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Fotos: 1 und 2 (c) Neas Tribal; WoO-Gala (c) Konstanze Winkler; Fotos TF2 (c) Arno Werner

NEAS TRIBAL ZUM ZEHNTEN

Deutschlands ältester und bester
Tribal-Stamm hatte 2010  Geburtstag

von Marcel Bieger

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Ich fand das jetzt ganz wichtig, daß du gerade „euch“ gesagt hast, ihr habt bisher viel neutraler von euch als Gruppe geredet. Du gehst gleich rein, das ist vielleicht auch eines eurer Geheimnisse, daß ihr euch untereinander geborgen fühlt.

Ja, also, so ist es wahrscheinlich. Wenn mir Sachen durch den Kopf gehen, die mich einfach davon abhalten, die Dinge zu tun, die für die Neas notwendig wären – seien es nun Terminabsprachen -, oder sonst Sachen, die einen beschäftigen, ein Arztbesuch oder was weiß ich, dann denke ich mir schon manchmal, hm, kriegste das alles auf die Reihe. Vom Training her, oder von der Fitneß, kannst du es überhaupt noch bringen, dann kommt einem schon mal der Gedanke ans Aufhören. Wenn ich dann aber hier war, reagiere ich auf solche Gedanken nur mit „Pfft! Was für ein Quatsch!“

– Manchmal werden auch aus Mißverständnissen neue Bewegungen im Tanz erschaffen, die alle so toll finden, daß wir sie ins Repertoire aufnehmen. Das finde ich hier besonders wichtig. Neas Tribal ist für mich wie ein Überraschungs-Ei.

– Was hier eben über eine zweite Gruppe angesprochen wurde, ich habe ja auch noch eine andere Gruppe, und wir tanzen ebenfalls schon länger Tribal, wir haben Auftritte, und es macht uns auch einen Riesenspaß, und Zusammengehörigkeitsgefühl gibt es bei uns auch – aber das ist eben eine Gruppe und kein Stamm. Das sehe ich ganz deutlich, wie es hier läuft und wie es bei der anderen Gruppe läuft: Wenn jemand zum Beispiel krank ist, aber nicht so krank, daß sie das Bett hüten muß, dann kommen die Neas trotzdem hierher. Auch wenn sie nicht mithalten kann, sitzt sie doch dabei, guckt zu und kritisiert, lobt, wenn etwas in Ordnung ist, oder liegt einfach nur da und schläft, das hatten wir auch schon. Das ist bei meiner anderen Gruppe nicht der Fall. Wenn eine keine Lust hat, dann kommt sie eben nicht. Ob ein Auftritt ansteht oder nicht, och, die anderen kriegen das schon hin. So ist in der anderen Gruppe die Mentalität. Hier läuft das ganz anders. Wenn wir ein Ziel haben, wird auf das Ziel hingearbeitet. Das macht den Unterschied zwischen Stamm und Gruppe aus.

– Ich möchte noch etwas zur Akzeptanz sagen: Das ist hier so, egal ob man Blödsinn macht, oder irgendwelche komischen Entscheidungen trifft, man findet hier immer Rückhalt. Man hat hier das Gefühl, egal was man macht und sei es noch so ein Blödsinn, man findet hier immer Rückhalt. Wenn man Probleme hat, kann man die thematisieren oder auch nicht, es tut einfach gut, hier in der Gruppe zu sein.
Neas Tribal - auch hier zeigt sich ihre Stammeszugehörigkeit
– Es herrscht eine ganz besondere Chemie zwischen uns – ich bin ja auch noch in einem anderen Stamm –, aber die beiden kann man nicht vergleichen. Ich will keinen der beiden Stämme aufgeben, um nichts in der Welt, es liegen Welten dazwischen, wie sich hier und dort das Zusammensein anfühlt. Hier bei den Neas gefällt mir auch noch besonders, daß man seiner Kreativität freien Lauf lassen kann. Wenn man eine spontane Idee hat, dann spricht man die aus, und dann denken die anderen mit darüber nach. Dann wird sie eingebaut oder auch nicht, wenn sie noch zu unausgegoren ist. Also man kann sich hier ausleben, die Phantasie spielen lassen.
Was macht ihr beruflich?
Versicherungsagentin. – Informatik. – Sachbearbeiterin beim Arbeitsamt. – Ich bin von Beruf Schreinermeisterin, aber seit zehn Jahren raus. - Hausfrau und Mutter. – Ich bin Tänzerin, Dozentin und Tanzstudio-Inhaberin.

Eine richtig bunte Mischung, sowohl vom Alter her wie auch vom Beruf.
Es kommt ja auch nicht von ungefähr, daß diejenigen, für die unser Tanz, unsere Gruppe das richtige sind, auch hier sind. Und diejenigen, für sie so etwas nicht das Richtige ist, sind eben nicht hier. Das hat ja etwas mit dem Begriff Stamm zu tun. Was für Erwartungen habe ich an die anderen, und welche Erwartungen haben sie an mich. Bei uns hat es sich im Laufe der Jahre so entwickelt, daß die Erwartungen in einem liebevollen Rahmen bleiben. Das bleibt nicht auf Training und Tanz begrenzt, das bezieht sich auch auf persönliche Dinge.

hier führt jede mal an! Neas Tribal auf der World of Orient-Gala 2010
Es gibt ja auch Tänzerinnen, die sich einer Gruppe in der Hoffnung anschließen, daß man sich dort um sie kümmert. Und wenn das enttäuscht wird, dann ist die Tänzerin von der ganzen Gruppe enttäuscht, und dann ist das nicht das Richtige für sie. Das ist aber bei Neas Tribal gerade nicht der Fall. Gerade was den Familienersatz angeht, dieses füreinander dasein, ist natürlich vorhanden, aber die Erwartungen sind so niedrig gehalten, daß es für alle Mitglieder möglich ist, die auch zu erfüllen. Anders ausgedrückt, es sind nicht so viele Fettnäpfchen aufgestellt.
Wir sind bodenständig (zustimmendes Gemurmel). Wir haben ja schon ein paar Jahre auf dem Buckel und stehen mit beiden Beinen im Leben. Da brauchen wir uns mit so einem Pille-Palle nicht mehr abzugeben. Das muß nicht mehr sein. – Es ist für keine in der Gruppe wichtig, sich vor den anderen zu profilieren, gleich in welcher Weise. Bei jüngeren Gruppen sieht man das ganz oft, zum Beispiel an derjenigen, die führt, die muß sich in Kleidung, Bewegungen und so weiter von den anderen abheben. Das gibt es bei uns nicht, wir sind alle gleich. – Wenn es anders wäre, wäre das auch für mich ein Grund, hier rauszugehen. – Das improvisierte Tanzen wäre sonst auch gar nicht möglich. Gerade das war für mich ja ein Hauptgrund, in dieser Gruppe zu bleiben, daß hier Tribal nicht nach Choreographie getanzt wird. (Zustimmendes Gemurmel). – Hinter einer Führenden bei einer Choreographie kann ich mich ja auch ganz prima verstecken. – Genau das bringt doch unsere Lebendigkeit, wir stehen ständig vor dem Risiko, Fehler zu machen. Wir haben schon den Biß, daß wir es immer richtig
machen wollen, und haben auch einen hohen tänzerischen Anspruch, aber wenn es dann mal nicht so toll klappt, davon geht die Welt nicht unter. – Aber das ist doch der Vorteil bei der Improvisation, wenn da was schief geht, kann man doch improvisieren. Bei der Choreographie sieht man sofort, daß etwas verhauen wurde. – Wenn man bei einer Choreograhie einen Blackout hat, weiß man nicht mehr, wie man weitertanzen müßte, und bringt alles durcheinander. Bei der Improvisation gibt man in einem solchen Fall die Führung ab, bis man sich wieder gefangen hat. – Ich wollte noch etwas zu der Frage sagen, warum man sich keine andere Gruppe sucht. Ich habe ja eine ziemlich weite Anfahrt. Also erstens kennt man eigentlich ja nur das Repertoire, das in der Gruppe getanzt wird, in der man ist. Wir zum Beispiel haben viel von amerikanischen Dozentinnen gelernt. Sozusagen von denen, die es erfunden haben. Wir haben also soviel gesehen und gelernt, daß man bei einer anderen Gruppe bestimmt nicht damit zufrieden wäre, wie dort getanzt wird. Also möchte ich doch weiter dort bleiben, wo ich meinen Standard finde.
Ihr wechselt euch beim Tanz alle ab, nicht wahr?

Ja, jede muß mal nach vorn. Wir haben aber keine festgelegte Reihenfolge, das entsteht ganz spontan. – Es gibt keine Privilegierten, wie das vor Jahren mal im Schwange war, daß nur bestimmte rausdurften. – Es ist auch nicht festgelegt, was diejenige zu tanzen hat, die gerade vorn steht. – Einmal sind von sieben fünf gleichzeitig raus gegangen, in genau der gleichen Sekunde (alle lachen). Das gab ein Wahnsinns-Gelächter auf und vor der Bühne. – Da hatten wir noch ein System (lacht), ein ganz super System, das hat nur nie geklappt. – Das System war so ausgeklügelt, daß man gar nicht mehr wusste, wer wann rausgeht und was macht. Man musste auch sehr aufpassen, wohin man in den Chorus zurückging, weil davon abhing, wer als nächste rausmußte. – Das war so kompliziert, daß wir das ganz schnell nicht mehr auf die Reihe gekriegt haben. – Jedesmal mußte es wieder neu erklärt werden. – Eine ging zurück und hat

sich in den Chorus eingereiht, und diejenigen, die links und rechts von ihr standen, mußten dann raus. – Also System war da schon drin, nur wir haben es immer wieder vergessen. – Da hat man gerade woanders hingeguckt und gar nicht so mitgekriegt, daß man jetzt dran war. – Die eine sollte in die Führung, die andere an den Schluß, und schon ging die Diskussion los, wer geht wohin? (Alle lachen.) – Das war unser Rotationssystem, bevor wir den „Open Chorus“ eingeführt haben. – Man ist auch nicht gezwungen, rauszugehen, wenn zum Beispiel langsame Musik kommt und man auf die keine Lust hat. – Oder wenn man total verwirrt ist, weil die Bühne so glatt ist, daß man bei jeder Drehung fast das Gleichgewicht verliert. Da darf man sich dann auch schon mal zurückhalten. – Ich finde es ziemlich wichtig, daß jede alle Positionen einnehmen kann, daß alle gleichberechtigt sind. Es wäre ganz furchtbar, wenn nur Gabriella immer führen würde. – Ich kenne das von anderen Gruppen, wo Tänzerinnen sagen, ich trau mich nicht zu führen. Klar, man trägt ja dann auch Verantwortung für die Gruppe, alle gucken auf einen. Aber das ist ja auch eine schöne Erfahrung, da vorne zu stehen und zu wissen, hinter einem steht die Gruppe und macht alles, was man mit ihnen macht, da gibt einem selbst auch eine ganze Menge Sicherheit.
Ja, das kommt wirklich prima rüber bei Neas Tribal. Deswegen jetzt meine ganz dumme Frage: Warum hat bei eurem letzten Auftritt in Hannover (2. Norddeutsche Tribal Tage) nur Gabriella mit Martha getanzt, während der Rest von euch im Hintergrund im Chorus geblieben ist?
Das geschah aus Gründen der Sicherheit, weil ich (Gabriella) vorher die Möglichkeit hatte, unseren Auftritt eine Stunde lang durchzugehen, die anderen aber leider nicht. Für Martha war es der erste Auftritt in Deutschland, und mein Anliegen war, sie so gut wie möglich aussehen zu lassen. Wir hatten im Vorfeld keine Gelegenheit, viel zu besprechen was Bewegung und Musik angeht. Die Gruppe wußte nicht einmal, mit welcher Musik wir auf die Bühne wollten. Zwei Tage vorher habe ich ihnen per mail mitgeteilt, was kommt, und ihnen gesagt, ihr braucht euch keine Sorgen zu machen, sondern nur im Chorus zu sein und zu zimbeln. Ich habe mir noch gedacht, die bringen mich dafür um. Das Tempo war so hoch, daß man eigentlich nur im Stehen zimbeln konnte. Ich habe beim Tanz ein paar Mal den Rhythmus verloren, eben wegen der hohen Geschwindigkeit. Das wollte ich den Mädels nicht zumuten, und weil ich aus der Gruppe die meiste Erfahrung habe, dachte ich mir, dann tanzt du eben allein mit Martha. Davon abgesehen war es doch auch mal ganz schön zu zeigen, was so ein Power-Duett alles bringen kann. Ein ganzes Musikstück lang nur zwei vorne. –
So etwas ist auch Arbeit, Improvisation findet erst statt, wenn wir tanzen, vorher muß eben bei einem solchen Duett eine ganze Menge besprochen und festgelegt werden. Welche Musik, langsam oder schnell, wer mit wem was macht. Wir sind das ungefähr so wie Fat Chance Belly Dance angegangen. Und da war es eben so, daß wir zusammen mit Martha rausgehen, dann einen vierer  dann Marthas Solo und dann das Duett von Martha und mir. So machen FCBD das auch.
Martha und Gabriella im Duett beim Tribal Festival 2009 in Hannover
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