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Indien hat eine alte und reiche Tanz-Tradition, die auch vielfach den Orientalischen Tanz sowie den Tribal befruchtet und beeinflusst. Doch wie sieht es eigentlich umgekehrt aus? Bauchtanz steht allem Anschein nach auf dem Subkontinent noch nicht auf sicheren Füßen, sondern noch ganz am Anfang seines Weges. So sind wir froh, die wichtigste Vorkämpferin für den Orientalischen Tanz in Indien kennengelernt zu haben, Payal Gupta aus der südindischen Stadt Bangalore, die es sich zum Ziel gesetzt hat, den OT über ganz Indien zu verbreiten.



DER BAUCHTANZ IST IN INDIEN ETWAS GANZ, GANZ NEUES

Interview mit Payal Gupta

- von Marcel Bieger (auch Übersetzung)

Wie hat der Bauchtanz dich gefunden, und warum bist du bei ihm hängengeblieben?

Vor etwa acht Jahren hat meine Mutter im indischen Fernsehen Bauchtanz entdeckt und war sofort Feuer und Flamme. Mutter hat immer schon zu den Menschen gehört, die nie das tun, was alle machen.

Du hast einen interessanten Nachnamen: Gupta.
Stammst du etwa von den berühmten indischen Herrschern im Altertum ab?

Ja, ich bin Mitglied einer Sippe, die in direkter Linie von dem berühmten Herrscher Candra Gupta Maurya abstammt, deswegen trage ich auch immer noch den Nachnamen Gupta. Mein Vorname Payal bedeutet übrigens „Fußkettchen“. Dieser Schmuck aus Silber oder Gold verursacht beim Gehen ein feines Klirren und wird deswegen auch gern beim Tanz benutzt.

Als alle bei uns nur klassischen indischen Tanz getanzt haben, habe ich westliche Tänze (damit ist im wesentlichen Ballett mit seinen modernen Weiterentwicklungen gemeint, Anm. d. Red.) gelernt. Als alle dann zu den westlichen Tänzen gekommen sind, bin ich auf Bauchtanz umgestiegen. Meine Mutter hat mich immer dazu angehalten, den anderen stets einen Schritt voraus zu sein. Sie hat mich auch gedrängt, bei uns in der Stadt nach Bauchtanzlehrern zu suchen. Die waren damals aber noch sehr dünn gesät. Erst nach drei Jahren entdeckte ich eine aus dem Ort, die wenigstens ein bißchen was über Bauchtanz wußte. Also habe ich angefangen, bei ihr zu lernen. Aber ich habe bald gemerkt, daß mir das viel zu wenig war. Deswegen habe ich weiter nach geeigneten Lehrern gesucht. Und so hat eben alles angefangen.
Welche Arten des Bauchtanzes bringst du denn mittlerweile auf die Bühne, welche Stile tanzt du am liebsten, welche anderen Genres hast du gelernt und mischst du gelegentlich oder sogar regelmäßig diese anderen Genres mit deinem Bauchtanz?

In Indien haben die Menschen nur sehr wenig Ahnung vom Bauchtanz. Einmal im Jahr gebe ich ein Festival, und dort bringe ich dann die unterschiedlichsten Spielarten des Bauchtanzes auf die Bühne, um seine Vielseitigkeit zu zeigen. Bislang waren es vier solcher Festivals, und dort konnte man dann Bauchtanz mit Bollywood, „Bellynesisch“ (Bauchtanz mit Hula Hula), Samba, Saidi, Tribal Fusion, Säbeltanz, Trommelsolo zu Live-Musik, den Tanz der Sieben Schleier, Finger-Zimbeln und klassischen ägyptischen Raks Sharki bestaunen.

Meine persönlichen Lieblinge sind der Raks Sharki und das Trommelsolo. Ich habe aber auch Kathak, Freistil-Bollywood, Jive, Modern und Zeitgenössisch gelernt.
Wie sieht es denn mittlerweile mit dem Bauchtanz in Indien aus? Gibt es zwischen ihm und der reichen indischen Tanz-Tradition so etwas wie eine Verbrüderung oder Verschwesterung? Und wie viele seiner Errungenschaften in Indien verdankt der Bauchtanz Payal Gupta?

Der Bauchtanz in Indien ist etwas ganz, ganz Neues, gerade mal fünf oder sechs Jahre alt, und er befindet sich immer noch gerade in den Anfängen. Die Inder sind eben von ihrer Mentalität her sehr konservativ. Daß Bauchtanz in anderen Ländern vornehmlich in Clubs und Restaurants getanzt wird und die Künstlerinnen dazu auch noch recht offenherzige Kostüme tragen, kommt bei den meisten Indern nicht auf Anhieb gut an.

Wenn eine junge Frau sich entschließt, diese Tanzform zu erlernen, muß sie immer noch einigen Widerstand ihrer Eltern überwinden. Seitdem ich angefangen habe, Bauchtanz zu unterrichten, ist uns eine Entwicklung sehr zugute gekommen. „Shakira“ ist hier überaus populär, und sie hat eine Riesen-Fan-Gemeinde. Und auch, wenn das, was sie tanzt, eigentlich kein Bauchtanz ist, kommen viele Mädchen und junge Frauen zu uns und wollen so tanzen wie sie.

Deswegen möchte ich unsere Situation mal vorsichtig so bezeichnen: Wir haben noch ungeheure Möglichkeiten, aber es wird noch viel Zeit vergehen, bis ein allgemeines Umdenken stattgefunden hat. Aber dieser Prozeß hat bereits eingesetzt. Ich habe es mir jedenfalls zur Aufgabe gemacht, den Menschen die Schönheit des Bauchtanzes zu zeigen, bis er genauso geachtet wird wie alle anderen Genres.

Was nun die „Verbrüderung“ zwischen dem klassischen indischen und dem Bauchtanz angeht, so hat es die bereits gegeben. Aber da wir hier erst ganz wenige Bauchtänzer haben, sind diese Fälle noch statistisch kaum meßbar. Doch die Anzahl der Bauchtänzer wächst sprunghaft, und so glaube ich fest daran, daß solche Fusionen bald selbstverständlich sein werden. Da der indische Bauchtanz noch so jung ist, findet mehr oder weniger alles zum ersten Mal auf unseren Bühnen statt. Ich darf aber an dieser Stelle erwähnen, daß ich im indischen Buch der Rekorde verzeichnet bin, und zwar, weil ich 3 Minuten lang einen Stock auf dem Kopf balanciert und dabei getanzt habe. Außerdem habe ich im Mai 2012, am Weltbauchtanztag, den ersten und größten Bauchtanz-„Flashmob“ durchgeführt, mit 85 Tänzerinnen, darunter auch meine Truppe und ich.
Wir veranstalten das größte Bauchtanz-Festival Indiens , und wir sind mehrfach im Fernsehen aufgetreten und haben dort Bauchtanz vorgeführt.
Dann erzähle uns doch bitte mehr über dein jährlich stattfindendes Bauchtanz-Festival in Indien.

Unser Festival heißt “Hipnosis” und ist nicht nur das erste Bauchtanz-Festival in Indien, sondern auch das mit Abstand größte. Es steht jedes Jahr unter einem anderen Motto, und das letzte gab es am 12. Oktober 2012, übrigens mit dem Thema „The Shimmy Travelogue“ (soviel wie „Reisetagebuch des Shimmy“). Dort haben wir Workshops gegeben, an denen jeder teilnehmen konnte, es gab einen kleinen Basar mit Bauchtanz-Zubehör, und wir haben zu zwei Galen eingeladen, wo wir Bauchtanz im Verbund mit Stilrichtungen rund um die Welt dargeboten haben. 100 Schülerinnen aus der „Academy“ (ihre Tanzschule, „Payal Dance Academy“) sind aufgetreten, allesamt von mir und meinen Lehrkräften fünf Monate lang auf dieses Festival vorbereitet. Sie haben die verschiedenen Stationen der „Shimmy-Reise“ auf die Bühne gebracht.
Mein eigenes Ensemble hat sieben der insgesamt 15 Nummern getanzt. Ich habe vorhin ja schon aufgezählt, was wir alles machen, und im letzten Jahr gab es davon: Modernen Bauchtanz, Bellywood (Bauchtanz mit Bollywood, Bellynesisch, Belly Samba, Trommelsolo, Finger-Zimbeln, Saidi, Säbeltanz, den Tanz der Sieben Schleier, klassischen ägyptischen Bauchtanz und so weiter. Ich selbst bin dort auch mit meiner Truppe aufgetreten, und wir haben Schleier-Poi mit Trommelsolo zum Besten gegeben.

Unser Festival ist noch nicht international, wir arbeiten aber dran. Vielleicht schon in diesem Jahr, spätestens aber 2014 werden auch wir internationale Stars haben und über mehrere Tage ein Workshop-Programm anbieten können.

Dann stell uns doch doch bitte Deine Gruppe
„Isadora’s Muse“ vor.

„Isadora’s Muse“ hat fünf Mitglieder (mich eingeschlossen). Die anderen vier sind von mir in verschiedenen Stilen des Orientalischen Tanzes ausgebildet worden und unterrichten an der „Academy“. Wir treten in unserem Heimatort Bangalore und auch in anderen indischen Städten auf. Alle Mitglieder sind zwischen 20 und 25 Jahre alt. Ich rekrutiere sie aus meinen Schülerinnen aus, ganz nachdem, wieviel Talent sie mitbringen und wie sie sich auch sonst anstellen.

Gelegentlich kommt es aber auch vor, daß ich jemanden aus einer anderen Tanzschule zu „Isadora’s Muse“ einlade. Wenn ich neue Kandidatinnen für die Gruppe habe, bitte ich sie zu einem Intensiv-Kurs bei mir, und danach entscheide ich dann, ob sie als Lehrkraft, oder für die Gruppe oder für beides geeignet sind.

Wie sehen deine weiteren Pläne aus, warst du anlässlich deines Auftritts beim Festival von Leyla Jouvana zum ersten Mal in Deutschland, und wann sehen wir dich wieder bei uns?

Meine Zukunftspläne lauten natürlich, den Bauchtanz so weit wie möglich in Indien zu verbreiten. Der Orientalische Tanz hat so viel zu bieten, doch die Menschen kennen ihn kaum. Und am liebsten möchte ich all die wunderbaren Bauchtanz-Lehrerinnen nach Indien holen, damit dieser Tanz in Indien den Platz erhält, der ihm gebührt.

Ja, ich war tatsächlich im letzten Jahr zum ersten Mal in Deutschland, und beim diesjährigen Orientalischen Festival Europas von Leyla Jouvana und Roland könnt ihr mich bestimmt wiedersehen.

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Photos © Magicshotz, Konstanze Winkler, andere mit freundlicher Genehmigung von Payal Gupta
Payal Gupta
Payal's Gruppe "Isadora's Muse"
Payal Gupta
Ensemble-Tänzerinnen von "Isadora's Muse"
Payal's Ensemble beim ersten und größten indischen Bauchtanz-Festival "Hipnosis"
"Isadora's Muse" mit "Belly Samba" bei Payals Festival "Hipnosis"
rechts und unten:
Payal Gupta (zweite von links)
mit ihrem Ensemble "Isadora's Muse"
Payals Auftritt beim Orientalischen Festival Europas von Leyla Jouvana und Roland, Duisburg