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“HALLO, ICH MÖCHTE GERN MIT DIR ZUSAMMENARBEITEN.”

Interview mit Olivia Kissel

von Marcel Bieger

Die US-Amerikanerin und im pennsylvanischen Pittsburgh lebende Tribal Fusion Tänzerin Olivia Kissel, in ganz Europa gern gesehen, kommt nach Deutschland, ja, richtig, zum ersten Mal. Wie es dazu gekommen ist, wie aus ihr das geworden ist, was aus ihr geworden ist, und welche Projekte sie mitbringt, das erzählt sie im folgenden Interview. Eigentlich tanzt sie lieber mit anderen zusammen als allein, und deswegen heißt das Motto ihres neuesten Projekts:
Welche Tanzausbildung abseits des Tribal hast du genossen, und warum ist der Tribal für dich etwas Besonderes?

Ich habe in meinem ganzen Leben eigentlich noch nie nach Regeln getanzt. Gewissermaßen bin ich als „zügellose“ Tänzerin aufgewachsen. Auf dem College habe ich erstmals richtigen Tanzunterricht genommen: Dunham-Technik (bestimmter Stil nach der gleichnamigen Modern-, Jazz- und Ballett-Tänzerin) und westafrikanischen Tanz. In einem der Kurse habe ich Christine Andrews kennengelernt, und wir sind zu Shows der in Pittsburgh ansässigen Rock-Band „Rusted Root“ gegangen, um zu deren Musik zu tanzen. Eines Tages forderte Christine mich auf, mit ihr in einen Bauchtanz-Kurs zu gehen. Ich habe so etwas wie „Bezaubernde Jeannie“ erwartet, wurde dann aber angenehm überrascht. Bauchtanz war lebendig und doch auch elegant. Was ich dort zu sehen bekam, war eine wunderbare Bauchtanz-Fusion mit Folklore. Meinen Freundinnnen habe ich erzählt, ich hätte die „Punk-Version“ von Bauchtanz gesehen. Damals wußte ich natürlich noch nicht, daß so etwas einmal Tribal heißen würde und mittlerweile als Tribal Fusion bekannt ist.

Olivia Kissel
Erzähle uns doch bitte etwas über deine Zusammenarbeit mit der „Zafira Dance Company“.

In dem Bauchtanzkurs, in den ich mit Christine gegangen bin, hat es mir sofort inmitten der lockeren und unaufgeregten Atmosphäre gefallen. Ich mochte die Bewegungen, die Musiken und die Frauen dort, habe mich gleich heimisch gefühlt und mit den anderen getanzt. Wenn ich so zurückdenke, war es wohl all das zusammen, was für mich den Ausschlag gegeben hat. Ich fühlte mich in dieser Gemeinschaft unter Christine, Maria, Jen, Elizabeth und den beiden Musikern Jas & Stacy gleich wohl. Wir begeistern uns auch heute noch für Musik aus Nordafrika, der Türkei, dem Iran und Mittelasien. Je entlegener die Herkunft und synkopierter der Rhythmus, desto lieber. Wir sind ganze Wochenenden zusammengeblieben, haben am Lagerfeuer musiziert und gesungen und am Tag getanzt.
Maria Hamer und Olivia Kissel
Wir sind einige Jahre in der Umgegend auf Kunst- und anderen Veranstaltungen aufgetreten. Besonders gern sind wir zum „Pennsic“ gefahren (alljährlichen zweiwöchiges Mittelalter-Festival in Pennsylvanien), weil man nur hier tätowierte „Punk“-Bauchtänzerinnen antraf. Dort haben wir zur Musik von „Turku“ jede Nacht rund ums Lagerfeuer getanzt!

Die „Zafira Dance Company“ hat sich 2000 gegründet. Christine Andrews, Maria Hamer und ich haben sie ins Leben gerufen, und wenig später sind Tamara Juel und Jennifer Imashev zu uns gestoßen. Wir gehörten alle zu den „Ghawazee Dancers“ (Tanzgruppe in Pittsburgh), und „Zafira“ ist somit ein Ableger dieses Projekts. Bei den „Ghawazee Dancers“ sind wir dazu angehalten worden, durch das ganze Land zu reisen und bei den verschiedensten Lehrerinnen Unterricht zu nehmen.

Nach einiger Zeit ging es zu den ersten Tribal Festivals, darunter „Maja’s Majical Belly Dance Festival“, woraus dann später „Spirit of the Tribes“ wurde. Und dank des ersten „Tribal Fest“ sind wir auch an der Westküste gelandet. Dort haben wir die Frau getroffen, die zu unserer größten Inspriration werden sollte – Jill Parker. Wenn wir in San Francisco waren, haben wir uns regelmäßig mit ihr getroffen. Sie hat für uns Workshops in der Bay Area organisert. Auf solchen Veranstaltungen, aber auch auf den Haflas, die Jill in ihrem Studio geschmissen hat, haben wir dann alle möglichen Leute getroffen, mit ihnen Musik gemacht und getanzt, wie Rachel Brice, Sharon Kihara, Lulu von Habbhi Ru, Tobias Robinson, und Rose Harden. Wir haben uns gegenseitig befruchtet.

Die Zafira Dance Company ist in den vergangenen zehn Jahren viel herumgekommen, oft aufgetreten, hat eigene Shows abgehalten, unterrichtet und Videos aufgenommen.

Wir haben die Truppe jetzt beendet und unsere letzte Show gezeigt. Davon wird es bald ein Video geben. Inzwischen haben wir alle Familie, und es bringt immer wieder von neuem viel Streß mit sich, sich zwischen Familie und Tanzgruppe aufzuteilen. Jede von uns hat eigene künstlerische Interessen, die sie außerhalb von „Zafira“ verwirklichen will, und deswegen haben wir jetzt beschlossen, die Geschichte zu beerdigen. Wir hatten eine tolle Zeit, wir haben jede Minute davon genossen, aber jetzt ist der Moment gekommen, an dem wir andere Wege beschreiten müssen. Wir werden immer noch hier und da zusammen tanzen und uns gegenseitig auf unseren jeweiligen Shows besuchen. Daran kann es überhaupt keinen Zweifel geben.
Was hat es mit deinem „Hybrid Dance Project“ auf sich. Auf deiner Homepage steht, daß auch Tänzerinnen aus dem Ausland willkommen sind. Heißt das, auch in Europa soll ein Ableger davon entstehen?

Ich bin immer noch dabei, das „Hybrid Dance Project“ zu entwickeln und habe noch nicht hundertprozentig herausgefunden, was daraus entstehen soll. Aber die Sache ist schon im Rollen und steht auf zwei Säulen, der „Hybrid Intensive“ – wo Ausbildung beim Auftreten passieren soll -, und dem „Hybrid Dance Project“ – wo ich anderen Tänzern, Tanzgruppen und Musikstilen begegnen will.

Mein erstes europäisches „Hybrid Intensive“ wird in Großbritannien stattfinden,
und zwar bei der wunderbaren Victoria Bone. Hier der Link dazu: http://www.facebook.com/#!/event.php?eid=130252093726658

Die britischen Teilnehmerinnen üben bereits die Choreographie ein. Ich bin demnächst dort, um einen Workshop abzuhalten und mit ihnen zu arbeiten. Wir werden alle gemeinsam im „Boheme Cafe“ auftreten
http://www.facebook.com/event.php?eid=114662005309819


Ich bringe zwei Tänzerinnen aus den USA mit, die bereits am „Hybrid Project“ mitwirken, und drei britische Tänzerinnen lernen eine weitere Hybrid-Choreography, so daß wir die dann gemeinsam zum Vortrag bringen können, im Einklang mit der „Intensive Choreographie“. Ich hoffe, daß einige der britischen Künstlerinnen im November nach Amsterdam kommen und mit mir bei „Beyond Bellydance IV“ von Tjarda van Straaten auftreten.

Aber jetzt zu den Zielen von „Hybrid“: „Hybrid Intensive“ versteht sich als Zusammenspiel von Auftritt und Intensiv-Training. Technik, Ausdruck und Choreographie-Bestandteile werden im Übungskurs in die Vorbereitung für einen Auftritt eingebunden. Die Choreographie dient als Sprungbrett zur Entwicklung von Ideen, Bewegungsqualität und Interaktionen zwischen den Tänzerinnen. Die Aufführung schließlich bringt dann zweierlei: Zum einen motiviert sie uns (welche Tänzerin will nicht auf der Bühne ihr Bestes geben, so entwickeln sie sich zwangsläufig immer mehr zur höchsten Vollendung), zum anderen stellt sie die Früchte unserer Arbeit vor.
Die Idee zur „Intensiv-Erfahrung“ ist mir dank der Tänzerinnen in meinen Workshops gekommen. In meinen Kursen findet sich immer Raum dafür, die Schülerinnen voreinander auftreten zu lassen. Diese Abschnitte haben mir stets neue Einsichten und Eingebungen gebracht. So viele dieser „Vor-Tänze“ waren absolut bühnentauglich, daß ich mir oft gedacht habe, das müßte man doch einmal zusammenfassen und weiterentwickeln.

So ist dann „Hybrid Intensive“ entstanden. Die Schülerinnen bekommen die Choreographie vorab zugeschickt, und wenn wir dann zur „Intensiv“ zusammenkommen, haben wir bereits eine gemeinsame Grundlage, mit der wir arbeiten und die wir nach den Vorstellungen und Interessen der Gruppe zuschneiden. Und endlich bringen wir das zur Aufführung, yeah!

Beim “Hybrid Dance Project” handelt es sich um Wege, Projekte anzustoßen, in denen ich mit Tänzern verschiedener Stilrichtungen überall auf der Welt in Verbindung und in künstlerischen Dialog treten kann. Ich habe das große Glück, viel herumzukommen und in allen Ländern auf begabte und interessante Künstlerinnen zu stoßen. Das ist zum Beispiel ein Weg, mit ihnen zusammenzuarbeiten – indem ich gemeinsam mit ihnen auftrete und tanze. Wir proben zusammen und wir treten in einen Tanz-Dialog, und im Idealfall sind wir nach unserem Proben und nach unserem Auftritt gemeinsam zu besseren Tänzern geworden.

Im Moment stellt sich das „Hybrid Dance Project“ so dar, daß ich den Dialog mit den Worten beginne: „Wir haben hier einige Tänze, wir wollen sie erlernen und in Workshops gemeinsam erfahren.“ Ich könnte es auch einfacher ausdrücken: „Hallo, ich möchte gern mit dir zusammenarbeiten, hast du irgend etwas Schönes, das du mit uns teilen kannst?“
Wenn du an einem neuen Stück oder einer neuen Choreographie arbeitest, wie gehst du dann vor? Was entsteht zuerst, die Musik, die Bewegung oder das Kostüm?

Viele Choreographien oder Stücke verdanken ihre Entstehung einer Musiknummer, und so arbeite ich eigentlich auch am liebsten. Es gehört zu meinen schönsten Momenten, von einem Musikstück so bewegt zu werden, daß ich dazu tanzen muß, oder die Augen schließe und mir vorstelle, dazu zu tanzen. Bei "Gulag Orchester" von Beirut, "Charlotte Mittnacht" und "Dark Eyes" von Devotchka und "Fidayda" von Turku war das so.

Du bist schon sehr oft in Europa und dort in vielen Ländern gewesen, aber noch nie in Deutschland. Wie ist es zum Kontakt zwischen dir und Claudia in Offenburg gekommen?

Ich liebe Europa, und ich bin schon sehr neugierig auf Deutschland. Zum ersten Mal hat mich jemand nach Deutschland eingeladen. Ich bin auf „facebook“ über das „Black Forrest Festival“ (der englische Titel des Oberrheinischen Tribal Festivals) gestolpert und dachte gleich, „oh, wie hübsch“. Ich bin nämlich zu einem Viertel Deutsche, und meine Vorfahren sind aus dem Schwarzwald gekommen. Deswegen ist es für mich natürlich ganz schön aufregend, zu den Ursprüngen meiner Familie zu gelangen.

Du hast eben erzählt, daß du im November auch in Holland bei Tjarda auftrittst, hast du schon einmal mit ihr zusammengearbeitet?

Ich – stehe – auf – Tjarda! Sie hat mich bereits zweimal auf ihren Shows auftreten lassen, und ich freue mich schon wahnsinnig darauf, bald zum dritten Mal dort zu sein.
Im November trete ich nämlich bei ihrem Beyond Bellydance 4 auf.
Ich bewundere sie sehr dafür, sich ständig in neue Schichten vorzuarbeiten. Sie steckt ungeheuer viel Energie in die Konzepte und Ideen, die hinter ihrem Tanz stehen. Sie ist unglaublich schöpferisch, und sie steckt alle Kraft in ihre Arbeit. Ich freue mich jedes Mal darauf, mit ansehen zu dürfen, was sie wieder ausgetüftelt hat.

Und natürlich bin ich schon ganz kribbelig, weil es bei meinem Auftritt auch „Hybrid“ geben wird: Zwei „Hybrid“-Tänzerinnen aus Pittsburgh, Patrice Lanford und Joanna Abel, kommen mit. Darüber hinaus hoffe ich, daß einige der Tänzerinnen aus dem britischen „Hybrid Intensive“ dort erscheinen. Und es wäre wirklich toll, wenn Tjarda sich bei uns einreihen würde.

Homepage: www.oliviakissel.com

TERMINE

28. - 30. Oktober 2011
2. OBERRHEINISCHES TRIBAL FESTIVAL
Offenburg, http://tribal-festival.jimdo.com/

18. - 20. November 2011
BEYOND BELLYDANCE IV
Amsterdam/Utrecht, http://www.tjarda.nu/
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