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Grafik/WebDesign: Konstanze Winkler
Photos © 1, 6, 7, 9, 10 und 18 Xcel Talent, 3, 8, 11, 12, 13, 14, 15, 16 und 17 Patricia Zarnovican (die Bilder 2, 4 und 5 der Eröffnungszeremonie sind aus dem Video)
Wie ist man auf dich gekommen und hat dich eingeladen, bei der Eröffnungsfeier der ersten Europäischen Spiele in Baku aufzutreten?

Der künstlerische Leiter, Dimitris Papaioannou, hatte schon seit längerem den Wunsch, mit Rachel Brice zusammen-zuarbeiten und etwas mit Tribal Fusion zu machen. Bei der Planung der Eröffnungs-Zeremonie bot sich ihm dazu die Gelegenheit. Nur konnte Rachel leider nicht – was Glück für mich war, denn sie schlug Dimitris vor, sich statt dessen an mich zu wenden. Das hat mich doppelt gefreut, nicht nur, so ein einzigartiges Auftrittsangebot zu bekommen, sondern auch, von meiner Lehrerin Rachel Brice so vertrauensvoll weiterempfohlen zu werden.
Homepage Europaspiele Baku: www.baku2015.com
Ich finde es großartig, daß diese junge und doch noch recht unbekannte Tanzform Tribal Fusion bei einem derartig großen und medienwirksamen Ereignis miteinbezogen wird. Seit ich professionell tanze, versuche ich mitzuhelfen, daß wir als Bauchtänzerinnen – egal welcher Richtung – auch von „szenefremden“ Veranstaltern ernst genommen und vielleicht öfter mal berücksichtigt werden. Es gibt so viele von uns, die so tolle, kreative Arbeit zu bieten haben, aber der Großteil der Öffentlichkeit nimmt Bauchtanz nach wie vor nicht als „seriöse Tanzform“ wahr. Doch wenn sich Möglichkeiten wie diese auftun, habe ich das Gefühl, daß die Szene auf einem guten Weg ist.
Auf dem Video der Eröffnungsfeier sieht man dich und deinen Tanzpartner auf runden, gewölbten Scheiben in großer Höhe tanzen. Erzähle uns bitte etwas über ihn, und was habt ihr dort oben dargestellt?

Mein Partner war Marquese „Nonstop“ Scott, ein sehr berühmter Dubstep-Tänzer, der vor allem durch seine You-Tube-Videos bekannt geworden ist. Er hat eine riesige internationale Fangemeinde und auch schon in Werbespots z.B. für Oreo Kekse und Toyota mitgespielt. Er hat einen ganz eigenwilligen und charakteristschen Tanzstil – sehr animation-lastig, mit beeindruckender Fußarbeit. Ich war schon etwas aufgeregt, als ich erfuhr, daß er mein Partner sein sollte! Aber Dimitris, der u.a. Choreograph, Maler und Regisseur ist, hat sich sehr genau überlegt, was wir für Rollen spielen bzw tanzen und welche Art von Bewegungen vorkommen sollten – somit hatte er auch uns als Tänzer sehr bewußt zusammengestellt.

Wir geben das Liebespaar Leyli und Majnun – eine Art „Romeo und Julia“ aus Persien, ungefähr 400 Jahre vor Shakespeare geschrieben - vor allem bekanntgeworden durch den persischen Dichter Nizami (übrigens ist das dieLeyla, die in Eric Claptons bekanntem Ohrwurm besungen wird.)

Der Dichter Nizami ist die zentrale Figur in unserem Stück. Durch das Feuer der hereingetragenen Fackel wird er zum Leben erweckt, und seine „Gedankenwelt“ - also seine Werke – manifestieren sich auf der Bühne. Nizami oder Nezami wurde im
12. Jahrhundrt im damals zu Persien gehörenden Aserbaidschan geboren, und seine Werke kennt in Aserbaidschan jeder; viele seiner Gedichte und Geschichten sind in berühmten Miniaturbildern dargestellt worden.
Diese erwachen nun auf der Bühne im Stadion zum Leben, ein großer, rotierender Ring mit sich bewegenden Kulissen und zahlreichen Requisiten, mit fast 300 Darstellern, die wie Marionetten die Szenen der Miniaturbilder mit repetitiven Bewegungen darstellen.

Über der Mitte der Bühne, also über dem Zentrum des rotierenden Rings aus Miniaturen, hängt die Libra, eine große Waage mit zwei Figuren darauf, einem Mann und einer Frau. Einerseits repräsentieren sie, wie schon erwähnt, Leyli und Majnun, das tragische Liebespaar, das nicht zusammensein darf und sich nach einander verzehrt, eines von Nizamis berühmtesten und ergreifendsten Werken. Gleichzeitig stehen sie für das archetypisch Männliche und archetypisch Weibliche, auf der Waage in perfekter Balance, sowie Sonne und Mond, die über den Szenen in den Miniaturen unter ihnen kreisen – die weibliche Figur tanzt auf einer silbernen Plattform (Mond), die männliche auf einer goldenen (Sonne).
Unsere Bewegungen sollten all dies vereinen – keine einfache Aufgabe, aber eine wahnsinnig spannende Herausforderung! Wir sollten zum einen das verliebte, sehnsuchtsvolle Liebespaar spielen – also gefühlvolle, weiche Gesten, fast naive, pantomimische Posen – gleichzeitig aber auch ganz abstrakt die archetypische männliche bzw weibliche Energie, also etwas nicht Greifbares, eine Idee oder ein inneres Bild darstellen – das sollte vor allem durch surreal wirkende, puppenhafte Bewegungen symbolisiert werden. Da kamen dann unsere Dubstep- bzw. Tribal Fusion-Techniken ins Spiel. Außerdem sollten die Charaktere von Sonne und Mond miteinbezogen werden – Marquese als „männliche Sonne“ sollte etwas kraftvoller, kantiger tanzen, ich als „weiblicher Mond“ etwas fließender, sanfter, aber dennoch stark und unabhängig. Ziemlich viele Möglichkeiten und Ideen, die sich einem da als Darsteller auftaten!
Wie habt ihr das im Vorfeld alles geprobt? Hattet ihr nur die kurze Zeit in Baku zum Einstudieren des Auftritts?

Zunächst haben wir Dimitris und seinem Team Videos geschickt, ich glaube, das ging schon 2014 los. Ich habe ein paar Vorgaben bekommen z.B. heller Hintergrund, enges Oberteil und langen weiten Rock tragen, u.ä., und ich sollte einfach zu unterschiedlicher Musik improvisieren, damit Dimitris sehen konnte, wie mein Vokabular aussieht. Er und sein Team haben dann die Videos analysiert und die Parts, die ihnen am passendsten erschienen, zusammengeschnitten. Auch haben sie die Videos von Marquese und mir nebeneinandergestellt, um einen Eindruck von uns als Duo zu bekommen. Dann haben wir die bearbeiteten Videos zusammen mit einer Bewertung zurückerhalten, so daß wir wußten, welche Bewegungsqualitäten genutzt werden sollten.

Danach gab es die ersten Proben in England, das war im März 2015, und dort konnte ich dann das ganze Libra-Team persönlich kennenlernen und auch das erste Mal auf der Plattform in sechs Meter Höhe proben. Es gab auch erste Probekostüme und verschiedene Tests mit Masken - und wir mußten ja auch lernen, mit dem „Sicherheitsgurt“ zu tanzen. Allein an dieser einen Performance – die Eröffnungs-Zeremonie bestand ja aus wahnsinnig vielen verschiedenen Parts, die alle vorbereitet werden mußten – waren unglaublich viele Spezialisten beteiligt: die Konstrukteure der Libra, die Luft-Choreographen und Techniker, die u.a. für unsere Sicherheit zuständig waren, das künstlerische Team um Dimitris, die Kostümdesignerin mit ihren Gehilfinnen, ein Make Up Artist und Requisiteur, der unsere Masken angefertigt hat, und, und, und ... die meisten waren schon im März bei den ersten Proben dabei, um alles gemeinsam zu erarbeiten.

Ende Mai ging es dann nach Baku, dort hatten wir etwa drei Wochen zur Vorbereitung. Wir hatten nach den Proben in England Zusammenschnitte der Proben-Videos bekommen, um zu sehen, welche Durchläufe Dimitris am besten gefielen, von daher war der Bewegungsablauf im Grunde klar. Es handelte sich um keine feste Choreographie, sondern um eine strukturierte Improvisation, es gab nur einige Cues in der Musik (die Endfassung haben wir auch erst in Baku gehört), die wir beachten mußten.
Vor Ort haben wir dann fast täglich 1-2x geprobt, das klingt jetzt wenig, aber da ein Durchlauf (auch ohne Miniaturen) einen Riesenaufwand und Mitarbeit von dutzenden Leuten bedeutete, war mehr einfach nicht möglich; auch, da es in der Mitte des Stadions in der prallen Sonne bestimmt an die 40°C waren, und das in den schweren, mehrlagigen Kostümen. Wir hatten eine Zweitbesetzung, die auch immer parallel mitproben mußte, falls Marquese oder ich aus irgendeinem Grunde ausfallen sollten. Dadurch hatten wir dann Gelegenheit, das ganze auch mal von außen zu sehen.Die Proben waren nicht nur für uns als Tänzer wichtig, sondern das gesamte technische Team mußte ja auch lernen, wie der genaue Ablauf der Eröffnungsfeier zur Musik stattfindet, wann müssen wir auf die Plattformen, wann fliegen wir los, wann beginnt die Rotation und so weiter ... alles mußte auf die Sekunde genau sitzen und mit Musik und den 300 Darstellern unter uns synchronisiert werden. Da gab es zwischendurch auch viel Warterei und man mußte versuchen, ständig „tanzbereit“ zu bleiben und nicht müde und unkonzentriert zu werden.
Wie hoch seid ihr denn „geflogen“? Wart ihr dort oben auf den Plattformen gesichert? Hattest du keine Angst vor der großen Höhe?

Die Libra hatte ihren „Parkplatz“ versteckt hinter der obersten Tribüne im Stadion, dort sind wir dann immer drübergeschwebt, bis in die Mitte, das waren ca 40 Meter Höhe. Dann wurden wir langsam hinuntergelassen, sobald unsere Musik begann, bis auf etwa 6 Meter, und dort begann dann die Rotation. Zurück ging es in einer diagonalen Flugbahn wieder auf 40 m und hinter die Tribüne.

Wir waren selbstverständlich gesichert, unter den Kostümen hatten wir Sicherheitsgurte, und am Rücken war ein Seil eingehakt, das uns wie ein Sicherheitsgurt im Auto gehalten hätte, wenn wir gefallen wären. Auf die Sicherheit wurde dort allergrößten Wert gelegt, und die Techniker waren absolute Profis und zuverlässige Mitarbeiter. Wir bekamen auch Sicherheitseinweisungen für Notfälle oder was bei unvorhergesehenen Ereignissen zu tun sei und so weiter. Ich fühlte mich eigentlich zu jeder Zeit gut aufgehoben, auch beim Fliegen ... wir hatten ja auch Ohrenstöpsel zur Überwachung und Mikrofone, so daß wir immer mit der Regie kommunizieren konnten, auch einige wichtige Cues bekamen wir über Kopfhörer. Die Höhe war natürlich aufregend, aber ich empfand es als positive Erfahrung und würde es immer wieder machen!

Hast du von den sportlichen Veranstaltungen etwas mitbekommen? Waren schon viele Sportler angereist, während Du mit deinen Mittänzerinnen und –Tänzern geprobt hast?

Von den Sportlern habe ich, ehrlich gesagt, nichts mitbekommen, die wohnten ja im Olympischen Dorf und wir Zeremonie-Mitarbeiter alle in verschiedenen Hotels. Aber überall in der Stadt liefen viele Menschen mit T-Shirts oder Pässen von den Spielen herum, teilweise Mitarbeiter von der Promotion, aber auch Leute aus anderen Sparten und sicher auch Sportler. Die ganze Stadt war dem Motto „Europaspiele“ gewidmet und die Stimmung war total schön, vielleicht vergleichbar mit der Fußball-WM in Deutschland. Als die eigentlichen Spiele dann losgingen, war ich ja schon wieder weg, ich habe also nur den Auftakt mitbekommen.

Hast du auch etwas von der Stadt gesehen?

Baku hat eine interessante Atmosphäre, wie eine Mischung aus Türkei, Rußand und Dubai. Man spürt einen starken orientalischen Einschlag in der Kultur, aber auch die Sowjet-Zeit hat deutliche Spuren hinterlassen, und durch die vielen neuen Gebäude, vor allem Hochhäuser mit abgefahrener Architektur, fühlt man sich manchmal wie in einem Freizeitpark, weil alles so neu und künstlich wirkt.

Die Altstadt ist natürlich traumhaft, und es gibt auch viele Möglichkeiten zu shoppen oder einfach spazieren zu gehen. Ich persönlich liebe es, unbekannte Städte zu Fuß zu erkunden und einfach ohne Ziel loszugehen, und dann mal zu schauen, wo ich lande. Das kann man in Baku definitiv gut machen, zumindest in der Innenstadt. Durch unseren engen Zeitplan habe ich aber leider keine größeren Ausflüge machen können. Die Menschen waren alle total offen und freundlich, es konnte fast niemand außerhalb des Stadions Englisch, aber mit Händen und Füßen hat man sich dann doch immer irgendwie verständigt, da habe ich eigentlich nur positive Erlebnisse mitgenommen.

Welche Eindrücke bringst du von einem solchen Weltereignis mit?

Drei Wochen an einem einzigen Auftritt zu arbeiten und sich um nichts anderes kümmern zu müssen, ist natürlich schon ein Privileg für Tänzer. Ich hatte ja keinen anderen Job außer diesen einen Tanz. Weder um Fahrten zum Stadion oder zum Hotel, noch ums Essen, um Make up, Kostüm, Haare mußte ich mich kümmern, für alles gab es jemanden, wir Solisten wurden immer rundherum betreut. Das war eine ganz andere Form des Arbeitens, da ich mich ja normalerweise um meine Performances komplett selbst kümmere.

Aber bei einem so großen Ereignis ist das gar nicht möglich – da kann nicht ein einzelner Solist „sein Ding“ machen, das funktionert weder technisch noch künstlerisch. Teil eines so großen, professionellen Teams zu sein, was an einer einzelnen Show gemeinsam arbeitet, und wo jeder seine ganz klare Aufgabe hat – ich glaube das hat mir am besten gefallen, und ich habe eine bessere Vorstellung davon bekommen, wie bei einem so komplexen Event mit über tausend Darstellern gearbeitet werden muß.


Würdest du so etwas nochmal machen? Oder ist gar schon ein ähnliches Ereignis in Planung?

Ich würde mich natürlich sehr freuen, noch einmal bei so einem Ereignis mitzumachen. Bisher ist nichts geplant, aber man weiß ja nie was noch kommt.

Ich genieße es sehr, hier zu hause wieder mit meinen Kolleginnen und Schülerinnen zu tanzen und bei den verschiedenen großen und kleinen Shows dabei zu sein – so etwas wird mir natürlich nie langweilig werden und ich arbeite sehr gern so selbstbestimmt an meinen Auftritten und Workshops. Trotzdem ist es wahnsinnig inspirierend, mal bei so etwas Großem nur ein kleiner Teil vom großen Ganzen zu sein und auf Anweisung zu arbeiten – bei so einem fantastischen künstlerischen Leiter wie Dimitris ist das auch nicht schwer!
Homepage Patricia: www.tribal-fusion.de
Patricia bei facebook
Patricias Blog über Baku
links, das Video zu Patricias und Marques' Beitrag bei der Eröffnungszeremonie in Baku.
Klick aufs Bild, und Du wirst zu YouTube weitergeleitet ...
Foto links: Die Eröffnungszeremonie
Patricia und ihr Tanzpartner Marquese "Nonstop" Scott
Bild links: Sonne und Mond - Marquese und Patricia tanzen die tragische Liebesgeschichte von Leyli und Majnun -
das komplette
Video der Eröffnungszeremonie in Baku findet Ihr hier ...
Kostümprobe - Das Maßnehmen und Einkleiden beginnt ...
Probedurchlauf - Die Gondel mit den beiden Plattformen - "Libra" genannt, schwebt ein
Bei den Proben im Stadion - Patricia (li.), Marquese (re.) und ihre "Zweitbesetzung"
Die Solisten der Eröffnungzeremonie und die Zweitbesetzungen
Architektonische Meisterleistung - Das "Heydar Aliyev Center" - Kongresszentrum und Museum
... weitere Eindrücke aus Baku
auf Schritt und Tritt umsorgt, hier bei der Kostümprobe mit Schneiderin
Tschüß Baku ... Patricia noch einmal im Stadion
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SONNE UND MOND BEI DEN EUROPASPIELEN

Interview mit Patricia Zarnovican
zu ihrem Auftritt in Baku, Juni 2015

von Konstanze Winkler
Welche Träume haben Tänzerinnen, die sich einmal in ihrem Leben erfüllen sollen? Wir könnten uns gut vorstellen, daß ein Auftritt bei der Eröffnungsfeier von Olympischen Spielen dazugehören dürften. Nachdem fast alle Erdteile bereits ihre kontinentalen Spiele haben, war es nun endlich, 2015, in Baku,
der Hauptstadt von Aserbaidschan soweit.

Wir können uns in diesen Zeiten, in denen allerorten mit dem Säbel gerasselt wird, kaum ein friedlicheres Ereignis vorstellen und freuen uns deshalb besonders, wenn eine der renommiertesten Tribal Fusion-Tänzerinnen Deutschlands, Patricia aus Hannover bei der Eröffnungsfeier der ersten Europäischen Spiele in Baku dabeigewesen ist.