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NEAS TRIBAL ZUM ZEHNTEN

Deutschlands ältester und bester
Tribal-Stamm hatte 2010  Geburtstag

von Marcel Bieger

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Wer von euch hat auch eine Ausbildung im Orientalischen Tanz?

(Fast alle melden sich) Einige sind zu uns gekommen, die hatten uns noch nie live, sondern nur auf Video gesehen. – Ich habe euch vorher aus der Menge zugejubelt und war so etwas wie euer Groupie. – Es gibt Tribal-Gruppen, die sind aus einer Bauchtanzgruppe entstanden, die sind meist alle im gleichen Alter, kennen sich und nur sich und haben enorme Schwierigkeiten, andere und vor allem jüngere Frauen aufzunehmen. Ich will das mal ganz vorsichtig als Konkurrenzdenken bezeichnen. So etwas war bei uns nie der Fall, bei uns sind immer neue und auch jüngere Mädels reingekommen. Aber ich weiß, daß viele vor allem mit frischem Blut ein Problem haben. - Das ist mir gerade im letzten Jahr aufgefallen, daß unsere werdende Mutter, die von ihrer Musik her aus dem Heavy Metal kommt und auch sonst eher den dunkleren Seiten anhängt, einfach schon so ein Bestandteil von uns geworden ist, daß uns ohne sie doch etwas fehlen
würde. Na gut, ein ganz so junges Mädchen ist sie auch nicht mehr.  - Im Vergleich zu manchen von uns schon. – Und das findet sie kein bißchen komisch, unter uns zu sein. – Wir haben immerhin drei Omas aufzuweisen! – Deswegen hat Helena uns in Hannover ja auch als die „Großmütter des Tribal“ angekündigt (alle lachen). – Mir als Jüngster in der Gruppe wird der Altersunterschied überhaupt nicht bewußt. Ich denke dar nicht darüber nach, daß einige hier vom Alter her meine Mutter sein könnten. Sie sind alle im Geiste jung geblieben, - Nur im Geiste? (Alle lachen). – Solche Sachen werden hier ganz wenig thematisiert. Klar wissen wir alle, wer hier wie viele Kinder hat, darüber wird ja auch schon mal was erzählt, aber es ist hier gewiß nicht so, daß die Mütter zusammenglucken. – Nein, bestimmt nicht. – Genauso wenig wie die immer zusammenhängen, die keine Kinder haben. – Wenn alle ihre Kostüme anhaben, wird der Altersunterschied noch weniger deutlich, dann sieht man ihn fast gar nicht mehr. Egal wie alt die einzelne ist, wir tanzen alle die gleichen Bewegungen und die gleichen Abläufe. – Wir dürfen frühstücken, wenn andere hungern müssen (alle kichern). – In Hannover haben wir übernachtet und zusammen im Café gefrühstückt. Unser Tisch hat sich von all den Köstlichkeiten gebogen. Und da kamen natürlich die anderen Bauchtänzerinnen vorbei, in ihren Bella-Kostümen, in die sie nur reinpassen, wenn sie sich ausschließlich von Salatblättern ernähren. Und da kamen dann schon die bissigen Bemerkungen rübergeflogen. „Ja, beim Tribal kann man ja essen.“ – „Ich muß auf meine Figur achten, aber das braucht ihr ja nicht!“ Und da haben wir geantwortet: „Ja, stimmt!“ und herzhaft ins Schokobrot gebissen.
Gehört das zu den Dingen, die für euch beim Tribal wichtig sind, daß eben keine Mannequin-Figur dafür Voraussetzung ist?

Eigentlich denken wir gar nicht darüber nach. – Wir versuchen einfach nur, gut auszusehen. Ob eine drunter einen Body trägt oder nicht, bleibt jeder selbst überlassen. Keine wird gewungen, ein Kostüm zu tragen, in dem sie nicht gut aussieht oder sich nicht wohlfühlt. Tribal ist was für jede Frau, egal was für ein Alter oder was für eine Figur sie hat. So etwas kann man beim traditionellen Bauchtanz natürlich nicht machen. – Beim Tribal siehst du gut aus, wenn du eine gute Haltung hast. – Genau, das ist es. – Eine von uns hatte sich mal am Bein verletzt, und da wollte sie nicht mit auf die Bühne. Aber wir haben ihr eine Trommel in die Hand gedrückt, sie in den Chorus gestellt und ihr gesagt, du kommst mit, du gehörst dazu. Sie wollte sich ins Publikum setzen und nur zuschauen, aber wir haben ihr gesagt, das gibt es nicht. – Das war der gleiche Auftritt, bei dem ich meinen Gürtel vergessen hatte. Ich war so durch den Wind, daß mir das gar nicht

aufgefallen ist. – Wir haben ihr das dann mit Sicherheitsnadeln alles festgemacht, ein paar Bömmel drüber gehängt, und das ist dann keinem mehr aufgefallen. Selbst Gabriella nicht, die sicher nen Anfall gekriegt hätte ( Gelächter). Im Tribal soll jede Frau gut aussehen und das tut sie wenn sie eine entsprechende Haltung hat.
Habt ihr noch mehr solcher Erlebnisse?

Als Veronika uns mal beinahe alle mit dem Messer aufgeschlitzt hat! – Und wie war das nochmal mit dem Vorhang? – Wir gehen von der Bühne ab in dem Glauben, so sind wir auch hergekommen. Überall nur schwarzer Stoff, und wir geraten plötzlich in eine Sackgasse. Die Füße gucken unter dem Vorhang hervor, und bei uns geht es nicht vor und nicht zurück. Wir wußten nicht, was wir machen sollten, und das Publikum hat das dann auch irgendwann mitbekommen und fing an zu lachen. – Das war mein erster Auftritt mit euch. – Mir ist mal irgendwann eine Tasche aus meinem Wagen geklaut worden. Da waren mein ganzer Schmuck drin, Kostümteile und mehr. Ich war ziemlich traurig, weil ich damals noch kein Geld hatte, um mich auf die Schnelle neu auszustaffieren. Aber dank meines Stammes war ich relativ schnell wieder gut eingedeckt. – Das ist das Schöne, wenn man mal was vergessen hat, haben die anderen bestimmt Ersatz dabei. Ohne größeres Aufhebens wird sich das gegenseitig ausgeliehen.

Tretet ihr nur für Gage auf?

Am liebsten. (Alle lachen.) Aber diese Gelegenheiten sind leider rar. Deswegen treten wir auch bei Benefiz-Veranstaltungen oder im gegenseitigen Einvernehmen auf, wie es so schön heißt. Schön wär’s,

wenn es immer Geld gäbe, ist aber leider nicht der Fall. – Beim Bauchtanz war es mal so, daß man immer was gekriegt hat, aber der Tribal ist dafür wohl noch zu unbekannt.

Tragt ihr immer noch Waffen?

Nein, das haben wir nur am Anfang gemacht. Am Anfang hatten wir immer Messer und Dolche dabei. – Als ich dazu kam, war das aber schon nicht mehr so. Ich habe zwar noch beim Aufnahme-Ritual ein Messer geschenkt bekommen, aber das wurde dann nicht mehr getragen. – Das waren doch ohnehin nur Deko-Stücke, und wir hatten auch nicht alle einen Dolch. – Wir haben immer mehr Selbstbewußtsein gewonnen und den Dolch als Symbol des sich-verteidigen-könnens nicht mehr gebraucht. – Als wir angefangen haben, war sowieso noch manches anders. Gelacht wurde da nicht, böse gucken war angesagt. – Und dicke Bömmel. – Je dicker, desto besser. – Aber wir definieren uns schon lange nicht mehr über die Dicke der Bömmel.

Was habt ihr denn noch für weitere Pläne?

Dahin zu kommen, wo wir noch nicht gewesen sind. – Und daß einige von uns es schaffen, nächstes Jahr nach Sebastopol zu kommen, zum „Tribal Fest“, der größten Tribal-Veranstaltung der Welt. Wir werden dort dann nämlich als eine der ersten deutschen Gruppen überhaupt auftreten. Ansonsten waren wir ja schon einige Male im Ausland. Am liebsten reisen wir mit dem ganzen Stamm, nicht nur des gemeinsamen Bühnenerlebnisses wegen, sondern auch weil das ganze Drumherum für uns ebenso wichtig ist. – Und die weitere Zusammenarbeit mit Fat Chance Belly Dance. Die Verbindung mit denen ist wirklich gut und fruchtbar.

Wie ist es zu dieser Zusammenarbeit gekommen?

Eine von uns hatte damals die Idee – da gab es noch kein You Tube und kaum DVDs, von denen man lernen konnte -, es wäre doch mal ganz schön, bei dieser oder jener einen Workshop zu machen. Mit allen da rüberfahren, kostet zuviel Geld, wie wäre es denn, wenn wir die zu uns einladen würden? Erstmal hat keine geglaubt, daß das klappen könnte, aber dann haben wir die ersten angeschrieben und auch Antwort bekommen. Wir waren alle in der größten Aufregung.

v.l.n.r.: Wendy Allen (FCBD), Gabriella, Martha Saunders
Mein Gott, die haben ja gesagt, die kommen tatsächlich! Schon in sechs Wochen! Wir hatten überhaupt keine Ahnung, was wir jetzt machen sollten, aber irgendwie haben wir das Ding geschaukelt, und es war einfach nur klasse. – Uns ist dann aber auch ziemlich rasch klar geworden, dass wir all das vergessen konnten, was wir bis dato gelernt hatten. Was wir uns vorher angeeignet hatten, steckte voller kleiner, tückischer Fehler. Uns konnte gar nichts Besseres passieren, als mit den amerikanischen Lehrerinnen zusammenzukommen. Für uns bedeutete das den definitiven Dreh in die richtige Richtung. Wir haben dann aus diesen Begegnungen rausgeholt, was zeitlich nur irgend ging. Neben den offiziellen WS gab es für uns noch Gruppen- und Privat-Training und –Nachhilfe. Seitdem, das war 2003, haben wir bis auf ein Mal, jedes Jahr jemanden hier gehabt von Fat Chance.
Ihr zweiteilt das, in einen allgemeinen Workshop und in Unterricht für euch.

Ja, es gibt einen allgemeinen Workshop für alle, um die Kosten wieder reinzukriegen. Es geht natürlich ganz schön ins Geld, jemanden hier herüber zu holen. Das lässt sich nicht aus der Gruppenkasse finanzieren, dafür braucht man Geld von außen. Aber dadurch erhalten andere ja auch die Möglichkeit, sich fortzubilden. – So lernt man nicht über Dritte, was man eventuell falsch macht, sondern direkt an der Quelle. – Wendy kommt dieses Jahr wieder. Obwohl der Termin noch gar nicht feststeht, haben wir schon Anfragen wegen ihres WS. Wendy fühlt sich auch wohl hier und arbeitet hier gerne. Nächstes Jahr ist sie dann ja schon zum vierten Mal bei uns. Martha Saunders bringt hier in Deutschland ihr Kind zu Welt, reist dann zurück in die USA, um ihre Ausbildung zu Ende zu bringen, und kehrt im Frühjahr nach Deutschland zurück, um sich hier als erste zertifizierte FCBD-Lehrerin niederzulassen und auch sie wird weiter Workshops hier geben.

Ihr habt eine besondere Beziehung zu Martha..

Ich bin ihre „Milchreis-Mama“. Sie arbeitet sehr gern mit Neas Tribal zusammen. Wir haben schon viel zusammen gearbeitet, und man kann durchaus von einem persönlichen Verhältnis sprechen. Ja, sie ist unsere Freundin. Offiziell ist sie der Liebe wegen nach Deutschland gekommen, aber da gibt es natürlich auch noch andere Gründe. Sie hat deutsche und schwedische Wurzeln und ihrer Oma auf dem Sterbebett versprochen, mal nach Deutschland zu gehen und sich hier umzuschauen. Wendy war hier und hat gefragt, ob Martha ihr assistieren könnte. Ich hatte nichts dagegen. So ist sie dann gekommen, hat sich in Deutschlang verliebt und ist geblieben.

Miteinander – Füreinander.

Wir legen genauso viel Wert darauf, miteinander Spaß zu haben, wie auch das Publikum zu begeistern. Uns ist es wichtig, daß da ein Austausch stattfindet. Manche haben da ein unausgewogeneres Verhältnis. – Die tanzen frontal, fürs Publikum. Für sie ist nur die Performance wichtig, wie kommen wir beim Publikum an. – Bei uns ist sogar ein klein wenig mehr nur für uns: Vielleicht 51 Prozent für uns und 49 % fürs Publikum. – Mir passiert das beim Tanzen manchmal, daß ich das Publikum ganz vergesse, weil ich gerade mit einer von uns so schön flirten kann. – Ja, genau (alle lachen). – Wir lassen das Publikum nicht außen vor, aber wir tanzen doch schon ein ganz kleines bisschen mehr für uns. – Wir wollen natürlich gut aussehen, gut rüberkommen und das Publikum mitnehmen. – Sie dürfen zugucken, wie wir miteinander Spaß haben. – Es gibt ja auch das andere Extrem, da tanzen welche auf der Bühne nur für sich, eine Meditation nur für sich. Da kommt nicht viel beim Publikum rüber. Da bleiben die Zuschauer außen vor. Aber bei uns ist das ziemlich gut ausgewogen. – Wenn zum Beispiel das Publikum im Halbkreis sitzt und wir Bewegungen machen, die in die hintere Diagonale gehen, dann wenden wir einem Teil den Rücken zu, aber im Halbkreis können wir trotzdem eher mit dem Publikum flirten. Da gibt es Austausch nach außen.

jetzt junge Mutti - Martha Saunders
Nachtrag:

Noch in der gleichen Nacht vom Interview wurde die nächste Generation geboren. Nadine, Mitglied von Neas Tribal bekam Töchterchen Ronja Elyssa und genau einen Monat später wurde Otto Heinrich, der Sohn von Martha Saunders geboren.

alle Fotos dieser Seite: (c) Neas Tribal
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Neas Tribal in Internet: www.neastribal.com
Wie war das denn für Euch in Hannover bei den 1. Tribal-Tagen, als die Veranstaltung in einem kreisrunden Zelt stattfand?

Schwierig. – Da haben wir Probleme bekommen. Wenn man zu zweit oder zu dritt tanzt, kann man sich auch auf einen Kreis einstellen. Aber zu neunt, und da waren wir ja alle da, wird es äußerst schwierig. – Aber das Zelt war sonst toll (zustimmendes Gemurmel). Ich fand das auch ganz großartig, wie das Publikum reagiert hat. Die an den ungünstigeren Plätzen saßen, haben sich sehr gefreut, wenn wir uns zu ihnen umgedreht haben, und das wiederum hat uns ein gutes Gefühl gegeben. – Wir schauen ja immer vorher, was haben wir denn diesmal für ein Publikum, und verändern dann auch das eine oder andere, um uns darauf einzustellen. – Wie zum Beispiel in Hannover letztes Jahr, wo wir uns dann eben zu den ungünstigeren Plätzen gedreht haben. – Das Zirkusrund war sehr interessant, aber auch sehr sehr schwierig mit einer solch großen Gruppe zu betanzen. Die Leute an der einen Seite haben den Chorus genau vor sich gehabt und konnten deswegen nicht sehen, was sich bei uns vorn getan hat. Nun wir werden uns natürlich für dieses Jahr wieder etwas einfallen lassen.