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Photos © M. Shahin
Grafische Gestaltung: Konstanze Winkler
Hat sich während der jüngsten Unruhen die Lage des ägyptischen Tanzes geändert? Und wenn ja, wird es in ihm zu weiteren Veränderungen kommen?

Natürlich ist die Tanz-Szene von den politischen Umwälzungen nicht verschont geblieben. Als die Unruhen begannen, sind viel zu viele Touristen und Menschen, die in Ägypten gelebt und gearbeitet haben (darunter auch eine Menge Tänzer) außer Landes geflohen. Der Tourismus ist aber eine der Lebensadern der ägyptischen Ökonomie. Wenn, wie jetzt, die Touristen ausbleiben, hat das die schlimmsten Auswirkungen auf die Ägypter, die in dieser Branche arbeiten. An dem Aufruhr haben viele meiner Landsleute in der Hoffnung teilgenommen, die Verhältnisse im Lande zum Besseren zu wenden. Da blieb wenig Zeit für Unterhaltung oder Lustbarkeiten. Deswegen mußten viele Veranstaltungsstätten zeitweise schließen. Die Menschen, die in der Unterhaltungsindustrie, in der Gastronomie oder im Tourismus beschäftigt waren, haben ihre Arbeit verloren. Doch einer nach der anderen haben diese Läden inzwischen wieder geöffnet. Auch haben die Menschen wieder Arbeit. Aber wir haben noch nicht wieder das Niveau aus der Zeit vor den Unruhen erreicht. Die Ägypter – mich eingeschlossen - hoffen sehr, daß sich die politische und wirtschaftliche Lage in absehbarer Zeit weiter verbessern wird. Und wenn dann alles noch besser ist als vorher, wird es das reine Vergnügen sein, die neue Blüte der Künste, der Musik, des Schauspiels und des Tanzes in Ägypten mitzuerleben.
Was werden wir von dir auf dem Festival in Deutschland zu sehen bekommen?

Zwei von meinen Tanznummern. Das erste Stück wird eine libanesische Dabke zu einem berühmten libanesischen Lied sein. Ich bin ein großer Liebhaber der libanesischen Dabke und tanze sie sehr gern.

Beim zweiten Stück handelt es sich, auf vielfachen Wunsch, um einen Tanura, auch „Tanzender Derwisch“ genannt. Wer mehr über meinen Stil, meine Workshops, meine Auftritte, meine Termine und meine Biographie erfahren möchte, schaue sich bitte meinen you tube kanal oder meine homepage an:

www.mohamedshahin.net

http://www.youtube.com/user/mokha333
Und was bekommen die Studenten in deinen Workshops geboten?

Ich gebe bei Leylas Festival 2 Kurse. Während der wenigen Stunden, die wir zusammensein werden, erhalten meine Studenten so viele Informationen und Lernhilfen wie möglich. Auf der anderen Seite fordere ich aber auch meine Studenten, dafür bringen sie es dann in

verschiedenen Techniken, Bewegungen, Kombinationen, Stilen und Choreographien zur Meisterschaft und lernen allerlei Wissenswertes über die Tänze und bekommen Übersetzungen der verwendeten Liedtexte.
Im ersten Workshop geht es um: Klassische Orientalische Choreographie zu Um Kulthoums berühmtem Lied „Ansak“. Wir analysieren dort auch Technik und Choreographie. „Ansak“ ist einer von Um Kalthoums zeitlosen Hits. Im Arabischen bedeutet der Begriff so viel wie „dich vergessen“. Aber in dem Lied wird „Ansak“ in Frageform gestellt – „Dich vergessen?“ Und so lautet die Antwort auch „Niemals“. Dieses sehr gefühlsbetonte Stück wird von allen Generationen und Kulturen verstanden. Als ich dieses Lied choreographierte, habe ich den Text in Bewegung übersetzt, denn das ist ja das Gütezeichen echten ägyptischen Tanzes. Die Studenten lernen viele Handbewegungen, die entsprechend zur Bedeutung der Text-Worte stehen. Auf diese Weise wird der Darbietung zusätzliche Tiefe verliehen. Die Übersetzung wird den Studenten zur Verfügung gestellt, damit sie sich alles noch besser aneignen können.

Der zweite Kurs heißt „Shaabi“ (Kairoer Straßentanz) – Technik und Choreographie mit Analyse der Kombinationen. Shaabi ist eine bestimmte Lebensart, aber auch ein Tanz- und ein Musikstil. Im Ägyptischen bezieht sich „Shaabi“ auf die ärmeren Gegenden in Kairo mit entsprechend niedrigerem Lebensstandard. Die moderne Verwendung des Wortes „Getto“ trifft es am ehesten. Der Ausdruck übertrug sich auf die Musik, die in diesen Vierteln am ehesten gespielt wird. In Kairo hört man Shaabi heute überall, im Taxi, im Bus, im Falafel-Laden und bei bunten Hochzeitszügen. Shaabi ist die Musik des ägyptischen Volkes und etwas härter und phantasievoller als die normale ägyptische Pop-Musik
Du kommst zum ersten Mal nach Deutschland, nicht wahr?

Stimmt. Ich reise zum ersten Mal nach Deutschland, genauer im November 2011 zum 19. Orientalischen Festival Europas von Leyla Jouvana und Roland. Ich hatte vor ein paar Jahren das Vergnügen, die beiden beim Ahlan Wa Sahlan Festival in Kairo kennenzulernen. Seitdem begegnen wir uns immer wieder rund um den Globus, zuletzt in diesem Jahr beim Tanz-Festival im chinesischen Peking. Die beiden sind sehr warmherzige und liebenswürdige Menschen, und ich freue mich sehr darauf, bei ihrem Festival mitwirken zu dürfen. Wie allgemein bekannt ist, war Deutschland eines der ersten Länder, in denen Bauchtanz sich ausgebreitet hat, und deswegen hat Deutschland auch großartige Tanzlehrer. Und in Deutschland leben – nach Ägypten selbst – die meisten ägyptischen Tanzlehrer. Deswegen erwarte ich auch in den Shows wie in meinen Workshops einige tolle Tänzer. Und ich freue mich schon auf eine tolle Zeit mit allen Festival-Teilnehmern, auf daß wir uns gegenseitig viel beibringen und viel miteinander tanzen. Vielen Dank, ich freue mich auf euch!



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Mohamed Shahin ist Gast bei Leyla und Roland Jouvanas 19. Orientalischen Festival Europas, 18.- 28.11.2011, www.leyla-jouvana.de
DER TÄNZER DES VOLKES

Interview mit Mohamed Shahin

von Marcel Bieger
(auch Übersetzung)

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