Startseite/Aktuelles
zurück zu Interviews
Photos © 2,4 und 5 Konstanze Winkler, alle anderen mit freundlicher Genehmigung von Nika Mlakar
Grafische Gestaltung: Konstanze Winkler
"IN SOLCHEN MOMENTEN GELANGE ICH
IN EINE ANDERE WELT"

Interview mit Nika Mlakar

von Marcel Bieger (auch Übersetzung)

Als wir dich damals bei Leylas Festival zum ersten Mal gesehen haben, hast du beim Contest “Bellydancer Of the World” sowohl den 1. Platz beim klassischen OT (solo) wie auch (mit einer Gruppe) den 1. Platz beim Tribal (Gruppen) gemacht. So etwas erlebt man nicht alle Tage, nur selten kennt sich eine Künstlerin so gut in beiden Welten aus. Was für eine Tanz-Ausbildung hast du absolviert, was sind deine Lieblings-Stile, und gibt es Tanz-Sparten, die du gar nicht magst?

Nach meinem Dafürhalten ist es sehr wichtig, so viel wie möglich auszuprobieren. Das Leben hat mir viele Gelegenheiten geschenkt, mich in allen möglichen Kunstrichtungen zu versuchen, wie Tanz, Schauspielkunst, Singen und ein Instrument zu spielen. Doch heute kennt man mich wohl nur noch als Tänzerin auf der Bühne. Schon als Dreijährige habe ich Ballett-Unterricht genommen, hinzu kamen Hip Hop, Schautanz, Jazz, Modern und Zeitgenössisch. So etwas läßt sich später nicht einfach beiseiteschieben, und deswegen fließt einiges davon immer in meinen Tanzstil ein. Außerdem gefällt es mir sehr gut, verschiedene Stile miteinander zu mischen, und ich lasse meinem Körper auch gern die Freiheit, ein paar neue Dinge auszuprobieren. Davon abgesehen hört man nie auf zu lernen. Mein Motto lautet: “Tu es doch!” Ich glaube, daß sich harte Arbeit lohnt und daß man sie am besten auch mit innerem Einsatz erledigt. Mit diesem doppelten Einsatz kann eigentlich kaum etwas schiefgehen, und in der Folge davon kommt auch das Publikum auf seine Kosten.

Ich bin für jeden Stil offen, aber ich will auf einem möglichst hohen Niveau bleiben. Wenn man gelernt hat sich auszudrücken und über eine gute klassische Technik verfügt, kann man es in jedem Tanz-Stil zu etwas bringen. Hat man erst einmal eine gute Grundlage, muß man nur noch die dazugehörigen Bewegungen einstudieren, damit sie einem in Fleisch und Blut übergehen.

Wenn du auf der Bühne stehst, tanzt du sehr intensiv und mit einer Leidenschaft, die von ganz tief in dir kommen muß. Deine Bewegungen sind absolut weiblich, und du ziehst ein Publikum sofort in deinen Bann. Wie hast du es angestellt, einen solchen Tanz-Stil zu entwickeln?

Wenn man sich als Tänzer entwickeln will, muß man sich zuerst als Persönlichkeit entwickeln. Man muß seinen Körper und seinen Geist verstehen, um zu erkennen,
was am besten für einen ist. Damit das Publikum die Leidenschaft spüren kann, muß man sie besonders eindringlich ausstrahlen.  Ja, es stimmt schon, ich liebe den Tanz sehr innig, aber auch für mich gibt es Momente, in denen ich mich nicht nach Tanzen fühle. Ob das nun an einer geistigen oder körperlichen Erschöpfung liegt, spielt dabei keine Rolle. In solchen Augenblicken zwinge ich mich dazu, alles andere zu vergessen und mich nur noch auf den Tanz zu konzentrieren. Ich glaube, in solchen Momenten trete ich über eine Schwelle und gelange in eine andere Welt, die ich nicht beschreiben kann. Man ist erst richtig einzigartig, wenn man sich aus einem solchen Gefängnis befreien kann – ich glaube, dabei handelt es sich ohnehin nur um eine geistige Sperre – und es seinem Körper überläßt, die Seele und das Leben auszudrücken. Deswegen sei du selbst, und tue nichts, bloß weil es gerade Mode ist. Und es ist auch sehr hilfreich, bei verschiedenen Tänzern in den Workshop zu gehen. Ich habe festgestellt, daß man am ehesten aus seinem eigenen inneren Gefängnis hinausfindet, wenn man die Tanzschritte eines anderen versucht. In jedem Kurs bekommt man etwas Neues beigebracht, auch wenn einem das vielleicht nicht immer sofort bewußt wird. Dabei spreche ich nicht nur von Schritten oder Bewegungen.
Eigentlich lernt man ja auch von der Persönlichkeit des Dozenten. Tanz ist doch viel mehr als hübsche Kleider, eine gute Technik und attraktive Bewegungen. Man hat mir oft gesagt, daß ich die Menschen beeindrucke. Ich weiß auch nicht, woher das kommt (lacht), aber vielleicht hängt es damit zusammen, daß ich während eines Auftritts stets an mein Publikum denke. Seine Reaktion gehört für mich zur gesamten Aufführung dazu. Und dafür ist auch wichtig, den ganzen Saal, also nicht nur Bühne, sondern auch Zuschauerraum, mit der eigenen Energie auszufüllen. Erst so können die Menschen dich wirklich spüren. Natürlich bedarf es einer sehr guten Technik, um seine Gefühle verständlich zum Ausdruck zu bringen. Ich vergleiche das gern mit dem Gebrauch einer Fremdsprache; wenn man sie nicht gut beherrscht, ist man kaum in der Lage, das verständlich zum Ausdruck zu bringen, was man eigentlich sagen will.
Wir haben dich schon oft bei Leyla erlebt. Mittlerweile bist du nicht mehr nur auf der Bühne zu sehen, sondern sitzt auch in der dortigen Wettbewerbs-Jury. Wie ist es eigentlich, beide Seiten kennengelernt zu haben?

Ich war völlig verblüfft, als Leyla mir die Chance dazu gegeben hat. Anfangs wußte ich nicht, ob sich soviel Verantwortung überhaupt tragen könnte, und ich habe lange darüber nachgedacht. Ich bin bei so manchem Wettbewerb angetreten und habe mir stets von den Preisrichtern gewünscht, daß sie meinen Tanz respektierten, aber gleichzeitig auch ehrlich urteilten. Deswegen habe ich mir vorgenommen, wenn ich in der Jury sitze, will ich es so handhaben. Und so fällt mir meine Richter-Tätigkeit nie ganz einfach. Deswegen bin ich auch froh, mich stets mit Leyla austauschen zu können. Sie steht mir immer mit Rat und Tat zur Seite. Und es hilft mir zu wissen, daß die Tänzer nicht nur wegen der tollen Preise zu einem Wettbewerb antreten, sondern auch, um Selbstbestätigung zu finden.
2012 hast du den „Publikumspreis“ bei Jillinas damaliger BDE-Produktion “Dark Side of the Crown” gewonnen. Erzähle uns, wie das damals für dich war.

Ein ganz unglaubliches Erlebnis! Zuerst hatte ich natürlich gehöriges Lampenfieber, umso mehr, als ich ja vor Beginn der eigentlichen Show ein Solo zu tanzen hatte (der Preis, den der „Publikumsliebling“ gewinnt).
Aber dann ist es natürlich ganz wunderbar, mit so vielen großen Stars zusammenarbeiten zu können. Mir hat vor allem gefallen, wie freundlich Jillina mit allen Mitwirkenden umgegangen ist; nur wenn es an die Arbeit ging, konnte sie auch streng sein. Eine bemerkenswerte Begabung, die nicht jedem gegeben ist. Ich habe während der Arbeit mit BDE viel darüber gelernt, wie man eine große Show aufzieht. Und ich habe so viele interessante Tänzer kennenlernen dürfen und gern mit ihnen zusammengearbeitet.
Du stammst aus Slowenien. Gibt es dort eine eigene Tanz-Szene und siehst du dich als Teil von ihr?

Hm … wir haben einige tolle Tänzer in Slowenien, aber leider gibt es nur hier und da einzelne lokale Szenen statt einer großen Gemeinschaft. Ich wünschte, wir würden uns mehr untereinander vernetzen. Einige Male habe ich gespürt, daß die Freundlichkeit, mit der man mir begegnet ist, nur aufgesetzt und falsch war, und so etwas mag ich überhaupt nicht. Auf der anderen Seite arbeite ich mit einer ganzen Reihe Tänzerinnen aus allen Sparten zusammen, also nicht nur OT, und deswegen sehe ich mich als der slowenischen Tanz-Szene zugehörig an.
In den ersten Jahren habe ich immer am Wettbewerb teilgenommen. Nachdem ich drei Jahre hintereinander Siegerin geworden bin, hat Leyla mir angeboten, doch selbst Workshops zu geben und in ihrer Jury zu sitzen. Das war das schönste Kompliment für mich! Ich hätte mir vorher nie träumen lassen, einmal auf einem so weltbekannten Festival Kurse geben zu dürfen. Gar nicht erst zu reden davon, mit so vielen berühmten Stars auf der Bühne zu stehen. Was für ein Riesensprung in meiner Karriere. Zu einem Festival kommen viel mehr Menschen als zu einer einzelnen Show, und deswegen kann man dort auch viel bekannter werden. Leylas Festival gehört zu den größten der Welt (manche meinen sogar, es sei das größte der Welt), und ihr Wettbewerb ist auf einem sehr hohen Niveau angesiedelt. Sich als „Bellydancer Of the World“ durchzusetzen, das heißt schon was. Und deswegen habe ich hier auch viele schöne und wertvolle Kontakte finden können.
Leyla ist für mich die „Tanz-Mama“. Wenn mir etwas auf dem Herzen brennt, wende ich mich vertrauensvoll an sie. Leyla ist eine großartige Tänzerin, aber als Mensch beeindruckt sie mich noch mehr. Sie ist immer lieb und freundlich zu mir, und obwohl sie ein Weltstar ist, hat sie absolut nichts Divenhaftes an sich. Sie fährt einen nie ungerecht an, und von ihr lasse ich mir Kritik gern gefallen. Natürlich möchte jede Künstlerin hören, daß ihr Auftritt gefallen hat. Aber von Leyla weiß ich, daß sie ehrlich ist und ihr etwas daran liegt, wenn ich mich weiterentwickle. Und mit ihrer konstruktiven Kritik fällt mir das auch gar nicht schwer. Ich werde ihr ewig für alles dankbar sein, was sie für mich getan hat.

Alles Liebe,
Nika

Nika (2. v. links) bei Jillinas Bellydance Evolution "Darks Side of the Crown" in Hannover
Nika beim 21. Orientalischen Festival Europas in Duisburg
Wie haben Leyla und Jouvana und du eigentlich zusammengefunden, und was bedeuten sie und ihr Festival für deine Karriere?

Eigentlich war Sharon Kihara (eine der BDE-Stammtänzerinnen) der Auslöser. Sie hat mir als erste von dem Orientalischen Festival Europas erzählt und mir empfohlen, es beim dortigen Wettbewerb „Bellydancer Of the World“ zu versuchen. Ich war gleich positiv überrascht, wie gut dort alles organisiert ist. Leylas freundliches Entgegenkommen hat mich ebenso für sie eingenommen, und das Riesenangebot von Workshops hat mich endgültig überzeugt. Jedes Jahr finde ich dort eine große Auswahl an Kursen, von denen mich viele sehr interessieren. Ich kann Leyla und ihren Mann nur für ihren Einsatz bewundern, durch den alles so perfekt läuft. Das ganze zehntägige Festival hindurch arbeiten sie unermüdlich rund um die Uhr. Alles läuft pünktlich ab, und man kann sich mit allen Sorgen und Nöten an die Mitarbeiter wenden.

Zum ersten Mal habe ich erlebt, daß jemand so viel für mich tut, auch wenn er mich gerade erst kennengelernt hat. Und so etwas habe ich auch später woanders kaum wieder erlebt. Aus diesen und vielen anderen Gründen komme ich seit damals jedes Jahr gern wieder aufs Festival.
Nika Mlakar ist zu Gast bei Leyla Jouvana & Rolands 22. Orientalischen Festival, gibt dort Workshops und tanzt auf beiden
Abendgala-Shows am 29. und 30. November 2014, weitere Informationen: www.leyla-jouvana.de
Wir sehen uns als Stammgäste beim Orientalischen Festival Europas zu Duisburg, unter der bewährten Leitung von Leyla und Roland Jouvana. Ungefähr ebenso lange wie wir kommt auch Nika Mlakar aus Slowenien dorthin, wir haben sie zunächst als blutjunge Debutantin beim Contest „Bellydancer of The World“ erlebt, wo sie gleich den 1. Platz gemacht hat (und das in zwei verschiedenen Kategorien), später in den Gala-Shows und endlich in der Jury für den Wettbewerb.
Wer es wie sie in die Abend-Gala des OFE schafft, der muß in der Bauchtanz-Welt ganz oben stehen, und ohne Zweifel gehört Nika zu den Tanz-Erlebnissen unserer Zeit. Schon lange wollten wir sie interviewen und sind nun sehr stolz, daß sie es uns endlich möglich gemacht hat. Freut euch mit uns, sie in Duisburg wiederzusehen … und lest vorher das Interview, es lohnt sich.