ hinzu (bei Leyla Jouvanas „Orientalischem Festival“, Lily hat mit Henneth Annun im Duo den Spitzenplatz errungen, Amn. d. Red.). Obwohl wir den 1. Platz gemacht haben, ist mir bewußt geworden, daß mir mein Selbstwert und mein Bauchgefühl wichtiger sind
als die Bestätigung über Titel, die andere vergeben.

Die bewegungspädagogische Ausbildung und das „Suhaila“- Zertifikat (Format-Ausbildung der US-amerikanischen Tänzerin Suhaila Salimpour) waren harte Arbeit und haben mich über meine körperlichen und emotionalen Grenzen gebracht.

Entscheidender als diese einzelnen Stufen, sind für mich jedoch der gesamte Lernprozeß und die stetige Weiterentwicklung sowohl als Lehrende wie auch als Lernende.

Was waren entscheidende Stufen deiner Karriere?

Dann gab und gibt es da natürlich den „The Violet Tribe“, der mir gezeigt hat, daß es auf der Bühne mehr gibt als nur Tanz, und mich vor neue Aufgaben gestellt hat. Z.B. hätte ich vor zwei Jahren nie im Traum daran gedacht mal öffentlich in ein Mikrophon zu singen.

Du hast es gerade selbst angesprochen, du bist mittlerweile auch Besitzerin eines Level 1 Zertifikats von Suhaila Salimpour. Was bedeutet dir dieses Zeugnis, und willst du in dieser Ausbildung fortfahren?

Das SSBD-Format ist ein großartiges Trainings- und Technikprogramm. Ich habe vorher schon diverse Workshops bei Suhaila gemacht und war erst etwas irritiert über ihre Unterrichtsart. Später jedoch war ich sehr überrascht, wieviel man bei ihr in einer solchen Unterrichtseinheit lernt. Als sie dann nach Belgien kam, was ja quasi bei uns ums Eck liegt, habe ich die Gelegenheit beim Schopfe gepackt und mich für das Intensivwochenende registriert. Es war trotz der Vorarbeiten mit ihren „Online Classes“ echt anstrengend. Suhaila treibt einen über die eigenen Grenzen und zeigt einem auf, was man eigentlich leisten kann, wenn man nur will. Man wird fit, baut Muskulatur auf und bekommt eine gute Koordination und Kondition. Ich bin froh, daß ich das gemacht habe, und werde auch, sobald es sich ergibt, Level 2 dranhängen.

Dann höre ich das Stück immer und immer wieder und zähle es aus. So lerne ich es kennen und höre auch jedes kleinste Instrument im Hintergrund. Ich probiere immer wieder im Studio herum, filme meine Ideen und notiere sie mir. Die meisten Ideen habe ich immer in den unmöglichsten Momenten, wie im Auto, unter der Dusche oder (am allermeisten) abends im Bett. Diese Ideen setze ich dann auf die einzelnen Phrasen des Liedes und passe sie an. Meistens hat jede Choreographie eine eigene Geschichte, die durch die besagten Bilder entsteht und durch meine Empfindungen gefüllt wird. Ich improvisiere aber auch sehr gerne und nutze den Fluß der Bewegung, um ein Lied spontan umzusetzen. Dabei können wiederum ganz neue Bewegungen und Ideen entstehen.
Wenn du ein eigenes Stück entwickelst, wie gehst du dann vor? Was kommt zuerst, und wie baust du weiter auf.

Oje … bis so ein Stück mal steht, können Monate ins Land gehen. Ich brauche ewig, bis ich mal Musik gefunden habe, die mir etwas sagt. Sie muß Bilder in mir wecken und mich berühren. 

Im deutschen Tribal Fusion gibt es eine handvoll Künstlerinnen, die einem spontan einfallen. Das ändert sich von Fall zu Fall und von Jahr zu Jahr. Eine, die sich mit Einsatz, Ehrgeiz und Willen ihren Platz an der Spitze erkämpft hat und dort sicher auch noch länger bleiben wird, ist die Hagener Tänzerin Lily Qamar. Im folgenden Interview erzählt sie, wie sie so weit nach oben gelangt ist, und daß sie außer Tribal Fusion noch eine Menge mehr im Köcher hat.
weiter...
Photo © www.icemotion.nl
Photo © André Elbing, www.andre-elbing.de
Photo © André Elbing, www.andre-elbing.de
Photo © www.abgelinst.de
Photos, wenn nivicht anders vermerkt, © Konstanze Winkler
Grafische Gestaltung/WebDesign: Konstanze Winkler