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Fotos: 1 und 2 (c) Neas Tribal; 4 (c) Celine Garras; 3 und 5 WoO-Gala (c) Konstanze Winkler

NEAS TRIBAL ZUM ZEHNTEN

Deutschlands ältester und bester
Tribal-Stamm hatte 2010  Geburtstag

von Marcel Bieger

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Bei euch ist alles improvisiert, wirklich alles?

Ein ganz klares Jein. Unsere Nummer mit den Schleierfächern ist nicht improvisiert. Denn neun Frauen mit Fächerschleiern, das haut einfach nicht hin, wenn da alle improvisieren. Das Stück läuft auch von der Musik und vom Tanz her eher in Richtung Fusion, und im Fusion ist Choreographie normal. Aber das andere, was wir im Frühjahr getanzt haben, war improvisiert. Lediglich die Übergänge von einem Musikstück zum anderen sind festgelegt. Doch nicht an der Frau, sondern an der Position. Das geht erst nach links, dann nach rechts, und durch die Improvisation, die vorher war, weiß dann niemand, wer wo steht. Alle müssen also auf alles vorbereitet sein. Improvisiert eben…

Wer legt denn dann fest, wer links und wer rechts von der Bühne abgeht?

Das kommt auf die Bühne an. Da, wo wir rein gekommen sind, gehen wir in der Regel auch wieder raus. Und trennen tun wir uns nicht, wir gehen alle in Linie ab. (Alle lachen.) Abgang machen wir immer zusammen (zustimmendes Gemurmel). Es sei denn, eine hat nicht mitbekommen, wo die anderen rausgehen. – Aber wenigstens hast du gesehen, daß verschiedene vorne stehen. Es kann auch mal sein, daß eine dreimal hintereinander nach vorn geht und bei einem anderen Tanz gar nicht.

Na, das fällt auf, weil nicht alle Stämme so etwas machen. Bei denen steht immer dieselbe vorn.

Das ist das Sicherheitsgefühl, von dem wir vorhin gesprochen haben. „Geh du nach vorn, mach du das mal lieber.“ - Das wäre mir zu langweilig. – Aber man muß auch mehr aufpassen, daß einem keine Fehler unterlaufen. – Ich sage immer, das ist wie Gehirn-Jogging. – Ist es auch, weil da viele Sachen

gleichzeitig passieren. – Als Führende muß man dann ja auch überlegen, wie war das Kommando, machste das auch im richtigen Takt. Das entfällt natürlich, wenn man Nachfolgende ist. Dann sieht man das Kommando und weiß, aha, das ist jetzt gefordert. – Dann kann man mit der Aufmerksamkeit auch ein bißchen herunterfahren.
Wie lange habt ihr ungefähr gebraucht, bis ihr so weit wart?

Zehn Jahre. – Wir haben noch soviel vor, sind nie fertig. – Selbst die Bewegungen, die wir von Anfang an gemacht haben, verfeinern wir immer weiter.  – Und von diversen Dozentinnen kriegen wir immer noch einen drüber (alle lachen). – Wir richten uns ja ziemlich nach Fat Chance Belly Dance, und die verfeinern ihre Bewegungen und Abläufe auch ständig. Genauso handhaben wir das. Man darf sich nie sicher fühlen, daß man eine Bewegung kann, man muß ständig an sich arbeiten. Auch nach zehn Jahren muß ich immer noch nach meiner Haltung gucken und immer noch darauf achten, daß ich richtig stehe. Das hört nie auf. Man muß das alte Repertoire pflegen und Neues einbauen, hier was abändern und Neues kreieren. Um-Arbeit, Formations-Arbeit. Das ist auch richtig so. Wenn man einmal sagt, so, jetzt haben wir alles, fängt man an abzubauen. Das will auch keine von uns. – Das ist der Pluspunkt der Kreativität.

– Das ist ein bißchen damit vergleichbar, eine Sprache zu lernen. Selbst wenn man sich mit einem Einheimischen in dessen Sprache verständigen kann, wird man trotzdem noch als Fremder erkannt. Und selbst wenn man schon jahrelang dort gelebt hat, gibt es immer noch Worte, die man nicht auswendig kann. Sobald man mal ein Jahr Pause macht, vergißt man auch unglaublich viel. Deswegen bleiben wir immer dran.
Schaut ihr euch auch andere deutsche Tribalgruppen an?

Natürlich. Shir o Shakar oder Perlatentia zum Beispiel gucken wir sehr gerne. Die haben tolle Kostüme, gut definierte Bewegungen, und die Leitung ist sehr bemüht, voranzukommen. Das sind ganz, ganz liebe nette Mädels. – Auch sehr kreativ. – Also, wir haben zu einigen Gruppen freundschaftliche  oder kollegiale Kontakte. Dafür sind wir ja auch schon lange genug in der Szene.

Von eurer Position aus könnt ihr durchaus sagen, die sind gut, und die sind auf dem richtigen Weg, und die könnten noch einiges an sich tun.

Gut ist relativ. – Vielleicht interpretieren wir ja nur die Musik etwas anders, als sie die interpretieren. Wir hätten das womöglich anders gemacht.  – Vielleicht versteht man auch nicht auf Anhieb, was die sich dabei gedacht haben.  – Pauschal kann man gar nicht sagen, die sind gut, und die sind nicht so gut. – Wir sehen natürlich auch viele Bewegungen, die etwas anders getanzt werden als von den Dozentinnen aus Amerika. Bei manchen weiß man daher nicht, wollen die das wirklich so, oder haben die das einfach nur falsch gelernt (alle lachen). Man kann nicht immer sagen, das ist gut, oder das ist schlecht, vielmehr ist das eben deren Art. – Denn sie wissen nicht, was sie tun! (Heiterkeit). –
Der Begriff „Haltung“ ist einige Male gefallen.

Heutzutage kann man ja viele Videos auf „You Tube“ sehen, und bei denen läßt sich meist ziemlich rasch erkennen, ist da eine Haltung vorhanden oder nicht. Wir arbeiten jedes Mal intensiv daran, die Haltung aufrechtzuerhalten. Für viele ist Haltung ein Fremdwort. Die sehen im Video oder bei der Lehrerin die Bewegung, sie können sie irgendwann auch, aber von Haltung haben sie noch nie etwas mitbekommen.

"Haltung" wird bei Neas Tribal groß geschrieben
– Haltung nach Fat Chance ist schwieriger und anstrengender als normaler Bauchtanz.

– Bei mir ist der Groschen eigentlich erst gefallen, als Martha zu uns kam und ich sie bei dem beobachten konnte. Als sie mit uns Trainingsprogramm durchgeführt hat, habe ich mir gedacht eigentlich macht sie an vielen Stellen wenig, und das sieht trotzdem genial aus, einfach nur wegen der Haltung. Das ist der Unterschied.

– Das hat man auch gesehen, als Martha noch nicht hochschwanger war und alles tanzen konnte, wie sie den Chorus angeführt hat. Minimale Bewegungen und kein Wechsel, und sie hat trotzdem geschwitzt. Da habe ich gedacht: Gottseidank, ich dachte schon, die strengt überhaupt nichts mehr an, aber jetzt schwitzt sie auch. Sie hat ununterbrochen die Arme hochgehalten und dabei gezimbelt. Kein Rumgezappel oder so, sondern eine richtig klasse Haltung.

– Als wir die ersten Dozentinnen von Fat Chance hier hatten, da waren auch ein paar da, die beim Anblick der Bewegungen gesagt haben, ja, das kann ich doch alles, was will ich überhaupt hier.

– Ja, die haben es nicht verstanden.

– Und bis heute hat sich da wenig geändert, bei vielen ist das noch genau so.

– Die Bewegungen kennen sie fast alle, aber sie wissen nicht, wie die richtig getanzt werden.

– Ich glaube, in Deutschland haben viele ein Problem mit ihrer Selbstreflexion. Warum das hier so auffällig ist, weiß ich nicht, aber es ist so.
immer perfekte Haltung: Martha und Neas Tribal auf der diesjährigen World of Orient-Gala
– Haltung ist richtig Arbeit.

– Deswegen tanzen wir auch nicht zwanzig Minuten am Stück. Wenn andere eine halbe Stunde oder so auf der Bühne bleiben, geht das nur, wenn sie die Haltung vernachlässigen. Ehrlich gesagt, ich könnte die auch nicht so lange aufrecht erhalten.

– Ich mache bei meiner anderen Gruppe auch immer wieder die Erfahrung, daß welche kommen und sagen „ihr macht Tribal, ist ja toll, wollen wir auch, sieht ja gar nicht so schwer aus.“ Die probieren das dreimal und sind dann wieder weg. Denn die kommen mit der Haltungsarbeit überhaupt nicht klar. Dafür muß man sich anstrengen, dafür muß man trainieren. Es reicht nicht, sich einfach hinzustellen und ein bißchen hin und her zu bewegen.
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