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Photos © M. Shahin
Grafische Gestaltung: Konstanze Winkler
Viele Menschen geraten ganz aus dem Häuschen, wenn sie einen Tanura sehen, und nach der Show stellen sie mir unzählige Fragen, und dabei fühle ich mich auch richtig wohl.

Der Saidi dagegen ist einer meiner Lieblingstänze aus dem Schatz der ägyptischen Volkstänze. Dieser Tanz ist sehr erdverbunden und männlich. Während meiner Tourneen bekomme ich sehr viele Anfragen nach einem Saidi-Workshop. Wenn ich dann Saidi unterrichte, freut es mich immer wieder mit anzusehen, wie alle im Kurs großen Spaß beim Erlernen von Stil, Technik und Choreographie haben. Weil diesem Tanz meine ganze Liebe gehört, möchte ich ihn als meine eigentliche Spezialität bezeichnen. Ihm gehört meine ganze Hingabe, und darum verbinden die Menschen auch meinen Namen mit dem Saidi.

Der Ruf eilt mir voraus, aber so ist es eigentlich gar nicht. Allgemein ist ja bekannt, daß die besten Tanura-Tänzer aus Ägypten kamen und immer noch kommen. Viele dieser Tänzer beeindrucken mich immer wieder mit ihrer unfassbaren Ausdauer, ihrem Talent und ihrer Phantasie. Die Ägypter sind sehr leidenschaftlich, wenn es um den Tanura geht, und ich bilde da keine Ausnahme. Ich liebe es, den Tanura (so heißt eigentlich der Rock) zu schwingen. Er ist tatsächlich einer meiner Lieblingstänze, und wohin auf der Welt ich auch eingeladen werde, der Veranstalter möchte von mir am liebsten einen Tanura sehen. Ich tanze ihn sehr, sehr gern, aber genauso sehr mag ich es auch, anderen dabei zuzusehen. Wenn ich ihn vortrage, bin ich der glücklichste Mensch auf der Welt, vor allem, wenn die Zuschauer klatschen und laut rufen. Das gefällt mir ungemein.
Warum hast du dich auf den Tanura und den ägyptischen Saidi spezialisiert?

Wenn eine Sendung über ihn im ägyptischen Fernsehen lief, gab es für mich nichts anderes mehr, denn ich wünschte mir damals nichts sehnlicher, als so tanzen zu können wie er. Als ich gerade erst angefangen habe zu tanzen, bin ich ins Ballon Theater in Gizeh bei Kairo gegangen, wenn die Reda-Truppe dort live aufgetreten ist. Nachdem ich Berufstänzer geworden war, lud Mahmoud Reda mich zu einem Gastspiel bei seiner Truppe ein. Ich blieb zwar nicht lange dort, die Erlebnisse haben sich aber unauslöschlich in mein Gedächtnis eingebrannt.

entwickelt habe und umhergereist bin, um Kurse zu halten, da habe ich einige der Folklore-Techniken Mahmouds weitergegeben. Später habe ich dann mehr an der Ausformulierung meines eigenen Stils gearbeitet – und da kam mir zugute, klassisches Ballett und Modern Dance studiert zu haben. Doch obwohl mein Stil sich über die Jahre ziemlich gewandelt hat, stellt Mahmoud Redas Einfluß immer noch das eigentliche Fundament meiner Kunst dar. Und ich sehe es als hübsches Apercu an, daß wir beide am selben Tag Geburtstag haben.

Erzähle uns bitte etwas über den Einfluß, den Mahmoud Reda auf deine Tanzbegeisterung und deinen Stil hatte und immer noch hat.

Na, seit dem Beginn seiner Laufbahn hat Mahmoud Reda nicht nur mich geprägt, er beinflußte und beinflußt immer noch Generationen von Tänzern in Ägypten und auf der ganzen Welt. Ohne ihn wäre die Geschichte des ägyptischen Tanzes bestimmt ganz anders verlaufen.  Ich sage es gern, daß Mahmoud Reda auf mich stilbildend gewirkt hat. Als Tänzer, als Lehrer und als Vertreter meines Landes. Bevor ich angefangen habe, mich ernsthaft mit dem ägyptischen Volkstanz auseinanderzusetzen, habe ich mir schon Filme von Mahmoud und seiner Truppe angeschaut.

Es gibt für mich nichts Schöneres als den Tanz, und es erfüllt mich mit Befriedigung, wenn ich überall auf der Welt anderen meine Kultur zeigen, wunderbare Menschen kennenlernen und viele Freunde gewinnen kann.
Nach drei Jahren bei dieser Gruppe, ich war inzwischen 18, entschied ich für mich, mit der Tanzerei ernst zu machen. Ich begab mich also ins ruhmreiche Ballon-Theater, wo die bedeutendsten Volkstanzgruppen, Orchester und Theatertruppen auftraten und probten. So auch die Gruppe von Mahmoud Reda und das Nationale Tanztheater. Ich wollte gern in die National-Truppe aufgenommen werden und fing an, bei ihr Tanz zu studieren. Nach zwei Jahren Volkstanzstudium erhielt ich eine Einladung vom berühmten Sänger, Schauspieler und Fernseh-Moderator, Samir Sabry, bei seiner Truppe mitzumachen, der größten nichtstaatlichen in Ägypten. Von da an sah man mich allgemein als Profi an. Zu dieser Zeit war ich als Tänzer tätig, studierte aber gleichzeitig Maschinenbau. Als ich an der Fachhochschule für Ingenieurwissen mein Studium abgeschlossen hatte, entschied ich mich jedoch gegen diese Berufslaufbahn und konzentrierte mich fortan ganz auf den Tanz allein. Und ich habe diesen Entschluß niemals bereut.
Mir gefielen die Atmosphäre bei ihnen und die Energie, die sie erzeugten. Nachdem ich ihnen einige Male zugeschaut hatte, sagte ich mir, daß das genau das richtige für mich wäre. Also bin ich zu ihrem Chef und habe ihn gefragt, ob ich mitmachen könne. Er fragte zurück, ob ich denn eine Tanzausbildung hätte. Ich verneinte, und er wollte wissen, wie ich denn darauf käme, bei ihnen mittanzen zu wollen. „Weil ich gerne tanze“, antwortete ich, „und ich lerne ziemlich schnell, wirklich.“ Nachdem ich lange genug gebettelt hatte, meinte er, ich könne morgen zu den Proben kommen. So begann ich, mit dieser Truppe zu trainieren, und alle Mitglieder waren sehr freundlich und hilfsbereit zu mir. Sie brachten mir alles bei, was ich wissen und können mußte, um bei ihnen mitzumachen.
Was genau hat dich denn im zarten Alter von fünfzehn Jahren bewogen, ägyptischer Tanzkünstler zu werden?

Als Kind habe ich Musik hauptsächlich auf meinem Geburtstag oder bei Familienfeiern zu hören bekommen, und dann konnte ich nicht anders, als dazu herumzuhüpfen und zu springen. Irgendwann mit fünfzehn habe ich mich dann von einem Tag auf den anderen entschlossen, mir ein paar Tanz-Gruppen anzuschauen … in der Hoffnung, daß eine von ihnen mich aufnehmen würde. Ganz in der Nähe von uns befand sich eine Vielzweckanlage, wo man Tennis, Fußball und anderes spielen, Schwimmen, Musizieren oder sich anderswie künstlerisch betätigen konnte. Dort entdeckte ich auch eine Tanztruppe, der ich gern bei den Proben zusah. Alle Mitglieder, gleich ob Mann oder Frau waren mit Eifer dabei und hatten viel Spaß beim Tanzen. Sie ließen sich auch dann nicht die Laune verderben, wenn der Lehrer sie zurechtwies oder korrigierte.

DER TÄNZER DES VOLKES

Interview mit Mohamed Shahin

von Marcel Bieger
(auch Übersetzung)

Einer der wichtigsten zeitgenössischen OT-Tänzer ist der Ägypter Mohamed Shahin. Er kommt in diesem Jahr zum ersten Mal nach Deutschland, und wir sind ebenso gespannt auf ihn wie er auf uns. Im folgenden Interview erzählt er, wie er zum Tanz gekommen ist, worauf er sich spezialisiert hat und wie die Aufstände in Ägypten sich auch auf die Tanzwelt ausgewirkt haben.